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Aufsätze zur Zeitgeschichte

 

 

Kriegsende und  „Nachkrieg“

 

 

1.Einführung

Das Kriegsende war kein Tag, sondern ein Prozess. Für mich begann er am 7. März 1945 mit der Zerstörung unserer damaligen Heimatstadt Dessau und endete Mitte 1948, als für unsere Familie die Zeit des Hungerns und Frierens zu Ende ging. Das Jahr 1948 war für mich persönlich zugleich die Zeit der Wandlung. Geboren im Januar 1932 war ich in einer Familie herangewachsen, in der das Wort des Führers mehr galt, als Gebote der Kirche, in die ohnehin niemand ging. Schon die Großeltern mütterlicherseits waren "gottgläubig". So bezeichneten sich damals alle, die mit der Institution "Kirche" nichts im Sinne hatten und deren Trauungen oder Kindtaufen in SA- oder SS-Heimen stattfanden. Während meine um ein Jahr jüngere Schwester Ilse bald nach Kriegsende die Vergangenheit abgeschüttelt hatte und sich  - wie es viele unserer Altersgenossen taten - ausschließlich dem Hier und Jetzt zuwandte, lebten meine Eltern und ich noch weiter, als wäre die Besatzungszeit eine vorübergehende Episode. Ich schied, wie meine Tagebücher aus diesen Jahren bestätigen, aus dem Dunstkreis nationalistischen Denkens erst Ende 1948 aus, als ich eine sehr liebe Familie kennen lernte, die aus dem antifaschistischen Widerstand kam (vgl. dazu meinen Aufsatz: Erziehung und Bildung in der DDR. In: Neue Praxis Nr. 3/1993).

In der Nachkriegsnot, der Vertreibung der Deutschen aus Ostpreußen und den anderen deutschen Gebieten jenseits von Oder und Neiße und dem Wirken der Besatzungsmächte (später vor allem der Sowjetischen Besatzung) fanden viel Deutsche eine Bestätigung ihrer alten Haltungen. Nicht zuletzt sind es zurzeit wieder die ewig Gestrigen, allen voran die Neonazis mit ihrer NPD, die, wie einst der BEH, die DP,  die DVU u. a., den Jahrestag der deutschen Kapitulation in einen Gedenktag deutscher Demütigung und alliierten Unrechts begehen wollen.

 

Auch meine Eltern blieben Nationalisten bis zu ihrem Lebensende. Sie leugneten zunächst oder verdrängten Auschwitz und die Judenvernichtung genauso, wie alle anderen, die sich noch heute nicht an den Gedanken gewöhnen können, dass wir Deutschen 1945 einen Krieg verloren, den wir selbst vom Zaune gebrochen hatten. In der Bundesrepublik traf ich in den fünfziger und sechziger Jahren viele mit dieser Einstellung. Von ihnen waren die meisten in Amt und Würden und nicht selten Mandatsträger einer demokratischen Partei. Ich denke da an unseren Bürgermeister und meinen damaligen Schulleiter, die mir unisono in einem Markgräfler Weinlokal 1969 versicherten, dass die Deutschen niemals sechs Millionen Juden umgebracht hätten. Es sein nicht einmal halb so viel gewesen. Für sie war der Krieg - zumindest gegen die Sowjet-Union - noch nicht zu Ende. In diesem Verständnis war der Zweite Weltkrieg eigentlich erst mit dem Zusammenbruch des realen Sozialismus abgeschlossen. Ich halte es für möglich, dass es Historiker geben wird, die sich diese Sichtweise zu Eigen machen.

Die folgenden Darstellungen stützen sich nicht allein auf mein Gedächtnis, das ebenso selektiv und lückenhaft ist, wie jedes andere. Ich hatte mit vierzehn Jahren begonnen Tagebuch zu schreiben. Und diese Aufzeichnungen haben alle Umzüge überstanden und liegen heute, zum Teil nur mühsam zu entziffern, neben mir auf dem Schreibtisch.

 

2. Wie unsere Familie nach Thüringen kam

Meine Eltern und wir Kinder hatten wenige Wochen vor Kriegsende zwei schwere Bombardements in unserer damaligen Heimatstadt Dessau nur knapp überlebt. Dessau war in zwei nächtlichen Luftangriffen fast völlig zerstört worden. Die Schäden dort seien nicht geringer gewesen, als in Dresden oder Magdeburg hieß es damals. Auch unser Reihenhaus wurde in Mitleidenschaft gezogen, wenn auch mehr Bomben - bedingt durch die lockere Bauweise der Junkers-Siedlung - in die Gärten und auf die Straßen als auf die Häuser gefallen waren. Die Stunden des Rauschens, Zischens und Knallens und der Luftdruck, der uns gleichsam die Kellertreppe hinunter stieß, blieben (bis heute) ebenso unvergessen, wie die panische Angst und das grauenvolle Brausen und Knistern der Feuersbrunst, die die ganze Stadt ausfüllte. Und die Menschen? Es war eher still in diesen Situationen: niemand schrie, niemand schien den Kopf verloren zu haben. Ich kann mich nicht erinnern, dass eine Panik ausbrach, als wir merkten, dass die Angriffswellen vorüber waren. Jeder sah zu, dass aufflackernde Feuer hier und da gelöscht wurden. Alle packten mit an und natürlich wurde auch dort gelöscht, wo niemand zu Hause war. Unser Vater war zufällig daheim. Er behielt die Ruhe und bot uns ebenso Schutz wie die Mutter. Sie durfte nicht auch, wie wir Kinder, vor Angst beben. Unser Zorn aber richtete sich nicht gegen die Regierung, so, wie es heute bei jeder Steuererhöhung und anderer „Reformen“ üblich ist, sondern gegen die „Anglo-Amerikaner“, die die Terrorangriffe durchführten.

Wir Kinder wollten von diesen Stunden des siebenten März 1945 an nicht mehr daheim schlafen. Bei Anbruch der Dämmerung zogen wir mit vielen anderen hinaus in die umliegenden Wälder. Wir fanden sogar Unterschlupf im Luftschutzkeller der Familie Zacke, dem Klassenlehrer meiner Grundschulzeit. Die bewohnten ein kleines Häuschen in einer Siedlung am Waldrand, die bisher nicht bombardiert worden war. Diese allabendliche Wanderung mit Sack und Pack im Handwagen endete schon nach einer Woche am 14. März, als uns der Vater nach Thüringen holte. Auf einem vom Vater organisierten Lastwagen waren wir aus dem zerstörten Dessau nach Thüringen gekommen. In den alten Eisenerzgruben tief unten im Roten Berg und an anderen Orten, waren Betriebsteile der Junkers-Werke von Dessau her verlagert worden. Unser Vater, damals schon über vierzig Jahre alt, war kein Soldat geworden, sondern in diesem Rüstungsbetrieb tätig und bereits seit etlichen Monaten bei Saalfeld stationiert.

 

3. Die Amerikaner kommen

Um die Mittagszeit eines Apriltages 1945 kamen die Amerikaner nach Goßwitz in Thüringen.
An diesem sonnigen milden Frühlingstag beobachteten meine Schwester und ich, wie ein junger deutscher Soldat durch den Garten hinter dem Wirtshaus davon sprang und seinen Kameraden Richtung Pößneck nachlief. Dort knallte es auch ein paar Mal. Einzelne Gewehrschüsse begleiteten das Ende des Krieges in diesem Dorf hoch oben auf dem Roten Berg bei Pößneck. Doch dann rief uns die Mutter. Wir sollten herein- und mit in den Keller kommen. Draußen sei es zu gefährlich. Bald saßen wir unten im Luftschutzkeller des Gasthauses und warteten. Mit uns saßen der Wirt und seine Frau und einige andere Hausgäste. Nur schwach hörten wir oben einige Schüsse und dann das metallische Rattern von Panzerfahrzeugen, die in die Dorfstraße einfuhren. Bald darauf standen zwei amerikanische Soldaten mit schussbereiten Maschinenpistolen in der Kellertür und fragten nach Soldaten. Da außer dem beleibten Wirt nur Frauen und Kinder im Kellerraum waren, gingen sie wieder. Niemand von uns wurde untersucht oder befragt. Der Wirt, der sich ausweisen musste, begleitete die beiden wieder nach oben. Wir anderen sollten noch im Keller bleiben, hatten uns die beiden Soldaten bedeutet.

Bereits in den Tagen zuvor war die Aufregung groß gewesen. Die Front rückte immer näher und die Einwohnerschaft von Goßwitz, Krölpa oder Ranis bewegte keine Frage mehr als die: wird unser Dorf verteidigt? "Verteidigt", das hieß, dass die deutschen Truppen das Gemeindegebiet befestigten, Gräben aushoben, Geschütze in Stellung brachten und zum Schlachtfeld erklärten. Das aber hätte die Zerstörung der Dörfer bedeutet mit der Folge, dass auch die Zivilisten, die - wie zuvor geübt - in den Luftschutzkellern saßen - gefährdet gewesen wären. Außerdem hatten wir alle Angst, dass die Amerikaner sich an den Übriggebliebenen rächen würden.

Die Versorgung mit Nachrichten war spärlich in diesen Tagen. Über den Drahtfunk konnten wir zwar bei dem Gastwirt, bei dem wir einquartiert waren, die für die Zivilbevölkerung bestimmten Regionalnachrichten abhören, die uns über Bewegungen der feindlichen Truppen und Flugbewegungen anglo-amerikanischer Bomberverbände informierten. Was aber geschehen würde, wenn die alliierten Truppen bei uns einrückten, darüber gab es nur Gerüchte. Am wildesten waren die über die Schwarzen. Die Neger, so hieß es, sind nicht besser als die Russen. Nun, was die Russen bei ihrem Vorstoß im Osten anrichteten, darüber hatten uns die Nachrichtensendungen ständig auf dem Laufenden gehalten. Galt es doch den Widerstand der Bevölkerung anzustacheln und jeden Einzelnen davon zu überzeugen, dass es auch für Frauen und Kinder besser sei mit der Waffe in der Hand zu sterben, als einem Russen lebend in die Hand zu fallen.

