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Schriften über die Salpeterer im Hotzenwald
Dichtungen
Einführung

 

Zu allen Zeiten waren es Sänger und Dichter, die die Taten und das Leben von Frauen und Männern in Poesie und Prosa niederschrieben, die eine herausragende Rolle in ihrer Zeit und Kultur spielten, Ob das die historischen Schriften im Alten Testament, die Heldengesänge der Griechen oder der nordischen Völker waren, die mittelalterliche Dichtung in Europa oder die Klassiker englicher, französischer oder deutscher Zunge: Immer wieder sorgten ihre Dichtungen dafür, dass die jeweiligen Protagonisten nicht vergessen wurden. Am Beispiel von Friedrich Schillers "Wilhelm Tell" ließe sich sogar zeigen, dass eine Dichtung maßgeblich dazu beitrug, eine nationale Identität mit ihren spezifischen Wetvorstellungen zu befestigen. Am Beispiel des Freiheitsbegriff wird an anderer Stelle noch einmal auf dieses Phänomen eingegangen.

Es waren, neben den herausragenden, besonders aufgefallenen Persönlichkeiten in der Geschichte der Völker auch bestimmte, alle Menschen in ihrer Zeit bewegende Ereignisse, die Dichter und Sänger zur Verarbeitung drängten. Im Vordergrund derartiger Ver- bzw. Bearbeitungen stehen Kriegs- und Notzeiten wie uns unter anderen das Nibelungenlied, Charles de Costers "Ulenspiegel", Gerhard Hauptmanns "Die Weber" oder Wladimir Majakowskis "Oktoberpoem" vor Augen führen.

Doch auch regionale Begebenheiten regten zu dichterischer Gestaltung an und fanden Ausdruck in Erzählungen und Gedichten und trugen zur Identitätsbildung der in dieser Region beheimateten Menschen oder von Institutionen bei. Mir fallen spontan die Gestalten von Grethe Minden aus Tangermünde, von Süß Oppenheimer am Württembergischen Hof oder die Geschwister Scholl von der Universität München ein, derer bis heute in Schauspielen und Romanen gedacht wird.

In diese Abteilung unserer identitätsstiftenden Erinnerungskultur aus der neueren Geschichte gehören in unserer südbadischen Heimat historische Ereignisse wie der Große Deutsche Bauernkrieg, die Reformation mit der Widertäuferbewegung in Waldshut, die erste deutsche bürgerliche Revolution von 1848 und die Salpetererunruhen des 18. und 19. Jahrhunderts.

 

 

Erzählungen, Schauspiele oder Gedichte und Lieder über Salpeterer gibt es einige. Zeitlich beginnen sie mit Viktor v. Scheffel und seinem "kraftvoll frischen Lied des Eggbauern", wie es Friedrich Panzer 1917 charakterisierte. 1849 - 1851 weilte Scheffel in Säckinden und die Ereignisse, um die es ging, lagen noch gar nicht so weit zurück. Mehr noch: Scheffel lernte selbst einige Bauern kennen, die sich gegen die Obrigkeiten widerständig zeigten. Wir ordnen sie heute den Salpeterern des neunzehnten Jahrhunderts zu und wissen, dass sich deren Anliegen deutlich von jenen unterschied, an die Scheffel dachte. Und so blieb es auch. Das heißt, dass diejenigen, die Salpetererthemen poetisch aufgriffen, nur an den Salpeterer-Hans und seine Freunde dachten. Nicht also die "religiösen Salpeterer" - wie sie heute zum Beispiel Hans Gassmann aus Kiesenbach von den anderen, den "politischen" unterscheidet, - sind gemeint. Deren Widerstände reizte offenbar bisher niemanden, Verse über sie zu schreiben. Das mussten sie schon selber tun. Und tatsächlich sind Verse bzw. Lieder von den Salpeterern des neunzehnten Jahrhunderts ebenso überliefert wie solche aus dem achtzehnten Jahrhundert. Die Betroffenen selbst haben zuerst gedichtet.

Roland Kroell griff diese Texte auf, vertonte und sang sie. Auch im Schauspiel über den "Salpetrerhans" von Markus Manfred Jung wird das "Salpetererliedl" gesungen. Roland Kroell und Markus Manfred Jung- aber auch schon sein Vater Gerhard Jung - sind Vertreter der gegenwärtigen Poetengeneration, die es für Wert halten, die Salpeterer und ihre Geschichte in Wort, Lied und Spiel zu verarbeiten. Alle drei unterscheiden sich in ihren Intentionen deutlich von ihren Vorgängern, mit denen sie vermutlich ideologisch nicht in einen Topf geworfen werden wollen. Es ist hier vor allem Paul Körber zu nennen. dessen Schauspiel über die Salpeterer ebenfalls zu würdigen ist.

