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Heimatkundliches über den Hotzenwald und seine Umgebung

 

Meinungen und Urteile über den Hotzenwald und seine Bewohner

 

 

Im Mai 2010 wurde ich von einer Redakteurin des Südwestfunks (SWR 4) gefragt, ob und welche Erklärungen ich dafür hätte, dass sich ausgerechnet bei uns im Hotzenwald so viel Gruppen mit eigenen Lebens- und Weltanschauungskonzepten niederließen. Ich verwies auf die Arbeiten von Dr. Christian Ruch zu dieser Thematik, machte aber auch mir Gedanken darüber und suchte Material dazu, das ich hier einstelle und nach und nach aktualisiere.

Generell, so meine Meinung, leben hier auf dem Wald keineswegs Menschen mit Einstellungen und Verhaltenweisen, die sich von denen aller anderen Menschen, sei es unten im Rheintal oder anderswo unterscheiden. Wird man mit ihnen vertraut, dann erkennt man leicht, dass sie genau so liebenswert und zugänglich sind, wie Menschen in anderen Landschaften, mit denen man vertraut ist. Überall, so meine Erfahrung, "schallt es aus dem Wald heraus, wie man hineinruft":
Es gibt in allen Landschaften dieser Welt Personen oder Personengruppen, denen von Anderen irgenwelche besonderen Eigentümlichkeiten nachgesagt werden. Ob und wieweit das jeweils zutrifft, können einmal nur die Betreffenden selbst sagen bzw. behaupten und vielleicht vergleichende Studien sozialwissenschaftlicher Institute überprüfen.

 

 


Am Anfang eine Erfahrung: Eine junge Frau, die vor zwei Jahren mit ihrer Familie von Birndorf her in unsere herauf nach Görwihl zog, berichtete, dass die Birndorfer Nachbarn ganz erstaunt waren: "Was, Sie ziehen in den Hotzenwald? In diese Abgeschiedenheit… zu diesen "Hotzen" (gemeint: Hinterwäldlern)?"
Und wenige Tage später (am 22.05.2010) bestätigten mir die Angehörigen einer Familie aus Albbruck, dass für sie der Hotzenwald erst jenseits (westlich) der Alb beginne.

Die Ostgrenze des Hotzenwaldes, die historisch-politisch mit der der Hauensteiner Einungen (vorderösterreichischer Verwaltungsbezirk "Grafschaft Hauenstein") übereinstimmte, verläuft entlang der Flüsse Schlücht und Schwarza - die Westgrenze am Steilabfall zum Wehratal hin. Beachtet man aber auf der Suche nach dem "Hotzenwald" die naturräumliche Gliederung, dann beschränkt er sich in der Tat auf "die südlichste, vom kristallinen Grundgebirge geprägte Hochflächenlandschaft des Schwarzwlds, die in mehreren Bruchstufen von über 1.100 m NN bis fast zum Hochrhein auf ungefähr 400 m NN absinkt" (Körner Helge: "Der Hotzenwald". Freiburg 2003. S. 3). Die Landschaften westlich (Wehratal und Dinkelberg) und östlich (Klettgauer Schichstufenland) dieses Grundgebirges sind klimatisch milder.
Die Hotzenwälder im engeren Sinne, also die Bewohner auf den Höhen und in den Tälern zwischen der Alb und der Wehra, werden von allen anderen im Landkreis Waldshut als eine "besondere" Bevölkerungsgruppe betrachtet. Und wenn jemand von den Bewohnern im Klettgau, im Rheintal oder in den Städten am Hochrhein als "Hotz" bezeichnet wird, ist das keineswegs schmeichelhaft gemeint.

Wenn in den sechziger Jahren Lehramtskandidaten im Landkreis Waldshut ihre erste Stelle antreten sollten, dann begleitete sie das Mitleid ihrer Studienkollegen in Lörrach und Freiburg: Dieser Landkreis galt als abgelegen, rückständig, kulturfern - kurz: als Verbannungsgebiet. Und im Kreis Waldshut wiederum galt diese Einschätzung besonders für den Hotzenwald.
Es gibt mehrere Schilderungen über den Hotzenwald, in dem besonders auf die - noch vor wenigen Jahrzehnten üblichen - harten Winter verwiesen wurde. Körner weist ebenfalls auf die besonders hohen Niederschlagsmengen hin. Das Gebirge galt als rau und wild, das Leben auf dem Wald in vergangenen Zeiten als mühselig..