Zunächst hatten wir im "Grünen Baum" ein Zimmer bekommen. Als die Amerikaner eingerückt waren und die Nachkriegszeit begonnen hatte, nahm uns ein älteres Ehepaar bei sich auf und trat uns eine Stube ab. Die beiden bewirtschafteten einen kleinen Hof, der sie, ein Schwein, drei Ziegen und einige Hühner und Kaninchen ernährte. Sein Leben lang hatte der Hausvater unten in der Maxhütte im Schichtbetrieb gearbeitet, während die Frau die Kinder großzog und das Vieh versorgte. Gemeinsam bestellten sie ihre kleinen Äcker, die gerade so viel Kartoffeln, Getreide und Grünfutter erbrachten, wie die Tiere und Menschen zum Überleben brauchten.

Und hier gleich eine weitere Erinnerung, die lebhaft vor meinen Augen steht: In Thüringen ist das "Eier schippeln" ein alter Osterbrauch. Kinder nehmen die gefärbten Eier und lassen sie einen Hügel hinunterrollen. Dabei kommt es darauf an, dass die Schale nicht entzwei geht. Wir Kinder ließen die gekochten Eier rollen und die Hausfrauen trugen Kuchen auf großen runden Blechen zum Dorfbäcker, um sie dort backen zu lassen. Auch meine Mutter buk Kuchen und alle feierten ein Osterfest, als ob wir nicht gerade das Einrücken der Amerikaner erlebt und an mehreren Fronten in Deutschland nicht noch gekämpft würde. Hier war es friedlich geworden. Die Voraussagen von Skeptikern aber, die damals bei uns bereits umgingen: "genießt den Krieg, der Frieden wird fürchterlich" sollte sich jedoch  bestätigen.

 

3. Wo bleibt der Endsieg?

Noch aber war Krieg. Und solange er währte, waren meine Eltern fest vom Endsieg Deutschlands überzeugt. Wir saßen abends um den Tisch, stellten den Drahtfunk ein und hörten auf die Durchhalte-Parolen. Ständig wurden Gerüchte über die alles entscheidende "Wunderwaffe" verbreitet, die nun zum Einsatz käme. Und obwohl wir inzwischen im Hinterland der Front lagen und amerikanische Besatzungstruppen die Regierungsgewalt übernommen hatten, glaubten wir daran, dass alles das bald vorüber sein würde. Wir hofften auf eine "Wende". Kursierten doch schlimme Gerüchte über Übergriffe, Plünderungen und Gewalttaten derer, die uns bisher als Sklaven dienten. Überall waren in den vergangenen Jahren Barackenlager von Kriegsgefangenen und Ostarbeiterinnen und Arbeitern eingerichtet worden. Die in grau und schwarz gekleideten Frauen und Männern mit zum Beispiel einem "P" auf dem Rücken, waren Bestandteil des Straßenbildes. Im Haushalt meiner Mutter ging 1943 eine junge Ukrainerin zur Hand und den Garten grub ein russischer Kriegsgefangener um. An den Mann kann ich mich gut erinnern, weil er stets zu Späßen aufgelegt war und so unheimlich viel Kartoffeln essen konnte. Während wir Kinder uns gut mit unseren Hausdienern vertrugen, war es uns zu anderen Zeiten und im Kreis der Schulkameraden ein Spaß gewesen, den Polen und Russen auf der Straße Schimpfworte in ihrer Sprache zuzurufen, deren Sinn wir oft selbst nicht verstanden. Wir empfanden kein Mitleid, wenn die ausgemergelten und befremdlich riechenden Gestalten in den Mülleimern herumwühlten, die bereits in den vierziger Jahren allwöchentlich auf den Bürgersteig gestellt wurden.

Nun waren sie befreit, zogen die Lumpen aus und nahmen, so lauteten wenigstens die Gerüchte, den Deutschen ihre Kleider weg. Das Dorf Goßwitz aber lag weit ab. Ich kann mich nicht daran erinnern, je plündernde Fremdarbeiter, amerikanische und später russische Soldaten gesehen zu haben. Stattdessen plünderten die Deutschen! Unter Lebensgefahr, denn auch die Besatzungsmacht hatte das verboten, zogen die Erwachsenen los und holten deutsches Heeresgut. Auf einem der Bahnanlagen, die in der Nähe dem deutschen Militär und den im Berg gelegenen Rüstungsbetrieben gehört hatten, standen Güterwagen mit nützlichen Dingen: Decken, Radioapparate und militärische Ausrüstungsgegenstände. In den Tagen nach der Besetzung zogen die Mutigsten aus den umliegenden Gemeinden los und holten sich aus den Waggons, was sie nur tragen konnten.

