Widerstand als Tugend

 

 

Anlässlich des Feiertages „Tag der Einheit“ 1990 schrieb ich damals:

„Ohne den neunten November 1989 kein dritter Oktober 1990“

 Wenn in diesem Jahre zum zehnten Mal der Tag der Vereinigung von DDR und BRD gewürdigt wird, dann soll noch einmal an die Frage erinnert werden, welcher Tag aus dem Prozess, der zur Einheit führte, Feiertag sein soll. Die damalige Bundespräsidentin hat öffentlich darüber nachgedacht und viele Bürgerinnen und Bürger haben ihre Meinung dazu geschrieben und gesagt. Es waren nicht wenige in West und Ost, die überhaupt keinen Anlass zum Feiern sahen. Einige meinten, man solle erste einmal einige Jahre abwarten, ob die Vereinigung und ihre Folgen, überhaupt Grund für Freude und gutem Gedenken werden würden. Nun, nur wenig Anlass zum Jubel haben zum Jubiläum die meisten derer, denen wir den Fall von Mauer und Stacheldraht an den Grenzen verdanken. Gewiss gibt es einzelne Persönlichkeiten wie zum Beispiel die Herren Eppelmann oder Gauck, die Damen oder Herren, deren Namen für die Bewegung stehen, die dazu beitrugen, das politische System in der DDR zum Abdanken zu zwingen. Doch diese Bewegung von unten, die sich in dem friedlichen Manifest von vier Worten „Wir sind das Volk“ zu Wort meldete, ist der eigentliche Held in der historischen Periode, die den in Ost und West gewählten Politikern die Tore zu Währungsunion und staatlicher Einheit aufstießen.

Erinnern wir uns kurz an die Initiativen, die in gleicher konsequent-friedlichen Weise in den Jahren zuvor in Ost und West Verhältnisse und Entwicklungen zu verändern oder zu verhindern suchten, die viele Menschen als unzumutbar und unerträglich erlebten.

Da haben wir einmal die Gewerkschaft Solidarnosc in Polen, die mit den Mitteln des friedlichen Massenprotests und von Streiks politische Kursänderungen in ihrem Staat erzwangen.

Da fanden zum anderen in der Sowjetunion selbst in den achtziger Jahren Prozesse der Umorientierung statt, dessen Repräsentanten – vor allem Nikolai Gorbatschow  (aus welchen Gründen heraus auch immer) - nicht mehr bereit waren, Betonköpfe in ihren Satellitenstaaten zu unterstützen.

Da denken wir an die Friedensbewegung in der BRD, die unter dem Symbol „Schwerter zu Pflugscharen“ gegen eine Politik der Hochrüstung und für den Dialog zwischen West und Ost eintrat. Diese Friedensbewegung, die mit ihren unterschiedlichen Gruppierungen und in enger Verflechtung mit ökologischen Vereinigungen mehr und mehr in offenem Gegensatz zur Politik der in der BRD regierenden Parteien und tonangebenden Mächte geriet, blieb nicht auf das westdeutsche Territorium beschränkt.

Die Friedensgruppen in der DDR bildeten die Keimzellen, aus denen heraus sich der Mut zum Massenprotest entwickelte. Von großer Bedeutung war in diesem Prozess das Engagement von Geistlichen der evangelischen Kirche. So wie in den Friedensgruppen in der Bundesrepublik nicht selten Pfarrerinnen und Pfarrer eine maßgebliche Rolle spielten und zum Beispiel der evangelische Kirchentag 1989 in Berlin zu einer Demonstration der westdeutschen Friedensbewegung geriet, so war es auch in der DDR. In den Kirchen und bei den Pfarrerinnen und Pfarrern, die Politik und Kirche nicht länger mehr trennen wollten und konnten, fanden die Friedensgruppen Schutz und Schirm. So konnte die Nicolaikirche in Leipzig zu einem Symbol der großen Volksbewegung werden. Selbst wenn, sowohl in der DDR als auch in der BRD – gemessen an der gesamten Bevölkerung – nur eine Minderheit an den Protestbewegungen teilnahmen, so erreichten die Friedens- und Ökologiegruppen eine Sensibilisierung der von ihnen aufgegriffenen Themen. In ihrem Minderheitenstatus unterschieden sich die Friedens- und Ökologiegruppen im Osten wie im Westen keineswegs.

