Die Salpetererunruhen im Hotzenwald

 

"Noch nach fünfzig Jahren…
Nachdenkliches zu einer Sendung des SWF"

 

 


Am 17. Dezember 2005 strahlte das 3. Programm des Südwestfernsehens eine Talkshow mit Markus Brock aus , in der es um Erinnerungen an das Weihnachtfest vor fünfzig Jahren ging, also das erste Weihnachten nach Kriegsende in Deutschland. An der Gesprächsrunde nahmen unter anderen auch die CDU-Politiker und ehemaligen Minister Annemarie Griesinger und Norbert Blüm teil. Im Gesprächsverlauf kamen auch allgemeine Lebenslagen in der ersten Nachkriegszeit zur Sprache, die zwar mit dem Thema nichts zu tun hatten, wohl aber schlaglichtartig politische Stimmungen jener Monate und Jahre erhellten. So zum Beispiel der Groll darüber, dass die Besatzungstruppen beim Aufbau einer neuen Verwaltung mit dem Ziel einer Demokratisierung, in vielen Städten und Gemeinden Antifaschisten einsetzten. Dies waren häufig Frauen und Männer, die aus Gefängnissen, Konzentrationslagern, aus der Emigration oder gar aus dem aktiven Widerstand kamen und in der Regel bis dahin von öffentlicher Verwaltung, vom Polizeiwesen u. a. m. keine Ahnung hatten. Frau Griesinger beklagte dies bitter, als sie sich darüber mokierte, dass die französischen Kommandanturen "Kommunisten" einsetzten, die völlig unfähig für diese Aufgaben gewesen wären und nur Unordnung verursacht hätten.

Sie brachte mit dieser Äußerung heute - also fünfzig Jahre später! - das zum Ausdruck, was in bürgerlichen Kreisen damals in ganz Deutschland zu hören war. Auch in Dessau, in dieser Stadt lebte ich 1945 (damals dreizehnjährig), regten sich meine Eltern und ihre Freunde darüber auf, dass die Russen dieses unfähige "Pack" mit Verwaltungs- bzw. Regierungsaufgaben betraute. Zugleich wurde der Kränkung Ausdruck verliehen, dass die Besatzer die bürgerlichen Eliten dabei übergingen. Dass auch Frau Griesinger diese Kränkung noch heute nacherlebt wurde deutlich, als sie von den Bemühungen ihres Vaters berichtete, der offenbar ein Professor gewesen war, anknüpfend an die Zeit vor 1933 eine christliche Partei ins Leben zu rufen und mit dieser in die ersten Gemeinderatswahlen 1946 zu gehen. Dann hätte der Kommunistenspuk ein Ende gefunden und die bewährten, fähigen, demokratisch gewählten Personen, zu denen offenbar auch ihr Vater gehörte, übernahmen die politischen Vertretungen und beteiligten sich fortan am Aufbau der neuen politischen Ordnungen.
Mit den Erwiderungen von Norbert Blum, der sich offensichtlich von der akzentuiert vorgetragenen Diffamierung deutscher Antifaschisten provoziert fühlte, unter denen die Kommunisten als Hauptgegner Hitlers natürlich eine besondere Rolle gespielt hatten, deutete sich der bereits im ersten Nachkriegsdeutschland viele Menschen bewegende Streit um deren politischen Einfluss an.
Norbert Blüm erwähnte einen Onkel, der als Kommunist eingesperrt worden war, und den er als "grundanständig" in Erinnerung hatte und auf den er nichts kommen lassen wollte.

Beides hatte - noch einmal sei es gesagt - nichts mit dem Thema "erste Friedensweihnacht" zu tun. Dass einige Zeitzeugen aber zuerst die alten Vorurteile und Frustrationen hervorkramen, die für uns mit der Nachkriegszeit verbunden waren und sie neben die Erinnerung an Hunger und Kälte stellen, das finde ich bezeichnend.

Ich möchte diese Thematik noch etwas vertiefen und in die Jahre 1945 und folgende zurückgehen. Frau Griesinger hatte natürlich Recht, wenn sie erklärte, dass die alten bürgerlichen Eliten (sie benutzte freilich diesen Begriff nicht, rechnete unverkennbar ihre Familie dazu) von den Besatzungstruppen an vielen Orten übergangen worden waren. Selbst wenn, und das war in ihrem Elternhaus (wie interessanter Weise auch in denen der anderen Gesprächsteilnehmer) nach ihren Bekundungen wohl der Fall, diese Bürgerinnen und Bürger, zum Beispiel, weil sie religiös bzw. kirchlich stark engagiert waren, zu Hitler auf Distanz gegangen waren und sich keiner politischen Gliederung angeschlossen hatten.
Wie aber sollten die Befehlsstellen der Besatzungstruppen diesen Personenkreis erkennen? Es ist davon auszugehen, dass die Angehörigen der französischen und sowjetischen, vielleicht auch der amerikanischen und englischen Truppen zunächst in jene Deutschen eine Art "vorsichtiges Vertrauen" setzten, für die sie tatsächlich die Befreier waren.
Denn darüber kann es keinen Zweifel geben: Nur für relativ wenige Deutsche - eben nur für die aktiven Antifaschisten und alle unter dem Hitlerregime Leidenden - war der achte Mai 1945 ein "Tag der Befreiung" . Die Westmächte nahmen später, als sich die Fronten neu ordneten und der "Sowjetkommunismus" (Konrad Adenauer bezeichnete ihn so und differenzierte damit die kommunistischen Bewegungen in treffender Weise) zum ideologischen Hauptgegner des Westens wurde, auf diese Einstellungen Rücksicht. Nicht der achte Mai - also der Tag des Sieges über Hitlerdeutschland - wurde zum nationalen Feiertag erklärt, sondern, ab 1954, der siebzehnte Juni 1953 (der Bauarbeiterprotest in Ostberlin ). Und die weiteren Entwicklungen zeigten, dass das Misstrauen der Besatzungstruppen den Deutschen gegenüber, die nicht nachweislich gegen Hitler opponiert hatten, berechtigt war.
Auch in der Talkshow wurde nicht bestritten, dass viele der ehemaligen Führungskräfte aus Nazipartei und Staat in der Bundesrepublik nach relativ kurzer Zeit wieder zu Macht, zu Ämtern und Würden kamen. Ich erinnere mich zum Beispiel an Politiker wie Filbinger, Globke oder Schleyer, deren Beachtung demokratischer Spielregeln (allein schon wegen der veränderten Machverhältnisse) zwar korrekt war, deren weltanschaulichen Grundorientierungen sich aber keineswegs als "antifaschistisch" hätten bezeichnen lassen. Sie selbst hätten eine derartige Etikettierung sicher auch voller Empörung zurück gewiesen. Ein "Antifaschist" hatte wenig Aussicht, in einer der im Nachkriegswestdeutschland "West" herrschenden Parteien Karriere zu machen. Da hatten demokratisch gezähmte "Ehemalige" bessere Chancen. Das zeigen auch meine persönlichen Erfahrungen:
An der Pädagogischen Hochschule in Freiburg wurde von Herrn Prof. Dr. Wolfgang Hug ab dem Wintersemester 1965/66 ein Kolloquium über historisch-politische Themen angeboten. In diesem Kolloquium stießen unter anderem zwei Positionen heftig aufeinander:
die eine, ich möchte sie als demokratisch-rechtskonservativ bezeichnen, stellte bei Auseinandersetzungen über Hitlerdeutschland und den Zweiten Weltkrieg, die "heldenhaften" Soldaten der Wehrmacht und ihre Opfer samt Luftkriegstoten, Vertreibung und Besatzungswillkür in den Vordergrund. Vertreter der anderen Position - und dies war eine deutliche Minderheit - stellte die Opfer des faschistischen Terrors in deutschen Konzentrationslagern, Zuchthäusern und Strafkompanien in den Vordergrund und gedachte des deutschen Widerstandes.
Eine zahlenmäßig starke Gruppe unter den Studenten, bezog gar keine Position, sondern hörte schweigend zu, wenn wieder einmal die beiden Positionen aufeinander prallten. Sie endeten häufig mit der Aufforderung der Konservativen: "Gehen Sie doch nach drüben!" (damals siezte man sich noch unter den Studenten).

Wenige Jahre später saß ich mit dem CDU-Bürgermeister der Gemeinde, in der ich Lehrer war und mit meinem Schulleiter (ebenfalls CDU-Mitglied) zusammen im Gasthof einer Markgräfler Gemeinde beim Wein. Da hörte ich zu meiner Verblüffung, dass beide unisono den Holocaust relativierten: es seien höchsten zwei aber doch keine sechs Millionen Juden umgebracht worden. Verstärkt werden zur Zeit (2020) derartige rechtslastige bzw. rechtskonservative Tendenzen von Gruppen, die mit unserer politischen Elite unzufrieden sind oder gar unser Staatswesen ablehnen wie der Verein der „Reichsbürger“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Reichsb%C3%BCrgerbewegung

Und es wird noch heute, in der Generation der Kinder und Enkel der deutschen NS-Wähler (oder auch, wie am Beispiel der Frau Griesinger gut belegbar, der Kinder der damaligen bürgerlich-konservativen Kreise) abwehrend und ablenkend reagiert, wenn in Gesprächen auf die deutschen Verbrechen bis 1945 hingewiesen wird.

Ich möchte noch etwas über meine Erfahrungen mit jenen berichten, die im Auftrage oder mit Billigung der Besatzungstruppen die ersten Schritte hin zu einem "normalen" bzw. einem Leben ohne Kriegsbedingungen taten.

Anzumerken ist zuvor, dass alle die, die in allen Besatzungszonen eine neue Führungsschicht repräsentierten oder in deren Auftrag in Industrie, Handwerk, Landwirtschaft, Verwaltung und anderen Dienstleistungsbereichen arbeiteten, genauso wie ihre "Kunden" unter den gleichen Nöten litten. Meinem Klassenlehrer zum Beispiel, schlotterten 1948 die viel zu weiten Hosen genauso um die ausgemergelten Beine, wie uns sechzig Kindern in der Klasse. Einmal erlitt er einen Schwächeanfall, denn er hatte genau so wenig zu essen, wie wir. Nur bekam er keine "Schulspeisung" und musste sechs Stunden vor seinen Schülern agieren, während wir wenigstens sitzen und auch mal dösen konnten. Eine Ausnahme stellten nur die "Schieber" und deren Kinder dar. Und da liegt nahe, dass es nicht wenige Menschen gab, in deren Vorstellungen sich die große Not der ersten Nachkriegsjahre verband mit jenen Zeitgenossen, die diese Not zu verwalten hatten. Aus "verwalten" wurde allzu rasch "verantworten".

Nein, Verständnis oder gar Dankbarkeit durften jene nicht erwarten, die den Mangel "gerecht" zu verteilen hatten: die Energie, die Lebensmittel, den Wohnraum, die Lasten der Trümmerbeseitigung oder des Wiederaufbaus und vieles andere mehr.
Und wenn diese Deutschen auch noch Antifaschisten waren, dann stießen sie erst recht auf Ablehnung, ja Verachtung - wie es noch nach fünfzig Jahren bei Annemarie Griesinger herauszuhören war. Dafür, dass von diesen Persönlichkeiten nicht wenige aus einem anderen Holz geschnitzt waren, als die Auslassungen der ehemaligen Ministerin nahe legen, möchte ich Zeugnis ablegen:

Im Lebensmittel-Konsum in der Damaschkestraße in Dessau-Süd (im Gropius-"Hochhaus") stand 1946 bis 1949 Frau Nitschke, eine Verkäuferin, zu der meine Mutter eine freundschaftliche Beziehung unterhielt. Frau Nitschke ließ uns gelegentlich etwas "unter dem Ladentisch" zufließen, was geeignet war, unsere Not ein wenig zu lindern. Sie lebte in einem Mehrfamilienhaus mit ihrem Mann und einem behinderten Sohn in einer kleinen, sehr bescheiden eingerichteten Wohnung zusammen. Und weil ihr Mann bei der Kriminalpolizei war, waren sie insofern "privilegiert", da wenigstens er eine Lebensmittelkarte für Schwerstarbeiter erhielt. Doch war nicht der Dienst bei der Polizei der Grund für diese Bevorzugung. Herr Nitschke hatte vielmehr mehrere Jahre in Zuchthäusern und in Buchenwald verbracht, weil er Mitglied einer illegalen kommunistischen Zelle gewesen war. Die Besatzungsmacht hatte ihn, den ehemaligen Schlosser aus dem Reichsbahn-Ausbesserungswerk Dessau zum Polizisten gemacht. Und ich kann mich den Erfahrungen von Norbert Blum nur anschließen: einen liebevolleren Vater und verständnisvolleren Gesprächspartner kann man sich kaum denken. Er war es, der mich zum ersten Mal in Berührung mit jenem "anderen Deutschland" brachte, das bis 1945 im Verborgenen lebte und nach 1945 an seiner Unbeliebtheit litt.
Unbeliebt aber waren sie weniger wegen ihrer mangelnden Kompetenz für die ihnen von den jeweiligen Kommandanturen zugeordneten Aufgaben als viel mehr, weil sie sich - im Unterschied zu den Nazis, ihren Mitläufern oder der schweigend-tolerierenden aber "gehorsam ihre Pflicht erfüllenden" Bürgerinnen und Bürger im "Tausendjährigen Reich" - nicht schuldig bzw. mitschuldig zu fühlen brauchten.

Ich will auf diese Mitmacher oder Schweiger keinen Stein werfen. Auch sie hatten früher oder später und mehr oder weniger aus innerer Überzeugung am Aufbau demokratischer Strukturen im Nachkriegsdeutschland mitgewirkt. Aber ich wehre mich gegen jede Verunglimpfung all jener, die nach dem Kriege Aufgaben übernahmen, die die Situation gebot und die sie nach bestem Wissen und Gewissen ausführten, ob sie dafür ausgebildet worden waren oder nicht.

Einige Jahre später war ich Leiter einer Konsumverkaufsstelle der Konsumgenossenschaft Berlin- Weißensee geworden. Meine Chefin, die Leiterin dieses großen Unternehmens, war Marianne Förster. Ich kann mich nur mit großem Respekt und mit Bewunderung an diese Frau erinnern, die nicht nur eine große Durchsetzungsfähigkeit und natürliche Autorität auszeichnete, sondern auch ein freundlicher, ja liebevoller Umgang mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Eines Tages erzählte sie mir, dass sie Jüdin sei und sie und ihr nichtjüdischer Mann in der Illegalität gelebt hatten, kurz vor Kriegsende "erwischt" worden und mit knapper Not noch einmal davon gekommen waren. Auch sie war selbstverständlich eine Antifaschistin. Ob sie einen Beruf hatte und welchen, das weiß ich nicht. Doch leitete sie ihr Unternehmen, wie ich es erlebte, mit Umsicht und Kompetenz. Das bestätigten auch jene Kolleginnen und Kollegen, die als "alte Hasen" schon vor Kriegsende in diesem Betrieb gearbeitet hatten.

Übrigens war ich Leiter dieser Verkaufsstelle geworden, ohne zuvor eine kaufmännische Lehre absolviert zu haben. Es herrschte ein großer Fachkräftemangel nach dem Kriege und mir trauten die Verantwortlichen zu, die Anforderungen zu bewältigen. Und ich war damals noch sehr jung.
Diese Beispiele ließen sich vervielfachen. Vor allem die, die nichts mit Hitler am Hut gehabt hatten und die jungen Menschen, die sich rasch unter den neuen Bedingungen zurecht fanden (wenn ihre Eltern sie nur ließen und nicht bremsten), nahmen die sich ihnen bietenden Chancen wahr. Und weil viele von ihnen in ihrem erlernten Beruf nicht mehr arbeiten konnten oder, wie ich, gar keine Ausbildungsplätze nach dem Krieg fanden, wurden Positionen in Wirtschaft, Verwaltung und Politik von unbekümmerten aber wagemutigen Laien besetzt. Und ob - noch einmal sei auf die notvollen Rahmenbedingungen verwiesen - in allen diesen Fällen die weiteren Entwicklungen in Wirtschaft und Verwaltung, im Erziehungs- und Bildungswesen (man denke nur an die "Neulehrer" der Nachkriegszeit) gebremst oder vielleicht doch in positiver Weise vorangetrieben wurden, das müsste erst einmal nachgewiesen werden.
Meine persönlichen Erinnerungen taugen allerdings für eine allgemeingültige Aussage ebenso wenig, wie die der Frau Griesinger. Sie sind aber auch nicht weniger Wert und bilden eine Realität ab, die wir heute, in aufrichtigem Rückblick, zur Kenntnis nehmen sollten.

Meine hier vorgetragenen Erinnerungen an Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und dem ihm folgenden Entwicklungen in einem Deutschland mit zwei Staaten, sind offenbar insofern ergänzungsbedürftig, weil offensichtlich keineswegs zusammenwuchs, was zusammengehört (frei nach einem Kommentar von Willi Brandt 1989). Im „Zeitmagazin“  Nr. 50 vom 3.12.2020 wird ein Dialog zwischen Martin Machowecz aus Meißen und Henning Sußebach aus Bochum über die gegenwärtige Situation und Haltung von Bürgerinnen und Bürgern diesseits und jenseits der ehemaligen „Zonengrenze“ unter der provozierenden Überschrift „Das Ost-West-Duell“ veröffentlicht.

Am Beispiel von 20 Jungen einer Schulklasse aus Dessau, von denen 5 vor dem Mauerbau in die BRD übersiedelten und 15 in der DDR  blieben, möchte ich hierzu etwas ergänzen und etwas zum Verständnis von Haltungen auch der gegenwärtigen Generation der Bürgerinnen und Bürger, jenseits der „grünen Grenze“, anmerken:

Ich lebte selbst bis 1958 in Thüringen und in Ost-Berlin. Von dort aus ging ich (nicht „floh ich“!) zu meinen Eltern nach Südbaden. In Dessau war ich zur Schule gegangen und traf mich mit meinen Klassenkameraden aus der dortigen „Rosa-Luxemburg-Oberschule“ nach der Wende mehrmals dort, wo jeder von uns inzwischen daheim war.
Alle in der DDR verbliebenen Klassenkameraden schlossen ein akademisches Studium ab. Fünf lehrten später an Universitäten. Von diesen waren zwei politisch engagiert: Einer lehrte an der Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften in Potsdam Philosophie (Tod nach schwerer Krankheit: 1976); der andere, ein Dr. rer. oec. habil., Wirtschaftswissenschaften in Dresden. Auch er war schon vor 1989 verstorben. Diese beiden waren die einzigen SED-Mitglieder und bereits während des letzten Schuljahres in der FDJ aktiv. Alle anderen waren und blieben ohne ein politisches Engagement (z. B. Mitglied einer Partei oder mit Funktionen in „Massenorganisationen“ der DDR). Mehr noch: ihre kritische bis reservierte Haltung gegenüber der Besatzungsmacht und den politischen Repräsentanten in der DDR war genau so ausgeprägt wie meine gegenüber jenen in der DDR und BRD. Durch Krieg und Nachkriegszeit waren wir „gebrannte Kinder“. Einer von ihnen erhielt erst nach der Wende eine Professur. Diesem Dr. med. vet. war wegen Differenzen mit der Staatsmacht eine Hochschullehrerlaufbahn verwehrt worden. Nach der Wende erhielt er sofort die begehrte Berufung. Nach seiner Emeritierung verstarb er. Ein anderer, ebenfalls habilitiert und Universitätsprofessor, hatte einen Lehrstuhl für Kinderheilkunde in Greifswald inne.
Unter den ehemaligen Klassenkameraden befinden sich noch drei weitere Mediziner: Ein Allgemeinmediziner (Tod 1994), ein Röntgenfacharzt und ein Facharzt für Psychiatrie. Dieser leitete eine psychiatrische Klinik in Sachsen und blieb, wie der Medizinprofessor in Greifswald bis 1997 – also mit Erreichen der Altersgrenze – im Beruf. Vier weitere Klassenkameraden waren noch vor oder unmittelbar nach der Wende verstorben.

Die anderen 9 Klassenkameraden, die im Osten geblieben waren, wurden, soweit sie noch lebten, mit ihren jeweiligen Betrieben „abgewickelt“ und zwischen 1989 und 1991 in Rente geschickt. Unter ihnen zum Beispiel ein promovierter Chemiker (mit den Auszeichnungen „Verdienter Erfinder“ und „Nationalpreis“) oder vier Diplomierte verschiedener Fachrichtungen (einer von ihnen lebt nach einem Schlaganfall in einer Pflegeeinrichtung). Nur ein Klassenkamerad wurde, wie ich, Pädagoge. Als Lehrer für Geographie und Biologie unterrichtete er bis zur Wende an einer Oberschule. Er erzählte mir, dass er, um studieren zu können (sein Vater war Rechtsanwalt) erst zwei Jahre bei der „Wismuth“ (ein sowjetischer Betrieb für Urangewinnung) hat arbeiten müssen. Die fünf von uns, die in der BRD leben, hatten ebenfalls studiert und waren bis zu ihrem Eintritt in den Ruhestand 1997 tätig geblieben. Drei von ihnen leben in Hessen, einer in Nordrhein-Westfalen und ich in Südbaden.

War für uns das Kriegsende die erste große Zäsur in unserem Leben - wir fühlten uns 1945 noch ausnahmslos als besiegte, entrechtete oder gar geknechtete Deutsche und keineswegs als befreite - , so wurde mit 1989 erneut von heute auf morgen eine weitere Veränderung unserem Leben hinzugefügt. Und wieder war niemand von den Klassenkameraden, weder von denen im Westen, noch von jenen, die drüben geblieben waren, irgendwie aktiv daran beteiligt. Vertreter der Opposition in der DDR waren keine unter uns. Auch jener Diplomingenieur, der in Leipzig ansässig wurde, blieb während der Montagsdemonstrationen in seiner Plattenbauwohnung. In den Augen meiner Klassenkameraden war die Regelung der Zukunft Deutschlands nicht zuletzt eine Angelegenheit jener, die die Trennung zu verantworten hatten. Und das waren nun einmal die ehemaligen Kriegsgegner Deutschlands. Und die waren ja dann auch maßgeblich an der Korrektur ihrer Besatzungspolitik beteiligt.

Im November 1989 verstand wohl keiner von uns dieses Ereignis als eine „Befreiung“. Gewiss, objektiv war ein ungeliebtes Regime auf deutschem Boden liquidiert. Endlich, und das genossen alle Klassenkameraden gleichermaßen, konnte man in das westliche Ausland reisen, Dinge kaufen, die es bis dahin nicht oder nur schwer gab (sogar Autos).
Und noch etwas erscheint mir wichtig, erwähnt zu werden: Keiner litt von ihnen mit ihren Familien nach der Wende materielle Not, denn alle bekamen die Renten in jener Höhe, die ihren Einkommensverhältnissen aus ihrer aktiven Zeit entsprachen. Und da ausnahmslos auch die Frauen berufstätig gewesen waren, hat offenbar jede Familie ein ausreichendes Einkommen, kann reisen – vor allem ins Ausland und nach Westdeutschland.

Dennoch, und ich beziehe mich mit meiner Vermutung auf eigene Überzeugungen, dürften die „abgewickelten“ Klassenkameraden mit ihren Familien diesen Prozess als Kränkung erlebt haben, vielleicht sogar als eine Diskriminierung nicht allein wegen des Verlustes ihrer beruflichen Rolle wegen,  sondern auch wegen ihres Status als DDR-Bürger. Martin Machowecz und Henning Sußebach überschrieben ihren Beitrag im ZEIT-Magazin v. 3.12.2020 „Das Ost-West-Duell“ und stimmen darin überein, dass im Osten „die Menschen schnellen Wohlstand erlebten  - aber auch Souveränitätsverlust“ (S. 47).

 

Und was die politische Verfassung betrifft, so meint der Schauspieler Otto Reintsch, nach vielen Jahren der „sozialistischen Demokratie“, fiel es vielen Bürgerinnen und Bürgern der ehemaligen DDR offenbar schwer, sich in der „freiheitlichen Demokratie“ des Westens oder, wie er formulierte, in  der „realexistierende Demokratie, …einer Welt, die sich ständig ändert“; zurechtzufinden. Dagegen war die DDR ein „Rundum-sorglos-Paket“ (vgl. dazu Hans Otto Reintsch am 02.10.2019: Der schwere Weg von der DDR – Diktatur zur Demokratie“ : https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/av-o1157362-100.html).

 

Dem ist nichts hinzuzufügen.