Beschreibung: Schwerter

 

 

Über die Freiheit

 

 

 

 

„Freiheit, die ich meine…“

 

 

 

1. "Freiheit" – ein heute gern verwendeter Begriff

 

Ich habe den Eindruck, dass ich in dieser Zeit, und ich möchte sagen, seit etwa zwei Jahren, in den Medien noch nie so oft von „Freiheit“ habe reden hören, wie vor dem Fall der Mauer. Der Begriff "Freiheit" löst erhabene Gefühle aus, noch dazu, wenn er in ohnedies emotional besonders angereicherten historischen Situationen Verwendung findet. Da aber der Begriff inhaltlich leer bleibt, sich also jedermann etwas anderes darunter vorstellen kann, ist er im Grunde für einen Hörer oder Leser unter dem Gesichtspunkt von aufklärender Information wenig hilfreich. Da müssten wir schon etwas genauer hinschauen.

 

Zum Beispiel in die Gegenwart, in der "Freiheit" eine sehr große, sogar das Leben vieler Menschen bedrohende Rolle spielt. Wer sich die Reden des amerikanischen Präsidenten Bush anhört, mit der dieser seine Aggressionen gegen "Staaten des Bösen" oder erfundene oder tatsächliche "Terroristen" legitimiert, erfährt, dass es um die "Freiheit" geht. Es müsste also danach gefragt werden: Herr Bush, was meinen Sie mit "Freiheit"?

Und dann wird er vielleicht auf die USA deuten und antworten: "Die Verhältnisse, wie wir sie haben: das ist Freiheit".

Und wieder wissen wir nichts Konkreteres. Mir fällt dazu lediglich ein, dass es in den USA mehrere Millionen Einwanderer gibt, die rechtlos sind, dass die USA die geringsten Benzinpreise haben dafür aber den größten Anteil an der Klimaverschlechterung und sich weigern, dem "Kyoto - Protokoll" beizutreten, dass in den Vereinigten Staaten nur Millionäre die Chance haben, Präsidenten zu werden oder dass amerikanische Konzerne danach streben, in möglichst allen Ländern der Welt Gewinne zu machen und mit ihrer wirtschaftlichen Macht auch politischen Einfluss zu haben und dass die US-amerikanische Regierung versucht, dieses ihr Freiheitsverständnis mit offener militärischer oder verdeckter wirtschaftlicher Macht auch in anderen Staaten durchzusetzen. Und es muss offen bleiben, ob diese, Völker und Staaten Herrn Bushs Verständnis von "Freiheit" teilen.

Oder denken wir in diesem Zusammenhang an längst Vergangenes, wie zum Beispiel die Rolle der USA in Chile, als ein demokratischer Sozialist versuchte, sein Land von dem Diktat der US-amerkanischer Konzerne, die die Kupferminen Chiles kontrollierten, zu befreien. General Pinochets Staatsstreich, der der Regierung Allende und ihm selbst den Todesstoß versetzte, „gehörte zu den klassischen Instrumentarien der US-inspirierten Doktrin der nationalen Sicherheit“ (Achermann, Ulrich: Wie starb Salvador Allende?“ in: Badische Zeitung v. 09.06.2011, S. 3) bzw. einem typischen US-amerikanischen Freiheitsverständnisses.

 

Es wird aber wieder andere Menschen geben, die die USA als das "freieste Land" der Welt erlebten. Ich weiß von einem jungen Mann aus meiner Nachbarschaft, der mehrere Jahre ohne Aufenthaltserlaubnis dort an der Grenze zu Kanada lebte und sich als Musiker seinen Lebensunterhalt verdiente. Niemand hatte ihn dort nach dem Woher oder Wohin gefragt. Er schwärmt bei jedem seiner Besuche von dem freien Leben dort. Irgendwann hatte er eine US-Staatsbürgerin geheiratet und konnte sich einbürgern lassen.