Der Krieg ging zu Ende. Aber erst als am Abend des 21. April 1945 der Radiosprecher verkündete, dass der Führer an der "Spitze seiner Soldaten" und bei der "Verteidigung der Reichshauptstadt gefallen" sei, war auch für die Familie Rumpf der Glaube an den Endsieg zu Ende. Die Mutter weinte und musste die beiden weinenden Kinder trösten. Unsere Trauer war so groß, wie es unser Glaube an den Führer gewesen war. Der Tod Adolf Hitlers löste in mir Rachephantasien aus und noch über ein Jahr später gehörte ich zu jenen, die in unserem Gymnasium sein Andenken verteidigten. Dabei - so erscheint es aus heutiger Sicht - hätten wir doch allen Grund gehabt, ihm wegen dieses Krieges zu grollen. Und nun, kaum vier Wochen nach unserem Exodus, war der Führer tot. Die Leere, die dieser Tod zunächst in uns hinterließ, war sehr groß. Jede Orientierung war weg und damit unsere Perspektiven. Ich hatte bis dahin keinen Menschen gekannt, der anders als wir. Bis zum Kriegsende wusste ich nicht einmal, dass es Männer gab, die nicht Mitglied der NSDAP waren. Alle Männer, mit denen meine Eltern Kontakt hatten, trugen ein Parteiabzeichen. In der Schule hatten wir nur einen Jungen in unserer Altersstufe, der sich weigerte, eine Uniform anzuziehen. Das Bild mit diesem Exoten ist noch heute in meinem Fotoalbum. Da dieser Junge aber ein ungarndeutscher Flüchtling und ein guter Kamerad war, nahmen wir anderen diesen Spleen hin. Selbstverständlich waren wir alle in der Klasse begeisterte Pimpfe und beneideten die etwas älteren Jahrgänge, weil die als Luftwaffenhelfer bereits eine Art „Halbsoldaten“ sein durften.

Die eigenen Zukunftsvorstellungen waren eng mit dem Dritten Reich verknüpft gewesen. Natürlich wollte ich Offizier werden. Nach Ballenstedt, auf die Nationalpolitische Bildungsanstalt, war ich nicht gekommen, obwohl ich alle Prüfungen bestanden hatte: meine Mutter intervenierte wegen meiner Anfälligkeit für Erkältungskrankheiten. Und gegen den Elternwillen konnte wohl auch damals die staatliche Gewalt nicht alles durchsetzen.

Mein Vater, er arbeitete seit 1935 bei Junkers in einer „Hollerith-Abteilung“ (als „Informatiker“ sagen wir heute), war im besetzten Frankreich und, 1942, auf Frontflugplätzen in der Sowjet-Union im Einsatz. Dort träumte er von einem landwirtschaftlichen Gut am Dnjepr. Insofern hatte ein offizielles Kriegsziel, die Besiedlung und Germanisierung der landschaftlich fruchtbarsten Gebiete im westlichen Russland und in der Ukraine zumindest bei nationalsozialistisch denkenden Menschen in Deutschland, wie in unserer Familie, bereits konkrete Vorstellungen angenommen. Sogar die Pläne wurden damals gezeichnet und ein Gebiet bei Saporoshje als künftige Heimat ausgeguckt.

 

4. Nach der Kapitulation

Doch mit der nun wenige Tage nach Hitlers Tod folgenden Kapitulation waren die Träume dahin und mit ihnen das Großdeutsche Reich. Was blieb, waren wir Menschen. Täglich wanderte der Vater hinunter in die Kreißtadt, um (vergeblich) seine "Entnazifizierung" zu beantragen. Außerdem bemühte er sich energisch darum, dass wir wieder nach Dessau zurückkonnten. Das klappte nicht gleich. Erst als die sowjetischen Truppen die Amerikaner abgelöst und Thüringen und Teile Sachsens gegen West-Berlin eingetauscht hatten, konnten wir zurückfahren. Das wertvollste Gut, das wir aus Goßwitz mitnahmen, war ein Doppelzentner Mehl. Die Nachkriegszeit hatte begonnen und mit ihr die Periode des ständigen Hungers und, in den Wintermonaten, des Frierens. Wir kamen zwar heil in Dessau an. Dort aber war noch alles, wie wir es verlassen hatten: Die Fenster ohne Glas, auf dem Dach fehlten Ziegel und in den Gärten und Straßen klafften die Bombenkrater. Und die Nachbarn waren zunächst gar nicht gut auf uns zu sprechen, da wir nicht mit ihnen, mit denen wir fast zehn Jahre Wand an Wand gelebt, auch das Kriegsende geteilt hatten. Dennoch blieben in den nun folgenden Jahren die gewachsenen Verbindungen erhalten. Gerade jene, die als besonders belastet galten und ihr Haus verlassen und in Notquartiere umziehen mussten, standen uns noch lange besonders nahe. Die meisten aber, zu denen auch wir gehörten, schafften es und konnten bleiben. Es kamen noch viele andere Menschen hinzu. In jedes Haus wurde wenigstens eine weitere Familie einquartiert. Die Ausgebombten und mehr und mehr die aus dem Osten Vertriebenen mussten untergebracht werden. Und da hieß es: zusammenrücken. Bis Ende 1947 lebten wir und unsere Nachbarn in der Siedlung in den kleinen Reihenhäusern in drangvoller Enge. Lediglich jene, die in die Häuser der ausgewiesenen Familien eingewiesen worden waren und irgendwelche Schlüsselfunktionen in der neuen Verwaltung ausübten, blieben von Einquartierungen verschont. Bereits in den ersten Nachkriegsmonaten bildeten sich neue soziale Unterschiede heraus. Gewiss litten die meisten Menschen, genauso wie wir, Hunger und mussten zusehen, wie sie mit ihren kargen Rationen zu Recht kamen. Es gab aber doch einige wenige, die mehr oder gar noch alles hatten, was wir vermissten. So hatten wir in der Klasse, die Schulen in der sowjetisch besetzten Zone wurden bereits am 1. Oktober 1945 wieder geöffnet, einen Mitschüler, dessen Vater Getreidehändler war und gute Beziehungen zur Besatzungsmacht unterhielt. Dieter war reich. Er war der einzige, der gut gekleidet war und keine Hose trug, die, wie meine, aus einer Wolldecke gefertigt, immer wieder an den Nähten aufging. Er hatte auch stets Zigaretten.

Zigaretten waren eine Art Währung in dieser Zeit. Fast alle Menschen rauchten. Dass Zigaretten und Tabak gleichsam als lebensnotwendig anerkannt waren, darauf deutet die "Raucherkarte", die jedem Menschen, neben der Brotkarte, der Fleischkarte, der Nährmittelkarte und der Zuckerkarte zugeteilt wurde. Dieses System der "Lebensmittel-karten" war uns vertraut, da es bei Kriegsbeginn eingeführt worden war. Nur waren nach dem Krieg die Rationen geringer. Auch meine Eltern rauchten. Ihnen war eine Zigarette, vielleicht sogar eine "Gute" (nicht selbst gedrehte) wichtiger, als ein Stück Fleisch. Unsere Nachbarn waren Nichtraucher. Mit ihnen wurden Lebensmittelmarken gegen Zigarettenmarken getauscht, was unsere Not nicht gerade linderte. Wir Kinder folgten dem Beispiel unserer Eltern und rauchten kräftig mit. Ich habe in jenen Jahren erfahren, dass derartige Süchte eine ernste Gefährdung unserer Existenz und keineswegs eine Bereicherung waren. Was haben wir Raucherinnen und Raucher nicht alles an Entbehrungen auf uns genommen, zu welchen beschämenden Handlungen waren wir fähig, nur, um an eine Zigarette oder wenigstens an etwas Tabak zu kommen. Sogar Zigarettenpapier war eine Kostbarkeit. Aber auch für Brot wechselten Schallplatten, Fotoapparate oder wertvolle Bücher die Besitzer. Was der Krieg an Wertsachen nicht zerstört hatte, das verschwand auf dem schwarzen Markt. "Wenn die Zeiten wieder besser werden", so trösteten wir uns, "dann kaufen wir es uns wieder". Dass dies keine leere Phrase war, lässt sich an einem Beispiel nachweisen:

Meine Kindheit war stark vom Buch geprägt. Lesen gehörte zu meinen Lieblingsbeschäf-tigungen. Besonders in einer siebenbändige "Illustrierte Weltgeschichte", die im Bücher-schrank meiner Eltern stand, hatte ich immer wieder gern geblättert. Da ich der einzige in der Familie war, der sich in diesen Jahren für die Bücher interessierte, fiel es auch nicht sonderlich auf, als die Weltgeschichte eines Tages fort war. Jedenfalls fragte niemand danach. Ich hatte sie gegen ein ganzes Brot und ein paar Zigaretten getauscht. Zwanzig Jahre später ging ich auf die Suche nach dieser Ausgabe. Erst 1991 fand ich sie in einem Tübinger Antiquariat wieder.

 

5. Einstellungen und Verhaltensweisen von uns Besiegten

Dass in meiner Familie und in denen von Nachbarn und Freunden die Niederlage nicht mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht wurde, das deutete ich bereits an. Sogar die Bilder und Texte in den Tageszeitungen, die über die Nazi-Verbrechen Zeugnis ablegten, wurden als russische Propaganda abgetan. Die Besatzungstruppen wurden nicht als Befreier erlebt. Als ich in den fünfziger Jahren an den Hochrhein kam, erinnerten sich viele meiner Arbeitskollegen daran, dass sie sich 1945 an die Franzosen ebenso wenig gewöhnen konnten, wie wir uns an die Russen. Man musste wohl schon im Konzentrationslager gewesen sein, in einem Gefängnis gesessen oder in einem Strafbatallion gedient haben, vielleicht auch betont religiös gewesen sein oder sonst wie Ärger mit der Staatsmacht und ihrer Vertreter gehabt haben, um den 8. Mai als Tag der Befreiung begehen zu können. Aus der Sicht eines Vierzehnjährigen jedenfalls waren die Besatzer keine Freunde. In meinem Tagebuch von 1946 findet sich dazu der folgende Text. Ich hatte ihn verfasst, als ich, anlässlich einer der vielen „Hamsterfahrten“ im Magdeburger Wartesaal eine Nacht zubrachte, um auf einen Anschlusszug zu warten, der, wie damals üblich, nach "unbestimmter Verspätung" im Morgengrauen eintraf:

 

"Die MP überm Rücken
in den Taschen des Mantels
die Hände vergraben;
in der graugelben Kleidung der Soldaten
mit einer Fellmütze auf dem Kopf
und die rote Binde am Arm:
das sind sie - die Vertreter
 einer fremden Macht,
die sich anmaßt noch heute,
uns zu bewachen;
Fremdkörper in unserem Land;
Werkzeuge eines Staates,
der uns - den deutschen Menschen -
niemals wohlgesinnt.
Beherrscht von dieser Macht -
hier die Sowjets
drüben die Amerikaner:
Das ist das Deutschland von heute."

