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Die Salpetererunruhen im Hotzenwald

 

 

Die Romantik
und
die Salpeterer im neunzehnten Jahrhundert

 

 


Vorbemerkungen
Die Idee nachzufragen, ob es eine geistige Verbindung oder gar eine Interaktion zwischen romantischen Geistesströmungen - vor allem in den ersten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts - und den "Ägidlern" im Hotzenwald gab, die man wegen ihrer widerständigen Haltungen dann auch "Salpeterer" nannte, erwuchs aus einem Theaterprojekt in Waldshut. Dort wurde 2006 anlässlich der "Chilbi" ein Festspiel gestaltet, das unter das Generalthema "Deutsche Romantik" gestellt wurde (vgl. dazu die Seite: Waldshut und die Salpeterer 2006).

Nun hatte eine Episode aus dem Jahre 1739 in dem Festspiel in Waldshut etwas mit den Salpeterern zu tun. Nichts aber mit der europäischen Geistesbewegung der Romantik. Da war nur auf ziemlich verschlungenen Pfaden, wenngleich recht geschickt, ein romantisches Band geflochten worden, in das alles Geschichtliche hineingepasst hätte. Was die Autoren des Heimatspiels nicht bedachten oder nicht wussten war, dass man durchaus von Gemeinsamkeiten zwischen der Romantik, hier gemeint in ihrer spezifischen Erscheinungsform als katholischer Romantik und den Anliegen der Salpeterer gab. Es erscheint mir lohnenswert, sich dort etwas genauer zu informieren.



1.
Die Salpetererforscher erwähnen diesen Zusammenhang nur am Rande oder gar nicht

Im Jahre 2004 legte Tobias Kies eine umfangreiche Arbeit über die Salpeterer des neunzehnten Jahrhunderts vor. Kies bemerkt zwar darin, im Zusammenhang mit der Forderung der Salpeterer im Jahre 1830 den Katechismus des Canisius wieder einzuführen, dass sich Vertreter der "katholischen Romantik" unter der Geistlichkeit ebenfalls auf Canisius bezogen (S. 216), verzichtet aber auf eine Erläuterung dieser Ausprägung der romantischen Geistesbewegung. Auch andere Historiker, die über die Salpeterer im neunzehnten Jahrhundert forschten, wie Jakob Ebner, stellten diese Verbindungen nicht her. Dabei drängten sie sich direkt auf: Heinrich Schreiber, der die Geschichte der Salpeterer im neunzehnten Jahrhundert, die Joseph Meyer verfasst hatte, herausgab, war ein Vertreter der katholischen Aufklärung wessenbergischer Prägung und folglich ein Gegner der katholischen Romantik.



