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Die Salpetererunruhen im Hotzenwald

 

 

Laufenburg und die Salpeterer

 

 

Einige Bemerkungen vorab.

Die Arbeit an diesem Thema und die im Zusammenhang mit den Recherchen über das Schicksal von Johann Caspar Berger, wurde erleichtert durch die freundliche Unterstützung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der jeweiligen Archive:
Hier ist besonders dem ehrenamtlichen Archivar der Stadt Laufenburg (CH), Herrn Dr. Hans-Joachim Köhler, zu danken, dessen Rat und Hilfe die Arbeit im Stadtarchiv ermöglichte. Dokumente, in denen auf die hier geschilderten Ereignisse eingegangen wurde, fanden sich keine. In den "Polizey" - Ordnern aus den Jahren 1739 oder 1745 z. B. gab es große zeitliche Lücken.

Auch im Generallandesarchiv in Karlsruhe (GLA) und im Stadtarchiv Freiburg stieß ich auf Entgegenkommen und Unterstützung für die ich danke.

Noch eine Bemerkung über die Archivalien:
Im Generallandesarchiv Karlsruhe befinden sich unter der Abteilungsbezeichnung 113 "Hauenstein" Dokumente, die die Salpeterer betreffen. Diese Schriftstücke werden, wie auch in den anderen Archiven, in Mappen bzw. Archivkästen aufbewahrt. Unter der Bezeichnung 113:263 zum Beispiel findet der Rechercheur einen Karton mit weit über hundert verschiedenen Dokumenten, die ihrerseits nur selten gekennzeichnet, wohl aber nach Ausertigungsdatum geordnet sind. So erklärt es sich, dass im Text immer wieder gleiche Signaturen angegeben werden, obwohl auf unterschiedliche Schriftstücke Bezug genommen wird.

Die kurzen Stichworte zur Geschichte der Stadt Laufenburg im 2. Abschnitt auf dieser Seite lassen sich ergänzen, wenn die Homepage von Laufenburg / Schweiz aufgerufen wird. Die darin von dem Bildhauer und Heimatforscher Herrn Erwin Rehmann verfasste und bebilderte Übersicht ist vortrefflich gestaltet und informiert ausführlich über die Geschichte der Stadt.

Auch über Laufenburg / Baden, also das Laufenburg am rechtsrheinischen Ufer, gibt es eine Homepage mit interessanten Informationen. Es wird unter anderem darauf hingewiesen, dass Laufenburg 2007 achthundert Jahre alt wird (seit der ersten Erwähnung in einem erhaltenen Dokument) und gemeinsam feiert. Bemerkenswert ist, dass die deutsche Stadt
(oder "Kleinlaufenburg") und das schweizerische "Großlaufenburg" nach dem Zweiten Weltkrieg die nie ganz eingeschlafenen wechselseitigen Beziehungen so ausgebaut und vertieft haben, dass sich - zumindest unter den "alteingesessenen" Bewohnern - ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl herausgebildet hat, das für Besucher und Freunde stets dann deutlich erlebbar wird, wenn im Jahreslauf besondere Anlässe im Kalender stehen. Im nächsten Jahr wird es das Achthundertjährige Stadtjubiläum sein, das die Aussage auf der Homepage Laufenburgs bestätigen wird:

"Ttrotz Trennung ist das Bewusstsein, einer alten, aber während Jahrhunderten geeinten Stadt anzugehören, in der Bevölkerung beidseitig des Rheins tief verankert."

 

 

 

1.
Einführung

Die beiden Chroniken der Stadt Laufenburg sind eine wahre Fundgrube für alle, die sich für die Geschichte dieser deutsch-schweizerischen Doppelstadt interessieren. Mit außerordentlich großer Sorgfalt und nach allen Regeln historischer Forschung haben die Autoren ein reichhaltiges Material zusammengetragen und gut nachvollziehbar in Wort und Bild dargestellt. Selbst bei einem so gewaltigen Vorhaben, die dreibändige Stadtgeschichte erfasst die Zeiträume von den quellenmäßig nicht eindeutig belegbaren Anfängen der Besiedlung bis in die Jahre 1980 (Deutsch-Laufenburg) und 1985 (Schweizerische Laufenburg), kann nicht auf alle Ereignisse detailliert eingegangen werden.
So wird zum Beispiel die Periode der Salpetererunruhen in den der Stadt unmittelbar benachbarten hauensteinischen Einungen im achtzehnten Jahrhundert nur am Rande erwähnt. Es kann sogar der Eindruck entstehen, als wären die Einwohner der kleinen Stadt am Rhein kaum davon berührt worden. Wer sich dann die Mühe macht und im Stadtarchiv die Ratsprotokolle durchsieht, der findet für diese Lücke zunächst eine plausible Erklärung: In den Protokollen wird an keiner Stelle auf die Unruhen eingegangen. Es wird zwar 1745 und in den Jahren zuvor immer wieder von den Abgaben berichtet, die an die militärischen Besatzungen zu leisten waren - bis zum Herbst 1744 waren das die Truppen der Kaiserin und später dann bis zum April 1745 hielt das Bataillon "Lorraines Royal" mit 650 Mann die Stadt besetzt - von Unkosten, die die Salpeterer verursacht hätten, war nicht die Rede. Sogar am 5. Mai 1745, die Sitzung von Vogt und Rat fand turnusmäßig statt, wurde im Protokoll nichts über die Salpeterer vermerkt, die doch an diesem Tag in die Stadt eingerückt waren. Deswegen war sogar die Sitzung unterbrochen worden. Der Protokollant vermerkt lediglich zwei Tagesordnungspunkten bei denen es um Erbstreitigkeiten und um das Einbürgerungsersuchen eines bereits ansässigen Nagelschmieds ging.

Wir wissen heute nicht, warum die Begebenheit damals keine Erwähnung fand. Vermutlich wurde nur das festgehalten, was als Problem zur Entscheidung an den Rat herangetragen wurde. Tatsächlich sind die Protokolle voll von derartigen "Bescheiden", denen jeweils Anträge oder Beschwerden von Bürgerinnen und Bürgern, die dort vorgetragen und sorgsam aufgezeichnet wurden, vorangingen. Ereignisse der Stadtgeschichte, die für Chronisten interessant sind, wurden in den Sitzungen kaum vermerkt. Man erfährt zwar, dass eine militärische Besetzung da war, nicht aber wann und wie sie kam und ging oder gar etwas darüber, welche Probleme sie verursachten.
Wir dürfen aber dessen gewiss sein, dass derartige Ereignisse sehr wohl besprochen und kommentiert wurden. Sie waren vermutlich aber für ein Ratsprotokoll nicht relevant.