 

So erlebte ein Vierzehnjähriger in Mitteldeutschland damals die Besatzungsmacht. Und wenn wir Jungen aus unseren Schulräumen, die Oberschulen waren in Dessau im unbeschädigten Bauhaus untergebracht, hinunter auf das Villenviertel schauten, in dem die russischen Offiziere hinter langen und hohen Bretterzäunen lebten, dann erhielt unsere Abscheu neue Nahrung. Wir sahen nicht selten, wie einfache russische Soldaten, den Offiziersfrauen die Einkäufe nachtrugen und die gleichen Soldaten von ihren Vorgesetzten geschlagen und getreten wurden. Auf dem Übungsgelände des „Russenviertels“ wurden Soldaten sogar mit Fußtritten ermuntert, über Barrikaden zu springen. Und diese Menschen sollten uns Kultur bringen und Vorbilder sein?

Wir Buben hatten zwar Angst vor den Russen – machten uns aber über sie lustig. Auch und gerade bei offiziellen Veranstaltungen der Schule. Keiner unserer Lehrer versuchte eine irgendwie geartete antifaschistische Erziehung. Nicht einmal andeutungsweise. Und kamen von außen Agitatoren der neuen politischen Gruppen in die Schule, stellten wir unsere Ohren „auf Durchzug“, schwiegen und spotteten über sie, sobald sie weg waren. An einen offenen Widerspruch kann ich mich nicht erinnern. Die Sorge „abgeholt“ zu werden, war nach Kriegsende größer geworden als vorher. Im Deutschunterricht wurden klassische Texte gelesen und die Geschichte endete mit dem deutschen Kaiserreich. Übrigens auch in Lörrach / Baden. Dort machte meine Frau 1959 das Abitur und in deren Geschichtsunterricht blieben die Jahrzehnte nach 1918 ausgespart, genauso wie in meiner Schulzeit.

Ich habe in Gesprächen mit meinen Altersgenossen in späteren Jahren ohnehin den Eindruck gewonnen, als hätten sie zu jener Zeit in allen Besatzungszonen ähnlich gedacht und empfunden. Doch mit zunehmendem Alter, vor allem nach Beendigung der Schulzeit, schoben die Herausforderungen des Alltags die Erinnerungen an Krieg und Nachkriegszeit in den Hintergrund. Und ob und wie es eine Mehrheit derer, die bei Kriegsende zwölf bis vierzehn Jahre alt waren, schaffte, sich neuen Werten zuzuwenden, bleibt für mich eine interessante und offene Frage. Mein eigener Weg deutet darauf, dass sich dieser Prozess einer Neuorientierung in einer sozialen Umwelt mit mehr oder weniger offen vertretenen alten (nationalistischen Orientierungen) bei jedem anders vollzog – wenn es überhaupt zu einer derartigen Umorientierung kam. Während der Besatzungszeit blieben die Besatzungstruppen Besatzungstruppen. Auch wenn sie als unsere Freunde auftraten und deren militärische, wirtschaftliche und politische Macht immer weniger sichtbar war. Ich nahm damals aber an, dass wir uns darauf verlassen konnten, dass radikale Änderungen des politischen Systems – bei uns in der BRD in Richtung einer sozialistischen Gesellschaft, in der DDR in Richtung auf mehr Demokratie im westlichen Verständnis – bis in die Zeiten eines Gorbatschow von den jeweiligen Besatzungstruppen verhindert worden wären. Der siebzehnte Juni 1953 belegt dies. Und hätte es in der Bundesrepublik ein vergleichbares Ereignis gegeben, hätten die alliierten Truppen kaum zugeschaut.

Doch hier gab es eine ganz andere Alltagskultur, die sich für mich unter anderem mit dem Wort Friedrichs II. von Preußen beschreiben ließe, dass „jeder nach seiner Facon selig werden“ konnte. Darüber soll abschließend noch etwas nachgedacht werden.

 

 

6. Vom wir zum ich oder: von der nationalsozialistischen und sozialistischen (Volks-) Gemeinschaft zum Individualismus.

 

Wenn ich mich heute danach frage, was ist es denn, was ich aus jenen Jahren als Lebensbestimmenden Grundhaltungen mitnahm, dann möchte ich sie mit "illusionslos", „pazifistisch“ und „pragmatisch“ bezeichnen.

Zunächst ist hier festzuhalten, dass ja der Krieg noch lange dauerte, da der heiße Krieg bald in den "kalten" überging, Und für wenige Jahre war ich insofern „Kriegsteilnehmer“ da ich mich als politischer Pädagoge für den Aufbau einer antifaschistisch-demokratischen Gesellschaft in der Gründungszeit der DDR engagierte. Unter anderen trugen drei Faktoren zu meiner Distanzierung von diesem Aufbau bei:

Die Herausbildung neuer privilegierter Schichten („Die neue Klasse“ hieß ein Buch von Milovan Djilas, der dieses Phänomen beschrieb), die mich gewaltig verärgerte.

Die nicht nachlassende Bewährungssituation in der sich strebsame junge Menschen befanden, in der sie ständig vor irgendwelchen Leitungen ihr Tun und Lassen zu rechtfertigen hatten (die Prinzipien „Kritik und Selbstkritik“). Wobei die Leitungspersonen in den Jugend- und Parteiorganisationen den hohen moralischen Anspruch, den sie einforderten, nicht selbst lebten.