2.
Worum ging es den salpeterisch gesonnen Landbewohnern auf dem Hotzenwald im damaligen Amt Waldshut?

Die Widerstände richteten sich in den ersten Jahren also gegen den badischen Staat, dem der Breisgau mit der Grafschaft Hauenstein von Napoleon seit 1806 zugeschlagen worden war. Nur ungern trennten sich viele der ehemaligen katholischen Habsburger Untertanen von ihrem Kaiser und erst Recht wuchsen Empörung und Abneigung, als sie den Eindruck gewannen, das evangelische Herrscherhaus und die von ihr dominierten Verwaltung in Staat und Kirche wollten sie vom katholischen Glauben entfremden.Seit dem Übergang der ehemaligen vorderösterreichischen Lande an Baden wurde auch die Selbstverwaltungskörperschaft, die Einungsverfassung, aufgelöst. An ihre Stelle trat der moderne, von Oben nach Unten aufgebaute Beamtenstaat mit seinen Organen. Gewiss waren seit den Salpetererunruhen die Einungsverfassung mehr und mehr ausgehöhlt und die Einungsmeister, längst nicht mehr alljährlich von allen Wahlberechtigten unter freiem Himmel gewählt, statt dessen von den Vertretern des Kaiserhauses vor Ort ernannt worden. Dennoch war die Tradition lebendig geblieben und mit ihr die Erinnerung an einen selbst verwalteten Bauernstaat, wie die Grafschaft Hauenstein auch genannt wurde.Doch nicht nur Militärdienstpflicht hatte der Badische Staat mitgebracht, sondern auch Steuerpflicht an Stelle der feudalen Abgaben (Zehnten, Erbfall u. a, m.), eine allgemeine und ganzjährige Schulpflicht und, zeitlich ziemlich parallel, neue Priester in den Kirchen und andere Lehrer in den Schulen.
Schulpflicht war zwar bereits von Maria Theresia in ihren Landen eingeführt worden. Doch wurde sie erst im Badischen Staat auch unnachsichtig durchgesetzt. War das auch noch zu tolerieren, so kaum noch, wenigstens nicht bei den am Althergebrachten hängenden katholischen Landvolk, dass Schulaufsicht und Lehrinhalte ebenso "modernisiert" wurden, wie die Gottesdienste.
Doch war diese Entwicklung keineswegs vom protestantischen Herrscherhaus in Karlsruhe ausgelöst und befördert worden. Standen doch Kirche und Schule noch lange Zeit hindurch unter der Aufsicht und in Verantwortung des Klerus selbst. Die Neuerungen in Schule und Religionsausübung waren vom Konstanzer Bischofsverweser Ignaz von Wessenberg selbst eingeführt.



3.
Hier muss etwas zurück und auf die "Aufklärung" geschaut werden:

Schule und Kirche wurden auf dem Lande ursprünglich aus einem Geiste gespeist. Ohne Übertreibung kann gesagt werden, dass die Schule in den ersten Generationen eine kirchliche Veranstaltung für Kinder war. Die in ihnen vermittelten moralischen Kategorien standen im Mittelpunkt kirchlichen und schulischen Wirkens. Dann folgten Schreiben, Lesen und Rechnen in gerade ausreichendem Ausmaß. Allgemeinwissen oder geistige und praktische Fähigkeiten, die hätten über die Bildung aus dem angestammten Lebensfeld herausführen können, waren nicht vorgesehen.
Der Zeitgeist, der mit der Epochenbezeichnung "Europäische Aufklärung" überschrieben wurde, hatte über diese Beschränkung hinausgeführt. Josef II., der Sohn Maria-Theresias, er regierte von 1780 bis 1790, war neuem Gedankengut aufgeschlossen. In seinen vorderösterreichischen Landen, vor allem im Bistum Konstanz, zu dem der Schwarzwald gehörte, hatte er in Ignaz Heinrich von Wessenberg einen geistesverwandten, aufklärerisch gesonnenen Bischofsverweser sitzen. Wessenberg widmete sich in erster Linie der Aus- und Weiterbildung seiner Priester. Sie waren die Schlüsselfiguren, über die mehr Bildung und das heißt eben zugleich "aufklärerischer Geist" ins Volk gelangen sollte. Die Geistlichen sollten sich, so Wessenbergs Vorstellung, mit Eifer der Vervollkommnung des Volksschulwesens widmen. Den Kindern in der Schule und den Erwachsenen in den Gottesdiensten sollte nicht irgendein Wunderglaube, sondern das Wort Gottes nahe gebracht werden. Der liturgische Kirchengesang wurde eingeschränkt, neue Rituale und Gebete sogar in deutscher Sprache eingeführt und die Predigt zum Mittelpunkt des Gottesdienstes gemacht.
Natürlich dauerte dieser Prozess einige Zeit. Es vergingen viele Jahre, bis genügend Priester aus Wessenbergs Priesterseminar in Meersburg Pfarreien besetzen konnten, die ja zuvor erst vakant geworden sein mussten. Und so wird verständlich, dass die wessenbergischen Reformen in der katholischen Kirche erst im ersten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts auch die abgelegenen ländlichen Gebiete im Bistum Konstanz erreichten. Und das war eben zufällig auch jene Phase, in der unsere Landschaft in den Besitz des Großherzogs von Baden kam.