Im Großen und Ganzen kann darum bei den Leserinnen und Lesern der Chroniken der Eindruck entstehen, als wären die Salpeterer eigentlich kein Thema gewesen in der kleinen Stadt am Fuße des Schwarzwaldes in unmittelbarer Nähe der unruhigen Einungen. Gewiss: Laufenburg war kein Teil der Einungen, ebenso wenig, wie die anderen Waldstädte Rheinfelden oder Säckingen. Dennoch waren alle drei eng mit ihrem rechtsrheinischen Hinterland, dem "Wald", oder, auf der linken Rheinseite, mit dem Fricktal, verbunden. Waldshut nahm eine Sonderstellung ein, da sich dort, also außerhalb des Territoriums der Einungen der Grafschaft, der Sitz des Waldvogts befand, also die das Kaiserhaus repräsentierende Instanz.
Gemeinsam mit dem Zwing und Bann des Klosters St. Blasien, den Besitzungen des Stifts Säckingen und des Barons Zweyer sowie mit den Freien im Wald bildeten sie den vorderösterreichischen Verwaltungsbezirk "Grafschaft Hauenstein".

 

2.
Laufenburg als "Wälderstadt"

Die auf Veranlassung des Klosters (Stift) Säckingen schon früh errichteten Burgen auf dem "Berg" links des Rheins (das "Schloss") und jene (längst verschwundene) Burg "Ofteringen" auf der gegenüberliegenden Seite des nur 12 Meter schmalen Rheindurchbruchs dienten dem Schutz der Stift Säckingischen Besitzungen zu beiden Seiten des Rheins und dem Schutz der Brücke hoch über den Stromschnellen, den "Laufen". Dieser Übergang wurde, wie auch die Stadt selbst, 1207 zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Seit vielen Generationen hatten Fischer an beiden Ufern gesiedelt, da sich unterhalb der herabstürzenden Wassermassen Lachse in großer Zahl bei ihren alljährlichen Wanderungen von der Nordsee in die Quellflüsse des Rheins sammelten und reiche Fänge ermöglichten.
Das rechtsrheinische, zwischen Albbruck, Laufenburg, Murg und Säckingen schroff in das Tal abfallende waldreiche Felsengebirge des Südschwarzwaldes, bot durch seine tief eingegrabenen Flusstäler die bis ins Mittelalter einzigen Zugänge zu den höher gelegenen, nach Süden geneigten Gebirgsstufen, die von Laufenburg und Murg aus urbar gemacht und besiedelt werden konnten. Das Frauenkloster in Säckingen, dem bereits von den Merowingern unter anderem nicht nur Gebiete im Rhein- und Fricktal zu Lehen gegeben worden war, sondern auch Königsgut auf den sich nördlich anschließenden Gebieten des Schwarzwaldes, ließ Wälder roden und siedelten Bauern an, die sie aus den Tälern anwarben.

Die Stiftsdamen auf der Klosterinsel in Säckingen waren die Gründerinnen der Stadt Laufenburg.

 

Wie am Beispiel der Urkunde aus dem Jahre 1207 deutlich wird, verwaltete keine Klostergemeinschaft ihre Besitzungen, aus denen es seine Einkünfte bezog - aus denen es wiederum seine Abgaben an den Lehensgeber (in diesem Falle also an den König und später den Kaiser) abzuführen hatte, - selbst. Für diese Aufgaben, vor allem aber zu seinem Schutz, erhielten Klöster einen Vogt. Diese Vögte ihrerseits wurden für ihre Leistungen vom Kloster an dessen Einkünften beteiligt. Zu Vögten wurden vom Kaiser in der Regel Vertreter von verdienten Adelsgeschlechtern berufen. 1173 gab zum Beispiel Kaiser Friedrich Barbarossa, der zu dieser Zeit unsere Gegend bereiste, die Vogtei über Säckingen und seine Besitzungen an den Grafen Albrecht III. von Habsburg. Dieses Geschlecht stammte aus dem Elsass, besaß aber bereits um das Jahr 1000 Land am Zusammenfluss von Aare und Reuß. Dort auch hatten sie eine Burg, die Habsburg, errichtet, nach der sie ihr Geschlecht fortan benannten.
Die Vogteigewalt über die Besitzungen des Stifts Säckingen und damit entsprechende Pflichten und Rechte kamen also recht früh an das Haus Habsburg, das, wie wir aus der Geschichte wissen, an dieser Macht festhielt und sie ausbaute.

Laufenburg war noch einhundert Jahre vor dem Auftreten der Salpeterer die wirtschaftlich bedeutendste der Waldstädte. Wurzeln des Wohlstandes waren vor allem die reichen Fischgründe, die Flößerei und der zunehmende Transport von Waren auf dem Rhein, die - mitsamt der Schiffe - um den Laufen herumgetragen werden mussten, die Einnahmen aus den Brückenzöllen und die Handwerke, hier vor allem die Eisenproduktion und -Verarbeitung. Laufenburg hatte sich bis in das 15./16. Jahrhundert hinein zu einem Zentrum der Einsenindustrie am Hochrhein entwickelt. Dazu hatten die günstige Lage unterhalb der Kraft spendenden Flüsse und Kanäle (Wuhren) des wasserreichen Waldes, sein Holzreichtum und die Eisenbergwerke des nahe gelegenen Fricktals beigetragen.
Dieser Wohlstand der Gemeinde, die sogar zeitweilig das Münzrecht erhalten hatte, lässt sich allein daran messen, dass es ihr gelang, im Laufe der Jahrhunderte alle Fischereirechte (die "Fischenzen") von deren ursprünglichen Inhabern, wie zum Beispiel von dem Säckinger Stift oder den Vögten) zu erwerben.
Es waren die Kriege des siebzehnten Jahrhunderts, hier vor allem der Dreißigjährige Krieg und später die Kriege zwischen Habsburg-Österreich und Frankreich unter Ludwig XIV., die den deutschen Landschaften am Rhein schwer zusetzten. Laufenburg wurde arg in Mitleidenschaft gezogen. Gab es zum Beispiel vor dem großen Krieg noch 18 Schmieden, so waren es rund einhundert Jahre später nur noch vier in Laufenburg und Murg (Nawrath 1979, S. 161). Die Einwohnerzahlen waren ebenfalls erheblich zurückgegangen. Ging Karl Schib für das 15. Jahrhundert noch rd. von 1250 Einwohnern aus, sank deren Zahl nach Pestjahren und Kriegen im 16, Jahrhundert auf nur noch etwa 200 und stieg bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts wieder auf rd. 600.
In Laufenburg befand sich ein Magazin mit Proviantvorräten, aus denen in Notzeiten Hungernde versorgt werden konnte und die auch geöffnet wurden, um reguläre Truppenteile, die durch die Stadt kamen oder dort einquartiert wurden, zu versorgen. Nicht zuletzt sorgten die drei „Backhäuser“ in Laufenburg für Nachschub. (Müller-Ettikon, 1979, S. 88 u. 246ff). Brot wurde ja in jenen Zeiten von Bauern und Bürgern selbst gebacken. Jedoch nur für den Eigenbedarf. Als die Salpetererunruhen mit dem Protest des Salpeterersieders und Bauern Hans Fridolin Albietz aus Buch begannen, war die Grafschaft gerade nicht mit Krieg überzogen.