Es liegt nahe, den Bewohnern dieser Landschaft darum auch ein entsprechendes Wesen zuzuschreiben. Wolfgang Hug und Klaus Hoggenmüller sagten:

"die Leute auf dem Wald, die echten "Wälder" jedenfalls, (sind) so zu verstehen, wie sie sind: knorrig, eigensinnig, karg, bodenständig und zugleich der Welt aufgeschlossen, anpassungsfähig im sozialen Wandel und doch auf ihre Eigenständigkeit versessen" (Die Leute auf dem Wald. Stuttgart 1987, S. 8).

Diese Beschreibung von Historikern findet eine gewisse Entsprechung in der Sicht von Bewohnern des Landkreises Waldshut. "Wie sehen Sie den Hotzenwald" befragte zum Beispiel der Journalist eines Werbeblatts einige Personen (am 06.10.2005):

"Am gewöhnungsbedürftigsten ist für mich der schwierige Dialekt. Außerdem leben hier Menschen, die eine komplett andere Mentalität haben…"
"Anfangs ist es schwierig, sich auf die Mentalität der Hotzenwälder zu gewöhnen. Am Hochrhein trifft man ganz andere Menschen….Trotzdem gefällt mir die Gegend wunderbar, vor allem die traumhafte Aussicht."
"Reizvoll ist für mich die schöne Ruhe und vor allem die Landschaft des Hotzenwaldes. Die ältere Generation ist jedoch sehr konservativ, richtig stur eingestellt. Bei der Infrastruktur gibt es natürlich auch einiges zu bemängeln…"
"Die Hotzen sind charakeristisch, aber im ursprünglichen Sinn gibt es sie ja gar nicht mehr. Durch die vielen Zugezogenen…
Auffällig ist natürlich die sehr schöne Landschaft…"

Herr Wolfgang Kuhlmann übersetzte eine Schilderung des Elsässers Charles Lallemand (1826 - 1904) über den Hotzenwald und seine Menschen. Darin heißt es,
dass die hauensteinischen Bauern "kämpferische, streitbare Charaktere seien, ein leidenschaftliches Gefühl für Unabhängigkeit besäßen…sie repräsentieren einen prachtvollen Volkstypus und sind in ihrer Eigenart von höchlichem Interesse. Wenn ihnen der Vorteil der bildenden Unterweisung zuteil wird, entfalten sich bei ihnen beachtliche Fähigkeiten…" (Bad. Zeitung v. 29.08.1981 / Magazin, S. 3)

Peter Ade vom Südkurier überschreibt einen Beitrag über den Hotzenwald: "Volk mit kernigem Humor" und verweist auf den ehemaligen Bundespräsidenten Heinemann, der die Hotzen darum so sehr mochte, weil sie das Herz auf dem rechten Fleck hätten.
"Sie wirkten am Anfang wohl etwas zurückhaltend, fast scheu, bald aber lässt sich hinter einer rauen Schale ein weicher Kern erahnen. Freundlich, hilfsbereit - der Hotzenwälder sagt, was er denkt. Und er nimmt vor den "Großen" kein Blatt vor den Mund. Schon gar nicht vor denen, die meinen, sie seien die Allergrößten…" (7. August 1992).

Diese, wie vor allem die Zeitungsmeldungen zeigen, Zuschreibungen sind recht oberflächlich, wenig oder gar nicht konkret und müssen nicht mit der Wirklichkeit und dem Selbstbild der "echten" Hotzenwälder übereinstimmen.
Sie sind aber vorhanden und, wenn sie Verhalten bestimmen, gewinnen sie Realität.
Da mag jemand die traditionelle Schwarzwälder Gebirgsküche bevorzugen, die, wie Niklas Arnegger schrieb, eine "intakte Leber" voraussetzt (Bad. Zeitung 20.07.2001). Oder andere suchen einen urchigen (urtümlichen) Bauernhof; möglichst abgeschieden und so ausgestattet, dass der Besucher aus dem Tal, einen "Kulturschock" erlebt, wie es die Journalistin Susanne Filz im Windberghof bei St. Blasien beschriebe, einem Hof, der von einer Familie aus Villingen-Schwenningen erworben wurde (Bad. Zeitung 15.11.2008