 


 

4.
Die katholische Aufklärung und Gegenpositionen

Alle diese Neuerungen, hier ist allein an die Abschaffung vieler kirchlicher Feiertage und Rituale zu denken, kamen den Anliegen des badischen Herrscherhauses und seiner Beamten entgegen. Als sie 1806 Vorderösterreich übernahmen, unterstützten sie nicht nur Wessenbergs Reformwerk, sie verfolgten sogar das Ziel, eine katholische Landeskirche nach protestantischem Muster durchzusetzen. Das aber bedeutete, die katholische Kirche von Rom zu lösen. Damit waren die meisten der katholischen Gläubigen nicht einverstanden.

Ein Beleg dafür, dass die in Teilen der Wälder besonders vorhandene Bindung an Althergebrachtes von Außen gezielt gefördert wurde, zeigt uns eine im Hotzenwald damals weit verbreitet Broschüre. Sie hieß "Der große Abfall", war verfasst von Pater Pirmin Pfister in Einsiedeln, gedruckt 1832 in Schwyz. Sie richtete sich an die Schweizer Katholiken, warnte vor den Folgen der Französischen Revolution und führt, als abschreckendes Beispiel, die Verhältnisse im Norden an:
"Sehet ihr nicht, wie man im benachbarten Großherzogtum Baden, vermöge der obersten Aufsicht über die Erziehung, die Schulen der Katholiken mit unkatholischen Lehrern besetzt; unkatholische Lehr- und Lesebücher vorschreibt, um die Kinder in unkatholischen Lehren zu erziehen ...". (Rumpf 2003, S. 118)

Das Kloster Einsiedeln wirkte stark in unsere Landschaft hinein. Es war nicht zuletzt seine Agitation, die dazu führte, dass alle die, die sich besonders dem alten Glauben verbunden fühlten, die Wessenbergianer als "Verderber" und "Antichristen" erlebten. Die badischen Behörden galten ihnen lediglich als Vollstrecker glaubensfeindlicher Bestrebungen.
Auch der Papst, Gregor XVI, schaltete sich ein und forderte Anfang der dreißiger Jahre die Bischöfe auf, gegen jeden Versuch von staatlicher Seite im Großherzogtum "die Kirche in eine schmähliche, überaus jammervolle Knechtschaft zu bringen" einzutreten (Kiessling 1911, S. 445).

In der Folge der preußischen Aufklärung, die in Bezug auf Religion und Kirche auf eine zwar inhaltlich modifizierte aber traditionell mit dem protestantischen Verständnis der engen Verbindung von weltlicher und kirchlicher Macht hinstrebte, wuchs die Differenz zwischen der Katholischen Kirche und der weltlichen Regierungen. Verkürzt und plakativ lässt sich der Konflikt mit dem Anspruch protestantischer Herrscher und ihrer Regierungen andeuten, dass sie über alle Angelegenheiten selbst und zuerst Bestimmen wollen, die das "Allgemeinwohl" berühren. Dieser Primat des Staates erstreckte sich unter anderem sowohl auf das Bildungswesen als auch auf Fragen im Zusammenhang von konfessionsgemischten Ehen und der Konfession von in diesen Ehen geborener Kinder.

Im protestantisch regierten Preußen ging gegenüber den katholischen Regionen, die nach den Gebietserweiterungen im Zusammenhang mit den Folgen der napoleonischen Kriege erheblich waren, der Herrschaftsanspruch gegenüber den katholischen Bistümern soweit, dass der Staat nur ihm wohl gesonnene Bischöfe und Priester dulden und päpstliche Einflüsse zurückzudrängen suchte. In Preußen wurden sogar 1837 der Erzbischof von Köln und 1839 der Erzbischof von Gnesen/Posen in Haft genommen, weil sie staatliche Vorgaben in Bezug auf innerkirchliche Angelegenheiten missachteten (Kissling, 1911, S. 196 und S. 200). Dergleichen Vorgehensweisen waren Ausdruck des im Deutschen Reich des neunzehnten Jahrhunderts von Kirchenhistorikern so überschriebenen "Kulturkampfes"
(Vgl. dazu: Kissling, Johannes B.: Geschichte des Kulturkampfes im Deutschen Reiche. Drei Bände, Freiburg 1911)