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Hier ein Bild von Laufenburg aus dem Jahre 1705

1705

 

 

3.
Einige Stichworte vorab zu den Salpetererunruhen.

Die Unruhen hatten Mitte der zwanziger Jahre des achtzehnten Jahrhunderts mit der Verweigerung von Huldigungsleistungen gegenüber den St. Blasianischen Fürstäbten begonnen und zwar einer Formulierung wegen, die der Salpeterersieder Hans-Friedlin Albietz und seine Freunde nicht akzeptierten, weil sie darin überkommene Rechte und Freiheiten verletzt sahen. Sie beriefen sich dabei auf einen Laufenburger: Den Grafen Hans IV., der 1407 verstorben war und noch zu seinen Lebzeiten - und freilich nur für diese Zeit - den Wälderbauern versichert hatte, dass er ihre alten Rechte und Freiheiten garantiere. Und weil in der Huldigungsformel St. Blasiens von "Leibeigenen" die Rede sei, so beschränke das ihre Freiheiten und könne nicht hingenommen werden.
Militär besetzte 1727 die Wälderorte und erzwang die Huldigungsleistungen.

Einige Jahre später, der Salpeterer war längst verstorben, weigerten sich die Salpeterer, einen von der Mehrheit der Einwohnerschaft der Grafschaft selbst beschlossenen Freikauf aus der St. Blasianischen Abhängigkeit zu realisieren. Sie lehnten die Zahlungen ab, weil sie zu der Überzeugung gekommen waren, ohnehin immer schon direkt dem Haus Habsburg angehört zu haben und die Rechte St. Blasiens und des Stifts Säckingen und damit das ganze Loskaufverfahren unrecht sei.
Militär besetzte die Wälderorte, und, weil die Bauern bewaffnet aufmarschiert waren, einige Salpetereranführer im April 1739 hingerichtet und so die Zahlungen erzwungen.

Im Herbst 1744 war in Folge des Österreichischen Erbfolgekrieges, der schon zuvor allen Bewohnern der Grafschaft viel zusätzliche Steuern und Abgaben für das vorderösterreichische Militär abverlangt hatte, der Breisgau mit Freiburg von Bayern und Franzosen besetzt worden. Nun ging es den Salpeterern darum, für ihre Kaiserin (Maria Theresia) ihre Heimat zu verteidigen bzw. zu schützen. Und in dieser Phase, genauer im Mai 1745, spielt auch Laufenburg eine Rolle.
Eine gründliche Einführung in die Geschichte der Salpeterer und ihrer Rezeption bis in die Gegenwart befindet sich auf dieser Homepage

 

 

1680Laufenburg 1680

 

 

4.
Die Laufenburger und die Salpeterer

Wir dürfen heute als selbstverständlich unterstellen, dass den Städtebürgern in Rheinfelden, Säckingen, Laufenburg oder Waldshut, die "Auseinandersetzungen der Hauensteiner mit ihren Obrigkeiten" (so der Titel einer Schrift von Günther Haselier) nicht verborgen geblieben waren. Wurden doch die gegen ihre Obrigkeiten aufmüpfigen Salpeterer immer wieder in den Waldstädten eingetürmt. Rheinfelden, Laufenburg und Waldshut hatten hierfür offenbar besonders gut geeignete Gefängnisse anzubieten. Im Übrigen aber sorgte zweifellos die enge Verflechtung von wirtschaftlichen und familiären Interessen zwischen Städtebürgern und den Wäldern für eine rege Kommunikation zwischen ihnen. Nicht immer nahmen die Bürger eine neutrale Position ein. Dies gilt auch für Laufenburg, wie uns die Quellen verraten. Hier einige aktenkundig gewordene Beispiele:


1.
Zu den friedlichen Formen von Widerstand und Protest gehörten in jenen Zeiten die Appellation an höchster Stelle. In habsburgischen Landen war das der Kaiser. Zu ihm zogen Menschen, die sich zu Unrecht verurteilt oder sonst wie benachteiligt fühlten, an alle Instanzen vorbei und gegen geltende Gebote an den kaiserlichen Hof in Wien. Der Heimatforscher Paul Eisenbeis hat Belege dafür gesammelt, dass Bewohner aus dem vorderösterreichischen Herrschaftgebiet immer wieder nach Wien zogen, um dort ihre Beschwerden vorzutragen.
So darf es uns nicht überraschen, wenn wir erfahren, dass auch Laufenburger Bürger, die sich mit ihrer Obrigkeit, dem Bürgermeistern Schlichtig und dem Rat in einem Rechtsstreit um den Rheinbrückenzoll befanden, in Wien versuchten, ihr Recht zu bekommen. Einer von ihnen, Johann Baptist Wuhrmann, war schon länger in Wien, kannte sich gut aus und half gern 1728 den Abgesandten der Salpeterer, sich in Wien zurechtzufinden und die Wege zu weisen, die sie zu gehen hatten. Dafür erhielt er von den Deputierten Mittel zum Lebensunterhalt. Über ihn wurden erste Kontakte zu Bediensteten bei Hof geknüpft und mit seiner Hilfe zum Beispiel ein günstiges Quartier gefunden. Diese Verbindung zu einem Landsmann war sicher von unschätzbarem Wert für die Bauern aus den Einungen, wo den meisten Menschen Wien und das Kaiserhaus unerreichbar vorgekommen sein muss. Auch der Salpeterer-Hans hatte es gewagt, die beschwerliche Reise in die Hauptstadt des Habsburger Reiches anzutreten. Und nun waren der Eggbauer, Blasius Hottinger, Josef Meier und Johannes Marder (der Preuß) und andere in seine Fußtapfen getreten.
Und noch ein Detail, das auf die Teilnahme von Laufenburger Einwohnern an den Ereignisse von 1739 hinweist: Der Untervogt Hetzel von Laufenburg war ein Mitglied des Gerichts, das über die Salpeterer urteilte. Dieses Strafgericht blieb in der Bevölkerung nicht ohne Echo.


