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Aufsätze zur Zeitgeschichte

 

Rechtes Gedankengut in der Bundesrepublik

 

 

Ein aktuelles Vorwort:

 
Heute, an dem Tag, an dem in der BRD den Opfern einer neofaschistischen Terrorzelle gedacht wird, gehen Politiker auch auf die Versäumnisse in der Vergangenheit ein. Sie bemühen sich um Antworten zum Beispiel auf die Frage, warum keine Strafverfolgungsbehörde, statt im Umfeld der Opfer nach Tätern zu suchen, darauf verzichtete, die rechtsextreme Szene in Deutschland zu verdächtigen. Und das, obwohl entsprechende Hinweise vorgelegen hätten, wie es in einem öffentlichen Kommentar hieß. Nun, die Antwort auf diese Frage steht seit mehr als einem Jahrzehnt hier auf meiner Homepage und lässt sich in der Aussage zusammenfassen: Rechte Gewalt gedeiht auf dem Boden einer Gesellschaft, die auf dem rechten Auge blind ist.

Jedermann konnte auf dieser Seite nachlesen, auf welche  Erfahrungen ich verweisen kann. Geirrt habe ich allerdings in meiner Annahme (siehe unten), dass es sich bei unseren Rechtsextremen beziehungsweise Neonazis lediglich um die verhaltensgestörten Kinder“ in unserer Gesellschaft handelt, ähnlich derer, die bei uns von den Jugendhilfeeinrichtungen betreut werden. Vielmehr handelt es sich um seelisch wie geistig auf das schwerste verkrüppelte Frauen und Männer, die wenigstens ebenso gefährlich sind, wie die sprichwörtlichen Vertreter verbrecherischer Organisationen , die es auf Sizilien geben soll. Entsprechende Analysen werden zeigen, wenn man ihrer habhaft wird und die Ursachen für ihr Verhalten ergründen kann, dass sich ihre menschenverachtende, verbrecherische Haltung entwickeln konnte, weil rechtes Gedankengut in der BRD toleriert wird. Gewiss, nicht toleriert oder gar gefördert durch Verfassungs- oder Gesetzexte. Wohl aber durch Einzelne oder Gruppen, die aus einer rechtskonservativen Einstellung heraus, das Unheil, das von den Neonazis droht, nicht sehen wollen.

23.02.2012

Zwei Bemerkungen voraus:

1.
Die Unterscheidungen von "Links", "Rechts" oder "Mitte" in öffentlichen Diskussionen bzw., in Publikationen aller Art wenn es darum geht, politische Akteure, Organisationen oder Weltanschauungen zu kennzeichnen, sind im Grunde völlig unzureichende begriffliche Hilfskonstruktionen.Sobald man einen genaueren Blick auf irgendein damit gekennzeichnetes Phänomen richtet, wird bemerkt, dass es jeweils so komplex, vielschichtig und differenziert anzusehen ist. Im Grunde ist die bloße Zuschreibung "links" oder "rechts" unzulässig, weil völlig unzureichend.
Sowohl um der Verständlichkeit als auch um der Redlichkeit willen müsste stets genau beschrieben werden, wer oder was und warum es und wie gemeint ist, wenn von der "Linken" oder der "Rechten" gesprochen wird.
Auch für mich ist es unbefriedigend, wenn ich im Folgenden von "rechtem" Gedankengut spreche. Es können damit Haltungen, Einstellungen und Verhaltensweisen gemeint sein, die jeder anders einordnen würde. Die Skala kann dann reichen von "konservativ" (z. B. am Alten festhalten, sich am Hergebrachten orientieren) bis hin zu "rechtsradikal" (z. B. Altem oder Hergebrachtem mit Gewaltaktionen Einfluss zu sichern oder zu schaffen). Es handelt sich nicht in jedem der genannten Einzelbeispiele um "rechtsradikale" Einstellungen. Wohl aber um solche, die nach meiner Überzeugung, dem Rechtsradikalismus Vorschub leisten, da sie sich weder in eindeutiger Weise von ihm distanzieren oder/und sich in Inhalt und/oder Form in seiner Nähe bewegen.

Da jeder, der an einer entsprechenden Interaktion über politische Richtungen teilnimmt, eine andere Auffassung dazu vertreten. wird, halte ich es für zweckmäßig, im Zusammenhang mit derartigen Zuschreibungen, die jeweils eigenen Kriterien offen zu legen.

2.
"Rechts" befinden sich für mich alle jene Personen und Institutionen in einer Gesellschaft, die in politischen, ökonomischen und sozialen Lebenszusammenhängen, Rüstungsindustrie, Aufrüstung, Militär und militärische Subkulturen theoretisch und praktisch fördern bzw. als legitim betrachten.

An diesen Kriterien ist erkennbar, dass alle gesellschaftlichen Systeme, mögen sie als demokratisch oder nichtdemokratisch bezeichnet werden, "rechte" Strukturen enthalten, die durch jeweils geltendes Recht von Staats wegen legitimiert sind. Lediglich ihre radikaleren Erscheinungsformen, wie sie u. a. in totalitären Staatsformen das Leben jedes Einzelnen bestimmen können, sind in den so genannten "westlichen Demokratien" unerwünscht. Darum auch gilt in der BRD jede Glorifizierung des Hiltlerregimes zum Beispiel als Ausdruck rechtsradikalen bzw. rechten Gedankenguts. Ich schließe mich, im Interesse des Verständnisses meiner nachfolgenden Ausführungen, diesem Maßstab an und versuche zu erklären, warum sich dieses Gedankengut in unserer Gesellschaft erhalten hat und zurzeit (im Frühjahr 2009) an Kraft gewinnt.


Anmerkung:
Die folgenden Texte sind im Verlauf von rund fünfzehn Jahren und aus unterschiedlichen Anlässen entstanden und wurden auf dieser Seite zusammengeführt.

 

 

Es gibt immer wieder Anlässe darüber zu staunen, dass sich rechtsradikales Gedankengut in der Bundesrepublick lebendig erhalten hat. Seit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten haben sich ganz offensichtlich derartige Einstellungen und Verhaltensweisen in den neuen Bundesländern - vor allem unter jungen Menschen - verbreitet. Gerade anlässlich des Gedenktages des Bombardements auf Dresden im Februar 1945 fand dort mit über sechstausend Teilnehmerinnen und Teilnehmern die bisher größte Demonstration rechtslastiger Gruppen statt. Und in Tageszeitungen und in den Kommentaren in Funk und Fernsehen wurde nach den Ursachen der offenbar zunehmenden Zahl derer, die sich öffentlich zu derartigen politischen Alternativen bekennen, gefragt.

Für mich erneut ein Grund mehr, darüber nachzudenken. Bereits vor mehr als zehn Jahren legte ich entsprechende Überlegungen vor. Vor dem Hintergrund persönlicher Erfahrungen wurden von mir einige Ursachen benannt und dargestellt. So war es z. B. unter uns Bundesbürgern - meist im privaten Raum - schon seit langem üblich, der deutschen Rechten nicht mit Abscheu, sondern mit Verständnis zu begegnen. Galten sie doch, wie schon im Zweiten Weltkrieg auch in Kreisen der Alliierten. als ein Bollwerk gegen den Kommunismus. Die "Linken" bedrohten in der Vorstellung von politischen Repräsentanten wie Kleinbürgern mit ihrem "Sozialismus" das mühsam ersparte Haus mit Garten, die Werkstatt oder überhaupt das Privateigentum und die Freiheit, Urlaub auf Mallorca machen zu können oder große Konzerne zu schaffen. Die deutsche bzw. internationale Linke war in der deutschen Geschichte noch nie eine ernst zu nehmende Alternative (vgl. dazu die Analyse von Ernst Nolte: Das 20. Jahrhundert. Die Ideologien der Gewalt."München 2008). Der Zwischenfall des "Realen Sozialismus der DDR" war nur unter der sowjetischen Besatzungsmacht und unter dem Schutz und Schirm der Sowjetunion möglich.
Vor derartigen Bedrohungen schützten uns in der BRD am Besten die Gegner der Linken bzw. der Kommunisten. Und die findet man in allen demokratischen Parteien der so genannten Mitte und, natürlich, im rechten Parteienspektrum.

Es ist sicher interessant, hier einmal etwas genauer hinzuschauen.

 

 

1.
Stichwort Rechtsradikalismus: einige persönliche Erfahrungen

Hier ist ein Brief an die Redaktion der GEW-Zeitung vom Anfang 1990, in der Pädagogen aufgefordert worden waren, etwas über ihre Erfahrungen mit rechtem Gedankengut in Schulen zu berichten. Ich habe den Text mit aktuellen Beispielen geringfügig ergänzt, da sich die Situation nach nunmehr mehr als 10 Jahren ja eher noch verschärft hat.
Selbstverständlich erfolgte auf meinen Erfahrungsbericht keine Reaktion.

Bevor ich diesmal die Zeitung abhefte, es ist die erste Nummer in diesem Jahre, möchte ich Ihnen, wenn auch etwas verspätet und nicht zu allen aufgeworfenen Fragen, meine Auffassungen zu dem Thema Rechtsradikalismus mitteilen.
Ich kann Ihnen keine Auskünfte über die Situation an einer bestimmten Schule geben, weil ich bereits vor etlichen Jahren aus dem Schuldienst ausgeschieden bin, um in anderen pädagogischen Feldern zu arbeiten. Meine Erklärungen für öffentlich demonstrierte zunehmende rechtslastige Tendenzen im Denken und Verhalten von jungen und alten Mitbürgern in beiden Teilen Deutschlands beruhen auf eigene Erfahrungen aus verschiedenen Lebensbereichen und gehen zurück bis in die Kriegs- und Nachkriegszeit, die meine Kindheit und Jugend prägten.

Ich beginne mit Beispielen:
Als in Thüringen "Neulehrer" an die Stelle der entlassenen oder nicht wieder aus dem Kriege heimgekehrten alten Lehrer eingestellt wurden und die Antifa-Jugend (aus der die FDJ erwuchs) und wenig später die Pionierorganisationen (ursprünglich "Kinderland") in den Schulen zu wirken begannen, stießen sie auf verbreitete Ablehnung. Für den Schulleiter einer großen Schule in Pößneck, parteilos vor und nach 1945, waren zum Beispiel Neulehrer und der erste Pionierleiter an seiner Schule, der 1948 eingestellt wurde, Spitzel der (sowjetischen) Besatzung und ihrer Helfershelfer (den Kommunisten bzw. der SED). Alle alten (aus der Zeit von vor 1945 übernommenen) Lehrerinnen und Lehrer an dieser Schule teilten seine Auffassung, eine Einstellung, die noch 1953 eher mehr als weniger Anhänger fand.

Das Beispiel aus einer Schule deutet auf die prinzipielle Ablehnung, die in den Köpfen der meisten DDR-Bürger der aufgezwungenen politischen Gestalt dieses Staates gegenüber von Anfang an bestand.
Stattdessen traf ich Lehrer, aber auch Arbeiter und Angestellte in Betrieben, die am liebsten von ihren Kriegserlebnissen erzählten. Nicht einer von den vielen (es sei denn, sie gehörten selbst zu den Verfolgten des Naziregimes) mit denen ich in diesen Jahren zusammenlebte und arbeitete, äußerte je ein Wort des Bedauerns oder gab zu erkennen, dass das, was während des Krieges in Deutschland oder außerhalb geschehen war, Unrecht gewesen sei. Die "Bösen" waren stets die anderen. Und ich hatte Verständnis dafür, da mich die amerikanischen Bomber Nacht für Nacht gelehrt hatten, was Todesangst ist. Ursachen und Folgen allen Erlebens im "Dritten Reich" erfuhren unbewusst oder bewusst Deutungen, die ein ruhiges Gewissen, ja anhaltende Empörung über das uns Deutschen zuteilgewordene Schicksal ermöglichten. Allerdings konnten derartige Überzeugungen mit zunehmendem Alter der DDR dort drüben nicht mehr öffentlich geäußert werden. Eine offene Auseinandersetzung mit dem Ziel, zu differenzieren und uns Deutschen zu ermöglichen, die Erfahrungen mit Nationalismus, faschistischem Gedankengut oder Schuld und Sühne so zu verarbeiten, dass eine neue deutsche demokratische Identität ermöglicht worden wäre, fielen Interessen der kalten Krieger auf beiden Seiten zum Opfer. Die neuen Feindbilder, die aufgebaut wurden, blieben - vor allem im Westen - die alten. Man braucht sich nur Adenauers Reden anzuhören oder an den irrwitzigen Mc. Carthy in den USA zu erinnern.

Eine interessante Folge der in der sowjetisch bestzten Zone in den ersten Nachkriegsjahren "Entnazifizierung", führte zur Entlassung vieler aktiver Nazis und ihrer Mitläufer aus ihren Positionen in Wirtschaft und Verwaltung. Sicher, auch in den drei Westzonen wurde "entnazifiziert". Vor allem aber in der englischen und amerikanischen Zone gingen die Besatzungstruppen nicht gar so rigoros vor. Und bereits 1957 konnte mir ein ehemaliger "Zwölfender" (ein Berufssoldat, der sich für zwölf Jahre Militärdienst verpflichtet hatte) sagen: "ich gehe rüber in den Westen. Da kriege ich wenigstens meine Pension." Er war überzeugter Militär und Nazi geblieben und wie er gingen viele, die wegen ihrer Nazivergangenheit in der Sowjetzone keinen Stich mehr machen konnten, in den Westen. Hier waren sie in den Aufbaujahren willkommen und, sofern sie zu den Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten gehörten, durften sie sich sogar in "Vertriebenenverbänden" organisieren und revanchistisches Gedankengut pflegen (Bad. Zeitung v. 10.11.2007).

Natürlich waren die alten Seilschaften auch im öffentlichen Dienst geblieben - oder, nach kurzer Zwangspause, wieder eingestellt worden. Ein interessantes Beispiel hierfür stellt das BKA dar, das zur Zeit die eigene Vergangenheit versucht aufzuklären. Es wird dort zwar weniger von rechten Überzeugungstätern ausgegangen als eher von Karrieristen, deren ihre eigenen rechts-konservativen und rassistischen Vorurteile im Polizeiapparat mehr nützen als schadeten Wolfgang Harms/dpa: "Die Polizei, ein williger Helfer der Nazis" (BZ v. 03.11.2007).

Stefan Geiger schrieb:
"Was sollte man von Richtern (im Nachkriegsdeutschland West J. R.) halten, die Kommunisten wegen ihrer Überzeugung drakonisch straften, gleichzeitig aber dafür sorgten, dass kein einiziger der vielen Nazirichter je verurteilt worden ist, ausgerechnet mit der Begründung, dass die in der Diktatur nur dem Gesetz unterworfen und ihrem Gewissen verantwortlich gewesen seien." (In der Stuttgarter Zeitung vom 29. Dezember 2007, S. 49).

Oder denken wir an die vielen Richter, die - ob mit Parteibuch oder ohne - Hitlergegner, Pazifisten, Kriegsdienstverweigerer oder die, die den Mut hatten zu desertieren, gnadenlos dem Henker auslieferten, ohne je dafür in der BRD zur Rechenschaft gezogen zu werden! Dann dürfen wir heute nicht überrascht sein, dass Rechtfertigungsjuristen und andere rechts-konservative Kreise, wie zum Beispiel bestimmte studentische Verbindungen, noch immer meinen: es sei ja alles nicht so schlimm gewesen... (vgl. dazu die Ausstellung "Was damals Recht war..." in der Universität Freiburg (BZ vom 05.11.2008: Interview mit dem Militärhistoriker Wolfram Wette).

 

Einen sehr überzeugenden und gut belegten Beitrag über die durchaus erfolgreichen Bemühungen von nationalsozialistischen Überzeugungstätern in der jungen Bundesrepublik politisch Fuß zu fassen und Einfluss zu nehmen, bietet Ulrich Hermann an. Am Beipiel des SS-Führers Werner Best, neben Himmler und Heydrich zeitweilig wichtigster Beamter in SS und Sicherheitsdienst (SD), weist Hermann nach, wie Best und seine Gesinnungsgenossen nach 1949 ihren Wiederaufstieg organisierten und hierbei die vorhandenen demokratischen Parteien unterwanderten (Hermann, Ulrich: Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft 1903 - 1989, Bonn 2001, bes.: S. 464).

Oder denken wir an das Diplomatische Corps. Jahrelang galten Außenministerium und die deutsche Diplomatie sogar als ein Hort des Widerstandes. Immerhin waren Vertreter aus dem Auswärtigen Amt an der Vorbereitung des Attentats auf Hitler beteiligt und mussten ihre Mitwisserschaft mit dem Tode bezahlen. Eine international besetzte Historikerkommission ging der Frage nach ob und wieweit das Auswärtige Amt während der Nationalsozialismus am Widerstand gegen Hitler beteiligt war. Es stellte sich heraus, "das Auswärtige Amt war an allen Maßnahmen der Verfolgung, Entrechtung und Vertreibung und Vernichtung der Juden von Anfang an aktiv beteiligt" (Eckart Conze, Kommissionsleiter). Trotz ihrer Beteiligung an Verbrechen machten nach dem Kriege in der Bundesrepublik weiterhin viele Diplomaten Karriere im Auswärtigen Amt. Es war ein Streit um die Nachrufe auf derartige Verdienstvolle" Beamte, die den ehemaligen deutschen Außenminister Joschka Fischer veranlassten, eine Historikerkommission zu beauftragen, wie denn die Realität zwischen 1933 und 1945 ausgesehen habe.

Informationsquelle: Christoph Sator / dpa in: Badische Zeitung v. 25. Oktober 2010, S. 4 In Buchform: Conze, Eckart u. a.: "Das Amt und die Vergangenheit" Berlin (Verlag Blessing) 2010

 

So war es kein Wunder, dass ich in den fünfziger Jahren in Baden-Württemberg auch hier auf Menschen mit entsprechenden Haltungen stieß; sowohl in den Betrieben als auch im Schulwesen und im politischen Raum. Der auffallende Unterschied zur DDR war (und blieb) lediglich der, dass entsprechende Meinungen am Arbeitsplatz, an Stammtischen, in den Seminaren an der Pädagogischen Hochschule und in Veranstaltungen bestimmter (auch im Parlament vertretener Parteien) - also öffentlich - vertreten wurden.

Weitere Beispiele:
Oberlehrer Paul W. war wegen einer hohen Position im Hitlerreich erst 1952 wieder in den Schuldienst eingestellt worden, nachdem er zuvor fünf Jahre als Hilfsarbeiter in einer Textilfabrik sein Brot verdient hatte. Der Lehrer hätte noch 1960, als ich ihn kennen lernte, seine Position bei Hitler wieder antreten können. Aus seiner Ablehnung, irgendwelche Mitschuld an der Vergangenheit zu übernehmen, machte er nie einen Hehl. Auch nicht im Kreise seiner Parteifreunde (wieder: eine Regierungs- und keine rechtsradikale Partei!). Vermutlich wäre er dort auch mit anderen Auffassungen geächtet worden.

1970 versicherten mir ein Schulleiter und ein Bürgermeister in bestem Einvernehmen, dass die Geschichte von der Ermordung von sechs Millionen Juden der größte Schwindel gewesen sei, den sich die Feinde Deutschlands ausgedacht hätten. "Wir haben höchstens drei Millionen umgebracht", erklärten mir die beiden älteren Herren; bis 1945 Offiziere der Wehrmacht und nach dem Kriege CDU- Mitglieder.

1973 trat ich zu einer Fachgruppenprüfung (Lehramt an Realschulen) im Fach Deutsch an. Unter dem Eindruck des Prüfungsverlaufs (Vorsitzender der Kommission des Oberschulamtes war ein ca. sechzigjähriger Gymnasiallehrer) verfasste ich noch am gleichen Tage eine Notiz. Aus dieser der folgende Text:
"Der Vorsitzende schaut sich die Themenschwerpunkte an: "Exilliteratur 1933 bis 1945" (unverständliches Kopfschütteln) Und mit verhaltenem Zorn: "Was haben Sie sich denn dabei gedacht?" Und ohne auf Antwort zu warten: "Na, ist ja auch Ihre Sache." Er beginnt dann mit Fragen über Schillers Ästhetik und ignoriert die Schwerpunkte, zu denen auch Leben und Werk Heinrich Heines zählte..." (ich bestand die Prüfung dennoch).

Ich kenne noch mehr Pädagogen mit solchen Einstellungen. Es sollte aber nicht der Eindruck entstehen, als seien in unseren Schulen überwiegend Lehrerinnen und Lehrer tätig, die es immer noch nicht geschafft haben, die Jahre von 1933 bis 1945 als dunkles Kapitel deutscher Geschichte zu erkennen und die entsprechenden Lehren für ihre eigene Haltung daraus zu ziehen. So gab es in den Jahren des Widerstandes gegen die Nato-Nachrüstung viele Lehrerinnen und Lehrer, für die das Eintreten gegen Atomraketen gewachsen war unter anderem aus der eigenen kritischen Beschäftigung mit der deutschen Vergangenheit, die nun die Vergangenheit der Elterngeneration war.

Ich selbst lehrte ab 1976 zwanzig Jahre an der PH in Freiburg und weiß, dass gleich mir, die meisten anderen Kolleginnen und Kollegen, die künftigen Lehrerinnen und Lehrer ermunterten, sich das eigenständige und vor allem kritische Denken nicht mehr austreiben zu lassen. Dies galt auch für die Themen die sich der deutschen Vergangenheit widmeten. Doch kenne ich nur wenige, die in unserem Bildungswesen Einfluss und Macht haben, die sich öffentlich vom Nationalsozialismus distanziert und eine entsprechende, die deutsche Vergangenheit kritisch würdigende oder gar eine ausgesprochen antifaschistische Haltung von Erziehern und Lehrern aller Schularten gefordert hätten. Wenn sich stattdessen einer mit großem Engagement als Pazifist (für mich gleich Antifaschist) zu erkennen gibt, dann drohen ihm Schwierigkeiten, wie das folgende Beispiel zeigen soll:
Einem Hochschullehrer in Freiburg, der als Exponent der Friedensbewegung öffentlich auftrat, wurde 1984 vom Kultusministerium des Herrn Mayer-Vorfelder angedroht, dass ihm die Prüfungsberechtigung für staatliche Prüfungen entzogen wird, wenn er sich weiterhin so engagiere. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zurückzunehmen. Ohne Prüfungsberechtigung hätten die meisten Studentinnen und Studenten seine Vorlesungen oder Seminare gemieden.

Im Gegensatz zu diesem Professor steht mir ein anderer Kollege vor Augen. Auch er vertrat ein erziehungswissenschaftliche Disziplin, war sehr sympathisch und voller Verständnis für seine Studentinnen und Studenten und sehr beliebt. Von Haus aus war er ein engagierter Philosoph katholischer Schule. Seine Studienzeit begann kurz vor dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges, an dem er dann als Soldat teilnahm. Als ich ihn in den siebziger Jahren kennenlernte war er bereits über fünfzig Jahre alt, als Fachmann sehr kompetent und bei seinen Kolleginnen und Kollegen hoch angesehen.
Im privaten Raum erzählte er gern von seinen Kriegserlebnissen, der Gefangenschaft und der Nachkriegszeit. Dabei zeigte er sich nicht nur als Gegner von Kommunisten - wenn das Gespräch auf die DDR oder linke Positionen kam, wurde er fuchsteufelswild - sondern zeigte Verständnis für den Hitlerfaschismus. Er gehörte zu jenen, die noch heute der Überzeugung nachhingen, dass die Alliierten besser mit den Deutschen gegen die Sowjetunion hätten marschieren sollen, statt eine bedingungslose Kapitulation zu fordern.

Wohlgemerkt: Dieser Hochschullehrer vertrat in dieser seiner Rolle keineswegs rechtsradikale Positionen. Es ist aber selbstverständlich, dass er kein Antifaschist war und schon gar nicht ein entsprechendes Gedankengut unterstützte. Nicht einmal für ein liberales Demokratieverständnis hatte er etwas übrig. Derartige rechtskonservative Positionen hatten in der BRD der fünfziger und sechziger Jahre Hochkonjunktur. In Ihrem Schatten gedieh - mehr oder weniger toleriert - revanchistisches und neofaschistisches Gedankengut - auch in der Lehrerschaft. Es war ein Studienkollege, der mich eingeladen hatte, mit ihm an einer (Gründungs?-) Versammlung der rechten Partei "NPD" in der Gaststätte "Lasser" beim Engelplatz in Lörrach teilzunehmen.

Diese Beispiele bestätigen, dass längst nicht alle Deutschen es geschafft haben, die politische Geschichte unseres Volkes bis 1945 als einen Irrweg zu begreifen und für ihr ihre Haltung und ihr Handeln die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen. So wird es verständlich, dass es der Schule nicht gelang, alle Heranwachsenden prinzipiell misstrauisch zu machen gegenüber allen, die Ideologien anzubieten haben, die sich gerne mit Uniformen und Orden schmücken und bei Marschmusik patriotische Gefühle bekommen oder gegenüber jenen, die an Kriegerdenkmälern den Opfern einer verbrecherischen Politik gedenken und dabei alle die aussparen, die den Mut hatten, sich zu verweigern.

Für mich liegt eine der Ursachen, vielleicht sogar die entcheidendste, die zu den Unruhen und zum Aufbruch der "Achtundsechziger" führten, in der Unfähigkeit der Elterngeneration, sich ihrer Verantwortng für den deutschen faschistischen Unrechtsstaat zu stellen und sich dafür zu entschuldigen. Es gab kein Schuldbewusstsein, und das musste die junge Generation zutiefst verstören und gegen diejenigen aufbringen, die nicht nur ihre Macht sondern auch ihre alte Gesinnung bewahrt hatten.

So ließen sich viele Beispiele gewollter und ungewollter Unterlassungen, Duldungen aber auch Unterstützungen im bundesdeutschen Alltag nennen, die zeigen, warum rechtsradikales Gedankengut am Leben blieb. Über eine soziale Gruppe, die sich hier besonders hervortut, wurde in einer Magazinsendung eines Fernsehsenders am 04. April 2001 berichtet. Es konnte nachgewiesen werden, dass in studentischen Verbindungen (hier am Beispiel Marburger Burschenschaften) rechtsradikales Gedankengut gepflegt wird und Neonazigruppen von dort her wohlwollende Förderung erfahren. Nun sind die Studentenverbindungen weder eine neue Erscheinung noch ist während der vergangenen fünfzig Jahre daran zu zweifeln gewesen, dass in einigen von ihnen "wertkonservatives" Gedankengut gepflegt wurde. Die in diesen Kreisen bestehenden sozialen Kontakte verhalfen, gleichsam als "Seilschaften" ihre Mitglieder zu einflussreichen Positionen in Wirtschaft, Politik und Justiz. Auch für diese Aussage liefert die Biographie "Best" von Ulrich Herbert eine Fülle an Belegen (Herbert 2001, bes. S. 51-69).

 

2.
Weitere Beispiele aus der Nachkriegsgeschichte,
die belegen, dass rechtes Gedankengut von Persönlichkeiten, die für die Gestaltung des politischen Lebens in der BRD Bedeutung hatten, gepflegt und öffentlich vertreten wurde:

In einer Talkshow am 17. Dezember 2005 über das Thema "Weihnachten 1945" diskriminierte Frau Annemarie Griesinger, eine ehemalige CDU- Ministerin pauschal alle Jene, die von den Besatzungstruppen zu Leitungsaufgaben in Wirtschaft und öffentlicher Verwaltung herangezogen wurden. Diese Kommunisten, so sagte sie sinngemäß, seien unfähig gewesen und hätten ein großes Durcheinander angerichtet. Tatsächlich hatten sich viele Kommandanten der Besatzungstruppen beim Aufbau einer zusammengebrochenen und von Nazis durchsetzten Verwaltung an diejenigen Deutschen gewandt, die das Kriegsende als "Befreiung" erlebten, sei es dass sie in Zuchthäusern oder Konzentrationslagern, in der Illegalität oder Emigration waren. Und weil Hauptgegner der deutschen Faschisten die deutschen Kommunisten waren, kamen auch von diesen, vorübergehend oft, zu Aufgaben, für die sie nicht ausgebildet worden waren. Viel können es nicht gewesen sein, da die meisten in Konzentrationslagern gestorben waren.
Im Übrigen aber war das im Nachkriegsdeutschland schon darum eine allgemein verbreitete Erscheinung, weil es einen enormen Mangel an Fachkräften gab.
Bezeichnend erschien mir, und darum erwähne ich die Auslassungen der Frau Griesinger in diesem Zusammenhang, dass sie ihre Genugtuung darüber zum Ausdruck brachte, dass mit den Gemeinderatswahlen von 1946 jene bürgerlichen Eliten wieder zur Macht kamen, die, wie ihre offenbar die Angehörigen ihrer Familie, zwar keine Nazis waren, wohl aber "in treuer Pflichterfüllung für ihr Vaterland" gearbeitet hatten und (wie zwei ihrer Verwandten) deren Söhne auch für Hitler gefallen waren. Für jene - es wurde von den Geschwistern Scholl berichtet - die gegen Hitler kämpften, fand sie kein Wort der Trauer, des Bedauerns oder gar der Scham. Diese bürgerlichen Kreise, die hier gemeint waren, nicht selten gehörten sie den beiden christlichen Kirchen an, tolerierten die Hitlerdiktatur. Sie duckten sich weg und sahen zu, ihre Haut zu retten.
Ich will auf diese keinen Stein werfen. Auch sie hatten früher oder später und mehr oder weniger aus innerer Überzeugung am Aufbau demokratischer Strukturen im Nachkriegsdeutschland mitgewirkt. Aber ich wehre mich gegen jede Verunglimpfung all jener, die nach dem Kriege Aufgaben übernahmen, die die Situation gebot, ob sie dafür ausgebildet worden waren oder nicht. Und wenn sie Antifaschisten waren, dann gebührt ihnen besondere Anerkennung.

Am 21. November strahlte der SWR 2 eine Sendung aus, in der über Argentinien als Eldorado für aktive Nazis und Kriegsverbrecher berichtet wurde. Unter anderem kam Uki Goñi zu Wort aus dessen Buch aus dem Jahre 2006 "Odessa - Die wahre Geschichte" zitiert und auf einen Repräsentanten bundesdeutscher Politik und Gesellschaft verwiesen wurde. Ich wählte die folgenden Passagen aus dieser Sendung aus, weil sie in typischer Weise eine Grundhaltung erhellen, vor deren Hintergrund rechtes Gedankengut gedeihen durfte.

"Eine Langfassung (eines auf einer Fachtagung gehaltenen Referats) präsentierte Heinz Schneppen 2007 in seinem Buch Mythen der Zeitgeschichte. Darin behauptet er, Peróns Einwanderungspolitik habe "kaum ideologische", sondern vielmehr "handfeste materielle Motive" gehabt, selbst dem SS-Mann Fuldner sei es lediglich um die Anwerbung von "Fachkräften" für die argentinische Industrie gegangen. Schneppen rechnet auch die Zahl der NS-Kriegsverbrecher deutscher und österreichischer Herkunft in Argentinien weiter herunter und kommt nur noch auf "exakt 23 Personen", für die zudem "die Unschuldsvermutung des deutschen Strafrechts gelten" müsse, da nur fünf davon wirklich "rechtskräftig verurteilt worden" seien. Dass Massenmörder wie Eichmann und Mengele in Argentinien Jahrzehnte lang unbehelligt blieben, ist für Schneppen kein politischer Skandal, für den die Regierungen Deutschlands und Argentiniens Verantwortung tragen, sondern eine Folge der komplizierten juristischen Verfahren und Auslieferungsbestimmungen.

Uki Goñi ( Autor des Buches: nennt andere Gründe: So hätten zum Beispiel die deutschen Botschafter Werner Junkers und Ernst Günther Mohr, die in den fünfziger und sechziger Jahren in Buenos Aires die Auslieferung von NS-Verbrechern hätten betreiben sollen, möglicherweise deshalb kein allzu großes Interesse daran gehabt, weil auch sie schon vor 1945 dem NS-Regime als Diplomaten gedient hatten. Argentinische Staatsanwälte hätten zudem nachweislich kompromittierende Akten von Kriegsverbrechern in ihren Safes verschwinden lassen und durch die öffentliche Ankündigung bevorstehender Ermittlungen den Naziflüchtlingen die Möglichkeit geboten, sich rechtzeitig ins benachbarte Paraguay abzusetzen. Auch das diktatorisch regierte Paraguay wurde zu einer Hochburg für untergetauchte NS-Verbrecher in Lateinamerika. Und kein anderer als der Historiker Heinz Schneppen amtierte dort von 1989 bis 1993 als deutscher Botschafter."

Juden raus - Nazis rein -
Argentinische Fluchthelfer und deutsche Kriegsverbrecher
Nazikollaborateure in der Dritten Welt (3)

Autor: Karl Rössel
Regie: Tobias Krebs
Redaktion: Udo Zindel
Sendung: Freitag, 21. November 2008, 8.30 Uhr, SWR2

Doch wäre es ein Irrtum anzunehmen, dass die in der Bundesrepublik der ersten Nachkriegsjahrzehnte fehlende kritische Auseinandersetzung mit dem deutschen Faschismus in der offiziellen Kulturpolitik für den zurzeit offen zutage tretenden Rechtsruck allein verantwortlich wäre. Die Bilder aus Rumänien, Erscheinungen des realen Sozialismus in der DDR, die Diktaturen in Mittel- und Südamerika, die Haltung bestimmter Gruppen gegenüber den farbigen Mitbürgern in den Vereinigten Staaten, die "ethnischen Säuberungen" in vielen Teilen der Welt oder die Herausbildung eines aggressiven religiösen Fanatismus in den USA und in islamischen Ländern sind Beispiele dafür, dass es in allen Kulturen und Völkern psychopatische Anführer, Heydrichs, Himmlers, Bests, Eichmanns und viele kleine KZ-Sadisten und die dazugehörenden Militärs und Rechtfertigungsjuristen gibt. Es brauchen sich nur die entsprechenden Bedingungen herauszubilden: und schon erhalten Menschen mit den entsprechenden Einstellungen, Eigenschaften und Verhaltensdispositionen gute Chancen. Übrigens auch in Israel und erst recht in den USA, wie wir es am Beispiel der Bush-Administration in diesen Jahren erleben.

Dass in unserem Lande, trotz der historisch so besonders günstigen Voraussetzungen für das Gedeihen von Ideologien und totalitären Machtstrukturen der Rechtsradikalismus keine breiteren Wählerschichten fand, ist für mich verständlich: Unser Reichtum bewahrte uns vor totalitären Verführungen. Niemand möchte den derzeitigen Wohlstand aufs Spiel setzen.
Und unseren großen Volksparteien gelang es, unter anderem weil sie lange Zeit hindurch den deutschen Antifaschisten, den Widerständlern und Verweigerern, die nicht in ihre politischen Farben passten, ein ehrenvolles Andenken verweigerten, auch die Wähler von "rechten Rand" (und das sind sehr viele) zu integrieren.

In dem Maße aber, indem sich die ökonomischen, politischen und sozialen Rahmenbedingungen (auch) bei uns entsprechend ungünstiger entwickeln, da nicht alle in gleicher Weise am Wohlstand teilhaben und soziale Unterschiede noch krasser werden, wird der Rechtsradikalismus zunehmen. Unter den "rechtslastigen Bürgern", die ich kenne, gehören einige, die nicht am allgemeinen Wohlstand partizipieren, die unzufrieden sind und die sich nach einem starken Mann und straffer staatlicher Reglementierung aller Bürger sehnen, aber nicht die Kraft haben, ihr eigenes Leben in Ordnung zu halten. Erzieher und Lehrer werden diese Entwicklung vor allem dann zu spüren bekommen, wenn sie Positionen vertreten, die den ideologisch verbogenen Eltern oder Jugendlichen nicht passen. Intoleranz und Verfolgung Andersdenkende als Spezifikum des Totalitarismus jeglicher Couleur und gern praktiziert von den Menschen, die sich zu kurz gekommen wähnen oder die benachteiligt sind, werden sich - wie bis 1945 wohl vertraut - besonders in Schule und Hochschule austoben.

Ein Mensch mit radikalen Einstellungen und Neigungen ist m. E. vergleichbar mit einem verhaltensgestörten Kind in einer Schulklasse: Verhaltensauffälligkeiten sind immer (auch) ein Signal dafür, dass dieses Kind in Not ist, dass in dessen Familie etwas nicht stimmt. Die Wahl von Politikern mit radikalen Positionen deutet auf Probleme in der Gesellschaft, aus der die Wähler kommen. Dass bei uns in Deutschland in derartigen Situationen nach wie vor mit Vorliebe rechte bzw. gegen Links gerichtete (sozialistische) Positionen bevorzugt werden, das liegt, wie die Beispiele zeigten, in unser aller Verantwortung. Wir haben uns und unseren Kultusbehörden wie den Vertretern in Politik und Wirtschaft vorzuhalten, dass wir uns nicht entschieden genug von den Nazis distanziert haben und statt dessen sie und ihre Helfershelfer im Regelfalle wieder zu Amt und Würden kommen ließen (obwohl sie sich nicht die Spur geändert hatten).
In Stuttgart gibt es sogar eine Sporthalle, die nach einem Deutschen benannt wurde, der SS-Mann und Führer der faschistischen Studentenschaft in Prag während der deutschen Besetzung gewesen war, sich auch nach dem Kriege stolz dazu bekannte und sich nicht von dieser Vergangenheit distanzierte.
Das tat auch ein deutscher Ministerpräsident nicht, nachdem bekannt wurde, dass er Heeresrichter gewesen sei und in dieser Eigenschaft an Todesurteilen mitgewirkt hatte.
Und wenn man in Deutschland sorgfältig prüft, wer (welche Politiker) die Position der US-Administration im Zusammenhang mit dem Überfall auf den Irak unterstützt, dann, so mein Eindruck, trifft man auf die Gesinnungsgenossen dieser Personen.

Dennoch bin ich guten Mutes: Da uns nationalistisches Denken zwei verlorene Kriege bescherte und wir erlebt haben, dass wir im friedlichen wirtschaftlichen Wettstreit besser fahren (sofern wir die drohenden Umweltzerstörung aufhalten können), werden die Rechten im Lande kaum zu Mehrheiten kommen. Die alten Nazis verzehren inzwischen ihre Pensionen und sterben ab. Ihre Erben sind gleichsam unsere "verhaltensauffälligen Kinder". Kümmern wir uns also um sie! Da sehe ich viele Möglichkeiten: Aufklärung (also gründliche, zu kritischem Denken befähigende Bildung für alle), eine gezielte Medienarbeit in allen Schulstufen oder auch: soziale Gerechtigkeit gehören zu diesen Möglichkeiten. Hoffnung machte der dreizehnte Februar 2003, als sich überall in Deutschland und darüber hinaus in vielen Orten der Welt Kriegsgegner versammelten, um gegen einen drohenden Irakkrieg die Stimme zu erheben. Es entwickeln sich neue Formen des Widerstandes gegen Kriegstreiber und Ideologen, die arme Teufel, wie die Soldaten, die den Irak besetzten, im Namen der Freiheit (wessen?) opfern und die getöteten Zivilisten nicht zählen.


 

 

erste Fassung vom Januar 1990
Dr. Joachim Rumpf
im November 2008
im Oktober 2010


 

3.

Über das, was in Erziehung und Bildung getan werden kann, um rechtem Gedankengut und den entsprechenden Subkulturen in unserer Gesellschaft zu begegnen, wurde in einer Sendung des SWR 2 gesprochen.
Hier ein Auszug von gut gemeinten Beiträgen des Professors Scherr:

"Ich würde den Lehrern zu allererst mal empfehlen, sich sowohl
a) inhaltlich - wie auch methodisch-didaktisch spezifisch zu qualifizieren für das Thema. Weil die Frage: Was kann ich tun? Immer nur beantwortbar ist, wenn man sich klar macht, was sind eigentlich meine Fähigkeiten im Umgang damit? Und ich würde Lehrern
b) unbedingt raten, sich mit einschlägigen Initiativen im Bereich der außerschulischen Bildung oder auch der antirassistischen Aktivitäten in Verbindung zu setzen, um überhaupt mal den Horizont zu erweitern im Hinblick auf die Frage: Wo liegen Ansatzpunkte?

Das Problem liegt nicht auf der Ebene der Zahlen und Fakten, das Problem liegt auf der Ebene wie begreife ich meine eigene Zugehörigkeit, welchen Stellenwert hat es für mich Deutscher, Deutsche zu sein, welche Vorstellung von Gesellschaft hab ich, wer gehört dazu, wer gehört nicht dazu?Das heißt, der Ansatzpunkt ist die Frage, wie begreifen die Menschen ihre Zugehörigkeiten, mit welchen Abgrenzungen operieren sie und mit welchen Vorstellungen von höher -und niederer Wertigkeit operieren sie?"

"Zwischen Verbot und Verständnis"
Vom Umgang mit rechtsextremen Jugendlichen

Autoren: Anja Schrum und Ernst-Ludwig von Aster
Redaktion: Christoph König
Sendung: Samstag, 15. November 2008, 8.30 Uhr, SWR 2

Albert Scherr ist Professor für Soziologie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg.

 

Für mich steht außer Frage, dass diese Herausforderung ein Berufspädagoge in der gleichen Weise annehmen kann, wie jede andere:
Beziehung schaffen, Vorbild sein und eine annehmende, akzeptierende Haltung leben. Jene Prinzipien, die unter dem Thema "Grundbedürfnisse von Kindern" auf der Homepage rumpfs-paed.de näher dargestellt wurden, können sich auch in der Begegnung mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen bewähren.

Diese Aufgabe wird in dem Maße erschwert, in dem die Realität in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft die Reichen und Mächtigen zu begünstigen und zu schützen scheint. Vor allem hat unser Rechtssystem hier offenbar erhebliche Defizite. Genau so wenig, wie es gelingt, Verkehrssündern mit entsprechenden psychischen Dispositionen (Überheblichkeit, Arroganz, Rücksichtslosigkeit oder Egozentrismus) den Führerschein gänzlich zu entziehen, vermag der Gesetzgeber Persönlichkeiten mit derartigen asozialen Eigenschaften, zu denen oft noch Macht- und Geldgier hinzukommen, den Zugang zu Schlüsselstellungen in Wirtschaft, Politik oder Kultur zu verwehren. Wer oder was damit gemeint ist, wird in der Seite über die "reale Demokratie" illustriert.

Joachim Rumpf,
22.11.2008

 

 

 
4.

Die Gründe für politischen Radikalismus hat die reale Demokratie bei sich selbst zu suchen.

Verdruss und Frust werden genährt durch Erscheinungen von Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung in unserer Gesellschaft. Unsere Tageszeitungen sind voll von derartigen Berichten. Da liegt vor mir die Badische Zeitung vom 17. Februar 2009. Auf der Seite 15 haben Meinrad Heck und Christoph Ries im Wirtschaftteil einen ausführlichen Beitrag über das Verhältnis der Betreiber von "Postagenturen" zur Post-AG eingebracht. Die "Postagenturunternehmer…kämpfen einen schier aussichtslosen Kampf gegen den mächtigen Konzern" heißt es. Gemeint sind - vermutlich durch ein von der Post-AG den Agenturbetreibern, meist kleine Geschäftsleute wie Lebensmittelhändler, Inhaber von Elektrogeschäften oder Schreibwarenhandlungen, zur Verfügung gestellte Computersoftware verursachte Abrechnungsdifferenzen zu Lasten der Agenturen. Am Beispiel eines Falles wird in dem Aufsatz geschildert, mit welchen Mitteln die Post vermeintliche "Bargelddifferenzen", die sich hier einschließlich von Gerichtskosten auf 21.051,95 Euro summierten, einzutreiben sucht.
In der gleichen Zeitung auf der Rückseite (S. 16) ist die Burg Tonno in der Nähe des Gardasees abgebildet: "Das neue Zuhause von Klaus Zumwinkel…" lautet die Bildunterschrift. Und im nebenstehenden Text dazu heißt es u. a.: Zumwinkel "war Ende Januar wegen Hinterziehung von knapp einer Million Euro Steuern…zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Bis zum Jahresende muss er eine Geldbuße von einer Million Euro zahlen. Zuvor hatte er 23,9 Millionen Euro an Steuern nachgezahlt."
Die Leserinnen und Leser von Zeitungen sind nicht blöd und können sehr wohl rechnen. Sie stellen sich vor, was ein Postchef verdient haben muss, wenn er - im Vergleich zu den Einkünften seiner Postagenturbetreiber - derartig exorbitante Beträge an Strafen bzw. Nachzahlungen leisten und sich außerdem eine ganze Burg als Wohnsitz kaufen kann. Immerhin verursacht schon ein Einfamilienhaus erhebliche Nebenkosten. Was mag da erst eine derartig gewaltige Burganlage an Unterhalt verschlingen.
Die Mittel hierfür haben wir Postbenutzer unter anderem über ständig steigende Portokosten aufbringen müssen.
Dieser vereinfachende Schluss ist tatsächlich einfach: Führungskräfte in Wirtschaftsunternehmen wie der Post, partizipieren an Gewinnen, die sie zu Lasten ihrer Kunden erwirtschaften. Und werden sie dabei bei Unregelmäßigkeiten erwischt, dann wird nicht etwa ihr Vermögen bis auf den letzten Cent eingezogen, sondern die Strafe so bemessen, dass sie sich, wie Zumwinkel, ihre Burg oder ihr Schloss kaufen können. Die Postagenturbetreiber dagegen werden aus tatsächlichen oder vermeintlichen Anlässen vom Unternehmen Zumwinkels und seiner Nachfolger um Haus und Hof gebracht.

Nun mag ja das alles Rechtens bzw. nach rechtsstaatlichen Regeln legitimiert und unanfechtbar sein. Diejenigen aber, die unter diesen Regeln leiden und alle die, die davon hören oder lesen und sich außerdem in einer wirtschaftlichen und sozialen "Schieflage" befinden, die ballen die Fäuste. Und junge Menschen, die auf sozialen Status, guten Ruf oder ein entsprechendes Umfeld pfeifen, wenden sich jenen zu, die diese subjektiv so empfundenen Ungerechtigkeiten und Ungleichbehandlungen in politische Aktionen einmünden lassen. Und je dreister sich Wirtschaftsführer und / oder Politiker, Sportgrößen oder Musikstars und ihre Manager bereichern - wobei diese meistens darauf achten (anders als Zumwinkel u. Co.), dass sie bei "Unregelmäßigkeiten, wie zum Beispiel Geld illegal in die eigene Tasche abzweigen oder bei Doping und Drogenmissbrauch, nicht erwischt werden - stehen unter dem Schutz der Gesetze. Wie jeder andere auch: nur, dass "jeder andere" eben nicht gleich ist bzw. gleiche Einflüsse und gleiche Macht, gleiche Mittel und Möglichkeiten hat, die Rechtsinstitutionen (wie Anwälte z. B.) zu benutzen. Man kann ganz platt und verkürzt sagen: Die einflusslosen, wenig oder gar nicht begüterten Menschen kämpfen gegen die Mächtigen und Reichen mit ungleich langen Spießen einen, wie es in dem o. g. Beitrag heißt: "schier aussichtlosen Kampf…"

Vgl. weiter hierzu die Seite  "Demokratie"

 



Alle diese Erfahrungen, ja allein das Wissen darum, lassen Ohnmachtsgefühle, Unverständnis, Bereitschaft zum Widerstand wachsen. Personen und Personengruppen, die sich mit dieser durch das Rechtssystem gesicherten Ungleichheit der Chancen nicht abfinden wollen, suchen nach politischen Alternativen. Sie finden sie nicht in den demokratischen Parteien und Gewerkschaften. Auch dort bestimmen, folgt man den entsprechenden Zeitungsmeldungen, Vetterleswirtschaft, Seilschaften, Korruption und persönliche Eitelkeiten - das Geschehen. Die Enttäuschten und Frustrierten, vor allem Jugendliche, wenden sich den ganz links (weniger) oder ganz rechts (mehr) agierenden Gruppierungen zu, wenn sie es nicht vorziehen in Alkohol und Drogen ihren Frust zu vergessen.
In Griechenland zum Beispiel, in denen die von mir angesprochenen Erscheinungen besonders gravierend und den Volkszorn provozierend sein müssen, gingen radikale Gruppen gegen die Vertreter von politischer und wirtschaftlicher Macht mit Gewalt vor. "Zwei Dutzend Morde an Wirtschaftsführern, Politikern und ausländischen Diplomaten … gingen auf ihr Konto" (Gerd Höhler in: Badische Zeitung vom 21. 02. 2009, S. 5).
Auch bei uns in Deutschland wuchsen aus einer Protestbewegung einst Gruppen heraus, die, voller Zorn über die Erkenntnis, mit Hilfe von Argumentation, Agitation oder Protest die Wählermassen und die Mächtigen in Staat, Wirtschaft und Politik nicht beeinflussen zu können, zur Gewalt Zuflucht nahmen. Sie, die Mitglieder der RAF, "bestraften" einige Exponenten dieser Gesellschaft mit dem Tode. Vermutlich hatten die Täter die wahnhafte Vorstellung, mit derartigen Provokationen die "trägen Massen" aufzurütteln. Das Gegenteil war der Fall.

Die radikale politische Rechte, zu denen ich auch die Fanatiker eines religiösen Fundamentalismus zähle, hält sich nun lieber an die Schwachen im Land, an die, die sich nicht wehren können. Sie attackieren bei uns Gesinnungsgegner, Asylanten und andere Fremde. Sie lassen, wie in Afghanistan, im Irak, in Palästina oder in Pakistan Bomben und Granaten gleichsam wahllos dort explodieren, wo möglichst viele Menschen sind. Ein Sinn ist in dieser Strategie nicht erkennbar.
Der große Aufmarsch der rechten Gruppierungen in Dresden am Jahrestag des alliierten Bombenangriffs ist ein unübersehbares Signal dafür, dass bei uns in der BRD Frustration und Zorn wachsen. Ein Staat, der sich vor den daraus fließenden Konsequenzen bewahren will, sollte die Wurzeln allen Übels mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfen und jene Personen und Gruppen ihres Einflusses berauben, die der Unzufriedenheit ständig neue Nahrung zuführen. Und damit wäre ich wieder bei den Zumwinkels angekommen, denn die Wurzeln der oben deutlich benannten Übel sind in unserem System selbst zu finden.

 

 

 

 

Wie es kommt, dass angesichts der geschilderten Zusammenhänge bei uns in Deutschland soziale Unruhen oder gar politische Umsturzversuche (noch) ausbleiben?

Nun einmal fehlt es, wie es in einem Nachrichtenkommentar eines Politikprofessors im SWR 2 zu den Aufmärschen in Dresden hieß, an einer "charimatischen Persönlichkeit", die die zerplitterte Rechte einigen könnte. Und dass es die "Linke" schafft, sich gegen die spießbürgerliche Mehrheit und ihre Weltsicht durchzusetzen, ist angesichts der allgemein verbreiteten negativen Erfahrungen bzw. Bewertungen der ehemaligen DDR nicht zu erwarten.

Zum anderen aber, das ist meine persönliche Meinung und Praxis, blenden wir Menschen alles das aus unserem Bewusstsein aus, was uns verstört und den inneren Frieden beeinträchtigt. Wir schimpfen zwar auf die Ungerechtigkeiten in der Welt, wie es die Leserbriefe zeigen. Wir wollen uns aber aus allem heraushalten. Wir: das ist "das Volk". Und das Volk hofft, dass jeder von uns genug zu essen und zu trinken hat, Geld für ein Auto und das Benzin, einen funktionierenden Fernseher oder andere Abwechslungen. "Das Volk" hofft weiter, dass es nach dem Prinzip "Leben und leben lassen" endlos weitergeht und Krisen und Kriege an uns vorbei gehen.

© Dr. Joachim Rumpf
Görwihl, 1. 03. 2011


 

 

 

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