 

5.
Die romantische Gegenbewegung und ihre Auswirkungen im Hotzenwald

Als "Gegenschlag gegen Revolution und Vernunft" (Srbik 1960 S. 169) und den aus ihnen erwachsenen Veränderungen in Staatsverwaltung, Wissenschaft, Technik und Verkehr vor allem dann in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, gilt die Romantische Bewegung (1)

In enger Verbindung mit den Herausforderungen der Zeit, zu denen ganz besonders die Befreiungsbemühungen gegen die napoleonische Fremdherrschaft gehörten, bildete sich ein neues "Nationalgefühl" heraus, das seinen Ausdruck im Begriff vom "Deutschen Volkstum" und der Erforschung seiner Eigentümlichkeiten fand (2). Das Mittelalter wurde als das goldene Zeitalter der Deutschen gepriesen und entgegen aller historischen Realitäten, verklärt. Im "Heiligen römischen Reich deutscher Nation" bildeten Papst und Kaiser über weite Strecken eine symbolkräftige Einheit - trotz aller Differenzen und Gegensätze - und der (katholische) deutsch-römische Kaiser in Wien war ein Symbol dieser Gemeinsamkeit. Im Mittelalter hatte es noch keine konfessionelle Trennung gegeben. Das "Goldene Zeitalter" zu dem die romantisch orientierte junge Generation in gebildeten Kreisen zurückstrebte, war ein Katholisches, in Deutschland mit germanischem Einschlag, in dem sich ritterlicher Adel und schlichtes biederes Bauerntum zu einem neuen Idealbild entwickelte.

Diese Verklärung des Alten, dessen, was verloren war und das in Volkslied (z. B. Des Knaben Wunderhorn), in Dichtung (z. B. Novalis, Scheffel), Sammlung von Sagen und Märchen (z. B. Gebrüder Grimm) und der Malerei (z. B. Schwind) als Schätze gehoben bzw. geschaffen wurde und sogar in Bauwerken einen hohen Symbolgehalt gewann (z. B. Wartburg, Hohenzollern, Lichtenstein…) führte einmal zur Herausbildung einer neuen, die deutschen Einzelstaaten übergreifenden Identität, die 1870 unter Preußen die Identifizierung aller Volksgruppen mit dem neuen Deutschen Reich erleichterte.
Sie verführte allerdings zugleich, wenn auch nur vorübergehend, Bevölkerungsteile in ländlichen Regionen dazu, da sie schon immer (denken wir an den großen deutschen Bauernkrieg) die Erhaltung der von "alters her gekommenen Rechte und Privilegy" verteidigten, sich wieder darauf zu besinnen.

Dieser Argumentationsstrang - zurück zum Alten und Abwehr von Veränderungen - fand sich bereits als zentrales ideologisches Element in den Vorstellungen des Salpeterersieders Hans-Fridolin Albietz und forderte dann in einer Zeit, in dem der protestantische badische Staat als Verursacher aller Neuerungen galt, und sogar noch die von alters her geübten religiösen Bräuche abgeschafft wurden, die Traditionalisten unter der bäuerlichen Bevölkerung heraus.

Heinrich Schreiber, Großherzoglicher Geistlicher Rat und Professor der historischen Hilfswissenschaften in Freiburg, der sich schon früh (1839) mit der Salpeterergeschichte befasste, ging davon aus,

"dass die Bestrebungen der Waldbewohners in diesen Gegenden mit seiner Lage, seinem Charakter und seiner ganzen Geschichte zu eng verflochten sind, als dass dieselben so bald dem Lichte der Aufklärung und den milden Maßregeln einer väterlichen Regierung weichen würden…"
"Der Hauensteiner trennt sich von seinen Bergen selten, seine Reisen beschränken sich auf Wallfahrten nach Einsiedeln und Maria Stein…
Er hängt eigensinnig am Alten… bei Einzelnen und ganzen Familien ist ein Hang zur politisch-religiösen Schwärmerei…
Wie das Jahr 1815 mehr noch bürgerlicher, so tritt das Jahr 1832 nach kirchlicher Richtung hervor…" (S. XIV)

Des Hauensteiners Vorbild, so bestätigt aus unmittelbarem Miterleben heraus Heinrich Schreiber, ist die mittelalterliche Reichsfreiheit der Bergkantone und deren mittelalterlicher kirchlicher Glaube (S. XV).