 

Je nach Standpunkt und eigenen Erfahrungen wird also jedermann "Freiheit" anders definieren. Und allein schon, dass jeder diese Deutungshoheit bei uns besitzt und ihm von niemandem vorgeschrieben wird, wie er "Freiheit" zu verstehen habe, ist ein wesenhaftes Merkmal der Freiheit in einem durchaus konkreten Sinne.

 

Ihre Relativität wird jedoch sofort deutlich, wenn wir daran denken, dass jeder von uns in Gemeinschaften eingebettet ist: in eine Familie, in Schulen, Ausbildungsstätten, Arbeitsplätzen, Wohnquartieren oder als Teilnehmer am Straßenverkehr, um nur einige dieser sozialen Institutionen zu nennen. Und jede von ihnen ist gekennzeichnet durch eine Fülle an geschriebenen oder ungeschriebenen Normen, die jedem sagen, wo die Grenzen seiner Freiheiten liegen. Wir können zwar feststellen, dass niemand gezwungen ist, in eine bestimmte Familie einzuheiraten, in einem bestimmten Betrieb zu arbeiten oder am Verkehr teilzunehmen. Wer sich aber entschieden hat, muss die Folgen wollen oder einfach akzeptieren. Goethe lässt im "Faust" Mephisto in Bezug auf die Freiheit der Entscheidung für einen eingeschlagenen Weg sehr treffend sagen: "im ersten sind wir frei - im zweiten sind wir Knechte". Im Volksmund heißt das: „Wer A sagt, muss auch B sagen“.

Es gibt also keine unbegrenzte "schrankenlose" Freiheit. Nicht im Leben eines Einzelnen noch im Leben einer Gruppe bzw. Gesellschaft. Und schon gar nicht, wenn es um kulturelle Normen geht, wie sie zum Beispiel in religiösen Gemeinschaften gelten. Gerade gestern (am 06.04.05) war in einer Predigt anlässlich des Papsttodes, die der Kölner Kardinal Lehmann hielt, viel von "Freiheit" die Rede. Es argumentieren also politisch und wirtschaftlich Mächtige aber auch Kirchenfürsten gleichermaßen mit diesem Begriff. Und in jedem Falle sprechen sie von etwas anderem. Nur der Begriff ist gleich. Und die emotionalen Assoziationen ihrer Zuhörer: die sind positiv.

 

Ein Blick zurück:

In der BRD wurde der 17. Juni jahrzehntelang als Tag der Freiheit begangen. Es gab sogar eine "Freiheitsglocke", die vom Westberliner Schöneberger Rathaus bei diesen und anderen feierlichen Anlässen erklang. Das war genau so eine eigenwillige und einseitige Interpretation von Freiheit. Das passte zwar in das politisch-ideologische Konzept des Kalten Krieges, hatte aber mit dem Anlass, den Arbeiterunruhen in der DDR 1953 wenig zu tun (vgl. dazu den Bericht: "Mein siebzehnter Juni"  in: www.salpeterer.net).

Oder denken wir an die "Montagsdemonstrationen" unter der Parole "Wir sind das Volk". Auch damals ging es um die "Freiheit". Und zwar ganz konkret um "Reisefreiheit" oder gar um "freie Fahrt für freie Bürger", wie sie von der Automobillobby bei uns gefordert wurde, und was die DDR-Bürger auch gern wollten. Es ging weiter um Bürgerrechte wie "Meinungsfreiheit", "Gewissenfreiheit", "Gewerbefreiheit" und andere Freiheiten. Es ging also um Freiheiten für etwas, was offensichtlich so nicht vorhanden war.