Zu ihm und anderen Dichtern aus dem alemannischen Raum dieser Zeit die folgenden Anmerkungen: Gemeinsam ist allen Dichtungen über die Salpeterer, dass sie die alemannische Identität und das Andenken an die Salpeterer des achtzehnten Jahrhunderts in positiver Weise fördern wollen und ihren Zeitgenossen den Widerstand des einfachen Mannes gegen Willkür und Machtmissbrauch durch die Obrigkeiten, hier vertreten durch die Abtei St. Blasien und das Waldvogteiamt, als legitim und vorbildhaft vor Augen und Ohren stellen. In Jakob Bösers Schrift über die Salpeterer findet sich (S. 84) gleichsam das alle verbindende Motto für ihre Dichtungen wenn er schreibt:

"Menschen, die für ihre Freiheit kämpfen, und sich ihre höchsten Güter nicht antasten lassen, gebührt Ehre - auch von der Nachwelt"

Unterscheiden tun sich die Dichtungen und auch die Dichter, wenn auf den "Zeitgeist" geschaut wird, also auf die jeweiligen gesellschaftlichen, politischen und sozialen Rahmenbedingungen. Und da müssen wir uns zum besseren Verständnis ihrer Entstehungszeiten in der Zeit des Nationalsozialismus und davor erinnern.
Der "Freiheit" - dieser Begriff spielt in der Salpetererrezeption eine besondere Rolle - sind gesonderte Seiten gewidmet.

 

 

Die NSDAP, die Führer in Staat, in Wirtschaft und die Generalität führten, begeistert unterstützt von einer überwältigenden Mehrheit der Deutschen, einen Vernichtungskrieg gegen unsere europäischen Nachbarn. Der Terror nach Innen gegen Ihre politischen Gegner und die Politik der Ausrottung von Juden und anderen Minderheiten, hat unser Volk in dieser kurzen Periode unserer Geschichte in den Augen der Welt zum Bösen schlechthin erscheinen lassen. Noch heute fällt es vielen von uns schwer, sich möglichst vorurteilsfrei mit diesem "Dritten Reich" auseinanderzusetzen. Doch genau so, wie ein Mensch zum Beispiel eine Suchterkrankung, die er in seinem Leben hat durchleiden müssen, annehmen und verarbeiten muss, will er nicht rückfällig werden, haben wir uns unserer Geschichte und ihrer Ursachen zu stellen.
Ein politischer Schriftsteller hat eines seiner Bücher über Deutschland überschrieben: "Der Irrweg einer Nation" (Alexander Abusch, Berlin 1947)

Allein an diesem Titel wird deutlich, dass es Historiker gibt, die die deutsche Form des "integralen Nationalismus" (Eugen Lemberg: "Nationalismus. Psychologie und Geschichte. Hamburg 1964, S. 165 - 225) als die Folge einer langen Kette von Fehlentwicklungen betrachten. Noch heute wird darüber unter Fachhistorikern gestritten. Der Begriff vom "Irrweg" deutet an, dass der deutsche Nationalismus eine Vorgeschichte hatte. Und wenn man die näher betrachtet, dann muss man zu dem Schluss kommen, dass der erwähnte Buchtitel lauten müsste: "Der Irrweg von Nationen". Ob Engländer, Franzosen, Italiener, Polen, Schweizer oder eben wir Deutschen: alle hatten wir besonders pointierte Phasen eines übersteigerten Nationalismus.