Dem Hotzenwald wurde und wird von Seiten der Historiker auch darum eine besondere Aufmerksamkeit zuteil, weil dessen Bewohner sich in bemerkenswerter Weise für ihre von alters her überlieferten Rechte und Freiheiten einsetzten. Sie standen im Großen Deutschen Bauernkrieg an vorderster Front, begehrten im siebzehnten Jahrhundert gegen höhere Abgaben auf ("Rappenkrieg") und krönten ihren Unabhängigkeitswillen mit den Aufständen, die im 18. Jahrhundert als "Salpetererunruhen" die Obrigkeiten herausforderten. Es wertete der ehemalige Präsident des Verwaltungsgerichtshofes in Karlsruhe und Rechtshistoriker Karl Alexander Stiefel die Salpetererunruhen auf, wenn er in seiner sehr umfangreichen Geschichte Badens das Kapitel über die revolutionäre Entwicklung 1848/49 (Stiefel, Karl.: Baden 1648 - 1952. Karlsruhe 2/1979, S. 279 - 286) den folgenden Hinweis auf den südlichen Schwarzwald einbrachte:

"…Es war der gleiche Boden des deutschen Südwestens, auf dem schon frühzeitig freiheitliches Gedankengut gewachsen war, auf dem schon um 1500 der Untergrombacher Bauer Fritz Joß den Geheimbund "Bundschuh" gegründet und die Abschaffung der Leibeigenschaft, der Zinsen und der Zehnten an Adel und Geistlichkeit, die Verteilung der Klostergüter unter die Armen und die Freiheit von Jagd und Fischerei gefordert hatte. Hier im später badischen Raum hatte sich 1525 unter Götz von Berlichingen und Jörg Mezler von Ballenberg der Bauernaufstand vollzogen… Im Schwarzwald (Hotzenwald) kämpften im 18. Jahrhundert (1726 - 1748) die "Salpeterer". Die Männer der Revolution 1848/49, insbesondere Friedrich Hecker, leben heute noch in der Erinnerung des badischen Volkes".
Und ein anderer Historiker meinte zu diesen Salpetererunruhen:
"Zu allen Zeitpunkten dienten die widersetzlichen Hauensteiner in der publizistischen Rezeption als Projektionsfläche politischer Weltanschauungen. Stets repräsentierten die Salpeterer das politische Ideal der tonangebenden kulturellen Eliten" (Kies, Tobias 2004, S. 448f ).

Und als Napoleon zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts dieses Gebiet, also die vorderösterreichische Grafschaft Hauenstein, aus dem Habsburger Reich herauslöste und Baden zuschlug, regte sich erneut Widerstand. Nur waren es im neunzehnten Jahrhundert nicht in erster Linie politische, sondern religiöse/konfessionelle Gründe für das Aufbegehren etlicher Hauensteiner bzw. Hotzenwälder sorgten. Da bemühte sich z. B. die Verwaltung des evangelischen Großherzogs von Baden gemeinsam mit dem aufklärerisch orientierten katholischen Klerus um Reformen in der Kirche wie die Abschaffung vieler kirchlicher Feiertage oder die konsequente Durchsetzung der Schulpflicht. Von dergleichen Neuerungen aber wollten einige Bauern nichts wissen und schickten ihre Kinder nicht in die Schule. Diese, am Althergebrachten festhaltenden, konservativen Katholiken wurden "Salpeterer" oder "Sekte der Salpeterer" genannt
In der Geschichte des Schulwesens fand im Hotzenwald also der erste Schulstreik statt. Wenn sich auch ab etwa der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts immer weniger Familien an diesem Streik beteiligten, so hinterließen ihre Beharrlichkeit und Konsequenz einen nachhaltigen Eindruck in der damaligen Öffentlichkeit und förderten oder begründeten sogar den Ruf der Hotzenwälder als eigensinnig und störrisch.

Einer der prominentesten Schriftsteller seiner Zeit, Viktor von Scheffel, gab seine Eindrücke über diese Hotzenwälder wieder als er schrieb

"Jetzt hab' ich's wieder mit ein paar finsteren, trotzigen Gesellen vom Wald zu tun, bei denen jeder Blick und jedes Wort ein Protest gegen den Staat Baden im Allgemeinen und die Polizeigewalt insbesondere ist. Das sind Salpeterer, die wie eine Erinnerung aus alter Zeit in die preußisch gefärbte Gegenwart hineinragen; - ein Stück fossil gewordener Bauernkrieg ..." (Scheffel, Viktor 1855 Reisebilder: Aus dem Hauensteiner Schwarzwald , S. 261)

Und einige Jahre später sorgte der katholische Geistliche und viel gelesene Autor
Heinrich Hansjakob mit seiner Schrift "Die Salpeterer. Eine politisch-religiöse Sekte auf dem südöstlichen Schwarzwald" dafür, dass die Bewegung der unruhigen Salpeterer des neunzehnten Jahrhunderts im öffentlichen Bewusstsein blieb. Hansjakob schrieb unter anderem:

"Schon immer setzten sich Menschen ein für "unveräußerliche, rein menschliche Freiheitsbedürfnisse gegen alle und jede Hörigkeit" (1866, S. 3). Er wies als Beleg für diese Aussage auf den "Sachsenspiegel". "Immerhin" folgert Hansjakob, "mag dieser natürliche Protest, wie wir ihn im Sachsenspiegel finden, im konkreten Falle den Salpeterern zu einer Entschuldigung dienen" (daselbst)

Elard Hugo Mayer schrieb 1900, nachdem er gründlich in dieser Landschaft recherchiert hatte, über die Hotzenwälder

"Verschlossenheit, Unabhängigkeitsliebe, jeder Neuerung abholder Starrsinn, religiöse Erregbarkeit und Verschmitztheit wohnen in ihrer Brust zusammen, dabei sind sie recht nüchterne und fleißige Bauern von denen fast jeder zur Landwirtschaft ein Handwerk hinzugelernt hat…" ("Badisches Volksleben" Freiburg, 1900/1977, S. 539ff 1900, S. 542)

Hierzu eine Anmerkung:
Bei allem Wandel, der sich im Hotzenwald im Verlaufe der letzten fünfzig Jahre vollzog - zu denken ist an die vielen Zuzügler (Vertriebene und DDR-Flüchtlinge, die Wirtschaftsentwicklung oder Verkehrserschließung), trifft man in allen Hotzenwaldgemeinden noch Einheimische an, die an die Schilderung von Mayer erinnern:

"In diesem Zusammenhang denke ich an die Familie, auf deren ehemaligem Acker wir unser Haus stehen haben. Vier Kinder hatte der ehemalige Landwirt und Feuerwehrhauptmann von Görwihl. Drei Töchter und einen Sohn. Der Sohn ist heute Diplom-Ingenieur, arbeitet in der Schweiz und hat nun den elterlichen Hof übernommen. Nebenher züchtet er Schafe und kümmert sich um Wiesen und Wald. Außerdem war er jahrelang der Dirigent der "Hotzenwald-Bauern-Kapelle". Seine Schwestern haben ebenfalls solide Ausbildungen. Eine von ihnen hat, nachdem sie an der Katholischen Fachhochschule ein Sozialpädagogikstudium erfolgreich abgeschlossen hatte, einen Weinbauern aus dem Breisgau geheiratet und hilft dort erfolgreich mit, den Wein zu vermarkten."
(Rumpf in einem Brief an Prof. Dr. W. Hug am 22.Juni 2000).


Aus der Fülle unterschiedlicher veröffentlichter und/oder von Mund zu Mund getragener Urteile und Meinungen über den Hotzenwald und seine Bewohner, wie sie oben wiedergegeben sind, können sich Vorstellungen formen, die jenen Menschen entgegenkommen, die für ihr Leben nach einer Alternative suchen.

Beispiel:
Ein Ehepaar mit zwei Kindern (ursprünglich aus einer sächsischen Stadt) erklärt, dass sie sich in einem Hotzenwaldort niedergelassen und ein Häuschen gekauft haben, weil sie hier leben können, wie sie wollen und ihnen niemand hineinredet. Sie seien völlig in Ruhe gelassen worden: kein Nachbar habe sie angesprochen oder sich neugierig gezeigt (bei Um- und Ausbau z. B.); ganz anders, als sie es früher erlebt haben. Hier könne, so ihre Erfahrung, jeder nach seiner Fasson selig werden. Sie schicken z. B. ihre Kinder nicht in eine Staatliche Schule, mit deren Bildungskonzept sie nicht einverstanden seien. In Herrischried gibt es eine kleine private Schule. Dorthin gehen ihre Kinder. Da sind sie als Eltern praktisch einbezogen und tragen Mitverantwortung.

Diese Schule in Herrischried darf als ein Beispiel dafür genommen werden, dass sich im Hotzenwald gern Gruppen niederlassen, die in Theorie (Weltanschauung z. B.) und Praxis (Lebensgestaltung) eigene Wege gehen.


"Warum die ausgerechnet hierher gezogen sind, ist für uns auch nicht nachvollziehbar", meinte der Rickenbacher Bürgermeister Keller in einem "Südkurier"-Interview (31.12.1993). "Das Phänomen gibt es ja im ganzen Südschwarzwald. Wahrscheinlich kommen diese Menschen, weil wir sehr tolerant sind, ganz anders übrigens, als man uns üblicherweise nachsagt. Es hat hier, von den religiösen Salpeterernachfahren angefangen, immer religiöse Gruppierungen gegeben."