In Bund und Ländern repräsentieren die Machtausübenden Politiker allerdings ebenfalls nur eine Minderheit der Stimmbürger. Je weniger Menschen an Wahlen teilnehmen, umso geringer ist die Basis, von der eine Regierung vom Volk getragen wird. Es regieren zwar die Parteien auf Grund einer verfassungsgemäß korrekten politischen Mehrheit. Real freilich vertreten sie nur eine Minderheit aller Wahlberechtigten. Kein Wunder, dass sie nicht selten an den Interessen ihrer Bürger vorbei regieren und damit  Widersprüche erst auslösen. In West und Ost gibt es eine umfangreiche und sehr differenzierte Geschichte von politischem Protest und Widerstand Einzelner und kleiner Gruppen. Ohne sie wären die Organe des Staatsschutzes hüben und drüben auch arbeitslos gewesen. Doch erst die Friedensgruppen in beiden deutschen Teilstaaten, deren zentralen Ziele im Abbau der politischen Spannungen und der Waffenarsenale der „Blöcke“ bestanden, gewannen immer mehr Öffentlichkeit und Einfluss auf die Haltungen und Einstellungen der Bevölkerung. In der DDR ebneten sie den Weg, der mehr und mehr Menschen zu großem Mut und auf die Straßen führte.

Die herrschenden politischen Parteien hatten daran keinen Anteil. Im Gegenteil: In der DDR wurden Regimekritiker verfolgt und eingesperrt. In der Bundesrepublik wurden engagierte und führende Mitglieder der Friedensbewegung, wenn auch nicht eingesperrt, so doch diskriminiert. Der Fall des Katholiken und Fernsehpublizisten Franz Alt ist der Bekannteste. Beamte, vor allem Lehrer und Hochschullehrer erhielten unmissverständliche Winke ihrer Vorgesetzten, sich zurückzuhalten. Jede/r, der sich bei uns an öffentlichen Demonstrationen beteiligte, sei es, dass er auf dem Marktplatz bei Mahnwachen mitmachte oder in der Kreisstadt an Kundgebungen teilnahm, musste sich von Mitbürgern anhören: „Geh doch nach drüben ...“. Nicht wenige von ihnen vermieden es, sich dort in der Öffentlichkeit zu zeigen oder zu äußern, wo ihre Nachbarn und Kollegen, die Vorgesetzten aus Betrieben und Verwaltungen davon etwas erfahren könnten. Man braucht keine Verbote und Gefängnisse, wenn sich nur Politiker und Meinungsmachende Medien  in ihrer Arroganz, ihrem Unverständnis und ihrem Entsetzen darüber einig sind, dass ein Volksteil, der kritisch und alternativ denkt und handelt, diskriminiert werden muss.

In Ost und West wurde den kritischen, friedensbewegten Bürgerinnen und Bürgern unterstellt, sie würden die Agenten des jeweils anderen Staates sein und deren „Sache“ vertreten. Mit einem Unterschied freilich: Im Osten wurden sie eingesperrt und in ihrer beruflichen und sogar physischen Existenz bedroht – im Westen drohte ihnen  wenigstens keine Haft.

 
Dennoch: Im Bauch der alten DDR rumorte es und es waren Entwicklungen möglich, die weit entfernt lagen von den Klischees, die die Selbstdarstellung dieses Staates oder der Partei in den Köpfen der Zuschauer herausbildeten. Tatsächlich, so sehe ich das heute, waren dergleichen Prozesse in Hochschulen, Betrieben und privaten Zirkeln, eine Voraussetzung für die Bürgerbewegungen, die sich in dem Ausmaß zu Wort meldeten, in dem die jenseits der Grenzen alles beherrschende Sowjet-Union die Zügel lockerte und am Ende auf die Macht verzichtete. Als dann den reformfreudigen Kräften "die Stunde schlug", zeigte es sich, dass das (Fernseh-) Bild vom Westen stärker war, als alle Vernunft und sich im realen Sozialismus kein Bild vom realen Kapitalismus hatte vermitteln lassen. So ließ sich ein Volk stürzen, wie Hans-Joachim Maaz eine Analyse der gegenwärtigen Situation in der ehemaligen DDR überschrieb:

"Die anfängliche Euphorie war schnell der Angst vor Veränderung gewichen (in Ost und West; J.R.) ...

„Freiheit will genutzt sein, sie fordert Entscheidung und Verantwortung. Bereits die Wahlfreiheit zwischen vielen Möglichkeiten ist vielen Menschen hier eine unerträgliche Last und Grund genug, noch lange Zeit im ausgefuchsten System des konkurrierenden Scheins übertölpelt zu werden..." (Aus: Das gestürzte Volk. München 1991, S. 31).“

 ©  Dr. Joachim Rumpf
Görwihl im Februar 2005
August 2011