2.
Am 8. August 1739, die Hinrichtung der Salpetereranführer auf der Richtstätte bei Albbruck lag über ein viertel Jahr zurück, trug sich in der Spitalkirche zu Laufenburg ein bemerkenswertes Ereignis zu. Pfarrer Schimpf hatte den Gottesdienst an diesem Tage dazu ausersehen, eine Frau zu befragen, die vom "bösen Geist" besessen gewesen sei. Gemeinsam mit ihrer zwanzigjährigen Tochter war sie in die Kirche gekommen. Als die Heilige Messe zu Ende war, begann der Pfarrer den Geist zu beschwören. Dazu musste der Frau das Messgewand übergezogen werden. Dabei schrie die Frau ganz fürchterlich, sträubte sich mit Händen und Füßen, Schaum stand vor ihrem Mund so dass man ihr das Messgewand nur mit Hilfe von vier starken, in der Kirche anwesenden Männern, überstreifen konnte.
Der Pfarrer forderte sie auf, die Namen der heiligen Dreifaltigkeit auszusprechen. Das tat sie auch, setzte laut rufend aber hinzu: "Wehe, wehe! Sie haben zu Unrecht den Jakob Leber auf dem Härpelfeld umgebracht. Sie haben zu Unrecht den Hans Fridle Gerspach zu Albbruck aufgehängt. Wehe, wehe! Sie haben zu Unrecht den Sachs aufs Rad geflochten und die anderen ermordet. Das Strafgericht Gottes wird kommen über die Sünder! Wehe uns armen Sündern!"
Die Frau sank zusammen und wimmerte: "Und das Geld, das sie uns ausgesaugt, das nach St. Blasien geflossen, das müssen sie uns auch wieder zurückgeben."
Als der Pfarrer den bösen Geist fragte, wer denn die Verursacher der Klagen wären, da zeigte die Frau auf den Redmann Joseph Tröndle aus Rotzel, der ganz vorn auf der Bank saß und rief: "Do, der Dickbuchi und die alten Einungsmeister und die Tröndlinschen!"
Und wer noch"
"Der gnädige Herr Waldsvogt!"
Dann schrie die Frau ganz schrecklich auf und fiel für eine halbe Stunde in eine tiefe Ohnmacht.
Bürgermeister Schlichtig hatte daraufhin rasch den Rat zusammengerufen und auf eine entsprechende Empfehlung des Redmanns Tröndle hin beschlossen sie, die besessene Frau und ihre Tochter sofort aus der Stadt zu weisen.
Das geschah auch am gleichen Tage.
(vgl. dazu: Müller-Ettikon 1979, S. 279 - 281).

3.
Abgesehen von der schweren psychischen Erkrankung dieser Frau, über die die Quellen nichts weiter aussagen, erfahren wir, dass es im Hauensteinischen wie in Laufenburg Menschen gab, denen die Hinrichtung und ihre ganzen Begeleitumstände noch lange zu schaffen machten. Wer aber, wie diese Frau, die zweifellos schon vorher mehrmals darüber offen gesprochen hatte, sogar Schuldige bei Namen nannte, vertiefte die Spaltung zwischen den Salpeterern und ihrer Sympathisanten einerseits und ihren Gegnern andererseits und musste als Bedrohung des städtischen Friedens betrachtet werden.
Endlich aber, und das scheint mir bemerkenswert, erfahren wir, dass der Redmann der Einungen (auch) in Laufenburg zur Kirche geht. Damit ist belegt, dass die engen Verbindungen zwischen den Wäldern und den Bürgern nicht allein wirtschaftlicher sondern auch persönlicher Natur waren. Auch die Kirchenorganisation verband Stadt und Umland. Und damit ist ebenso selbstverständlich, dass die Laufenburger Bürgerinnen und Bürger den ganzen Salpetererhandel aufmerksam und mit mal mehr oder weniger persönlicher Anteilnahme verfolgten. Und wenn nun offenbar wird, dass ein Einungsmeister und Redmann auch Einfluss auf Entscheidungen des Rats nimmt, dann spricht das für gute persönliche Beziehungen zwischen ihm und zumindest Bürgermeister Schlichtig.
Von Laufenburgern selbst wurde dieser Bürgermeister zu den "Ruhigen", den Gegnern der Salpeterer gerechnet .

Im Generallandesarchiv in Karlsruhe befindet sich die Kopie eines Laufenburger Flugblattes aus dem Jahre 1745 mit Sympathieäußerungen für die Salpeterer und es heißt darin: "Die Unschuldigen werden gehängt, die Schuldigen aber ledig gelassen" (GLA 113:263)

Nun ist mit der Feststellung von Verflechtungen zwischen Stadt und Landschaft keineswegs etwas Neues gesagt. Denn seit vielen Generationen wird es, wie heute selbstverständlich, eine Vermischung beider Bevölkerungsgruppen gegeben haben. Von Waldshut zum Beispiel ist überliefert, dass man dort sogar dem Drängen der Bauern aus den Einungen, sich in der Stadt ansässig zu machen, Einhalt gebieten musste. Selbst wenn aus gegebenen Anlässen, die Waldstädte sich von den Waldgenossen und den Talschaften sich deutlich abgrenzten und, wie 1612 im "Rappenkrieg" geschehen, deren Aufstände sie nicht unterstützten, so blieben die Beziehungen, allein schon der wegen beiderseitigen ökonomischen Abhängigkeiten, recht dicht.
Und weil die Verflechtung mit dem hauensteinischen und fricktalischen Umfeld so eng gewesen ist, wird ebenso selbstverständlich gewesen sein, dass die Laufenburger Bürgerinnen und Bürger den ganzen Salpetererhandel aufmerksam und mit mal mehr oder weniger persönlicher Anteilnahme verfolgten. Quellen freilich, die uns über Umfang und Auswirkungen dieser Betroffenheit Auskunft geben, sind nicht sehr reichlich vorhanden.