An diesem Beispiel wird der Zusammenhang zwischen romantischen Vorstellungen und unserer Hauensteiner Salpeterer recht deutlich, wenn diese das selbstverständlich so nicht wahrnehmen konnten (3) und bis heute Belge dafür fehlen, dass sie sich auf Vertreter der Deutschen Romantik beriefen.
Die Exponenten der katholischen romantischen Bewegung wirkten, wie erwähnt, vor allem von den Klöstern Maria Stein und Einsiedeln und der päpstlichen Nuntiatur in Luzern aus und taten alles, was in ihren Kräften stand, um den Auswirkungen der Aufklärung in Staat, Gesellschaft und Kultur entgegenzuwirken. Es ging hier vor allem anderen darum, den Einfluss des Heiligen Stuhls zu erhalten und der Gefahr einer Art deutschen katholischen Nationalkirche entgegenzutreten.

Die Einwirkungen der romantischen Schule auf die kirchlichen Zustände in Baden traten bereits 1805 und 1806 in den Personen Klemens von Brentano und Joseph Görres öffentlich hervor und artikulierten sich auf dem Wiener Kongress durch Friedrich von Schlegel und dem Rat Schlosser aus Frankfurt, die der Aufklärung innerhalb der katholischen Kirche und damit zugleich Ignaz Heinrich von Wessenberg, offen entgegentraten. "… es war das erste bedeutsame Eingreifen der romantischen Schule in das kirchliche Leben" stellt Hermann Lauer fest (1908, S. 97)

Allein die Bedingung, dass Priester auch dem Großherzog gegenüber einen Treueid ablegen mussten oder, was noch als viel einschneidender erlebt wurde, nur regierungstreue Priester, die nur dem (ebenfalls regierungstreuen) Bischof, nicht aber dem Papst "folgen" durften, führte endlich dazu, dass salpeterische (also am Alten und allein dem Papst anhängende) Gläubige, die eigenen Kirchen mieden und ihre Kinder nicht mehr in die von "unkatholischen" Priestern und Lehrern verwalteten Schulen schickten.

Einige von ihnen verharrten in ihrem konsequenten und passiven Widerstand auch dann, als die Gründe ihrer Ablehnung längst hinfällig und die Reformen weitgehend rückgängig gemacht worden waren. Ihr Vertrauen in die Staatsorgane und dem mit ihm versöhnten Klerus blieb zerstört.

Es kann bilanzierend festgestellt werden, dass es zwischen der salpeterischen Sekte im neunzehnten Jahrundert und der romantischen Bewegung in Deutschland - auch zur "katholischen Romantik" - eine indirekte, gleichsam geistesverwandte Beziehung gab, wenn an die, den Widerstand fördernden und nährenden katholischen Kreise gedacht wird, wie sie von Anfang an durch die Klöster Einsiedeln und St. Gallen sowie die päpstliche Nuntiatur in Luzern gegeben waren.

 


6.
Die Salpeterer kommen zu Wort

Schließen möchte ich diese Betrachtungen mit Äußerungen von Seiten der Salpeterer selbst, in denen die seit dem Mittelalter überlieferten Ideale von ritterlicher Treue und gegenseitigem Schutz und Schirm sowie die Bindung an eine allein auf den Papst hin orientierte katholische Kirche aufleuchten :

Valentin Ebner von Schadenbirndorf schrieb am 26. Juni 1828 an den Oberamtmann Schilling in Waldshut:


"Ich lasse den Oberamtmann freundlich grüßen, er soll meinen Sohn vom Militär freilassen. Die Grafschaft Hauenstein hat ihre Rechte von dem Kaiser von Österreich als eine Schenkung für ritterliche Heldentaten die die Hauensteiner getan haben in Österreich. Darum streite ich Valentin Ebner von Birndorf ritterlich für die Grafschaft Hauenstein und habe mich nirgendwo zu den neuen Rechten verstanden. Ich halte allezeit zu dem Kaiser von Österreich und falle nicht davon ab. Ich habe meinen Sohn nicht verkauft, wie so viele Väter ihre Kinder verkaufen ..." (Rumpf 2003, S. 120)

In einem von dreizehn Salpeterern unterschriebenen Brief an das Bezirksamt Waldshut vom August 1832 hieß es:


"Es ist einem wohllöblichen Bezirksamt wohlbekannt, dass wir Unterschriebenen noch niemals unter den neuen Gesetzen gehuldigt haben. Wir bleiben bei den landesfürstlichen Gesetzen, sowohl im Geistlichen als Weltlichen, wie unsere eingesperrten Mitbrüder es schon vor uns an das Amt abgegeben haben. Wir wollen kein großes Schreiben machen. Wir bleiben bei den hauensteinischen Rechten und Gerechtigkeiten. Unser Land ist privilegiert und der Prinz Ferdinand (von Habsburg-Österreich; J.R.) hat es provisorisch an den Großherzog von Baden abgegeben." (daselbst)

An die "Herren Gnaden und Excellenzen" adressierte am 12. 4. 1832 der Schneider Fridli Baumgartner aus Görwihl einen Brief und schrieb darin:


"Ich folge dem Papst. Die Freidenker sagen Papst hin, Papst her, wir können Gott gefallen ohne ihn. Ihr Heuchler. Wer hat denn den Papst gesetzt? Die heutigen Freiheitsprediger wollen unter betrügerischem Vorwand die Menschen frei und glücklich machen, in der Tat haben sie keine Absicht, als die Religion und den Gottesdienst zu vertilgen ..." (aus Rumpf 2003, S. 116)



 

Andreas Ch. Weiss, einer der Verfasser des Spiels über den Salpetererführer Jakob Leber, gab in einer Stellungnahme zu meinen Überlegungen über die Verbindung zwischen der "katholischen Romantik" und den Salpeterern im neunzehnten Jahrhundert zu bedenken:

"Ich frage mich allerdings, ob der regionale Konservativismus der Salpeterer des frühen 19. Jahrhunderts wirklich als Romantizismus bzw. romantische Geisteshaltung angesehen werden kann, ist doch Romantik vor allem ein ästethischer, von Kunstanschauungen geprägter Begriff. Bis in die Lebenswelt der "Salpeterer" möchte ich den Romantik-Begriff nicht unbedingt ausdehnen. Allerdings ist es sehr gut, dass Sie auf die Verbindung der beginnenden katholischen Erneuerung, ihrer Exponenten und Medien mit der konservativen Haltung der Bewohner der ehemaligen Grafschaft Hauenstein hinweisen. Anhand eines weiteren Beispiels sei dieser Hinweis von meiner Seite aus bekräftigt: Bei der auf Betreiben des Freiburger Theologieprofessors Franz Joseph Buß in Bewegung gesetzten Petitionswelle im Juli/August 1848 an die Paulskirche zugunsten von mehr Freiheit für die Katholische Kirche kam allein ein Elftel aller diesbezüglichen badischen Eingaben aus dem Gebiet der ehemaligen Grafschaft Hauenstein (in Zahlen: 59 Stück). Das Landkapitel Waldshut gehörte zu den Kapiteln mit überdurchschnittlicher Beteiligung an dieser konservativen Petitionsbewegung (vgl. Rehm,Die katholische Kirche in der Ezdiözese Freiburg während der Revolution von 1848/49, 1987, S. 47-83). Was aber zeigt uns dies? Auf dem "Hotzenwald" trug sich damals kein kurioses Seitenstück im Abseits der Geschichte zu, sondern auch dieser Raum war eingebunden in die Diskussionen der Zeit und beteiligte sich an ihnen gemäß seiner Lebensverhältnisse. Ich denke, auf diese Weise sollte man Heimat- und Regionalgeschichte betrachten ..."

