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Über die Salpeterer im Hotzenwald
Historiker und Heimatforscher


Wolfgang Hug

 

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Professor Dr. Wolfgang Hug, seit 1994 emeritierter Professor für Geschichte an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg, ist nicht nur ein hervorragender Geschichtsdidaktiker, sondern ein profilierter Verfasser historischer, vor allem landeskundlicher Schriften.

 

"Seit Beginn der 1970er Jahre, so schrieb mir Wolfgang Hug in einem Brief vom 21. Mai 2004, "habe ich mich vermehrt der Landesgeschichte zugewandt. Erschienen sind seitdem zahlreiche Beiträge zur Geschichte der Stadt Freiburg (u. a. in der dreibändigen "Geschichte der Stadt Freiburg"), zur Geschichte der Erzdiözese Freiburg, zu einzelnen Aspekten der badischen und baden-württembergischen Geschichte. Als besonderer Erfolg erwies sich die von mir verfasste "Geschichte Badens" (Theiß Verlag 1992, 2. Auflage 1998).

 

 

Zu diesem Buch ist anzumerken, dass es für jeden, der sich mit der Geschichte dieses Landesteils von Baden-Württemberg vertraut machen möchte oder zu bestimmten Fragen aus der Geschichte Badens Antworten sucht, inzwischen unverzichtbar geworden ist. Doch nicht dieses Buch allein machte Wolfgang Hug weit über die Grenzen unseres Bundeslandes hinaus bekannt! Es sind vor allem seine Unterrichtswerke, die bereits mehrere Schülergenerationen begleiteten und für viele Geschichtslehrer unentbehrlich wurden.
In dem Geschichtswerk "Menschen in ihrer Zeit", das seit 1970 im Ernst Klett-Verlag Stuttgart erschien, zeichnete er gemeinsam mit Erhard Rumpf für den 3. Band (Im Mittelalter" verantwortlich.
Wenige Jahre später gab er selbst ein Geschichtswerk heraus: Die "Geschichtliche Weltkunde" (beim Verlag Moritz Diesterweg, Frankfurt/M., Berlin und München. Erste Auflage 1979); sie war eine herausragende Leistung auf dem deutschen Schulbuchsektor. Wolfgang Hug und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sorgten mit ihrer wissenschaftlichen Dignität, wie zum Beispiel der Quellentreue, dem nachweisbaren und gelungenem Bemühen um Objektivität in der Auswahl und Darstellung historischer Ereignisse, die sich allein dem Anliegen eines humanistischen Menschenbildes verpflichtet weiß und keinerlei tagespolitischer Tendenzen sowie in der Lesbarkeit und Gestaltung, für neue Maßstäbe (vgl. dazu auch die entsprechenden Hinweise auf der Seite über Thomas Lehner !) . Ein Historiker - Kollege an der PH Freiburg bezeichnete dieses Werk als "Bahnbrechend auf dem Gebiet des Schulbuches". Diese Bewertungen kann jeder leicht nachvollziehen, der einmal eines dieser Geschichtlichen Unterrichtswerke neben jene legt, die unter anderen in den gleichen Schulbuchverlagen 1951 oder 1957 erschienen waren und die vielen Schülern, zum Beispiel in Gymnasien, als Arbeitsmittel zugemutet worden waren.
Dieses Werk ist in allen Bundesländern für alle drei Schularten zugelassen. Selbstverständlich auch später in den neuen Bundesländern. "Ergänzend (oder alternativ) brachte ich dann mit neuer Konzeption das Schulbuchwerk "Unsere Geschichte" heraus, das sowohl in dreibändiger wie auch in vierbändiger Form vorliegt" (aus dem Brief v. 21.05.04).

