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Aufsätze zur Zeitgeschichte

 

Persönliche Meinung zum Schwindel um die Dissertation eines Bundesministers

 

 An den Präsidenten des Deutschen Bundestags


Sehr geehrter Herr Präsident

Sehr geehrte  Damen und Herren,

den folgenden Text habe ich als Leserbrief an unsere Zeitungen versandt und möchte ihn Ihnen zur Kenntnis geben. Sie werden vermutlich mit derartigen Briefen überhäuft und werden ihn darum günstigenfalls zu den Akten nehmen.  Dennoch  sollen Sie von meiner Reaktion Kenntnis erhalten.

 

 

Ich hatte – gleichsam sofort nach Bekanntwerden dieser Geschichte, der Juristischen Fakultät der Universität Bayreuth die beiden folgenden Absätze übermittelt:

 

"Das ist schier unglaublich, was an Ihrer Fakultät – und offenbar mit Duldung der Hochschullehrer, die die Dissertation von Herrn zu Guttenberg betreuten und zu begutachten hatten – geschehen konnte. Eigentlich müsste ich dankbar dafür sein, dass  diese Betrügereien den Anlass anbieten, öffentlich über Redlichkeit im Wissenschaftsbetrieb nachzudenken. In der kommenden Woche habe ich mit jungen Menschen über die Frage 'Was ist "wissenschaftlich“?' zu sprechen. Zu Guttenbergs Buch und Beispiel  illustriert, was auf keinen Fall mit "wissenschaftlich“  in Verbindung gebracht werden darf. Ich bin aber nicht dankbar, sondern zutiefst beschämt.“

Folgende Vermutung setzte ich hinzu:

"Für mich haftet dem ganzen Skandal ein "G´schmäckle“ an. Es riecht nach der Kumpanei von ideologisch (hier: christkatholisch und/oder CSU nahen) miteinander und ineinander verflochtenen Personen und Institutionen, so, wie es dem Buch von Joachim Gauck über das politisch-ideologische System der DDR und seinem Wissenschaftsbetrieb am eigenen Beispiel und dem seiner Kinder (Winter im Sommer – Frühling im Herbst. München 15/2009) entnommen werden kann. Und so etwas wäre dann im wahrsten Wortsinne verwerflich.“

 

Dass es eine derartige Verquickung parteipolitischen mit hochschulpolitischen Interessen – bzw. eine im Wissenschaftsbetrieb blamable Kumpanei – angenommen werden kann, dafür spricht auch die Reaktion auf den von Herrn zu Guttenberg inzwischen selbst zugegebenen Unterlassungen. Unter Berufung auf diese Eingeständnisse – nicht aber wegen der mehr oder weniger versuchten Täuschungen - wurde der Doktorgrad wieder aberkannt. Das heißt also, die für die Verleihung zuständige Fakultät hat nicht selbst  in einem weiteren Prüfungsverfahren die methodischen Mängel oder gar den Betrugsversuch festgestellt. Das mag vom Hochschulrecht her gedeckt sein, befriedigen kann das die Gemeinschaft der Wissenschaftler nicht.

Insofern ist das für mich ein weiterer Skandal, der, verglichen mit dem Verhalten des Herrn zu Guttenberg, viel gravierender ist. Denn jede Doktorarbeit wird von zwei Gutachtern geprüft und bewertet, sie liegt außerdem einige Tage an der Universität aus und kann von jedem Hochschulangehörigen (wenigstens den Mitgliedern des Lehrkörpers) eingesehen werden und sie muss im Rigorosum „verteidigt“ werden. Wenn bei einem derartigen hochschulüblichen Prüfverfahren  gravierende „handwerkliche“ Fehler übersehen wurden, dann wirft das ein äußerst schlechtes Licht auf die beteiligten Professoren und deren  Promotionsverfahren an dieser Universität. Im Grunde müssten jetzt alle dort angefertigten Dissertationen noch einmal auf den Prüfstand.  Da für mich eine derartige Nachlässigkeit nicht vorstellbar ist, bleibt nur die Erklärung einer Art "Kumpanei“, sei es dass der Doktorand der gleichen Verbindung angehört wie sein Professor oder mit ihm verwandt ist oder eben aus parteipolitischen Gründen nicht genau hingeschaut und ein  Gefälligkeitsgutachten erstellt wurde. Wäre das so gewesen, täte die Fakultät bzw. der Promotionsausschuss gut daran, das öffentlich zu erklären und mit dem Eingeständnis seiner Mitverantwortung den Ruf der Universität zu retten.