 

Es ging den DDR-Bürgern aber auch um Freiheit von etwas! Wir sprechen dann üblicher Weise von "Befreiung". Zum Beispiel wollten viele DDR-Bürger nichts mehr wissen von einer Partei, die "immer recht hat" oder frei sein von Ängsten vor politischer Verfolgung. Im November 1989 fiel Ulbrichts Mauer. Mit den neuen Freiheiten erhielten sie auch alle anderen, die wir in der BRD längst hatten. Wer Geld hat, kann nun hinfahren wohin er will. Wer viel hat, kann sogar in Hotels wohnen und sich verwöhnen lassen ohne dass es jemanden interessiert, wo er her kommt, was er ist oder woher er sein Geld hat.

Jeder besitzt, wie schon wir in der BRD zuvor, die Freiheit, auf die Politik und die Politiker nach Herzenslust zu schimpfen. Er darf dessen gewiss sein, dass niemand der Betroffenen davon Notiz nimmt und keiner auf die Idee kommt, sein Schimpfen Ernst zu nehmen und als staatsgefährdend zu verfolgen. Er hat die Freiheit, seine Meinung zu sagen, solange er damit keine rechtsstaatlichen Regelungen verletzt.

 

Jedermann erlebt nun auch in den neuen Bundesländern, was wirtschaftliche Freiheit bedeutet. Da denke ich an das Recht auf die Freiheit von Wirtschaftsunternehmen, so zu schalten und zu walten, dass sie eine größtmögliche Rendite erzielen.

"…nie im Leben hätte ich mir vorstellen können, dass die Wirtschaftsunternehmen aus dem Westen wie Raubtiere in Ostdeutschland einfallen würden", schreibt Carola Stern in ihren Erinnerungen (Doppelleben. Köln 2001, S. 283).

 

Mit diesen Elementen ihrer neu gewonnen Freiheit, hatten die DDR-Bürger sicher nicht gerechnet. Auch nicht damit, dass unser westdeutsches Verständnis von Freiheit gekoppelt ist mit einem ungewöhnlich hohen Ausmaß an Eigenverantwortung. Vermutlich hätten sie dann auch nicht anders entschieden, weil ihnen bestimmte persönliche wie politische Freiheitsrechte, Religions- und Gedankenfreiheit, Versammlungs- und Redefreiheit oder gar frei zu sein von der Angst vor Leistungsdruck in der Produktion (sozialistischer Wettbewerb) und von staatlichen Kontrolle (Stasi) und viele andere wichtiger waren, als die mit der Wiedervereinigung verbundenen persönlichen Risiken.

 

 

Hierzu eine persönliche Anmerkung: Als ich in den fünfziger Jahren von der DDR in die BRD überwechselte, kam ich genau deswegen hier her, weil ich ohne die Abhängigkeit von politischen Parteien, Jugendorganisationen oder Gewerkschaften "Herr meiner selbst" und damit "meines Glückes Schmied" sein konnte Ich musste allerdings - zunächst zu meiner Überraschung - feststellen, dass die "Zwänge" innerhalb von Institutionen, wie zum Beispiel in Industrie und Handwerk, hier nicht geringer waren als in der DDR. Im Gegenteil! (Vgl. dazu meinen Aufsatz: "Erziehung und Bildung in der DDR" in: Neue Praxis Nr. 4/1993, S. 328 - 345).

 

