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Heimatkundliches über den Hotzenwald und seine Umgebung

 

 

 

Evangelische im Hotzenwald

 

 

Wie wir von den Ereignissen um die Salpetererunruhen vor allem aus dem neunzehnten Jahrhundert wissen, lebten damals auf dem Görwihler Berg und in den anderen ehemaligen Hauensteinischen Gemeinden viele Frauen und Männer, die, wie man so landläufig sagt "gut katholisch" waren. Wenn auch die Reformationszeit in unserer Region sehr stürmisch verlief, so war es den Obrigkeiten in diesen zu Habsburg gehörenden Einungen und den Waldstädten gelungen, die katholische Konfession zu erhalten und im Verlaufe der weiteren Generationen zu festigen. Die Salpeterer des neunzehnten Jahrhunderts, von denen der letzte erst 1936 starb, waren ja keine Rebellen gegen politische Ordnungen sondern besonders radikale und konsequente Anhänger einer eng mit dem Papsttum und alten religiösem Brauchtum verbundenen Katholizismus. Blieben sie auch Außenseiter und vollzogen Veränderungen innerhalb der katholischen Kirche nicht mit, so dürfen sie als Zeichen dafür gelten, dass katholische Religiosität wesentlich das kulturelle und geistige Leben im Bereich der ehemaligen Gemeinden Vorderösterreichs in unserer Landschaft bestimmte.

Dabei lebten evangelische Einwohner Badens gleichsam Tür an Tür mit ihren katholischen Nachbarn. Denn die Menschen in den Gemeinden, die zur alten badischen Markgrafschaft gehörten, waren evangelisch. Am Hochrhein liegen zum Beispiel die Dörfer Grenzach (nördlich der Bundesstraße ehemals badisch, südlich gehörte es zu Vorderösterreich) und Wyhlen (vorderösterreichisch) ebenso dicht beieinander, wie Stetten (vorderösterreichisch) und Lörrach (badisch). Heute gehören sie jeweils zu einer Gemeinde. Eine "Durchmischung" der katholischen und evangelischen Bevölkerung fand allerdings lange Zeit hindurch kaum statt. Das hat sich in unserer Zeit so stark verändert, dass die Vorstellungen einer wertenden Trennung nach Konfessionen in unserer Landschaft absurd erscheint. Und doch liegen die Anfänge eines nachhaltigen Bewusstseinswandels in beiden Bevölkerungsteilen noch gar nicht so lange zurück.
Noch vor fünfzig Jahren, so wissen es Zeitzeugen zu berichten, war zum Beispiel der Widerstand von Seiten der katholischen Kirche und des Bürgermeisters in Waldshut gegen die Errichtung einer evangelisch-freikirchlichen Kirche sehr groß.
"Nur über meine Leiche werden Sie in Waldshut einer Hubmaier-Kirche (so der Name der neuen Kirche) bauen" hatte der Bürgermeister gewettert. Dem katholischen Ehepaar, das der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde das Grundstück für das Gotteshaus verkaufen wollte, wurde mit Exkommunizierung gedroht. Diese Widerstände gegen die anderen christlichen Kirchen waren umgekehrt in den von Alters her evangelischen Gemeinden nicht geringer. Es waren vor allem die Folgen von Krieg und Nachkriegszeiten in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, die die von wirtschaftlichen Entwicklungen schon früher angestoßenen Veränderungen nachhaltig beschleunigten.

Wer mit evangelischen Gemeindegliedern auf dem Görwihler Berg über das kirchliche Leben nach 1945 spricht, gewinnt allerdings den Eindruck, als seien erst mit den Heimatvertriebenen aus den ehemaligen deutschen Gebieten jenseits von Oder und Neisse Evangelische nach Görwihl gekommen. Dieser Eindruck trügt. Evangelische Bürger gibt es im Hotzenwald schon seit mehr als hundert Jahren.
1825 lebten im Amtsbezirk Waldshut, zu welchem damals auch Görwihl gehörte, 419 Personen evangelischer Konfession; 50 Jahre später waren es bereits 1407 von insgesamt 48 626 Einwohnern, also 2.9 Prozent. Zu dieser Zeit, im Jahre 1875, weist die Bevölkerungsstatistik für unsere Gemeinden folgende Zahlen aus: Görwihl hatte 12, Niederwihl 14, Oberwihl 1, Rüsswihl und Tiefenstein 12, Herrischried 3 und Hornberg 2 evangelische Einwohner. Um die Jahrhundertwende wurden in Görwihl und Rüsswihl 34 evangelische Bürger gezählt.
Erst nach dem Ersten Weltkrieg nahm die Zahl der Evangelischen in unseren Hotzenwaldgemeinden deutlich zu: 1925 bekannten sich im heutigen Görwihler Teil der Kirchengemeinde 60 und im Bereich des Herrischrieder Teils - hier gab es den deutlichsten Zuwachs - sogar 71 Einwohner zur evangelischen Konfession. Von diesen lebten die meisten (27) in Hogschür, in Herrischried selbst waren es 11 (Quelle: Badisches Statistisches Landesamt 1928).
Mit diesen Angaben sind einige Orte genannt worden, die zu dem Raum gehören, den unsere evangelische Kirchengemeinde Görwihl - Herrischried heute umfasst.