 

Und nun kommen die Frau Hohlmeier (in einem Gespräch mit Frau Will am Sonntagabend) und noch andere Leute und rechnen diese peinliche Affäre, für die das unredliche Verhalten eines Politikers die Gründe lieferte, gegen den bedauerlichen und sinnlosen Tod von Deutschen in Afghanistan auf. Was ist das für eine abstruse Konstruktion! Doch die geistige Flachheit einer derartigen Argumentation, die zuerst  der betroffenen Politiker selbst auf den Meinungsmarkt geworfen hat, passt zu den heuchlerischen und verlogenen  Bekundungen der bundesdeutschen politischen Führungsschicht. Die Leute und ihre Unterstützen haben überhaupt nicht begriffen, worum es geht: um die Verletzung von gültigen Werten und Normen innerhalb der Kommunikationsgemeinschaft der deutschen Wissenschaftler.

Noch eine abschließende Bemerkung: ich habe den Auftritt des Verteidigungsministers gestern vor dem Bundestag verfolgt. Er hat mir leid getan. Für jeden, dessen Doktortitel entzogen wird und damit – wenn das so war – eine siebenjährige Bemühung gleichsam mit einem Federstrich gelöscht wird, dann ist das für den Betreffenden eine schwere Kränkung. Gerade weil sie selbst verschuldet war (und vielleicht gerade deshalb) bleibt eine sehr schwere seelische Narbe. Die ganze Affäre ist allein schon darum keine Bagatelle, weil es sich hier um eine "öffentliche Persönlichkeit“ handelt. Auch wenn die Bundeskanzlerin die Rollentheorie verwendet und sagt, dass sie diesen Mann in seiner Rolle als Verteidigungsminister schätzt und braucht und nicht als wissenschaftlich gebildeten Mann, so können weder sie noch seine Angehörigen und Freunde in ihren Vorstellungen einfach löschen, dass er so gehandelt hat. Herr zu Guttenberg hat ebenfalls ein Gedächtnis und verfügt über internalisierte Normen und Werte. Deren Verletzungen sind ihm spätestens jetzt bewusst und lassen sich nicht einfach  verdrängen. Bei jedem seiner Auftritte in der Öffentlichkeit, bei jeder Handlung in seinen beruflichen und politischen Eigenschaften ist er sich der Doppelrolle (ein Mensch der die geltenden Normen und Werte gravierend verletzt hatte und der Mensch, der als Politiker und Minister ein hohes Ansehen genoss) voll bewusst ebenso, wie jeder seiner Gegenüber das weiß. Für mich wäre diese Situation unerträglich. Was es für ihn bedeutet, das auszuhalten, ist kaum vorstellbar. Offenbar ist er dazu aus wahltaktischen Gründen von seiner Partei und der Bundeskanzlerin her verurteilt. Gleichsam als eine Art Strafe, denn er selbst wollte ja, so habe ich irgendwo gelesen, gleich zurücktreten.

Es bleibt zu hoffen, dass er keinen bleibenden seelischen Schaden davon trägt oder gar daran gesundheitlich zerbricht.“

 

 

 

Anmerkung:
Sie werden übrigens diese Botschaft und andere Anmerkungen gelegentlich auf meiner Homepage
www.salpeterer.net unter "Widerständiges“ wieder finden. Meine Homepages werden täglich rd.  eintausend Mal aufgerufen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Joachim Rumpf
Diplompädagoge
aus 79733 Görwihl im Hotzenwald

24.02.2011

 

 

 

 

 


Dr. Joachim Rumpf
Görwihl im Juli 2011

j.rumpf@gmx.de


 

 

 


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