 


Anmerkungen:

(1) Allein am Beispiel dieser Formulierung wird angedeutet, dass die romantische Geistesbewegung vom Zeitalter der Französischen Revolution bis hin zur Gründung des Bismarck-Reiches auf deutschem Boden eine Vielzahl an Erscheinungsweisen hatte, die sich nur schwer auf Gemeinsamkeiten festlegen lassen. "Es ist auch fast aussichtslos die Romantik nach Umfang und Zeit abgrenzen zu wollen" leitet Reinhard Buchwald das zwölfbändiges Werk "Dichtung der Romantik" ein. Bei aller Unterschiedlichkeit der Repräsentanten der Romantik in Philosophie, Dichtung, Bildender Kunst und Musik, werden als gemeinsame Elemente die Hinwendung zum Historischen - speziell der mittelalterlichen Kultur - und der Religion mit ihrer katholischen Ausprägung - angesehen (vgl. dazu Benz, 1964 S. 222 und ausführlich Srbik 1964, S. 167 ff)."Der Aufstieg des Katholizismus im neunzehnten Jahrhundert nahm von hier seinen Ausgang" hält Franz Schnabel fest (1964, S. 327).

(2) Hier ist besonders zu erinnern an die Exponenten dieser Volkstumsvisionen wie Johann Gottlieb Fichte, Joseph Görres, Ernst Moritz Arndt, Ludwig Jahn u. a.)

(3) Einmal gilt das, wenn wir an Schreibers Analyse denken, sogar wörtlich: In ihren Anfängen hatte die volkstums-national orientierte romantische Bewegung eher politische Züge, um mit der Zeit (vor allem von den dreißger Jahren an) einen betont religiösen Einschlag zu erhalten (z. B. Hamann, Herder; vgl. dazu: Srbik, 1964, S. 174).
Zum anderen aber müssen wir unterstellen, dass die Exponenten der Salpeterer weder Herder noch Hamann kannten.
Es ist bisher kein Dokument bekannt, nach dem Salpeterer in ihrer Argumentation den Begriff "Romantik" oder gar "katholische Romantik" gebrauchten. Diese Begriffe wurden in der Regel von Kulturhistorikern verwendet, die - als Betroffene oder als Berichtende - die Gemeinsamkeiten zwischen romantischem Gedankengut in Philosophie, Kunst und Dichtung mit zeitgenössischen Bestrebungen der katholischen Kirche in Beziehung setzten.
Vermutlich aber, wenn hierfür auch erst noch Belege fehlen, sind in den Badischen Regierungskreisen oder den Standesvertretungen derartige Verknüpfungen geleistet worden, wie sie sich ja auch bei Heinrich Schreiber fanden.

 

Literatur

Basler, Karl; Buchwald, Reinhard; Reinking, Karl Franz (Hrsg.): Dichtung der Romantik in zwölf Bänden. Wiesbaden o. J.
Benz, Richard: Die romantische Geistesbewegung. In: Propyläen Weltgeschichte Band 8, "Das neunzehnte Jahrhundert", Berlin 1960, S. 195 - 234
Kissling, Johannes B.: Geschichte des Kulturkampfes im Deutschen Reiche. Drei Bände, Freiburg 1911
Lauer Heinrich: Geschichte der katholischen Kirche im Großherzogtum Baden. Freiburg 1908
Maas, Heinrich: Geschichte der katholischen Kirche im Großherzogtum Baden. Freiburg 1891
NN Die katholischen Zustände in Baden. Regensburg 1841
Rumpf, Joachim: die Salpetererunruhen im Hotzenwald. Dachsberg 2003
Schnabel, Franz: Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert. Die Grundlagen der neueren Geschichte. Freiburg 1964
Srbik, Heinrich Ritter v.: Geist und Geschichte vom Deutschen Humanismus bis zur Gegegnwart. Bd. 1, München Salzburg 3 / 1964
Schreiber, Heinrich (Hrsg.): Geschichte der Salpeterer auf dem südöstlichen Schwarzwald Freiburg 1834; verfasst von Joseph Lukas Meyer.

Vgl. weiter das Literaturverzeichnis!

 

 
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