 

Wolfang Hug ist mir in seiner Eigenschaft als Geschichtsdidaktiker in guter Erinnerung. Er galt unter den Studierenden als ein Experte für alle Antworten auf Fragen zum Unterricht, wie zum Beispiel: Mit welchem Ziel sollte ein Kind was im Geschichtsunterricht lernen und welche Mittel und Methoden sind am ehesten geeignet, dass es das auch gern und gut tut. Meine persönliche und positiven Erinnerungen an ihn speisen sich aus unmittelbarem Erleben, da ich von 1965 bis 1968 bei ihm Geschichte im Hauptfach studierte und später, 1972 und 1973 und noch einmal 1989 mit ihm im Zusammenhang mit Examina in Kontakt war.
Aus meinen Erfahrungen mit dem Hochschullehrer Wolfgang Hug möchte ich einige persönliche Anmerkungen einfügen:

 

"Damit gehen wir zum Hug", mit dieser Ankündigung von studentischen Vertretern war keine Drohung gemeint. Vielmehr war für uns selbstverständlich, dass wir mit allen Anliegen zu ihm kommen konnten und Rat und Hilfe erhielten. Es gab noch eine verfasste Studentenschaft gab, als Wolfgang Hug zwischen 1965 und 1967 Prorektor und Herr Professor Karl-Otto Frank Rektor waren. Wir Studentinnen und Studenten fühlten uns für alles, was an der Hochschule geschah, mitverantwortlich. Ich selbst gehörte während dieser Zeit zwei Jahre lang dem Studentenrat an und vertrat die Studentenschaft im vom Senat eingerichteten Disziplinarausschuss. Blättern wir in dem Informationsblatt "PH aktuell" und in der Studentenzeitung "Begegnung", die wir herausgaben, dann lässt sich nachweisen, dass die Studentenvertretungen von Seiten des Senats und Rektorats in ihren Bemühungen unterstützt wurden, die in ihrer Mehrzahl überaus angepassten und schweigenden Studentinnen und Studenten, zu mehr hochschulpolitischem Engagement anzuregen. Die AStA-Vorsitzenden Georg Alt (später Rektor in Murg/Baden) und Wolfgang Gabriel (später Rektor in Schopfheim/Wiesental) würdigten in Ihrem Rechenschaftsbericht am 26. Juli 1966 ausdrücklich die "Aufgeschlossenheit und das Entgegenkommens" des Rektorats. In diesem Zusammenhang gab es überhaupt keine Frage: Dr. Hug hatte für uns stets ein offenes Ohr. Ich möchte feststellen, dass er uns vormachte, was es heißt, vom Gegenüber her zu denken. Dem Verstehen historischer Sachverhalte, das er uns vermittelte, gesellte sich das Verstehen des Anderen hinzu; besonders all jener, die von uns im Rahmen eines pädagogischen Verhältnisses erzogen und gebildet werden.

Wir späteren Lehrer mit dem Hauptfach Geschichte lernten von Wolfgang Hug
- alle Erscheinungen auch historisch zu begreifen und auf diese Weise
besser zu verstehen;
- historisches Verstehen als eine Voraussetzung für die Chance eventuell
nötiger Veränderungen zu begreifen;
die Bereitschaft, an Veränderungen konstruktiv mitzuwirken und für
das eigene Tun und Lassen in diesem Prozess die Verantwortung zu übernehmen.


Dass Wolfgang Hug auch der Regionalgeschichte große Beachtung widmete, das zeigte er unter anderem mit seinem Interesse an den Ereignissen um die Salpeterer. Wie er zu diesem Thema kam, das schreibt er in dem oben bereits erwähnten Brief:


"Ich habe im Wintersemester 1950/51 das Studium der Fächer Deutsch, Geschichte und Latein sowie Philosophie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg begonnen. Im 4. Semester wurde Geschichte mein Hauptfach. Ich nahm im Sommersemester 1952 an einem Ausbildungslehrgang als Staatlicher Archivpfleger teil und gewann dadurch Zugang zur Orts- und Regionalgeschichte mit entsprechenden methodischen und inhaltlichen Kenntnissen der Archivnutzung. Im Wintersemester wechselte ich an die Ludwig-Maximilians-Universität München, besuchte dort ein Hauptseminar bei Professor Franz Schnabel und bekam von ihm folgendes Thema für ein Seminarreferat gestellt: "Die Salpetererunruhen, eine altrechtliche Bewegung des 18. Jahrhunderts". Schnabel erzählte mir vom Autor einer grundlegenden Arbeit, die ich benutzen sollte, nämlich Günther Haselier, und auch davon, dass dessen Buch über die Salpeterer beim Luftangriff auf Karlsruhe bis auf wenige Exemplare verbrannt war…
Vgl. dazu auch den 2011 verfassten Rückblick:  "Achtzig Jahre Glück im Leben.  Auf dem Weg durch meine Zeit" (Manuskript, Freiburg o. J., S. 34)
Die besondere Beziehung zum Hotzenwald und seiner Geschichte wurde… durch meine erste größere Seminararbeit im Studium grundgelegt.
In der an den Hotzenwald angrenzenden Landschaft beheimatet (Wolfgang Hug stammt aus Stühlingen und ging in Freiburg zur Schule, J. R.), haben mich Landschaft, Kultur und Geschichte dieser Region weiterhin zu zahlreichen Besuchen, Wanderungen und Besichtigungen veranlasst, was sich in diversen Beiträgen in den Jahresbänden "Heimat am Hochrhein" und anderen Sammelwerken niederschlug. Zuletzt ist in diesem Zusammenhang der Band "Im Hotzenwald. Ein Kultur- und Naturführer" (Freiburg 2001) von mir erschienen".