In Deutschland zum Beispiel stand am Anfang seiner Entwicklung hin zum Nationalstaat, eine nationale Bewegung, zu deren Anliegen gehörte, aus dem zersplitterten Deutschland der Kleinstaaten ein einheitliches deutsches Reich entstehen zu lassen. Dichterisches Erbe aus dieser Periode, die geistesgeschichtlich zur deutschen Romantik gehört, ist das "Lied der Deutschen" von Hofmann von Fallersleben, dessen erste Worte "Deutschland Deutschland über alles ... in der Welt" gleichsam zu einem Programm wurden. Denn als dieses Gedicht, von Josef Haydn vertont, nach dem ersten Weltkrieg zur Nationalhymne erhoben wurde, gab es ein deutsches Reich und diese Worte hatten eine andere Bedeutung erhalten. Dieser Umschlag hin von einer nationalen Bewegung zum Nationalismus und dessen pervertierter Form, dem Chauvinismus beziehungsweise "integralem Nationalismus", hatte sich in vielen Deutschen bereits vollzogen. Nicht allein die Vorstellung besser zu sein, als alle anderen Völker und Nationen hatte seit den Zeiten des deutschen Kaiserreichs und den Siegen über Frankreich 1870/71 zugenommen, sondern auch die, dazu berufen zu sein, alle anderen zu dominieren, zu erobern, zu beherrschen. Diese Absolutsetzung der eigenen Nation mit dem Anspruch, allein im Besitz der Wahrheit und des Heils und bereit zu sein, dieses "Sendungsbewusstsein" auch mit der Unterdrückung oder gar Vertreibung und Vernichtung der Anderen durchzusetzen fanden und finden sich auch heute noch und besonders häufig in Weltanschauungsgruppen (vgl. dazu z. B.: Bassam Tibi: Fundamentalismus im Islam. Darmstadt 2/2001 oder Manfred Broker: Protest - Anpassung - Etablierung. Die christliche Rechte im politischen System der USA. Frankfurt / m. und New York 2004).

Alle sozialen Gruppen, die die Domestizierung anderer anstrebten, brauchten Propagandisten ihrer Ideologien. Diese Ideologien wiederum wurden in unserer eigenen Geschichte unter anderem von Poeten ausgestaltet, sofern diese Poeten im hier gemeinten Sinne "Patrioten" waren. Und das war eine Begleiterscheinung des Nationalismus und völkischer Bewegungen: wer die Bestrebungen der Mächtegruppen in den jeweiligen Staaten und Gesellschaften unterstützte, wurde, nach den selbst entwickelten Wertvorstellungen, zu Patrioten - und in Kriegszeiten zum "Helden".
Diejenigen Dichter, Schriftsteller und Wissenschaftler aber, die diese Entwicklungen nicht mittrugen, wurden verbannt, ihre Bücher in Deutschland verbrannt und hier - wie in anderen Ländern - wenigstens diskriminiert.
An den hier nur kurz angedeuteten Prozessen hat sich bis heute in den Staaten und Gesellschaften nichts geändert, in denen sich die jeweils Mächtigen auf - etwas verallgemeinernd ausgedrückt - "fundamentalistische" Ideologien stützen. Wir sind ständig über unsere Massenmedien Zeugen derartiger Vorgänge, die wir in unserer Zeit als "regionale Konflikte", wie zum Beispiel in Serbien, Afghansitan, in Palästina oder im Irak, als begrenzt erleben.

 

 

 

Nach dieser Vorrede kann ich Dichter und Schriftsteller aus unserem Raum und bis in die sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts hinein, vereinfacht einordnen
einerseits in jene, die den jeweilig vorherrschenden Zeitgeist, bei uns also die völkische Bewegung beziehungsweise die übersteigerten Formen des Nationalismus unterstützten und
andererseits jene, die sich gegen diese geistigen Strömungen stellten.

Die einen lobten und verherrlichten in Deutschland und anderswo den Tod auf dem Schlachtfeld, das Führertum als dem deutschen Volk gemäßer Regierungsform, das Blut und die Rasse und das Militär,
die anderen traten ein für Demokratie, Frieden, Versöhnung und Freundschaft zwischen Rassen und Nationen. Diese waren dann die "vaterlandslosen Gesellen"; auch nicht nur in Deutschland.
(Vgl. dazu: Uwe Puschner: Die völische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich. Darmstadt 2001)
Gerade diejenigen, die sehr stark und bewusst und, überraschend für uns Heutigen, relativ unkritisch, heimatgebundene Künstlerinnen und Künstler waren, neigten den Nationalismen zu oder wurden von diesen Gruppierungen gefeiert. Einige wurden mehr benutzt und gezogen, wieder andere erblickten in dem aufkommenden Führerstaat das goldene nationale Zeitalter, die Erfüllung ihrer eigenen Träume, so wie das auch Paul Körber in seiner Einführung in das Salpeterer-Freilichtspiel ausdrückte oder Hermann Burte ausdrücklich lebte
(Vgl. dazu: Adolf von Grolmann: Wesen und Wort am Oberrhein. Berlin 1935, S. 208).