Und Dr. Christian Ruch meint über die Gründe, die derartige Gruppierungen in den Südschwarzwald ziehen:


"…Hinzu kommt, dass der Schwarzwald sehr günstig liegt - abgeschieden und trotzdem gut zu erreichen, nicht allzu weit entfernt von den Flughäfen in Zürich, Basel-Mulhouse und Stuttgart sowie der wichtigen Nord-Süd-Achse Karlsruhe-Basel. Außerdem glaube ich, dass auch die Nähe zu Freiburg und der Schweiz eine wichtige Rolle spielt. Denn sowohl in Freiburg als auch in der Schweiz war Esoterisches und Spirituelles schon immer sehr gefragt und dort findet man im Schwarzwald einen idealen, ebenso nahen wie idyllischen Rückzugsraum. Ein Rückzugsraum, in dem Immobilien wie z.B. große Schwarzwaldhöfe schon aufgrund der Krise in der Landwirtschaft mitunter billig zu haben sind und aufgrund ihres großzügigen Raumangebots als Seminarhaus oder Meditationszentrum ideal geeignet sind. Wollte man dies auf eine Kurzformel bringen, ließe sich sagen: Der Landwirt geht, der Sinnsucher kommt. Und so hat der Strukturwandel des Schwarzwalds von einem Raum, indem Landwirtschaft und Tourismus gleichermaßen von Bedeutung waren, zu einem Raum, in dem der Tourismus - und sei es in Form "spiritueller Wellness" immer wichtiger wird. Allerdings muss man auch sagen, dass die Wirtschaft vor Ort nicht in besonders großem Masse von diesem spirituellen Tourismus profitieren dürfte - denn meistens übernachten und verpflegen sich die Sinnsucher in den Seminarhäusern selbst, sodass die lokale Gastronomie und Hotellerie nicht übermäßig viel an ihnen verdienen dürfte.
Zu denken ist an die Gründungen des Grafen Dürkheim in Todtmoos, an die religiösen Gemeinschaften in Strittmatt (Ichthys, Uriella) oder in Segeten. Ruch bezieht auch die zahlreichen anthroposophischen Einrichtungen im Hotzenwald mit ein.

Aber auch politischen Charakter können derartige Personengruppen haben, wie es über den Kreis um den Theologen Prof. Gollwitzer in den siebziger Jahren in Wolpadingen gesagt werden kann (Karl-Heinz Peters: Auch ein Zeitzeuge. Berlin 2003, bes. S. 422 ff). Der Berliner Jurist und Leiter eines großen Heimstättenwerks Dr. Karl-Heinz Peters nennt in seiner Autobiographie Gründe dafür, gemeinsam mit dem Weltbürger Andrew Sommerfeld schon in den sechziger Jahren in Wolpadingen ein altes Hotzenhaus zu kaufen:
"Es war die Schönheit der Landschaft, die Abgeschiedenheit und Ungestörtheit, die diese Persönlichkeiten den Hotzenwald genießen ließ. Der damalige Bundespräsident Gustav Heinemann kam gern hierher auf diese Insel der Ruhe für Körper und Geist" (S. 424), weiß Karl-Heinz Peters zu berichten.

Es gehören also gerade die landschaftlichen Eigentümlichkeiten und die Abgeschiedenheit, die relativ dünne Besiedlung und die sprichwörtliche Ruhe zu den Motiven von jenen, die sich hier niederlassen. Vielleicht spielt bei Einigen auch eine "gefühlte" geistig-seelische Verwandtschaft mit den "eigenhürnigen" Hotzenwäldern eine mehr oder weniger bewusste Rolle, wenn sich ausgerechnet hier oben derartige Gruppierungen einrichten. Hierzu gehört - sofern überhaupt bewusst - , dass die Hotzenwälder "freie, keiner Obrigkeit untertane Leut' " seien, wie es Thomas Lehner im Titel seines 1977 zum ersten Mal erschienenen Büchleins "die Salpeterer" postulierte.

Nach den bisher bedachten Gründen der Vorliebe von besonders eigentümlichen Personen und Personengruppen für den Hotzenwald erscheinen mir als wahrscheinlich:

- Der Landschaftscharakter und hier besonders die Abgeschiedenheit und Ruhe;
- die öffentliche (veröffentlichten) Meinung über den Wald und seine Be- wohner, deren Ausprägung in der Geschichte (vor allem der Salpeterer)
begründet ist;
- die Zuschreibung "die Hotzenwälder sind tolerant";
- die noch recht moderaten Preise für Grundstücken und Gebäude.

 

 

© Dr. Joachim Rumpf
79733 Görwihl, d. 25.05.2010

 

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