In einem

Über seine Laufbahn als Wissenschaftler teilt Wolfgang Hug weiter mit:

"Meine Studienabschlüsse (Staatsexamen in Freiburg 1954/55 und Promotion "summa cum laude" in München 1957, letztere mit einer Dissertation "Elemente der Biographie im Hochmittelalter. Untersuchungen zu Darstellungsform und Geschichtsbild der Viten vom Ausgang der Ottonen bis zur Stauferzeit") erlaubten mir sowohl eine pädagogische als auch wissenschaftliche Laufbahn. Ich entschied mich zunächst für den Lehrerberuf. Im Max-Planck-Gymnasium in Lahr, am Droste- und am Keplergymnasium in Freiburg unterrichtete ich als Studienreferendar bzw. als Assessor die Fächer Deutsch, Geschichte, Latein und Gemeinschaftskunde. Meine Referendararbeit über Das geschichtliche Interesse in der Unterstufe des Gymnasiums" wurde in der Zeitschrift "Geschichte in Wissenschaft und Unterricht" gedruckt. 1960 wechselte ich für zweieinhalb Jahre zur Deutschen UNESCO-Kommission nach Köln als pädagogischer Referent. Danach bekam ich fast gleichzeitig Rufe an die Pädagogische Hochschule Berlin und die neu gegründete Pädagogische Hochschule Freiburg. Ich entschied mich für letztere und begann im Sommersemester 1962 meine Lehrtätigkeit als Dozent für das Fach "Geschichte und ihre Didaktik".

Wolfgang Hug war damals eiunddreißig Jahre alt. Hier noch einmal eine persönliche Bemerkung: Ich bin froh, dass er sich für Freiburg entschied. Ohne ihn wäre mein Interesse an der Geschichte nicht weiter gewachsen. Und er war es auch, der mir, genau so wie ihm einst Franz Schnabel, eine Arbeit über die Salpeterer vorschlug. Doch ging es dann um die Salpeterer des neunzehnten Jahrhunderts.

Und zu den Salpeterern schrieb er mir:

"Die Salpeterer-Aufstände waren für mich immer wieder ein Anlass, dem Verhältnis von Politik-, Sozial- und Mentalitätsgeschichte nachzugehen und die "Große Geschichte" durch die Vorgänge "im Kleinen" zu differenzieren und zu konkretisieren. Dabei handelt es sich m. E. hier um einen bedeutenden Fall deutscher Freiheitsgeschichte, bei dem man sich immer wieder vor einer voreiligen Parteinahme hüten sollte."

 Zum Schluss einige Worte aus der Laudatio, die Herr Adolf Schmid, Landesvorsitzender des Vereins "Badische Heimat" anlässlich eines Empfangs zu Ehren Wolfgang Hugs im Regierungspräsidium Freiburg hielt:

"...Ihr 70. Geburttag, lieber Wolfgang Hug, ist - ich sage dies ganz selbstverständlich - ein "badisches Ereignis". Wir freuen uns deshalb sehr, dass wir in dieser noblen Runde und an diesem historischen Ort mit Ihnen und Ihrer Familie feiern dürfen. Es ergibt sich für uns so eine willkommene Gelegenheit, einen Mann zu ehren und zu würdigen, der schon lange und noch jederzeit mit lebendiger Frische, mit menschlicher Wärme und mit natürlicher Autorität zu vermitteln versteht, was uns an Erfahrung und Können, an Leistungen vergangener Epochen anvertraut wurde. Wir bewundern Ihre Sicherheit und virtuose Sachkunde in allen möglichen Bereichen unserer Kultur. Aber Sie sind nicht nur ein methodischer Denker und Forscher, sondern auch ein praktisch Handelnder, in politischer und sozialer Verantwortung, in vielen Gremien und Bereichen. Ich darf hier sprechen für den Vorstand unseres Landesvereins "Badische Heimat", wo Sie schon seit über zwei Jahrzehnten im wissenschaftlichen Beirat tätig sind...
Sie sind tief verbunden mit ihrer allemannisch-badischen Heimat. Unser vielfältiges badisches Anliegen ist auch ihr persönliches Anliegen und dass wir dabei jeden zwnghaft badischen Gestus vermeiden, keine fanatischen Identitätssucher sind, verbindet uns sehr. Sie haben ein höchst sensibles Gespür für den "genius loci" dieses Landes, können deshalb lokal da und dort Beziehungen stiften, neue Gestaltungsmöglichkeiten vermitteln, Heimat anbieten. Aber Ihr Definitionsanspruch, was Heimat sein kann, ist dabei nie defensiv, nie abgrenzend, nie ausgrenzend. Denn trotz aller affektiven Bezüge zum "Badischen" schaffen Sie Weite, öffnen Sie Horizonte wie z. B in Ihren Unterrischtswerken, vor allem der "Geschichtlichen Weltkunde"...
Sie sind - nehmen Sie´s schlicht zur Kenntnis - eine Zierde unserer "Badischen Heimat", weil Sie in Wort und Werk ganz natürlich und beispielhaft "badische Identität vorleben, als bekennender Badener überzeugen..."



Professor Hug: Persönliche Erinnerungen eines ehemaligen Studenten.

Ausführungen am 30. 11. 1994 in der Aula der PH Freiburg aus Anlass des Ausscheidens von
Herrn Profes­sor Dr. Wolf­gang Hug aus dem aktiven Hochschuldienst

"Es waren gewiss mehrere hundert junge Men­schen, die bei Ihnen, lieber Herr Professor Hug, seit Ihrer Beru­fung an die Päd­agogische Hoch­schule Freiburg, Geschichte als Wahl­fach studier­ten. Ich aber, einer der an Le­bensjahren ältesten Studenten, die zu Ihnen in ein erstes Semester kamen, darf heute an Ihrer Verabschie­dung teilnehmen und sogar hochschu­löffent­lich ein wenig in meinen persönlichen Erinne­rungen kramen. Für diese Gelegenheit danke ich Ihnen und den Ver­anstal­tern ganz herzlich!

1.
Ich darf zunächst einige Daten und die Kontaktanlässe nennen, bei denen wir uns in einem pädagogischen Verhältnis befan­den und sich auf diese Weise eine Beziehung entwickelte, die nach meinen Empfin­dungen eine spezifi­sche emotio­nal positive Qualität erhielt, ohne je ganz ihren Charakter eben als Lehrer-Schüler-Verhältnis zu verlieren. Nicht zuletzt ist dieses, unsere Beziehungen bestimmende Element historisch gewach­sen und von dorther wird es auch verständlich.
Am Mittwoch, d. 5. Mai 1965 saß ich zum ersten Mal in einer Ihrer Ver­anstal­tungen. Es war eine zweistündige Vorlesung für Studierende im ersten und zweiten Semester über die "Didaktik und Methodik des Geschichts­unterrichts".
Die erste Wahlfachveranstaltung "Geschichte" besuchte ich am Freitag, d. 09. Mai 1965. Gegenstand dieser Vorlesung und Übung war die "Europäische Geschichte der Neuzeit, II. Teil: Absolutismus und Aufklärung". Ich weiß noch, wie ich bei der Stundenplanzusammenstellung über einen neuen historischen Begriff rätselte, weil im Vorlesungsverzeichnis statt Absolutis­mus "Absdatis­mus" ausgedruckt war. In einer dritten Veranstaltung in diesem Semester boten Sie am Freitagabend ein Colloquium an. Dort befaßten wir uns mit der jüngeren Geschichte, insbesondere mit der Zeit bis 1945.

Unser erstes Lehrer-Schüler-Verhältnis endete nach drei Jahren in der Ersten Prüfung für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen.

Es gab später zwei weitere Phasen engerer fachlicher Kontakte:
In den Jahren 1972 und 1973 bereitete ich mich auf die Fachgruppenprü­fung "Geschichte" für das Lehramt an Realschulen vor. Für die Zulassungs­arbeit schlugen Sie vor, dass ich mich mal darüber informieren sollte, was im neun­zehnten Jahr­hundert im Hotzenwald los gewesen sei. Es hätte da einen bemer­kenswerten Schulstreik gegeben.
Diese Aufgabenstellung mündete 1973 in die Zulassungsarbeit über die "Sal­pe­te­rer­ge­schich­te des neun­zehnten Jahrhunderts". Von dieser Anregung und ­Arbeit ging ich aus, als ich, zwan­zig Jahre später, das Büchlein über die Salpetere­run­ru­hen im Hotzenwald schrieb.
Die letzte Gelegenheit, die sich Ihnen beziehungsweise uns bot, mich zu prüfen, war das Rigorosum am 13. Febru­ar 1989 zur Fachdi­dak­tik Geschichte in meinem Promo­tions­ver­fahren.

 Die erste Prüfungssituation aber, in der wir uns miteinander befanden, war  vierundzwanzig Jahre früher, als ich an einem Märztage 1965 im Rahmen der Eig­nungsprüfung in Ihrem Büro saß. Vor Ihnen und den anderen Herren der Kommis­sion breitete ich meine Kennt­nisse aus, nach­dem ich drüben im Hotel "Rö­mer­hof" eine schlaf­lose Nacht verbracht hatte.
Von Februar 1965 bis zum Februar 1989 also währte - mit zeitlichen Unter­bre­chun­gen - unser Lehrer-Schü­ler-Verhältnis. An Jahren länger, als viele unserer heutigen Studentinnen und Studenten alt sind.

2.
Persönliche Erinnerungen an Sie sind auszubreiten. Da gibt es Erinnerun­ge­n, die sich auf Äußerlichkeiten beziehen wie die, dass sich unser beider Haar­tracht verändert hat. Unverändert blieb die Art und Weise wie wir uns bewegen und uns mitteilen in Sprache und Gestik. Doch der­glei­chen Erinne­run­gen sind so verallgemeinerbar und selbstverständlich, dass diese hier ­ nicht ge­meint sein können. Ich möchte vielmehr darauf abheben, was ich bei Ihnen gelernt habe und, was unmittelbar dazu gehört, warum ich gerade durch Sie wesentliche Impulse für meine eigene personale und fachli­che Ent­wicklung erhielt.  Es ist aber gar ­nicht ein­fach, aus der Fülle der Kennt­nisse und Befähi­gun­gen, die ich den Folgen Ihres Wir­kens zu­schrei­be, das auszu­wählen, was hier und heute ausgespro­chen werden soll. Der Versuch aber muss gewagt werden. An den Anfang möchte ich meine Er­innerungen an den Fachdidakti­ker Wolfgang Hug stellen. 

3.
Im Zentrum des Studiums an unserer Hochschule standen stets die Schüle­rin­nen und die Schüler. Zunächst gleichsam nur gedacht, mit Beginn der Praktika aber waren sie dann unmittelbar einbezogen. Alle Ge­schichts­didak­tik bezog sich auf die unterrichtlichen Realitäten, so, wie wir sie dann auch antrafen, als wir eigenständig arbeiten mussten. Vielleicht ist der Praxis­schock etwas milder ausgefallen, weil Sie so genau und unnach­sichtig waren. Ich erinnere mich daran, dass Sie Ihre Meßlatte sehr hoch anlegten, wenn es um die unter­richtliche Praxis ging. ­Sie wiesen in den Aus­wer­tungs­gesprä­chen nach unse­ren Unter­richtsver­suchen sehr deutlich auf unsere Schwä­chen, auf Fehler und Versäumnisse. Und wenn diese sich als Folgen ungenü­gender Vorberei­tungen herausstellten, konnten Sie in den Ton Ihrer Aus­führungen, die stets korrekt in der Aus­drucks­weise waren, jene Schärfe hineinlegen, die unser schulpäd­agogisches Gewissen nachhaltig beeindruckte.

Als ich mir wenige Jahre später  in einer siebenten Klasse die Haare raufte, weil ich es als Fachlehrer so schwer hatte, den Mädchen und Jungen  histori­sche Sachverhalte nahezubringen, da legte ich den Stoffverteilungs­plan beiseite und schaute statt dessen in meine Aufzeichnungen über die aus­wertenden Gespräche nach Ihren Unterrichtsbesuchen und Ihre Aus­führunge­n in den Didak­tik­ver­anstal­tun­gen. Sie lehrten, dass den Schüle­rinnen und Schü­lern die Freude an der Geschichte und der Sinn für die Geschichte vermittelt werden sollte, und dass es hierbei darauf an­komme, von den Kennt­nissen, Fähigkeiten und Nei­gungen der Kinder auszu­gehen. Wenn es zu den Zielen des Geschichts­unter­richts gehört, die "mensch­liche Neugier zu befriedi­gen und zu geistigem Reichtum zu führen" (W. Hug in dem Semesterprogramm SS 1966), dann müssen wir Lehrer erst einmal die natürliche Neugier beim Kinde auf histori­sche Sachverhalte lenken. Und das tun wir sicher nicht, indem wir historisch bedeutsame Daten lernen lassen.

"Wir dürfen uns als Lehrer nie der Illusion hingeben, dass unsere Schü­ler begrei­fen, was wir ihnen an historischem Geschehen nahebringen, wenn wir uns auf den Standpunkt stellen, das wir das Wichtigste auszu­suchen und zu lehren haben... Im Unterricht haben wir das Wesentlichste und das Geeignetste (von der Sache und von den Schülern her) zu bieten - nicht unser "Wichtig­stes" (W. Hug in der Auswertung  einer Lehrprobe am 17.01.1967). 

Als ich diesen Hinweis beherzigte, machte der Geschichtsunterricht in diesem siebenten Schuljahr den Schülerinnen und Schülern soviel Freude, dass sie und die Eltern sich dafür einsetzten, dass ich die Klasse als Klassenlehrer bis zum Schulabschluß übernahm.

 
4.
Zurück zu der Art und Weise, wie Sie uns als Hochschullehrer begegne­ten:
Ihre Anmerkungen zu unseren Arbeitsleistungen in Seminaren und Lehr­proben waren nie ver­letzend oder gar dis­krimi­nie­rend. Im Gegen­teil: Hatten Sie unsere Ver­säum­nisse oder Mängel deutlich ausgespro­chen, fehlte nie der "Wiederaufbau". Der Kritik, in der stets zuerst die positiven Anteile einer Vor­berei­tung und Unterrichtsstunde gewürdigt wurden, folgten die Über­legungen zur Verbessung der Arbeit. Hierbei veränderte sich ihre Stimmlage nur wenig. Ich will damit sagen, dass Sie, auch nicht im Zorn (der ohnedies nicht zu beobachten, sondern höchstens zu vermuten war) losdon­nerten. Die von mir bei Ihnen besonders ge­schätz­ten Eigen­schaf­ten waren die der Ruhe, der Besonnenheit und der Souve­rä­nität. Ich er­innere mich an keine Situation, in der Sie aus dem Häuschen gerieten. Und Anlässe gab es genug. Ich brau­che nur an die Colloquien mit ihren lebhaften Diskussionen zu den­ken.
Hier noch ein anderer Gesichtspunkt Ihres Wirkens:
"Damit gehen wir zum Hug", mit dieser Ankündigung von studentischen Vertretern war keine Drohung gemeint. Vielmehr war für uns selbstverständ­lich, dass wir mit allen Anliegen zu Ihnen kommen konnten und Rat und Hilfe erhielten. Ich darf daran erinnern, dass es noch eine verfasste Studenten­schaft gab, als Sie zwischen 1965 und 1967 Prorek­tor und Herr Professor Karl-Otto Frank Rektor waren. Wir Studentinnen und Studenten fühlten uns für alles, was an der Hoch­schule ge­schah, mitverantwortlich. Ich selbst gehörte wäh­rend dieser Zeit zwei Jahre lang dem Stu­den­ten­rat an und vertrat die Stu­denten­schaft im vom Senat einge­richteten Diszipli­nar­ausschuss. Blättern wir in dem Informationsblatt "PH aktuell" und in der Studentenzeit­ung "Begegn­ung", die wir her­aus­gaben, dann läßt sich nachweisen, dass die Studentenvertretung­en von Seiten des Senats und Rektorats in ihren Bemühungen unter­stützt wurden, die in ihrer Mehrzahl überaus angepassten und schweigenden Studen­tinnen und Studenten, zu mehr hochschulpolitischem Engagement anzuregen. Die AStA-Vorsitzenden Georg Alt und Wolfgang Gabriel würdigten in Ihrem Rechenschaftsbericht am 26. Juli 1966 ausdrücklich die "Aufgeschlossenheit und das Entgegenkommens" des Rektorats. In diesem Zu­sam­men­hang gab es über­haup­t keine Frage: Dr. Hug hatte für uns stets ein offenes Ohr. Ich möchte fest­stellen, dass Sie uns vor­machten, was es heißt, vom Gegenüber her zu den­ken. Dem Ver­stehen histori­scher Sachverhal­te, das sie uns ver­mittelten, gesellte sich das Ver­stehen des Anderen hinzu; beson­ders all jener, die von uns im Rahmen eines pädagogi­schen Verhältnisses erzogen und gebildet werden. 

5.
Ich hatte bereits die Colloquien erwähnt und darf noch einmal daran an­knüpfen. Dieses Angebot kennzeichnet Ihre Arbeit aus der Sicht eines Stu­denten in den sechzi­ger Jahren in besonderer Weise. Sie gehör­ten zu den ersten Ge­schichtsleh­rern, die uns eine kriti­sche Ausein­anderset­zung mit dem Natio­nal­sozialismus er­möglich­ten. In den Colloquien beziehungs­weise "­frei­wil­ligen Ar­beits­gemein­schaf­ten" (so stand es in den Vorlesungs­verzeich­nissen), die Frei­tag­abend von Herrn Fritz Kaiser und Ihnen geleitet wur­den, kam die Ge­schichte unse­rer Zeit zu Wort. Die Streitge­spräche, die sich daran entzün­deten und die Quel­len­studien, die im Vorder­grund unserer Arbeit standen, trugen bei mir ganz entscheidend zu einer Klärung von Geschichte und Erschei­nungs­weisen totalitärer Herr­schaft bei. Sie schärf­ten zugleich unser Beobachtungs- und Urteilsvermögen in bezug auf jene Tenden­zen in Staat und Gesell­schaft, die an destruktiven Erscheinungs­formen nationali­stisch-kon­servati­ven Denkens und Handelns festhalten wollten. Sie achte­ten im Zusam­menhang mit der Ausein­andersetzung mit den entsprechen­den histori­schen und aktuel­len Erscheinun­gen streng darauf, dass wir den Boden wissen­schaft­licher Redlich­keit und Objektivität nicht verließen oder uns gar auf ein ideolo­gi­sches Terrain verirrten.

6.
Und damit komme ich zu weiteren bemerkenswerten Erfahrungen in der Arbeit bei Ihnen. Ich meine einmal die Arbeitsweisen der Geschichtswissen­schaft, die wir bei Ihnen ken­nenlernten und einübten. Ich meine aber dar­überhinaus auch eine Haltung, die Sie uns in diesem Zusammenhang vermittel­ten. Zu dieser Haltung gehören Eigenschaften wie Sorgfalt, Genauigkeit und Ver­ständlichkeit, wenn es um schriftliche Arbeiten und mündlichen Vortrag ging. Sie legten uns nahe, uns stets unsere norma­ti­ven, theore­ti­schen und metho­di­schen Vor­aus­set­zung­en von Vorgehensweisen im Unterricht und bei fachkund­licher Arbeit vor Augen zu führen und offen und kritisch - auch uns selbst gegenüber - zu bleiben.

In bezug auf die genannten Tugenden stehen Sie in meiner Erinnerung gemein­sam mit dem Erzie­hungs­wissen­schaft­ler Profes­sor Pater Karl Erling­hagen und unserem Professor für Deutsch Herrn Karl-Otto Frank vor mir.
In der fachkundlichen Arbeit lernten wir Geschichte vor Ort ken­nen. Dabei lag ein Akzent, wie kann es anders sein, wenn wir unsere Kinder an die Ge­schichte heranführen sollen, auf der Heimatgeschichte. Die mittel­alterliche Stadt und ihr Schulwesen zum Beispiel lernten wir nicht allein aus Büchern kennen. Wir fuhren unter anderem nach Villingen, Meers­burg, Colmar und Straßburg und begegneten dort den Zeugnissen ver­gangener Jahrhunder­te. Besonders lebhaft habe ich die Stunden in Erinne­rung, die wir im Aleman­ni­schen Institut mit Herrn Dr. Wellmer zusammen ver­brachten. Dort lernten wir, historische Ereignisse in unserer Gemeinde oder Region in den Zusammenhang mit Ereignissen auf deutschem Boden, in Europa oder in der Welt zu bringen und den Auswirkungen nachzuspüren, die die Bewegungen der großen Welt bis in unsere kleine Welt tragen. Unser Leben als Wechselwirkung von Ge­schichte und Gegenwart erkennen zu können, erleichtert das Ver­ständnis für das Zeitgeschehen. Verständnis wiederum ermöglicht rationale Verarbeitung und erschwert die Verengung auf eine Perspektive.

 7.
Wie bereits ausgeführt, war das Lehrerstudium nur eine Periode in der langen Zeit, die ich in Verbindung mit Ihnen an dieser Hochschule studierte. Wenn ich darüber nachdenke, was alles nachwirkt, dann möchte ich zu der bereits ange­deu­teten Fülle drei Er­kenntnisse hinzufügen. Ich habe bei Ihnen und durch Sie gelernt:

 -   alle Erschei­nungen auch historisch zu begreifen und auf diese Weise    besser zu verstehen;

-   historisches Verstehen als eine Voraussetzung für die Chance even­tu­ell  nöti­ger Ver­ände­run­gen zu begreifen;

-   die Bereitschaft, an Veränderungen konstruktiv mitzuwirken und für   das eigene Tun und Lassen in diesem Prozeß die Ver­ant­wor­tung zu  über­nehmen.

 

Dafür danke ich Ihnen!

Ich möchte Ihnen von ganzem Herzen für Ihre Zukunft weiterhin ein frucht­bares Schaffen wünschen und schließe in meine guten Wünsche für Sie Ihre Familie mit ein!


 Zum Schluss dieser persönlichen Reminiszenz kommt Wolfgang Hug noch einmal zu Wort, wenn er über seine wissenschaftlichen und didaktischen Absichten mitteilt:

"… ich (bin) bis heute bemüht, die Geschichte als komplexe Wirklichkeit (mit Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur als tragenden Kräften) zu begreifen und die Zusammenhänge an Details aufzuzeigen, die Details aber auch stets aus den Zusammenhängen zu erklären".

 


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Zeitungsbericht

aus: Badische Zeitung vom 02.12.2012, Seite: Stadtmagazin       

Weitere Hinweise auf Literatur über Prof. Dr. Wolfgang Hug:
Renzension zu Büchern Wolfgang Hug: z. B. von Volker Bauermeister in der BZ vom 12. 3. 2004 über den Band "Schöne Frauen des Freiburger Münsters", Freiburg 2004
Die Einleitung zur Festschrift "Geschichte erforschen, erfahren, vermitteln", zu Wolfgang Hugs 60. Geburtstag 1991 Schäuble Verlag Rheinfelden/Berln 1992).

 

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Von links nach rechts: Herr Adolf Schmid, Frau Hug, Herr v. Ungern-Sternberg, Herr Prof. Hug
Foto von Hermann Althaus: aus Badische Heimat Nr. 4 / 2001, S. 694


Quellen:

Krautkrämer, Elmar: Wolfgang Hug im Ruehestand. In: PH-FR Zeitschrift der Pädagogischen Hochschule Freiburg 1994/2 S. 25 - 26
Rumpf, Joachim: Professor Hug: Persönliche Erinnerungen eines ehemaligen Studenten
Ausführungen aus Anlass seiner Emeritierung in der PH Freiburg 30. 11. 1994
(unveröffentlicht)
Schmid, Adolf: Prof. Dr. Wolfgang Hug zum 70. Geburtstag. In: Badische Heimat Nr. 3 / 2001, S. 507 - 509
außerdem: Achtzig Jahre Glück im Leben.  Auf dem Weg durch meine Zeit. Manuskript, Freiburg o. J. (2011)

Dr. Joachim Rumpf
79733 Görwihl im August 2004
ergänzt im Dezember 2011