Und noch ein Gesichtspunkt soll erwähnt werden: Freiheit für etwas oder für jemanden kann durchaus Freiheit gegen etwas oder gegen andere bedeuten. Es gibt zwar eine Redewendung nach der die Freiheit des Einzelnen (oder einer Gruppe) dort endet, wo die des anderen beginnt. Im Alltag aber begegnen uns immer wieder Menschen, die sich Freiheiten herausnehmen, ohne die der Anderen zu achten. Wir sprechen dann von Rücksichtslosigkeit oder gar Terror. In Deutschland steht es – auch das erleben wir in diesen Tagen - zum Beispiel LKW Fahrern frei, eine Autobahn oder eine andere Straße zu benutzen. Nicht nur bei uns im Landkreis meiden LKW Fahrer mautpflichtige Strecken und zwängen sich stattdessen durch Dörfer und Städte und terrorisieren deren Bewohner durch den Lärm und die Vibrationen, die ihre Fahrzeuge verursachen. Ähnliches gilt auch für bestimmte Motorräder oder das Fahrverhalten ihrer Besitzer. Bei uns im Südschwarzwald hört man nicht selten an den Wochenenden, wie derartige Zweiradfahrer mit lautem durchdringendem Geheule über die Straßen fahren und noch über lange Zeit und aus weiten Entfernungen so zu hören sind, dass ein "Ruheforscher" (so ein Werbeslogan unserer Landschaft) schleunigst die Fenster schließt oder sich die Ohren zu hält. Zur Freiheit, so wurde oben angemerkt, gehört also stets Verantwortung. Freiheit aber ermöglicht, wie die Beispiele zeigen, aber auch verantwortungsloses Handeln. Mit Freiheit richtig umzugehen, das heißt die Freiheiten oder das Freiheitsverständnis der anderen Menschen zu achten. Dieses Prinzip sollte nicht nur im Straßenverkehr sondern auch im Verkehr der Staaten und Kulturen miteinander gelten.

 

Dass wir in unserem Alltag immer wieder auf den Freiheitsbegriff auch in ganz anderen Zusammenhängen stoßen, soll zum Schluss dieses Abschnitts noch an zwei aktuellen Beispielen illustriert werden:

 

 

Hotzenwälder Gemeinden werben in einem Prospekt für den Besuch dieser zweifellos reizvollen Schwarzwaldregion. Auf dem Faltblatt können wir unter anderem lesen:

"Das Auge kann ungehindert in die Ferne schweifen und der Begriff "Freiheit" bekommt wieder eine neue Dimension"

 

Und unter der Überschrift: "Musik und Welterfahrung im Zeichen des Adlers" lasen wir am 8. März 2005 in unserer Tageszeitung in einem Bericht über ein Konzert:

"Der Adler ist für den Musiker ein Bild für innere Freiheit. Wie sich der Vogel in die Lüfte erhebt, so will er sich im Geiste von äußeren Zwängen frei machen…"

 

Freiheit begegnet uns also ständig und es lässt sich an den geschilderten Beispielen recht gut nachvollziehen, dass "Freiheit" ein recht schillernder und beliebig verwendbarer Begriff ist. Und wer für Freiheit eintritt, der sollte jeweils wenigstens - und zwar nachprüfbar und ehrlich - hinzufügen, was er meint und sagen, warum er für wen bzw. für was er welche Freiheiten wünscht oder von was bzw. von wem er frei sein will.

 

Dass dieser Begriff "Freiheit" schon in früheren Perioden unserer Geschichte Bedeutung hatte, daran wird nun erinnert und an weiteren Beispielen seine Beliebigkeit nachgewiesen.

Es wird sich im folgenden Abschnitt nur um eine recht subjektive und fragmentarische Auswahl handeln. Neben mir liegt das Traktat 1522 über "Die Freiheit eines Christen", das Martin Luther 1522 verfasste. In unseren öffentlichen Bibliotheken befinden sich noch eine Fülle an derartigen theologischen, historischen, philosophischen oder politischen Texten über die "Freiheit", auf die von mir nicht eingegangen wird.

 

 

2. Die Freiheit in Lied und Dichtung

 

 

"Wohlauf Kameraden aufs Pferd, aufs Pferd

Ins Feld, in die Freiheit gezogen!"

 

Und das Lied endet mit den Zeilen:

 

"Und setzet ihr nicht das Leben ein,

nie wird euch das Leben gewonnen sein!"

 

Friedrich Schiller hat dieses Gedicht geschrieben. Es wird in seinem Schauspiel „Wallenstein“ von Landsknechten gesungen, die im Dreißigjährigen ihr Leben gegen Bezahlung einsetzten und für den Meistbietenden, so würden wir heute sagen, in den Kampf zogen. Auch heute gibt es noch den Beruf des Söldners, wie die modernen Landsknechte heißen. Deren Motivationen sind recht unterschiedlich. Da gab es zum Beispiel nach dem zweiten Weltkrieg jene, die sich an das "Kriegshandwerk" so gewöhnt hatten, dass sie davon nicht lassen wollten und die in der französischen Fremdenlegion willkommen waren. Und dort galt, wie bereits Schillers Freiheitsbegriff in diesen Versen, das "Feld" also die Schlacht, der Kampf um das eigene Leben als der Inbegriff von Freiheit.

 

Dass Friedrich Schiller auch einem anderen idealistischen Freiheitsbegriff huldigte, kommt besonders in seinem "Wilhelm Tell" zu Ausdruck. In diesem Drama ging es sowohl um die Freiheit im Sinne von "Befreiung" als auch um die Freiheit wofür. In diesem klassischen Freiheitsdrama geht es um die Befreiung von Einzelnen aus ihrem unfreien Stand als auch um die Freiheit eines Volkes. Dieses "Freiheitsdrama" wirkte sich maßgeblich auf die Identität des Schweizervolks bis in unsere Tage hinein aus. Die Auswirkungen dieser dichterischen Hymne an die Freiheit auf die politischen Realitäten beweisen die Kraft des Freiheitsideals.

 

Nur wenige Jahrzehnte nach Friedrich Schillers Tod gewann der Freiheitsbegriff erneut eine hohe politische Bedeutung, wie uns die folgende Lieder und Hintergründe ihres Entstehens zeigen:

 

"Freiheit, die ich meine,

die mein Herz erfüllt.

Komm mit deinem Scheine

Süßes Engelsbild!

Magst du nie dich zeigen,

der bedrängten Welt?

Führest deinen Reigen nur am Sternenzelt?"

 

Text von Max von Schenkendorf 1813

In: "Bruder singet" im Auftrag des Arbeitskreises für Hausmusik herausgegeben von Hermann Peter Gericke u. a. erschienen 1951 im Bärenreiter Verlag Kassel

 

Schauen wir auf die Jahreszahl, dann ist jedem klar, dass es hier um die Freiheit Preußens und Deutschlands von der napoleonischen Herrschaft ging. Im Geschichtsbuch steht über dieser Periode "Die Freiheitskriege". Auch hier ist also ganz klar, dass Max von Schenkendorf die Befreiung von der französischen Besetzung beziehungsweise die Freiheit für das deutsche Volk meinte.

 

Einhundertzwanzig Jahre später werden an Lagerfeuern der Jugend und bei Festlichkeiten Erwachsener in Deutschland folgende Verse gesungen:

 

"Nur der Freiheit gehört unser Leben.

Lasst die Fahnen dem Wind,

einer stehe dem andern daneben

aufgeboten wir sind.

Freiheit ist das Feuer,

ist der helle Schein,

solang sie noch lodert,

ist die Welt nicht klein."

 

Von Hans Baumann. Aus: "Wir Mädel singen". Liederbuch des Bund Deutscher Mädel.

 

Wieder ein Gedicht, dass sich recht gut liest und dessen Melodie alle die Jugendlichen, die das einst lernten, nicht vergessen werden. Hans Baumann war Liederdichter der nationalsozialistischen Bewegung in Deutschland, dessen Dichtungen in Büchern wie "Horch auf, Kamerad" herausgegeben von der Reichsjugendführung. Wolfenbüttel und Berlin 2/1937 abgedruckt waren. Der deutsche Nationalsozialismus meinte mit seiner "Freiheit" u. a. die Freiheit von "Zinsknechtschaft", die Freiheit, den Lebensraum der Deutschen erweitern zu können - also für den Eroberungskrieg und die Freiheit für die Herrschaft des deutschen Volkes als Exponenten der germanischen Rasse "über alles in der Welt".

"…erst kommt meine Heimat, und dann die andern vielen, erst kommt mein Volk, dann die Welt"

hieß es in einem Gedicht, das damals bereits jeder Grundschüler lernte.

 

Es erscheint mir bezeichnend zu sein, dass der Freiheitsbegriff in Liedern und Texten gerade fundamentalistischer Ideologien eine herausragende Rolle spielt. In diesen Zusammenhängen sprechen derartige Texte und die dazu passenden Melodien die Gemüter besonders der jungen Menschen an. Was heute die ständig wechselnden Jugend-Musikstile mit ihren jeweiligen Interpreten erreichen, nämlich große Gruppen Heranwachsender bis zur Ekstase aufzupeitschen, dass gelang und gelingt in totalitären Staaten und Gruppen ebenfall mit Hilfe von Texten und Liedern. Dort werden derartige "Techniken" zu einem ganz offenen Programm, wie es zum Beispiel in den fünfziger Jahren der sowjetische Film "Erziehung der Gefühle" zeigte oder wie wir es heute in der rechtsradikalen Szene sehen und hören können..

 

Natürlich hatten auch die politischen Gegner des Faschismus ihr Liedgut. Es hat wohl niemand, der in der DDR lebte, das Lied von den Internationalen Brigaden, die in den dreißiger Jahren gegen Franco in Spanien kämpften, vergessen.

 

"Spaniens Himmel breitet seine Sterne

über unsere Schützengräben aus.

Und der Morgen leuchtet in der Ferne,

bald geht es zu neuem Kampf hinaus.

Die Heimat ist weit

Doch wir sind bereit

Wir kämpfen und siegen für dich:

Freiheit!"

 

Aus: Leben Singen Kämpfen. Liederbuch der Deutschen Jugend. Hrsg.: Alexander Ott im Auftrag des Zentralrats der Freien Deutschen Jugend. Berlin 1954, S. 226

Der Texter dieses Liedes des "Thälmann-Batallions" ist unbekannt. Die Melodie ist von Paul Dessau. So wie in diesem Lied, in dem es um das Recht und die Freiheit der Spanier ging, ihre demokratisch gewählte Regierung zu behalten, findet sich der Freiheitsbegriff in mehreren Texten des Liederbuchs aus der DDR. So im "Buchenwaldlied", wo es um die Freiheit geht, nach der sich jeder Häftling sehnt (S. 222), es geht um die Freiheit von Ausbeutung durch Unternehmer (aus England und den USA, S. 168), oder um Freiheit für die Heimat von fremder Besetzung (aus Griechenland, S. 244) u. a.

 

Dass auch in den patriotischen Gesängen der untergegangenen Sowjet-Union die Freiheit nicht fehlt, darf nun niemanden mehr überraschen. In der DDR wurde "Das Lied vom Vaterland“ gesungen, eine Hymne, die Erich Weinert aus dem Russischen übersetzt hatte. Im Refrain heißt es:

 

"Vaterland, kein Feind soll dich gefährden,

teures Land, das unsre Liebe trägt;

denn es gibt kein andres Land auf Erden,

wo das Herz so frei dem Menschen schlägt..."

 

"Überall die Bahn frei unsern Jungen" und "befreit von Sklavennot und Sorgen" heißt es in anderen Strophen des gleichen Liedes.

 

Diese wenigen Beispiele weisen nach, dass "Freiheit" auf vielen Fahnen geschrieben steht, die Menschen und ganzen Staaten voranflatterten bzw. voranflattern.

Gemeinsam ist all den Kämpfen für oder um eine Freiheit bzw. gegen eine Unfreiheit eine große Tragik: Für die jeweils angesprochene Freiheit ließen und lassen viele Menschen ihr Leben. Und wenn Max von Schenkendorf 1813 ebenfalls mit seinem Gedicht "Freiheit, die ich meine…" an die Freiheitskriege dachte, heißt es sogar in einer Strophe

 

„...Für die Liebsten fallen,

wenn die Freiheit ruft -

das ist rechtes Glühen

frisch und rosenrot

Heldenwangen blühen

schöner auf im Tod..."

 

Einige dieser Opfer und ihre Hinterbliebenen sahen also in ihrem Tod und Leid sogar einen Sinn. Sie waren bereit für eine für sie konkrete, definierte Freiheit zu sterben. So, wie es Schiller auch im "Wilhelm Tell" aussprach:

 

"Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,

Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben."

 

Es bleibt zu hoffen, dass es den jeweiligen Opfern tatsächlich jeweils frei stand und frei steht, für die Freiheit, wie sie sie für sich verstehen, zu kämpfen und zu sterben. Dass sie also auch in Bezug auf diese Entscheidung frei waren. Und das lässt sich wohl für alle jene "Freiheitskämpfer" annehmen, für die Schiller sein Schauspiel verfasste. Vielleicht gilt die Entscheidungsfreiheit auch für die Landsknechte bzw. Söldner unserer Tage, die für jene „Freiheit“ töten und getötet werden, die ihnen von ihren Kriegsherren eingebläut werden, obwohl das nach meinem Verständnis absurd erscheint. Dazu passt der Refrain eines in der DDR viel gesungenen Liedes, in dem es heißt „…vorwärts ist die große Losung – Freiheit oder Tod!“ (Aus „Hold the Fort“ Kampflied englischer und amerikanischer Arbeiter. In: Leben Singen Kämpfen. Liederbuch der Deutschen Jugend. Hrsg.: Alexander Ott im Auftrag des Zentralrats der Freien Deutschen Jugend. Berlin 1954, S. 168

 

 

 

Obwohl um diese, nicht selten zynische, Verwendung eines Begriffs jeder von uns weiß oder wissen müsste, weil wir ihm in unserer Geschichte bereits mehrfach aufgesessen sind, bleibt "Freiheit" positiv besetzt. Auch ich möchte daran nicht rütteln. Immerhin heißt es in unserer Nationalhymne "Einigkeit und Recht und Freiheit" - also auch da spielt Freiheit eine Rolle. Als Hoffmann von Fallersleben 1841 den Text schrieb, ging es ihm und vielen anderen deutschen Patrioten um die Überwindung der Kleinstaaterei in Deutschland aber auch um bürgerliche Freiheitsrechte, wie sie dann in der Revolution von 1848 angestrebt wurden. Seit der Gründung der Weimarer Republik blieb das "Deutschlandlied" bis heute als Nationalhymne erhalten.

 

Ich möchte zum Schluss noch einmal auf Schenkendorfs Gedicht "Freiheit, die ich meine" verweisen, und für diesmal die Betonung auf das "Ich" in der ersten Zeile legen und die Aufforderung daran anknüpfen:

 

Gebrauche niemand den Begriff "Freiheit", ohne hinzuzufügen, was sie/er im genannten Zusammenhang mit "Freiheit" meint und zwar möglichst konkret und bezogen auf die elementaren Lebensinteressen derer, die er anspricht.

 

Vielleicht gibt es einen überzeitlich und allgemein gültigen Freiheitsbegriff.

 

Doch bedarf auch dieser einer Präzision beziehungsweise einer von jedermann auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfbaren Definition. Erst dann lassen sich Missverständnisse und unzulässige Verallgemeinerungen oder Verknüpfungen beziehungsweise Gleichsetzungen vermeiden.

 

 

                                                                                                          Dr. Joachim Rumpf

                                                                                              79733   Görwihl, d. 07.04.2005

 

Interessant ist auch ein Blick auf die allmähliche Verankerung des Freiheitsbegriffs in den deutschen Verfassungen. So wurde in das „Allgemeine Landrecht“, eine Art Grundgesetz für Preußen bereits 1794 Freiheit zugesichert. So die Glaubens- und Gewissensfreiheit (Preußen, S. 481)

 

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