Die erkennbar werdende Remilitarisierung in der DDR, die sich mit meiner Grundhaltung „Nie wieder Krieg“ – und schon gar nicht mit deutscher Beteiligung - nicht vertrug.

Auf einen grob vereinfachten Nenner gebracht, fühlte ich mich von der „neuen Klasse“ nach 1949 genauso hinters Licht geführt, wie von der alten Klasse vor 1945. Illusionslos blieb ich - generalisierend und bezogen auf die Absichten all jener, die Macht haben in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft - bis heute. Ein elementares, im tiefsten Innern stets lebendiges Misstrauen gegenüber allen wohlklingenden oder frommen Sprüchen hatte sich herausgebildet, geboren aus der Enttäuschung über ein System, an das wir (meine Angehörigen und ich) geglaubt hatten und deren alternativen Ideologien sich als ebenso mehrdeutig wie amoralisch demaskierten.

Die Desillusionierung vollzog sich nicht von einem Tag auf den anderen. Sie vollzog sich auch nicht bei allen Deutschen und wenn, dann nicht bei allen in der gleichen Weise. Ich zum Beispiel war noch jung. Der Prozess der Identitätsbildung, der mit der Pubertät beginnt, lag 1947 noch vor mir. Ich hatte eine gute Chance, mich neu zu orientieren. Doch blieb, und diese Haltung führe ich auf den Zusammenbruch der alten Ordnung zurück, innerhalb derer mein Bedürfnis nach Glaube und Hingabe gestillt wurde, eine kritisch-misstrauische Einstellung erhalten, die durch die Erfahrung „DDR“ verstärkt wurde. Sie möchte ich - unter anderem - dafür verantwortlich machen, dass meine Bindungen an Weltanschauungsgemeinschaften, sei es eine christliche Kirche oder der DDR-Sozialismus Perioden blieben. "Trau keinem über dreißig" hieß es bei uns während der Studentenunruhen der Jahre um 1968. Diese Position - bezogen auf alle Heilsbringer und Besserwisser in Politik, Wirtschaft und Kultur - hatte im Grunde bei mir schon damals Tradition.

Dass das Misstrauen den Obrigkeiten gegenüber in unserem Volk größer geblieben war, als der Glaube an alte oder neue Ideologien, das bewies das sang- und klanglose Verschwinden der alten DDR. Die Bereitschaft, Opfer zu bringen für eine abstrakte Idee, ob sie sich nun Volksgemeinschaft, sozialistische Gesellschaft nennt oder ob damit das Verständnis eines US-amerikanischen Präsidenten von Freiheit und Demokratie gemeint ist, hatte mir die Erfahrung des Zusammenbruchs 1945 und der Nachkriegsperiode gründlich ausgetrieben.

Mit mir wuchs eine Generation pragmatischer, rational denkender und auf ihr privat-persönliches Wohlergehen bedachter Menschen heran. Da ich in Bezug auf mein eigenes Schicksal recht unbekümmert-optimistisch war und wie man heute sagt „positiv dachte“, hatte ich kein Problem damit, hier im Westen mein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Ohne die Hilfe von Jugendorganisation, Partei, Gewerkschaft oder Staat arbeiteten meine Frau (wir heirateten 1970) und ich beharrlich daran „Werk unserer Selbst“ (nach Pestalozzis „anthropologischem Dreischritt“ in seiner Schrift „Meine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts“ Bad Heilbrunn 1987) zu werden. Und unsere Kinder folgen uns auf diesen Wegen.

Im letzten Kriegsjahr ging ein Spruch um, der sich dramatisch bewahrheitete: „Genießt den Krieg – der Frieden wird fürchterlich“ . Darüber im Internet:
(
http://www.dhm.de/lemo/html/wk2/alltagsleben/index.html).

Gewiss waren die Lebensverhältnisse während des Krieges stark eingeschränkt. Die hier wieder gegebenen persönlichen Erinnerungen und Fakten zeichnen ein getreues Abbild jener Jahre. Wir hatten bis zum letzten Kriegstag aber ausreichend zu essen. Doch als wir Gosswitz im Juli 1945 verließen war unser größter Schatz, den wir nach Dessau mitnahmen, ein Doppelzentner Mehl, den mein Vater „organisiert“ hatte. Dieses „Organisieren“ war nicht nur zu einem viel gebrauchten Wort sondern zu einem, dem Überleben in der Not der Nachkriegsjahre dienenden Verhalten geworden. Praktisch bedeute dies zum Beispiel Lebensmittel bei Bauern erbetteln,  gegen andere Güter eintauschen (wenn die Zeiten besser werden können wir das Wäschestück z. B. wieder kaufen) oder stehlen. Als ganz extrem erscheint mir in der Erinnerung der Winter 1946/47. Wir hatten nicht genug zu essen und kaum Brennmaterial, um nicht zu frieren. Ich sehe uns Kinder in der kleinen Küche zusammengedrängt. Stromsperren sorgten dafür, dass wir zeitweilig im Dunkel saßen. Wasser aus der Leitung, die am der öffentlichen Wasserversorgung angeschlossen war, floss nur spärlich und mit geringen Druck. Wärme spendete der schmale rechte Teil des weiß emaillierten Küchenherds, dessen linker Teil ein Gasherd und der rechte eine Brennstelle für feste Brennstoffe enthielt. Gas gab es, wenn überhaupt,  nicht den ganzen Tag. Und die wenige Kohle, die wir über die „Kohlenkarte“ beziehen konnten, reichte nicht hinten und nicht vorn. Im Kriege hatten wir im Dachgeschoss ein Zimmer für mich ausgebaut. Die Holzständer und Pressspanplatten (Atexplatten), aus denen die Wände errichtet worden waren, spendeten in diesem Winter etwas Wärme und erhitzten zugleich die Herdplatte. Auf ihr kochte die Mutter die zum Teil gefrorenen, süßlich schmeckenden Kartoffeln und röstete auch die Kartoffelschalen. Gewiss sorgten die Lebensmittelzuteilungen, die man mit Hilfe der für jede Person ausgegebenen Lebensmittelkarten einkaufen konnte dafür, dass eigentlich niemand verhungern musste. Doch mussten die Dekaden Weise zur Zuteilung  aufgerufenen Lebensmittel auch gekauft, das heißt also bezahlt werden. Doch auch an Geld mangelte es uns zeitweise. Vater war irgendwo „arbeiten“. Ich vermute heute, dass er, der keine reguläre Arbeit erhielt,  sich mit Schwarzmarktgeschäften über Wasser zu halten versuchte. Und nicht immer verfügte unsere Mutter über das zum Einkauf nötige Geld. Erschwerend kam hinzu, dass meine Eltern rauchten. Das Rauchen war so verbreitet, dass es sogar eine „Raucherkarte“ gab. Jeder Erwachsene erhielt eine – so selbstverständlich war das Rauchen in dieser Zeit. Eine der Nachbarn, ein kinderloses Ehepaar, lebte vegetarisch und rauchte nicht. Die konnten ihre Tabakzuteilung und Fleischzuteilung gegen andere Lebensmittel oder Heizmaterial eintauschen und auf diese Weise die eigene Not etwas lindern. Wir dagegen kamen nicht einmal auf die Idee, das Rauchen aufzugeben. Sogar meine Schwester und ich begannen in dieser Zeit – also mit vierzehn und fünfzehn Jahren – mit der Raucherei. Die allgemeine Not konnte also in einigen Familien noch durch entsprechende Lebensgewohnheiten verstärkt werden.
Ein wenig verbesserte sich die Ernährungslage, wenn das, was der Garten an Gemüse hergab, zur Verfügung stand. Oma und Opa Lubert in Stendal(die Mutter meiner Mutter) hatte einen großen Garten vor der Stadt.

Hier eine Aufnahme meiner Großeltern Lubert, die uns in Dessau anlässlich der Einschulung meiner Schwester Ilse 1939 besuchten. Opa Lubert war Lokomotivführer gewesen und stolz darauf, dass er in seiner aktiven Zeit sogar Personenzüge (bis hin zu D-Zügen) fahren durfte. Angefangen hatte er lange vor dem ersten Weltkrieg bei der Reichsbahn als Heizer. In seiner Freizeit und als Pensionär widmete er sich dem Angelsport und seinen Bienenstöcken in dem großen Garten vor der Stadt Stendal.

Oma Lubert schickte uns, wann immer es ging, Gemüse und Obst. Und wenn es uns möglich war, fuhr einer von uns zu ihr, um von ihr und ihren Freunden in Dobberkau, die einen Bauernhof bewirtschafteten, etwas Nahrung zu erbitten. Dorthin wanderte alles, was noch einen gewissen Wert besaß. In unserem Bücherschrank befand sich die „Illustrierte Weltgeschichte“ in sieben Bänden. Die tauschte ich eines Tages gegen ein ganzes Brot ein. Das habe ich nie vergessen, weil mich, dem Bücherliebhaber, dieser Verlust sehr schmerzte. Über dreißig Jahre mussten vergehen, bis ich diese Bücher in gleicher Ausstattung in einem Antiquariat entdeckte und für wenig Geld erwerben konnte.
Ich erwähnte, dass wir nach Stendal fuhren. Natürlich mit der Bahn, die stets überfüllt war. In Magdeburg mussten wir umsteigen. Die Züge hatten für jedes Abteil auf beiden Seiten je eine Eingangstür. Als es uns, einem Klassenkamerad und mir, einmal nicht gelang, in ein Abteil zu zwängen, fuhren wir einige Stationen auf einer Holzstufe über den Puffern zwischen zwei Waggons mit. Mit einer Übernachtung im Wartesaal des schwer Bombengeschädigten Bahnhofs vom Magdeburg mussten wir auch rechnen. Diese „Hamsterfahrten“ unternahmen wir immer wieder bis zum Ende meines Schulbesuchs.

 

 

Magdeburg war in den Nachkriegsjahren ein Umsteigebahnhof auf dem Weg von Dessau nach Stendal. Anlässlich einer der Übernachtungen skizzierte ich uns Wartenden im Bahnhofssaal.

 

 

 

 

 

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Dr. Joachim Rumpf, Diplompädagoge

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