 

Wenn wir uns heute die schmucken und blühenden Dörfer des Hotzenwaldes anschauen, können wir uns kaum vorstellen, wie groß die materielle Not in jenen Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts war, in denen die ersten Evangelischen hier heraufgekommen sind. In jeder Darstellung der Geschichte des Hotzenwaldes (vgl. u.a.: Endriß 1941; Metz 1959 und 1980; Eisenbeis 1975; Hug/Hoggenmüller 1987; Hug 2001) finden wir eine Fülle von Informationen über die Ursachen und Auswirkungen der wirtschaftlichen Schwierigkeiten.
Schon seit der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Heimarbeit, zunächst als Baumwollspinnerei, in unseren Gebieten zur bedeutsamsten Einnahmequelle für die Hotzenwälder, dassdie durch Erbteilung immer kleiner werdenden landwirtschaftlichen Anwesen die immer größer werdende Zahl der Menschen nicht mehr ernähren konnte. Stets dann, wenn im 18., 19. und 20. Jahrhundert die Folgen politischer und wirtschaftlicher Krisen die Heimarbeit erschwerten oder gar ganz zum Erliegen brachten, wurde die Not bei den Familien auf dem Walde unerträglich. In einem Bericht aus dem Jahre 1850 heißt es:
"Die große Not in diesen Waldgegenden eines bäuerlichen Proletariats ohne allen Grundbesitz und ohne die Möglichkeit, in dieser Abgelegenheit durch Handarbeit etwas zu verdienen, hatte die Staatsregierung veranlasst, eine Auswanderung der Bedrängtesten nach Amerika auf Staatskosten zu organisieren. Es war damals auf dem Wald eine große Bewegung; in Herrischried wurde in verschiedenen Ateliers geschneidert und geschustert, um die Betreffenden zur Fahrt übers große Wasser gehörig auszustaffieren." (Endriß 1941, S.27)
Eine Zahl mag das illustrieren: in Görwihl schrumpfte die Einwohnerzahl von 1852 bis 1855, also in nur drei Jahren, von 1198 auf 1051 um 147 Personen. Bis zur letzten Volkszählung vor dem zweiten Weltkrieg, im Jahre 1939, waren in Görwihl nur noch 777 Einwohner gemeldet (a.a.O., S.47). Der Rückgang war aber in all den Jahren nicht wieder in einer so dramatischen Höhe zu beobachten gewesen, wie 1855.

Welche Motive waren es, die Evangelische in ein wirtschaftlich so armes, zwar landschaftlich sehr reizvolles, aber klimatisch rauhes Land führten? Antwort auf diese Frage gibt uns ein Blick auf die industrielle Entwicklung im 19. und 20. Jahrhundert. Der Zusammenhang zwischen der Errichtung erster, als industriell zu bezeichnender Fertigungsstätten im Hotzenwald und dem Auftauchen erster evangelischer Bürger in den Bevölkerungsstatistiken ist unverkennbar (vgl. dazu auch: Badisches Statistisches Landesamt 1928, S. 50 ff). Unternehmer, ganz gleich ob sie evangelisch oder katholisch waren, schauten weniger auf die Konfessionszugehörigkeit ihrer Mitarbeiter, als auf deren Befähigung für den Arbeitsplatz. Metz berichtet, dass allein in Görwihl zwischen 1840 und 1860 drei Firmen bestanden.
Eine dieser Firmen, die Zeugle-Hausweberei C.A. Hipp, führte die mechanische Buntweberei ein und entwickelte sich nach ihrer Übersiedlung nach Brennet im Jahre 1881 zu dem noch heute bestehenden großen Betrieb.

Seit 1836 errichteten die Fabrikanten Peter und Otto Bally aus Schönenwerd bei Aarau im Aargau (CH) Seidenbandwebereien am Hochrhein und im Hotzenwald. Später kam die Firma Sarasin aus Basel hinzu, so dass in der Blütezeit dieses Fabrikationszweiges, in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, ca. zweitausend Heimarbeiter mit der Seidenbandweberei ihr Brot verdienten (Döbele 1932). Schweizer Unternehmer aus dem Kanton Glarus und aus Zürich, Uandré Streiff, die Brüder Trümpi und Hans Vögeli, erwarben 1873 in Tiefenstein die Baumwollspinnerei der Brüder Schmidt aus Waldshut. Lukas Schmidt hatte diese Fabrikationsstätte erst 1865 in den Gebäuden des ehemaligen Hüttenwerks in Tiefenstein eingerichtet (Ebner 1952, S.34).
Es kamen also auch Schweizer Unternehmer aus reformierten Kantonen in die Dörfer des Hotzenwaldes, wie z.B. Hans Vögeli, der aus Zürich stammte und dessen Haus zur ersten Begegnungsstätte der evangelischen Bürger im Raum Tiefenstein-Görwihl werden sollte.