Es steht uns, die wir diese Phasen nicht erleben brauchten, schlecht zu Gesicht, wenn wir über die, die in nationalistischem Denken, das damals eng mit der Blut- und Boden- Ideologie und einer ausgeprägten Heimattümelei verbunden war, den Stab brächen.
Sowohl die betont nationalen Dichter als auch ihre Gegner waren davon überzeugt, gute Patrioten zu sein. Die einen wollten ihr Heimatland fördern, in dem sie es "über alles" stellten und hierfür Kampf und Krieg einschließlich der im deutschen Faschismus begangenen Verbrechen als legitim betrachteten, die anderen durch die Förderung eines konsequent friedlichen und humanen Gedankenguts.  
Für beide Gruppen gilt, den Wert des künstlerischen Erbes, das sie uns hinterließen, angemessen zu würdigen. Und da verdient es zum Beispiel Hermann Burte mit seinem Alemannischen Schriftgut, wie es in der Poesie seines "Madlee" einen noch heute beeindruckenden und anrührenden Ausdruck fand, nicht vergessen zu werden.
(Vgl. dazu auch den Appell von Fritz Ernst, den Nationalsozialismus und die ihn begleitenden geistigen Strömungen differenziert zu betrachten. "Wer nicht versucht, sich die Zeitatmosphäre vorzustellen, für den wird das Ganze flach und farblos. Das Menschliche ist aus der Geschichte entwichen..." In: Die Deutschen und ihre jüngste Geschichte. Stuttgart 4/1963, S. 159).

Halten wir uns aber vor Augen:
Bei allem Verständnis für ihre Situation und Haltung in einem bestimmten, zeitlich begrenzbaren, sozialen und politischen Kontext und der Anerkennung ihrer Leistungen als Dichter, haben alle die Autoren ihren guten Ruf selbst demontiert; die es nicht fertig brachten, sich von ihrer politischen Vergangenheit und den entsprechenden Rollen, die sie spielten, laut und öffentlich zu distanzieren, als sie von den, auch in ihrem Namen, begangenen Untaten erfuhren. Ihre Leistungen wurden von einer seriösen Literaturgeschichtsschreibung ignoriert und damit der Vergessenheit überantwortet, wenn sie nach 1945 am Alten festhielten und ihr Verhalten und das aller Förderer und Mitläufer der Nazis, ihrer Gliederungen und ihrer Wehrmacht - trotz aller begangener Verbrechen - zu rechtfertigen suchten.

 

 

Wenden wir uns nun den Dichtungen von den unten genannten Künstlern zu und einiger Informationen über ihre Persönlichkeit zu. Neben den wenigen Dichtern, die sich Zuhörern und Zuschauern mit ihren Schauspielen und Liedern über die Salpeterer mehr oder weniger ausdrücklich einer der hier angedeuteten Orientierungen verpflichtet fühlten, stehen jene, deren zentrale Absichten darin gesehen werden können, dass sie den zu gestaltenden Themen und Typen möglichst nahe kommen wollen und aus gegebenem Anlässen volksnahe Stücke schrieben. Zu diesen möchte ich Gerhard und Markus Manfred Jung, Christa Kapfer und Willy Rieger zählen. Soweit das möglich ist, wenn zum Beispiel die Aufführungen der hier genannten Stücke noch bevorstehen, ist zu empfehlen, sie jeweils auf sich wirken zu lassen. Mein Aufgabe beschränkt sich darin, meine subjektiven Eindrücke beizutragen und, wenn immer möglich, mit Hilfe von Zeitungsrezensionen, einen Eindruck zu vermitteln.

Im Jahre 2007 wurde in Rickenbach ein Stück über den Eggbauern aufgeführt, das ebenfalls von Christa Kapfer geschrieben wurde. Ihr stand als Vorlage für dieses Spiel mein Aufsatz über den Eggbauern zur Verfügung. Ich habe leider die Aufführungen nicht sehen und mir darum kein Urteil erlauben können.

 

 

Markus Manfred Jung
Der Salpetrerhans

 

Hans Mies und Andreas Ch. Weiß Heimatabend
Waldshut 2006

 

Karl von Möller
Die Salpeterer.
Ein Freiheitskampf deutscher Bauern.

 

Christa Kapfer

D´Salpeterer vo Buech

 

Roland Kroell
Salpetererlieder

Paul Körber


Salpeterer

 

Impressum und Copyright
Dr. Joachim Rumpf, Diplompädagoge

Hühnerbühl 7
79733 Görwihl
Tel.: 07754 487 Mail:j.rumpf@gmx.de

 

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