4.
Zwischen Bürgermeister Schlichtig und den anderen Ratsmitgliedern und verschiedenen Adressaten, u. a. mit Baron v. Stotzing von der vorderösterreichischen Regierung in Freiburg oder mit dem Waldvogt wurden zwischen 1740 und 1745 mehrere Briefe gewechselt, in denen jeweils auch die Salpetererhändel zur Sprache kamen (GLA 113: 222). Damit liegt ein weiterer Beleg dafür vor, dass die Stadt in engagierter Weise von den Unruhen Kenntnis nahm, sich nicht allein betroffen zeigte, sondern auch betroffen war.
In drei anderen Dokumenten befanden sich Aussagen über den Apotheker Hilarius Hartmann aus Laufenburg. Da machte in einem Brief vom 17. Juni 1745 der Redmann und Einungsmeister Joseph Tröndlin, aus seiner Abneigung gegen diesen Apotheker keinen Hehl (GLA 113:263).

Hilarius Hartmann war ein Sohn des Laufenburger Schiffsmeisters und "Ratsverwandten" Hartmann dessen Schwiegersohn Johann Christoph Berger sogar 1745 zu den Salpetererführern gehörte. Diese Familie stand eindeutig in Wort und Tat auf der Seite der Salpeterer.

 

5
Über die Familie Hartmann:

Der Geschlechtername "Hartmann" ist im Verlaufe des 16. Jahrhunderts in Laufenburg anzutreffen, weiß der Chronist Karl Schib (1951, S. 219). Sonst ist die Familie Hartmann oder ein Vertreter von ihr in dieser Chronik nicht erwähnt.

Der Apotheker Heinrich (Hilarius) Kilian Hartmann war 1745 siebenundzwanzig Jahre alt und verheiratet. In seiner Jugend besuchte er, wie er in einer Vernehmung am 11. August 1745 in Wien zu Protokoll gab (GLA 113: 259), vier Schulen in Freiburg und lernte bei dem Freiburger Apotheker Siegel. 1739 hatte er in Delsberg als Apotheker gearbeitet. Dort auch hatte er geheiratet. Seine Frau Maria Theresia, war die Tochter des Laufenburger Stadtleutnants Kaspar Bennot. Der war nicht unvermögend, da er seinem Schwiegersohn die Laufenburger Apotheke gekauft bzw. eingerichtet hatte.
1758 verkauft er "seine eigentümliche von der Jungfer Sibilla Stockerin erkaufte Behausung samt der dazu gelegenen Hofstatt und hinter dem Haus befindlichen Garten nebst seine in besagter Behausung wesentlichen Medicinen laut ausgestelltem Catalogi, für welche Behausung und Apotheke der Herr Käufer Carl Brentano ihm ein Haus in der Marktgasse für 1000 Gulden tauschweise überliess" und ihm noch zusätzlich 2.800 Gulden zahlen musste. . Der Laufenburger Apotheker und Archivar Dr. Hans - J. Köhler (1994, S. 51) nimmt an, dass Hilarius Hartmann aus Krankheitsgründen seine Apotheke nicht mehr weiterführen konnte, da er bereits ein Jahr später gestorben ist.

In Wien hatte er Kontakt mit den Hauensteiner Deputierten, zu denen auch der Eggbauer gehörte. Doch nicht ihretwegen sei er dort gewesen. Vielmehr sei er nach Wien gereist, um seine Schwägerin Elisabeth Bennot zu begleiten, die, als geborene Puntruterin, Französisch sprach und hoffte in Wien eine Gouvernantenstelle zu erhalten. Auch Baussan sei mitgegangen, weil dieser sich bei den Wiener großherzoglichen Hofbediensteten, von denen viele seine Landsleute seien, um einen Dienst bemühen wollte.
Im August 1745 war er, wegen seiner Kontakte zu den Salpeterern in Wien, vernommen worden (GLA 113: 259)

Johann Caspar Berger, der 1745 mit an der Spitze der Salpeterer stand, war mit Anna-Maria, einer der fünf Töchter des Laufenburger Schiffsmeisters Hartmann verheiratet
Neben Anna Maria, ihren Schwestern, und Hilarius hatte der Schiffsmeister Hartmann noch einen weiteren Sohn: Franz-Josef.

Franz Josef Hartmann, war in Neuershausen bei Freiburg Amtmann. Weil er aber im öffentlichen Dienst zu wenig verdiente, ging er 1724 nach Engelberg in die Schweiz, um dort als Musikant sein Brot zu verdienen. Offenbar waren bereits im 18. Jahrhundert die Verdienstmöglichkeiten in der Schweiz hier und da so günstig wie noch heute.
Zwanzig Jahre später wird er im Zusammenhang mit der Aufstellung einer "Landesdefensivkommission" mehrfach als "Hauptmann" genannt. Offenbar hatte er lange Zeit keinen Kontakt mehr zu seiner Familie nach Laufenburg, da sein Bruder Hilarius in der o. e. Anhörung angab, nicht zu wissen, wo sein Bruder abgeblieben gewesen sei.
Am 4. April 1745 jedenfalls traf dieser Hauptmann Hartmann mit einem entsprechenden Beglaubigungsschreiben des Bregenzer Kommandanten Meinersperg in der Grafschaft ein (GLA 113:222).

Eine Schwester war mit dem Laufenburger Bürger Franz Josef Keller, eine andere war mit dem Laufenburger Bürger und Bäckermeister Franz Josef Bettschon verheiratet.
Die vierte Schwester, Franziska, war die Ehefrau des Laufenburger Hufschmieds Franz Brogle. Die fünfte und jüngste, Helena, war 1745 dem aus Lothringen stammenden Franzosen Baussan, der aus der französischen Armee desertiert war, "versprochen".

 

 

6
Laufenburg und die Landesdefensivkommission

Die Anwesenheit der österreichischen Armee in der Grafschaft unter Prinz Carl von Lothringen im Sommer 1743 brachte erhebliche Lasten mit sich, die die Einungsmeister den von den Lasten des Freikaufs ohnehin gebeutelten Bauern abzufordern hatten. Die Anführer der Unruhigen wehrten sich dagegen und hatten "zur Führung des Kampfes wider die Einungsmeister im Juli einen Advokaten in Dienst genommen, den Lizentiat beider Rechte und vorderösterreichischen Fiskalamtssubstitut Johann Caspar Berger von Freiburg…" Bei der Übernahme dieses Mandats begründete er diesen Schritt damit, dass es besser für die Einungsmeister sei, wenn sie ihn beriefen, als sich einen Anwalt aus Schaffhausen oder Basel nähmen, der mit den Verhältnissen nicht vertraut sei. (Redmann Josef Tröndlin in einem Bericht über die Landständetagung im August 1743 in Freiburg (GLA 113: 222).

Die französich-bayerische Allianz im Österreichischen Erbfolgekrieg, hatte sich des Breisgaus bemächtigen können und unter anderem in Laufenburg bis zum Frühjahr 1745 eine militärische Besatzung, das bereits erwähnten Bataillon "Lorraines Royal" belassen.
Im Winterhalbjahr 1744/45 begann das Vorderösterreichische Militär in Bregenz den Widerstand gegen die Besatzungstruppen vorzubereiten. In Vorarlberg wurden "Landesdefensivkommissionen" zusammengestellt, die bei entsprechenden Situationen den Widerstand gegen die Franzosen und Bayern organisieren sollten. Als die französische Besatzungen die Winterquartiere in der Grafschaft Hauenstein verließ und sich Richtung Freiburg und Breisach in Marsch setzten, war eine derartige Situation eingetreten. Hauptmann Franz Josef Hartmann war Anfang April 1745 von dem Obristleutnant von Meinersberg in Bregenz damit beauftragt worden, den Widerstand gegen die französischen Truppen zu organisieren. Er setzte sich für seinen Schwager Johann Caspar Berger ein, der ebenfalls ein entsprechendes Mandat erhielt. Johann Caspar Berger war auch sogleich darangegangen, gemeinsam mit seinen salpeterischen Freunden eine "Landesdefensivkommission zusammenzustellen.

Wie in jedem Jahr waren im April die Termine für die Einungsmeisterwahlen in den Einungen auf dem Wald herangerückt. Eine Auswirkung der neuerlichen salpeterischen Aktivitäten, bei denen die Salpeterer argumentierten, dass sie für ihre Verteidigungsbereitschaft von der Kaiserin belohnt werden würden, führte zu einem Sieg der salpererischen Partei. Alle Einungsmeisterposten waren von Salpeterern besetzt worden. In der Einung Rickenbach wurde der Stift Säckingische Eigenmann und Bauer Johann Thoma aus Egg, der "Eggbauer", der erst im Winterhalbjahr 1744/45 wieder in die Grafschaft zurückgekehrt war, zum Einungsmeister gewählt. Dieser Eggbauer, der dann zu einer besonders auffallenden Gestalt zur Zeit der "Salpetererregierung" werden sollte, war seit 1729 verbannt und seit 1741 als "Deputierter der Grafschaft" im Auftrage der Salpeterer in Wien gewesen.

Von seinem Mandat hatte Johann Caspar Berger in Freiburg eine Abschrift anfertigen und im Hauensteinischen verbreiten lassen. "Sein Sinn und sein Gemüt sei niemals anders gewesen, als dass er sich als treuer Diener des Erzhauses Österreich gezeigt habe, schrieb Frau Berger (GLA 113: 258). Und in einer Eingabe von Johann Caspar Berger erklärte dieser - und offenbarte weitere Motive:
Ihm sei seinerzeit versprochen worden, dass er vorderösterreichischer Prokurator werde, wenn Vorderösterreich wieder ganz zum Erzhaus gekommen sei. Jetzt werde er nicht etwa belohnt, sondern sitze schon 6 Monate in harter Gefangenschaft, während andere, die der Krone Frankreichs von Herzen zugetan gewesen - und damit spricht er die Führer der Ruhigen an und meint auch den Bürgermeister Schlichtig - "oben am Brett sitzen" (GLA 113: 258).

Am 30. April, Berger war aus dem Basler Exil, in dem er sich während der französischen Besatzungszeit befand, zurück nach Laufenburg gegangen, beruft er in einem kurzen Schreiben die Einungsmeister zur Landsgemeinde nach Görwihl. Und zwar, wie üblich, die neuen und die alten Einungsmeister. Der Alteinungsmeister Josef Tröndlin aus Unteralpfen und der Alteinungsmeister und Redmann Joseph Tröndlin aus Rotzel hatten sich, als erklärte Gegner der Salpeterer, daraufhin, nach Klingnau abgesetzt In Klingnau - schon damals auf neutralem Schweizer Territorium - hatte das Kloster St. Blasien Besitz und eine Probstei. Dorthin flohen in Kriegs- und Unruhezeiten die Notabeln aus der benachbarten Grafschaft und den Waldstädten. Das geschah auch während der Salpetererunruhen.

Gemeinsam mit Johann Caspar Berger hatten die neuen Einungsmeister einen militärisch erfahrenen Offizier gesucht und in Basel in dem sächsischen Obristleutnant von Lüttichau gefunden, der vom Grafen Choteck zum Kommandeur der Landesdefensivkommission ernannt wurde.

Am Abend des 30. April 1745 überreichten der Leiter des Landesdefensivkommission der Obrist v. Lüttichau und Johann Caspar Berger von zahlreichen Salpeterern begleitet, dem Waldvogt in Waldshut ihre Vollmacht und ließen sich die Waffen aushändigen, die dort, seit deren Requirierung zur Zeit der französisch-bayerischen Besetzung eingelagert waren (GLA 113: 263).
Zum 4. Mai wurde nach Görwihl der "Landfahnen", das sind alle kampffähigen Männer der Einungen, aufgeboten, die Waffen ausgegeben, die Führer bestimmt und in Richtung Rheintal in Marsch gesetzt (GLA 113: 221).
Von diesem Zeitpunkt an, hatte die Landesdefensivkommission unter dem Kommando des Obristen von Lüttichau und Johann Caspar Bergers - und damit die Salpeterer - die Macht übernommen.
Verstärkt wurde das Bauernaufgebot durch 50 Husaren, die der Bruder des Hauptmanns Hartmann und vermutlich auf dessen Vermittlung hin, Hilarius Hartmann, von Spaichingen geholt und am 13. Mai nach Waldshut gebracht hatte (GLA 113: 259).

 

7.
In Laufenburg fanden drei bemerkenswerten Ereignisse während der "Salpetereregierung" zwischen dem ersten Mai und dem Pfingsttag am 6. Juni 1745 statt.

Es lässt sich, was Stadt und Bürgerschaft von Laufenburg betrifft, noch einmal festhalten, dass sie mit den Salpetererunruhen in vielfältiger Form in Berührung kamen und durch die beiden Hartmann - Brüder und deren Schwager Johann Caspar Berger gleichsam hineinverwoben wurden. Immerhin hielt sich Johann Caspar Berger, wenn er in der Grafschaft war, bei seiner Familie in Laufenburg aus. Mehr noch:
wegen der Verwandtschaft zu Johann Caspar Berger und dessen Eintreten für die Salperereranliegen war sein Schwiegervater vom Bürgermeister Schlichtig schon seit langem immer wieder gehänselt worden. Der alte Hartmann hatte im Familienkreis geäußert, dass ihn der "Schlichtig wegen der täglichen Stichelreden noch unter die Erde bringe" (GLA: 259). Der Schiffsmeister Hartmann, der bis zum 8. Februar 1743 Ratsmitglied war, war bereits 1744 verstorben.
Diese "Verdrießlichkeiten" die der Vater Hartmann durch den Bürgermeister Schlichtig erlitt, führte der Apotheker Heinrich Kilian Hartmann auf den Hass zurück, den der Bürgermeister Schlichtig gegen die ganze Familie Hartmann wegen des Johann Caspar Berger hege. Heinrich Kilian Hartmann gab darüber im 11. August 1745 ausführlich Auskunft (GLA 113: 259).

Noch aber befinden wir uns im Mai 1745 und die Salpeterer hatten Oberwasser.


7.1.
Die Salpeterer fordern Verpflegung und Kontribution

Am fünften Mai 1745 vormittags 9,30 Uhr rückte das militärische Aufgebot unter der Führung von Johann Caspar Berger, dem Eggbauern Johann Thoma und Obristleutnant von Lüttichau vor die Tore Laufenburgs und begehrte Einlass. Das Dokument mit dem Bericht über dieses Ereignis beginnt: "… ½ zehn erschien ein Bauernsoldat in der ratsstuben wo versammelt sind wg. Bürgerlen Geschäften Vogt, Bürgermeister und Rat…" (GLA 113:263).
Das Kommando war auf dem Wege nach Rheinfelden. Dort wollte es an den Grafschaftsgrenzen Posten beziehen, um nötigenfalls die Franzosen abzuwehren, falls diese zurückkommen wollten.

Da war die Aufregung in der Stadt groß! War man doch gerade erst die Franzosen losgeworden. Eine neuerliche Belastung, das Bauernaufgebot wollte verpflegt sein, wurde abgelehnt. An fünfhundert Mann kamen unter Führung des Obristen von Lüttichau in die Stadt und hatte sich zwischen der Brücke und dem Pfauen aufgestellt. Johann Caspar Berger verlas vom Pferd aus das Mandat der Berufung der Landesdefensivkommission.
Zwischen Johann Caspar Berger und dem Bürgermeister Schlichtig entspann sich dann ein Disput, in dem Berger Schlichtig vorwarf, der sich strikt weigerte, dem Aufgebot entgegen zu kommen, dass er sich den Franzosen gegenüber sehr viel kooperativer gezeigt habe.
Nach einigen hin und her verständigte man sich darauf, dass die Soldaten das Brot, was sie essen wollten, bezahlen müssten und den Wein für die salpeterischen Einungsmeister die Grafschaftskasse übernehmen würde. Am Nachmittag rückte die Truppe wieder ab und zog weiter.
"Berger aber hat aus Verdruss, dass man sie nicht verpflegen wollte "über rath und Bürgerschaft geschmähet" "Es wohnten lauter Lumpen darin…" (GLA 113: 263)
Bürgermeister Schlichtig, zog es anschließend vor, erst einmal in Klingnau bei seinen Freunden, den ruhigen Einungsmeistern, Schutz zu suchen. Dorthin hatte sich auch der Kanzler des vorderösterreichischen Breisgaus Dr. Stapf, geflüchtet, da Freiburg ja besetzt war.

"Heut um ein Uhr kommt der Hirschenwirth von Murg und der Gerber von Görwihl als abgesand des Landesdefensiv Comendanten Se Baron von Lüttich anfragen ob die stadt österreichisch gesinnt sei oder nicht" Die Abgesandten sprachen mit dem "gewesten Bürgermeister Zoller". Dieses Begehren hielt der Untervogt und Ratschreiber Dr. Lindenmeyer am 6. Mai 1745 fest
Dr. Lindenmeyer hatte seinem in Klingnau weilenden Bürgermeister zugesichert "…was aber hier passieret, das werde fleißig notiert und berichtet"

Am neunten Mai schrieb er dem Bürgermeister unter anderem: "gestern ist der Eckbauer allhier gewest hat aber nur etwa 20 Mann bey sich gehabt… es hat geheißen, er schreibe eine konferenz aus… auf den Abend wieder abgezogen".

Und am 7. Juni 1745 kann er melden, dass "Berger, Lüttichau und Exkbauer arretiert und also gleich fortgeführt" worden sind.
Die Kopie der oben erwähnten anonymen Schrift aus Laufenburg, in der es heißt, dass die Unschuldigen gehängt, die Schuldigen aber ledig gelassen werden, liegt einem der Briefe bei (alles GLA 113:263).


7.2.
Die Breisgauer Stände leiten von Laufenburg aus das Ende der Landesdefensivkommission ein

In Laufenburg waren in der zweiten Maihälfte die Breisgauischen Stände zusammengetreten, die ja wegen der Besetzung Freiburgs ebenfalls einen anderen Tagungsort brauchten. Dass Laufenburg für die Ständeversammlung kein ungewöhnlicher Ort war, zeigt ein Dokument über die "Stände-Conferenz" zu Laufenburg vom 12. März 1740 (GLA: 113: 263) .
Die "Denkschrift der im oberen rheinviertel angesessenen österreichisch-breysgawischen Mitständ" vom 23. Mai 1745 deutete darauf, dass die ständischen Vertreter höchstbesorgt über die durch die Salpetererherrschaft in der Grafschaft entstandene Situation waren. Es hatten entsprechende Manifestationen von Salpetererführern erkennen lassen, dass diese nichts weniger als grundlegende Veränderungen der Machtverhältnisse anstrebten und zum Beispiel den Einfluss der Kirchen zurückdrängen und feudalistische Strukturen aufheben wollten, wie uns ein Schreiben von Johann Caspar Berger verrät (vgl. dazu: Haselier 1941, S. 105).
Außerdem häuften sich die Klagen von betroffenen ruhigen Hauensteinern, die unter dem Eggbauern zu leiden hatten. Dieser hatte sich mit vier Salpeterern und begleitet von zwei Husaren aus dem Militärkommando und auf Anweisung des Obristen von Lüttichau hinauf in den Wald begeben offiziell, um dort für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Tatsächlich hatte er begonnen, dort auf eigene Faust zu requirieren und ihm verhasste Geistliche und Ruhige zu bedrängen. Hierbei ging er nicht zimperlich vor.


7.3.
In Laufenburg wird die Landesdefensivkommission aufgelöst und damit die Salpetereregierung beendet.

Drei Syndizi der Breisgauer Stände gingen nach Klingnau und berieten sich dort mit dem Kanzler im Breisgau, Dr. Stapf, den Vertretern des Klosters St. Blasien und den ruhigen Einungsmeistern über das weitere Vorgehen. Auch der Laufenburger Bürgermeister Schlichtig konferierte mit.
Das Ergebnis war ein Schreiben an die vorderösterreichische Regierung, dem Grafen Choteck in Innsbruck. Der Graf sandte daraufhin den mit den Verhältnissen der Grafschaft vertrauten Baron Zech nach Waldshut, wo er am 27. Mai eintraf. Er setzte sich gleich mit dem Kanzler Dr. Stapf in Klingnau in Verbindung. Es wurde beschlossen, die Führer der Landesdefensivkommission festzunehmen.
Alle drei befanden sich in Laufenburg, wo sie, wie aus dem Brief von Untervogt Dr. Lindenmeyer schon zu entnehmen war, am 6. Juni 1745 verhaftet wurden.

Damit war der Versuch, den einst so erfolgreichen und berühmten Hauensteinischen Landfahnen unter salpeterischer Führung ein weiteres Ruhmesblatt hinzuzufügen, kläglich gescheitert. Karl Friedrich Wernet hat in seiner Arbeit über die Grafschaft Hauenstein festgehalten, dass nach 1715 der Landfahnen rasch verfallen und seine "Uhr … abgelaufen" war (1959, S. 424).

 

 

8.
Der Fricktaler Landfahnen wird gegen die Salpeterer aufgeboten

Eine letzte Berührung mit den Salpetererunruhen hatten die Laufenburger im Zusammenhang mit der Bedrohung Waldshuts durch die salpeterischen Bauernhaufen. Unmittelbar bevor diese sich im September 1745 anschickten, die Waldstadt zu erstürmen, um ihre dort inhaftierten Gefährten zu befreien, wandten sich Rat und Waldvogt in ihrer Not an das Kloster St. Blasien und die Ämter Gutenburg und Rheinfelden und baten um militärischen Beistand. Waldshut hatte nur rd. 100 Einwohner und hätte auf Dauer der zahlenmäßigen Übermacht der Salpeterer nicht Stand halten können. Der Fricktaler Landfahnen wurde aufgeboten und unter Führung des Untervogts nach Waldshut geschickt. Dort wirkten das Fricktalische Aufgebot, zu dem auch Laufenburg Männer zu stellen hatte, gemeinsam mit den von St. Blaisen aufgebotenen Soldaten an der erfolgreichen Verteidigung Waldshuts mit. Am 27. September war die Gefahr für Waldshut vorbei und die Fricktäler zogen wieder ab (vgl. dazu u. a. Ruch 1966, S. 218).

Zum letzten Mal rückte Militär in die Wälderorte ein und wieder einmal wurde eine kaiserliche Kommission in die unruhige Grafschaft geschickt, um die Gemüter zu besänftigen. Auch in Laufenburg konnten die Bürgerinnen und Bürger sich wieder ungestört ihren Geschäften widmen. Für sie brauchten die Salpeterer kein Thema mehr zu sein.

 

Literatur:

Ebner, Jakob:
Die Geschichte der Salpeterer des 18. Jahrhunderts.
1. und 2. Teil, Wangen 1953 und 1954

Fricker, Heinz, Jehle, Fridolin, Lüthi, Alfred, Nawrath, Theo:
Geschichte der Stadt Laufenburg. Laufenburg/Baden und Laufenburg / Schweiz. Bd. 1 1979; Bd. 2 1981; Bd. 3 1986

Haselier, Günther
Die Streitigkeiten der Hauensteiner mit ihren Obrigkeiten. In: Quellen und Forschungen zur
Siedlungs- und Volkstumsgeschichte der Oberrheinlande. Hrsg.: Friedrich Metz u.a.. Hier:
Der Hotzenwald, Bd. 2, 2. Teil. Karlsruhe 1940/41

Köhler, Hans-Joachim:
Die Geschichte des Heilwesens der Stadt Laufenburg.
Fenner, Kurt Ärzte Bader Pillendreher. Medizinische Berufe im Wandel der Zeit. S. 39 - 60
In: Museum Schiff (Hrsg.): Laufenburg CH 1994

Müller-Ettikon, Emil:
Die Salpeterer. Geschichte eines Freiheitskampfes auf
dem südlichen Schwarzwald. Freiburg 1979

Ruch, Joseph
Geschichte der Stadt Waldshut. Waldshut 1966

Rumpf, Joachim:
Die Salpetererunruhen im Hotzenwald. Wolpadingen
2 / 2003

Schib, Karl:
Geschichte der Stadt Laufenburg. Aarau 1951

Wernet, Karl Friedrich:
Die Grafschaft Hauenstein. In: Vorderösterreich. Hrsg: Friedrich Metz; 2 Bde., Freiburg 1959
Bd. 2, S. 404 - 436

Archive:
Generallandesarchiv Karlsruhe
Stadtarchiv Laufenburg

© Dr. Joachim Rumpf
79733 Görwihl
Stand der Bearbeitung: 23.05.2006

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