Die Anfänge seelsorgerischer Arbeit für die evangelischen Bürger, die in der Region um Tiefenstein lebten, waren nicht leicht. Für die im Hochrheintal und in den angrenzenden Hotzenwaldgemeinden verstreut lebenden Evangelischen wurde 1859 in Säckingen die erste Pastorationsstation in unserer Gegend errichtet, die bereits fünf Jahre später in eine Pfarrei umgewandelt wurde. Waldshut - seit 1860 bestand hier eine Filialgenossenschaft von Säckingen - erhielt 1870 mit Pfarrer Ludwig den ersten Pastorationsgeistlichen. 1872 wurde dann Waldshut ebenfalls Pfarrei. Von dort aus wurden von den Pastorationsgeistlichen im weiten Umkreis Gottesdienststationen eingerichtet. Bevor die Arbeit in Tiefenstein begann, gab es bereits solche Stationen unter anderem in Bonndorf und St. Blasien. An Sonn- und Feiertagen musste der Pfarrer zu allen Jahreszeiten die weiten und damals recht beschwerlichen Wege in die abgelegenen Wälderorte auf sich nehmen. 1874 erklärte der Pastorationsgeistliche, Pfarrer Ludwig, dem Evangelischen Oberkirchenrat in Karlsruhe gegenüber seien Absicht, auch in Tiefenstein eine Gottesdienststation einzurichten. Tiefenstein war nicht nur der Sitz größerer Betriebe, sondern es lag auch für den Bezirk, in dem Evangelische wohnten, einigermaßen zentral. Wir erfahren aus den Kirchenbüchern, dass evangelische Bürger aus Albbruck, aus Unteralpfen, aus Schachen, Niederwihl, Rüsswihl, Oberwihl und Görwihl zur Diasporagemeinde Tiefenstein gehörten. Diese Bezeichnung, die schon 1875 im Schriftverkehr zwischen der Diasporagemeinde Waldshut und dem evangelischen Oberkirchenrat Verwendung findet, ist freilich irreführend, dass sie eine Selbständigkeit annehmen läßt, die nicht vorhanden war. Die evangelischen Bürger, die in diesem Bereich lebten, gehörten zur Diasporagemeinde Waldshut und entsandten auch ab 1876 ihre Vertreter in den Kirchenvorstand dieser Gemeinde.

 

Der erste evangelische Gottesdienst auf dem Boden unserer heutigen politischen Gemeinde Görwihl, begann am Sonntag, dem 28. Februar 1875, um 14.00 Uhr. Im Lehrzimmer des Fabrikanten Vögeli versammelten sich ungefähr 40 Personen, die hauptsächlich aus Tiefenstein und Görwihl kamen. Pfarrer Ludwig berichtet in einem Brief über dieses Ereignis:

"Man denke sich ein mäßig großes Zimmer, in dessen einer Ecke ein Piano steht, das, von der Erzieherin der Kinder des Hausherrn gespielt, die Orgel ersetzt, an der einen Wand ein schwarz umhülltes Nähtischchen, das sich redlich Mühe gibt, zugleich Altar und Kanzel darzustellen, daneben ein bequemer Lehnsessel für den Geistlichen, während der übrige Raum von etlichen Reihen von Stühlen, deren weltlicher Charakter sich nicht verkennen läßt, ausgefüllt ist: so hat man so ziemlich ein Bild unseres Gottesdienstlokals und sr. Inneren Einrichtung. Indes genügt es vollständig für unsere Zwecke. Die Erbauung, wie wir Protestanten sie suchen und verstehen, hängt ja auch nicht von dem Ort ab, an dem sie stattfindet, sofern derselbe überhaupt ein anständiger und würdiger ist. (Joh. 4, Vers 21-24)."


Der Versuch des Geistlichen, das Tiefensteiner Schullokal für die Gottesdienste zu erhalten, war zu der Zeit noch am konfessionellen Unwillen der zuständigen Gemeindebehörde gescheitert. Als 1877 Hans Vögeli Tiefenstein verließ, stellte Herr Streiff der Gemeinde einen Raum in einem Fabrikgebäude zur Verfügung, das später als Werksheim diente. Als 1906 der Pfarrer nach einem Raum für den Religionsunterricht Ausschau hielt, durfte er das Gottesdienstlokal vierzehntägig mitbenutzen. Wir lesen in einem Brief der Betriebsleitung der Firma Trümpi Wildt und Streiff an den Pfarrer:

"Ich habe das Vergnügen, Ihnen mitzuteilen, dass, wie vorauszusehen, das Gottesdienstlokal Mittwoch nachmittags alle 14 Tage für den Religionsunterricht zur Verfügung steht. Betrifft die Bilder Luther und Melanchthon, muss wohl auf deren Plazierung im Lokal auch aus Rücksicht auf die Empfindlichkeit der gut römisch-katholischen Bevölkerung (d.h. der katholischen Arbeiter, welche das lokal allwöchentlichen ...mitbenutzen) verzichtet werden..."

Pfarrer Ludwig hat in jenen Anfangsjahren erlebt, dass sich die Evangelischen sehr wacker an den neu eingerichteten Gottesdiensten beteiligten und sich über die Möglichkeit, wieder am kirchlichen Leben teilnehmen zu können, sehr freuen würden. