Beschreibung: pflug

Aufsätze zur Zeitgeschichte

 

 

Zu: „20 Jahre Mauerfall“

 

 

Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer

 

 

1. Teil

Anlässlich des Feiertages „Tag der Einheit“ 1990 schrieb ich damals:

„Ohne den neunten November 1989 kein dritter Oktober 1990

 

Wenn in diesem Jahre zum zehnten Mal der Tag der Vereinigung von DDR und BRD gewürdigt wird, dann soll noch einmal an die Frage erinnert werden, welcher Tag aus dem Prozess, der zur Einheit führte, Feiertag sein soll. Die damalige Bundespräsidentin hat öffentlich darüber nachgedacht und viele Bürgerinnen und Bürger haben ihre Meinung dazu geschrieben und gesagt. Es waren nicht wenige in West und Ost, die überhaupt keinen Anlass zum Feiern sahen. Einige meinten, man solle erste einmal einige Jahre abwarten, ob die Vereinigung und ihre Folgen, überhaupt Grund für Freude und gutem Gedenken werden würden. Nun, nur wenig Anlass zum Jubel haben zum Jubiläum die meisten derer, denen wir den Fall von Mauer und Stacheldraht an den Grenzen verdanken. Gewiss gibt es einzelne Persönlichkeiten wie zum Beispiel die Herren Eppelmann oder Gauck, die Damen oder Herren, deren Namen für die Bewegung stehen, die dazu beitrugen, das politische System in der DDR zum Abdanken zu zwingen. Doch diese Bewegung von unten, die sich in dem friedlichen Manifest von vier Worten „Wir sind das Volk“ zu Wort meldete, ist der eigentliche Held in der historischen Periode, die den in Ost und West gewählten Politikern die Tore zu Währungsunion und staatlicher Einheit aufstießen.

 

Erinnern wir uns kurz an die Initiativen, die in gleicher konsequent-friedlichen Weise in den Jahren zuvor in Ost und West Verhältnisse und Entwicklungen zu verändern oder zu verhindern suchten, die viele Menschen als unzumutbar und unerträglich erlebten.

Da haben wir einmal die Gewerkschaft Solidarnosc in Polen, die mit den Mitteln des friedlichen Massenprotests und von Streiks politische Kursänderungen in ihrem Staat erzwangen.

 

Da fanden zum anderen in der Sowjetunion selbst in den achtziger Jahren Prozesse der Umorientierung statt, dessen Repräsentanten – vor allem Nikolai Gorbatschow (aus welchen Gründen heraus auch immer) - nicht mehr bereit waren, Betonköpfe in ihren Satellitenstaaten zu unterstützen.

 

Da denken wir an die Friedensbewegung in der BRD, die unter dem Symbol „Schwerter zu Pflugscharen“ gegen eine Politik der Hochrüstung und für den Dialog zwischen West und Ost eintrat. Diese Friedensbewegung, die mit ihren unterschiedlichen Gruppierungen und in enger Verflechtung mit ökologischen Vereinigungen mehr und mehr in offenem Gegensatz zur Politik der in der BRD regierenden Parteien und tonangebenden Mächte geriet, blieb nicht auf das westdeutsche Territorium beschränkt.

 

Die Friedensgruppen in der DDR bildeten die Keimzellen, aus denen heraus sich der Mut zum Massenprotest entwickelte. Von großer Bedeutung war in diesem Prozess das Engagement von Geistlichen der evangelischen Kirche. So wie in den Friedensgruppen in der Bundesrepublik nicht selten Pfarrerinnen und Pfarrer eine maßgebliche Rolle spielten und zum Beispiel der evangelische Kirchentag 1989 in Berlin zu einer Demonstration der westdeutschen Friedensbewegung geriet, so war es auch in der DDR. In den Kirchen und bei den Pfarrerinnen und Pfarrern, die Politik und Kirche nicht länger mehr trennen wollten und konnten, fanden die Friedensgruppen Schutz und Schirm. So konnte die Nicolaikirche in Leipzig zu einem Symbol der großen Volksbewegung werden. Selbst wenn, sowohl in der DDR als auch in der BRD – gemessen an der gesamten Bevölkerung – nur eine Minderheit an den Protestbewegungen teilnahmen, so erreichten die Friedens- und Ökologiegruppen eine Sensibilisierung der von ihnen aufgegriffenen Themen. In ihrem Minderheitenstatus unterschieden sich die Friedens- und Ökologiegruppen im Osten wie im Westen keineswegs.

 

In Bund und Ländern repräsentieren die Machtausübenden Politiker allerdings ebenfalls nur eine Minderheit der Stimmbürger. Je weniger Menschen an Wahlen teilnehmen, umso geringer ist die Basis, von der eine Regierung vom Volk getragen wird. Es regieren zwar die Parteien auf Grund einer verfassungsgemäß korrekten politischen Mehrheit. Real freilich vertreten sie nur eine Minderheit aller Wahlberechtigten. Kein Wunder, dass sie nicht selten an den Interessen ihrer Bürger vorbei regieren und damit Widersprüche erst auslösen. In West und Ost gibt es eine umfangreiche und sehr differenzierte Geschichte von politischem Protest und Widerstand Einzelner und kleiner Gruppen. Ohne sie wären die Organe des Staatsschutzes hüben und drüben auch arbeitslos gewesen. Doch erst die Friedensgruppen in beiden deutschen Teilstaaten, deren zentralen Ziele im Abbau der politischen Spannungen und der Waffenarsenale der „Blöcke“ bestanden, gewannen immer mehr Öffentlichkeit und Einfluss auf die Haltungen und Einstellungen der Bevölkerung. In der DDR ebneten sie den Weg, der mehr und mehr Menschen zu großem Mut und auf die Straßen führte.

 

Die herrschenden politischen Parteien hatten daran keinen Anteil. Im Gegenteil: In der DDR wurden Regimekritiker verfolgt und eingesperrt. In der Bundesrepublik wurden engagierte und führende Mitglieder der Friedensbewegung, wenn auch nicht eingesperrt, so doch diskriminiert. Der Fall des Katholiken und Fernsehpublizisten Franz Alt ist der Bekannteste. Beamte, vor allem Lehrer und Hochschullehrer erhielten unmissverständliche Winke ihrer Vorgesetzten, sich zurückzuhalten. Jede/r, der sich bei uns an öffentlichen Demonstrationen beteiligte, sei es, dass er auf dem Marktplatz bei Mahnwachen mitmachte oder in der Kreisstadt an Kundgebungen teilnahm, musste sich von Mitbürgern anhören: „Geh doch nach drüben ...“. Nicht wenige von ihnen vermieden es, sich dort in der Öffentlichkeit zu zeigen oder zu äußern, wo ihre Nachbarn und Kollegen, die Vorgesetzten aus Betrieben und Verwaltungen davon etwas erfahren könnten. Man braucht keine Verbote und Gefängnisse, wenn sich nur Politiker und Meinungsmachende Medien in ihrer Arroganz, ihrem Unverständnis und ihrem Entsetzen darüber einig sind, dass ein Volksteil, der kritisch und alternativ denkt und handelt, diskriminiert werden muss.

 

In Ost und West wurde den kritischen, friedensbewegten Bürgerinnen und Bürgern unterstellt, sie würden die Agenten des jeweils anderen Staates sein und deren „Sache“ vertreten. Mit einem Unterschied freilich: Im Osten wurden sie eingesperrt und in ihrer beruflichen und sogar physischen Existenz bedroht – im Westen drohte ihnen wenigstens keine Haft.

 

Dennoch: Im Bauch der alten DDR rumorte es und es waren Entwicklungen möglich, die weit entfernt lagen von den Klischees, die die Selbstdarstellung dieses Staates oder der Partei in den Köpfen der Zuschauer herausbildeten. Tatsächlich, so sehe ich das heute, waren dergleichen Prozesse in Hochschulen, Betrieben und privaten Zirkeln, eine Voraussetzung für die Bürgerbewegungen, die sich in dem Ausmaß zu Wort meldeten, in dem die jenseits der Grenzen alles beherrschende Sowjet-Union die Zügel lockerte und am Ende auf die Macht verzichtete. Als dann den reformfreudigen Kräften "die Stunde schlug", zeigte es sich, dass das (Fernseh-) Bild vom Westen stärker war, als alle Vernunft und sich im realen Sozialismus kein Bild vom realen Kapitalismus hatte vermitteln lassen. So ließ sich ein Volk stürzen, wie Hans-Joachim Maaz eine Analyse der gegenwärtigen Situation in der ehemaligen DDR überschrieb:

 

"Die anfängliche Euphorie war schnell der Angst vor Veränderung gewichen (in Ost und West; J.R.) ...

 

„Freiheit will genutzt sein, sie fordert Entscheidung und Verantwortung. Bereits die Wahlfreiheit zwischen vielen Möglichkeiten ist vielen Menschen hier eine unerträgliche Last und Grund genug, noch lange Zeit im ausgefuchsten System des konkurrierenden Scheins übertölpelt zu werden..." (Aus: Das gestürzte Volk. München 1991, S. 31).“

 

 

 

2. Teil

Was ich heute, neun Jahre später, zu ergänzen habe.

 

Am Sonntag, d. 02.08. 2009 blickt Professor Klaus Michael Kodalle auf die Wende zurück. Er gibt seinem Beitrag in der Sendung „Aula“ des SWR 2 den Titel: „Wie mit Schuld umgehen?“ Damit meint er keineswegs die Schuld der Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Kultur des vereinigten Deutschland an den Miseren ehemaliger DDR-Bürger, sondern die Schuld ehemaliger Verantwortlicher bzw. Mitwirkender des Staatssicherheitsapparats in der ehemaligen DDR. Auch die Badische Zeitung hatte im Juli in zwei ganzseitigen Beiträgen (jeweils an herausragender Stelle auf Seite 3) über die Dramen an der Mauer in Berlin und die Haft in einer Strafanstalt der DDR geschrieben bzw. berichten lassen. So muss bei uns heute der bereits bis 1989 sorgsam gepflegte Eindruck entstehen, dass jenes „gestürzte Volk“ vierzig Jahre lang gleichsam ausnahmslos in Angst und Schrecken lebte. Da eine von diesen Bildern freie, und nach meiner Überzeugung vorurteilsfreie und differenzierte Darstellung des DDR-Alltags, in den Massenmedien vermieden wird, erhalten die „Opfer der Wiedervereinigung“ keine Stimme.

 

Zugegeben: der Ausdruck „Opfer der Wiedervereinigung“ ist mehr provozierend gemeint als real. Denn die Frauen und Männer, an die ich denke, sehen sich keineswegs als „Opfer“ und würden sich vermutlich gegen diese Zuschreibung wehren. Es sind meine ehemaligen Klassenkameraden, alle Jahrgang 1930 bis 1932 und deren Familien, mit denen ich mich alljährlich treffe. Und über die, die von ihnen in der ehemaligen DDR geblieben sind, möchte ich berichten.

Einundzwanzig Jungen besuchten 1948/1949 die 11. Klasse eines Gymnasiums in einer mitteldeutschen Stadt (Abiturientenjahrgang 1950). Von diesen blieben sechzehn in der DDR. Fünf gingen in den fünfziger Jahren in den Westen; darunter auch ich. Hier einige Auskünfte:

 

 

2.1

Alle in der DDR verbliebenen Klassenkameraden schlossen ein akademisches Studium ab. Vier lehrten später an Universitäten. Von diesen waren zwei politisch engagiert: Einer lehrte an der Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften in Potsdam Philosophie (Tod nach schwerer Krankheit: 1976); der andere, ein Dr. rer. oec. habil., Wirtschaftswissenschaften in Dresden. Diese beiden waren meines Wissens die einzigen SED-Mitglieder und bereits während des letzten Schuljahres in der FDJ aktiv. Alle anderen waren und blieben ohne ein politisches Engagement (z. B. Mitglied einer Partei oder Funktionen in „Massenorganisationen“ der DDR). Mehr noch: ihre kritische bis reservierte Haltung gegenüber der Besatzungsmacht und den politischen Repräsentanten in der DDR war genau so ausgeprägt wie meine gegenüber jenen in der DDR und BRD. Durch Krieg und Nachkriegszeit waren wir „gebrannte Kinder“. Einer von ihnen, promovierter Veterinär, bemühte sich vergebens um einen Universitätslehrstuhl, da er den Staatsorganen der DDR als politisch verdächtig oder unzuverlässig galt. Nach der Wende aber erhielt er eine Professur, die er, bis zu seinem Tode 1995 inne hatte.

Der vierte, ebenfalls habilitiert und Universitätsprofessor hatte einen Lehrstuhl für Kinderheilkunde in Greifswald inne.

 

Unter den ehemaligen Klassenkameraden befinden sich noch weitere Mediziner: Ein Allgemeinmediziner (Tod 1994), ein Tierarzt (Tod 1995), ein Röntgenfacharzt und ein Facharzt für Psychiatrie. Dieser leitete eine psychiatrische Klinik in Sachsen und ist, wie der Medizinprofessor in Greifswald und ein evangelischer Geistlicher 1997 – also mit Erreichen der Altersgrenze, in den Ruhestand gegangen.

 

Die anderen ehemaligen Klassenkameraden, die im Osten geblieben waren, wurden, soweit sie noch lebten, mit ihren jeweiligen Betrieben „abgewickelt“ und zwischen 1989 und 1991 in Rente geschickt. Unter ihnen zum Beispiel ein promovierter Chemiker (mit den Auszeichnungen „Verdienter Erfinder“ und „Nationalpreis“) oder Diplomingenieure verschiedener Fachrichtungen (einer von ihnen lebt nach einem Schlaganfall in einer Pflegeeinrichtung). Nur ein Klassenkamerad wurde, wie ich, Pädagoge. Als Lehrer für Geographie und Biologie unterrichtete er bis zur Wende an einer Oberschule. Er erzählte mir, dass er, um studieren zu können (sein Vater war Kaufmann) erst zwei Jahre bei der „Wismuth“ (ein sowjetischer Betrieb für Urangewinnung) hat arbeiten müssen. Seine Erkrankungen, an denen er dann auch 1996 starb, führte er auf diese „Bewährung in der Produktion“ zurück.

 

Ich hatte bereits bald nach der Wiedervereinigung mit jenem, mit dem ich seit dem ersten Schuljahr zur Schule ging und der als „Abgewickelter“ 1991 in sein Elternhaus zurückgekehrt war, Kontakt aufgenommen. Durch ihn stellte sich die Verbindungen zu den anderen her, von denen uns einige später auch hier in Baden besuchten. Seit 2003 treffen sich alle Klassenkameraden aus Ost und West mit ihren Partnerinnen nacheinander in den jeweiligen Wohnorten, lernen die Landschaften, kulturelle und ökonomische Besonderheiten in der jeweiligen Stadt und Region kennen und haben hinreichend Gelegenheit, miteinander zu sprechen. Gesprächsinhalte sind überwiegend die Erinnerungen an die gemeinsame Schulzeit und hier wieder die gemeinsame verbrachten Monate, in denen wir in Lagern evakuiert waren, an das Kriegsende und die schweren Jahre danach.

 

 

2.2

War für uns das Kriegsende die erste große Zäsur in unserem Leben (wir fühlten uns 1945 noch ausnahmslos als besiegte, entrechtete oder gar geknechtete Deutsche und keineswegs als befreite), so wurde mit 1989 erneut von heute auf morgen eine weitere Veränderung unserem Leben hinzugefügt. Und wieder war niemand von den Klassenkameraden, weder von denen im Westen, noch von jenen, die drüben geblieben waren, irgendwie aktiv daran beteiligt. Vertreter der aktiven Opposition in der DDR waren keine unter uns. Auch jener Diplomingenieur, der in Leipzig ansässig wurde, blieb während der Montagsdemonstrationen in seiner Plattenbauwohnung. In den Augen meiner Klassenkameraden war die Regelung der Zukunft Deutschlands nicht zuletzt eine Angelegenheit jener, die die Trennung zu verantworten hatten. Und das waren nun einmal die ehemaligen Kriegsgegner Deutschlands. Und die waren ja dann auch maßgeblich an der Korrektur ihrer Besatzungspolitik beteiligt.

Im November 1989 verstand wohl keiner von uns dieses Ereignis als eine „Befreiung“. Gewiss, objektiv war ein ungeliebtes Regime auf deutschem Boden liquidiert. Endlich, und das genossen alle Klassenkameraden gleichermaßen, konnte man in das westliche Ausland reisen, Dinge kaufen, die es bis dahin nicht oder nur schwer gab (sogar Autos).

Und noch etwas erscheint mir wichtig, erwähnt zu werden: Keiner litt von ihnen mit ihren Familien nach der Wende materielle Not, denn alle bekamen die Rente in jener Höhe, die ihren Einkommensverhältnissen aus ihrer aktiven Zeit entsprach. Und da ausnahmslos auch die Frauen berufstätig gewesen waren, hat offenbar jede Familie ein ausreichendes Einkommen, kann reisen – vor allem ins Ausland und nach Westdeutschland. Dort leben und arbeiten ihre Kinder, gleichfalls zumeist hochqualifiziert. Der Wirtschaftsprofessor aus Dresden zum Beispiel verbringt mit seiner Frau, die ebenfalls berufstätig war, mehrere Wochen im Jahr bei der Familie der Tochter in Nordrhein-Westfalen und betreut dort die Enkel.

 

 

2.3

Es hat vieler Gespräche bedurft, um über die Lebenssituation vor und nach der Wende Informationen zu erhalten. Nicht einer von ihnen hat mir gegenüber die vorzeitige Verrentung beklagt, über den Westen und seine Politik geschimpft oder sonst wie Beschwerde geführt. Der Allgemeinmediziner zum Beispiel, er war Betriebsarzt in einem Braunkohlekraftwerk und schaute von seinem mit grauschwarzer Erde bedeckten Garten aus auf vier gewaltige Schornsteine, bekam vom Betrieb nach der Wende das Haus, das ihm als Dienstwohnung zugewiesen worden war, zum Kauf angeboten. Für Frau und Sohn, ebenfalls Allgemeinmediziner, griff er zu. Da er aber an Leukämie litt, hatte er selbst nicht mehr lange etwas von seinem neuen Besitz.

 

Es ging und geht – soweit sie noch leben, - allen nach landläufigen Vorstellungen recht gut. Die jeweiligen Lebenswege und Befindlichkeiten in Ost und West bis 1989 sind bisher nicht thematisiert worden. Doch wenn man nachbohrt und genau hinhört, dann wird offenbar, dass einige gelitten haben. Und zwar keineswegs unter den DDR-Verhältnissen. Mit denen hatten sie sich offenbar irgendwie arrangiert und jeder hatte seine Nische gefunden. Nach der Wende aber waren neun von dreizehn (zu einem Klassenkameraden in der ehemaligen DDR konnte bisher noch kein Kontakt hergestellt werden) innerhalb kurzer Zeit als überflüssig beiseite gestellt worden, verloren ihr Tätigkeitsfeld, über das sie sich definierten und – genau wie alle, die ihren Beruf gern ausüben – einen guten Teil ihres Selbstwertgefühls bezogen.

 

Auch die Ehefrauen! Ich denke da zum Beispiel an die Bibliothekarin, Leiterin einer großen Betriebsbibliothek, die ihren Beruf liebte und, wie ihr Mann, 1990 vor dem beruflichen Aus stand. Ein Neuanfang in einem Alter von einundfünfzig Jahren war ihr nur schwer möglich. Sie ließ nicht locker. Weiterbildung und eigen Initiative verhalfen ihr zu einer Nebentätigkeit als Stadtführerin und Kulturexpertin. Freilich nur freiberuflich und jämmerlich gering vergütet. Gerade kürzlich, mit siebzig Jahren, zog sie sich aus diesen Aufgabenfeldern zurück. Doch der Stachel, vor zwanzig Jahren aus dem Beruf katapultiert worden zu sein, der tut noch heute weh.

Doch niemand spricht das offen aus! Und niemand äußerte sich mir gegenüber bisher dazu kritisch oder gar vorwurfsvoll. Und wenn ausnahmslos alle diese ehemaligen DDR-Bürger seither Herzinfarkte erlitten und an anderen Kreislauferkrankungen leiden – auch die jeweiligen Gebrechen sind ein Gesprächsthema bei unseren Begegnungen, -  wird das dem Alter zugeordnet. Ein Zusammenhang mit den seelischen Verstörungen der Nachwendezeit ließe sich auch kaum belegen. Auch von uns fünf, die im Westen lebten, sind schließlich in den letzten Jahren zwei erkrankt.

 

Soweit der gegenwärtige Stand meiner Informationen. Um über das Schicksal ausnahmslos aller meiner Klassenkameraden schreiben zu können, bedarf es noch weiterer Begegnungen. Insofern ist mein Beitrag zur Stunde noch unvollständig. Es fehlen zum Beispiel noch Bemerkungen über uns fünf, die wir die DDR vor über fünfzig Jahren verlassen hatten.

 

 

2.4

Noch ein anderer Aspekt beschäftigte die, mit denen ich über diese Thematik sprach: der, der Repräsentativität unserer Schicksale. Weder bezogen auf die Nachkriegszeit, noch unsere Erfahrungen aus der Nachwendezeit dürfen wir als repräsentativ für die Bevölkerung betrachten. Wir sehen uns rückblickend als privilegiert, weil wir vor sechzig Jahren aus Familien kamen, die uns den Oberschulbesuch, der immerhin bis zum Schluss achtzehn Mark Schulgeld im Monat kostete (zum Vergleich: Amortisation und Zinsen für ein Siedlungshaus – Neupreis 1936: 12.000 RM - betrugen 40 RM monatlich; unsere Mütter oder Väter verdienten kaum 200 Mark monatlich). Außerdem hatten wir 1989 mit unseren Hochschulabschlüssen alle gute Positionen inne.

 

Günstigenfalls können wir uns als typische Vertreter der „weißen Jahrgänge“ (die hüben und drüben vor und nach 1945 keinen Militärdienst zu leisten brauchten) und unter diesen jene mit Hochschulabschlüssen betrachten. Doch fehlen uns Vergleichsdaten.

 

Wir waren – vor allem nach dem Kriege - zufällig zusammen gekommen. Etwa die Hälfte waren Flüchtlinge (Vertriebene) aus den deutschen Ostgebieten. Vier von zweiundzwanzig hatten ihre Väter im Krieg verloren – das war damals nicht Besonderes.

Wir hatten alle aktiv (und täglich mehr als acht Stunden) am Wiederaufbau unserer zerstörten Heimat mitgewirkt und waren nach unseren Ausbildungen ununterbrochen in unseren Berufen tätig geblieben. Jeder von uns hatte geheiratet und jeder war Vater geworden.

 

Dies zur Frage der Vergleichbarkeit mit den Schicksalen aller anderen Bürger nach dem Kriege in Deutschland.

 

 

 

3.

Eine Bilanz.

 

3.1

Für mich repräsentieren meine ehemaligen Klassenkameraden, die in der DDR geblieben waren, die DDR-Bürger. Und zwar einmal jene Minderheit, die sich in pointierter Weise mit dem politischen System identifizierte (zwei von sechzehn) und jene Mehrheit, die sich, ohne sich groß um die offiziell gültigen Ideologien zu scheren, ihrem Beruf und in ihrer Freizeit ihren Steckenpferden und ihren Familien widmeten. Von einem, inzwischen verstorbenen ehemaligen Veterinär ist mir bekannt, dass er aus politischen Gründen in der DDR beruflich eingeschränkt wurde. Nach der Wende erhielt er eine Professur. Soweit sie blieben, wo sie geboren und aufgewachsen waren oder mit den Jahren Wurzeln schlugen, sind sie noch heute so von ihrer Heimat angetan, wie die Alemannen im Breisgau oder Hotzenwald, unter denen ich seit mehr als fünfzig Jahren lebe.

 

 

3.2

Dass einigen von ihnen im vereinigten Deutschland die berufliche Tätigkeit im Alter von 58 bis 60 Jahren entzogen und sie unfreiwillig verrentet wurden, fassten sie nicht als Gewinn auf. Dass sie die damit verbundenen Kränkungen gleichsam achselzuckend und widerstandslos hinnahmen, führe ich auf vierzig Jahre Leben in totalitären Strukturen zurück. Nicht einmal über ihre persönlichen Erfolge im Beruf bis 1989 mögen sie sprechen. Vielleicht ist es eine Mischung von Scham und Stolz, die die betroffenen ehemaligen DDR-Bürger daran hinderte, ihr Nachwendezeit-Schicksal öffentlich zu beklagen. Dieses Verhalten erinnert mich an das eines fünfundvierzigjährigen Freundes aus einer südbadischen Stadt, der vor wenigen Tagen nach fünfundzwanzig Jahren erfolgreicher Tätigkeit in seinem Betrieb „freigestellt“ wurde. Niemand in seinem sozialen Umfeld soll etwas erfahren! Verzweifelt versucht er, der wegen Familie und Haus nicht nach China oder Indien ziehen kann, wohin die Firma „verlagert“ wurde, nun eine neue Existenz zu schaffen. Er geniert sich für ein Schicksal, an dem er ohne Schuld ist.

 

 

3.3

Dass in der Öffentlichkeit – sogar in relativ unabhängigen Medien - heute in Deutschland so getan wird, als seien nur die negativen Erscheinungen in der ehemaligen DDR einer Betrachtung wert und verdienen es nur ihre politischen Gegner, sich äußern zu dürfen, halte ich für Einäugigkeit.

 

Die Begegnungen mit meinen ehemaligen Klassenkameraden sind für mich der Nachweis dafür, dass einmal drüben, genau so wie hier, in ihren Berufen tüchtige Menschen lebten, denen in ihrem Alltag die Politik und ihre Repräsentanten im höchsten Grade egal waren. Übrigens genau so wie hier bei uns einer bedeutenden Minderheit. Denken wir zum Beispiel nur an die Nichtwähler..

 

Ich denke eine differenziertere Betrachtungsweise haben unsere Mitbürger in den neuen Bundesländern verdient. Und wenn von „Schuld“ die Rede ist, dann sollte auch die der Sowjetunion und des Westens und seiner Repräsentanten in Politik, Wirtschaft, Justiz und Kultur thematisiert werden. Hitlerdeutschland, also viele unserer Mütter und Väter, haben zwar mit ihrer Verantwortung für Kriegsausbruch und Kriegsfolgen die Besatzungszonen der Nachkriegszeit begründet. Der „kalte Krieg“ aber schuf und begleitete propagandistisch das Feindbild zwischen Ost und West, dessen politische, ökonomische und kulturelle Folgen uns Deutsche, ohne unser Zutun, Wunsch oder Willen, in Bürger der BRD oder der DDR spaltete und den jeweiligem "ideologischen Überbau" auslieferte.

 

 

 

© Dr. Joachim Rumpf

79733 Görwihl

03.11.09

 

 

 

 

Anmerkung:

Weitere Informationen vgl. im Teil „Widerständiges“ und die Aufsätze: „Erziehung und Bildung in der DDR“ in „neue praxis“ Nr. 4/1993 und „Ehemalige DDR-Pädagogen“ in www.rumpfs-päd.de im Teil „Kulturpolitische Beiträge“ u. a. a. O.

 

 

© Dr. Joachim Rumpf
79733 Görwihl

erste Fassung 11.07.2009
ergänzt: 03.07.2011

 

Ich hatte mich darum bemüht aus gegebenen Anlässen diese Erfahrungen weiter zu geben. Die völlig fehlende Reaktionen auf meine Briefe bestätigten meine Annahme, dass die jeweiligen Adressaten vermutlich nichts von einer differenzierteren Betrachtung der deutschen Nachkriegsgeschichte - und schon gar nicht von der des Alltags in der ehemaligen DDR halten, wenn es nicht in ihre Klischees passte.

 

 Am 3. August 2009 schrieb ich nach Emmendingen:

 

An
Frauke von Trotschke

Deutsches Tagebucharchiv


Marktplatz 1


79321 Emmendingen

 
Betr.: „20 Jahre Mauerfall“

Sehr verehrte Frau von Trotschke!

 Mit Interesse habe ich das Interview mit Ihnen gelesen, das heute in der „Badischen Zeitung abgedruckt wurde. Ich entnahm daraus, dass Sie darüber traurig sind, dass die Freude über den Mauerfall 1989 offenbar vergessen worden ist und darüber „dass wir wohl noch lange nicht zusammengewachsen sind“.
Meine Erklärung für dieses Phänomen finden Sie in dem Aufsatz, den ich diesem Brief beifüge. Ich übermittelte ihn auch der Kulturredaktion der „Badischen Zeitung“ und schrieb dazu u. a., dass mit derartigen Beiträgen:

"Wasser auf die Mühlen vereinfachender Darstellungen und geistiger Abwehrmechanismen gegen die untergegangene DDR geleitet wird. Gewiss handelt es sich in den von Ihnen veröffentlichten Beiträgen um wahre Begebenheiten, Schicksale und Erscheinungen in jenem von den Besatzungsmächten nach dem Kriege geschaffenen Gebilde. Ich vermute aber, dass eine mit dem Akzent auf alle negativen Phänomene der DDR gerichtete Auswahl Ihrer Veröffentlichungen die unsichtbare Mauer, die noch heute zwischen West- und Ostdeutschen bestehen soll, verstärkt wird.“

Ich gehöre zu jenen historisch Interessierten, die sich, nicht zuletzt aus eigener Betroffenheit heraus, ein Bild von Menschen und Verhältnissen in der ehemaligen DDR zu verschaffen suchen. Der beigefügte Aufsatz, den Sie demnächst auch auf einer meiner Homepages nachlesen können, gibt Ihnen weitere Auskünfte. Ich hoffe, dass Ihnen meine Informationen für Ihre verdienstvolle Arbeit nützlich sein können!

 Mit den besten Wünschen und
freundlichen Grüßen

 

 

Und am gleichen Tage erhielt die Kulturredaktion der "Badischen Zeitung" in Freiburg Post von mir:

An die
Badische Zeitung
Baslerstraße 118
79115 Freiburg

Betr.: „20 Jahre Mauerfall“

Sehr geehrte Damen und Herren in der Kulturredaktion,
es ist nicht das erste Mal, dass ich an die „Badische Zeitung“ schreibe. Und mein Brief wird sehr wahrscheinlich wieder ohne Echo bleiben. Dennoch soll er abgeschickt werden. Sie finden ihn, einschließlich des Aufsatzes, später auch im Internet auf einer meiner Homepages.

Den Anlass meines Briefes und zu dem Aufsatz, den ich ihm beifüge – und die nicht zur Veröffentlichung bestimmt sind – ist aus dem „Betreff“ zu ersehen. Vor mir liegt die „Badische Zeitung“ von heute, in der erneut mit dem Interview „Gegen die Enge in der DDR wehrten sich viele“ (S. 21) Wasser auf die Mühlen vereinfachender Darstellungen und geistige Abwehrmechanismen gegen die untergegangene DDR geleitet wird. Gewiss handelt es sich in den von Ihnen veröffentlichten Beiträgen um wahre Begebenheiten, Schicksale und Erscheinungen in jenem von den Besatzungsmächten nach dem Kriege geschaffenen Gebilde. Ich vermute aber, dass eine mit dem Akzent auf alle negativen Phänomene der DDR gerichtete Auswahl Ihrer Veröffentlichungen die unsichtbare Mauer, die noch heute zwischen West- und Ostdeutschen bestehen soll, verstärkt wird.
Welches auch Ihre Motive sein mögen: ich bitte Sie zu prüfen, ob Ihnen nicht eine differenziertere Berichterstattung möglich ist! Vielleicht finden sich Persönlichkeiten aus der ehemaligen DDR, ich denke da zum Beispiel an die, die den dortigen Alternativ- und Friedensgruppen angehörten, die gern etwas über Ihre Motive und Ziele sagen möchten und darüber, wie sie die vergangenen zwanzig Jahre erlebt haben.

Mit freundlichen Grüßen

 

 

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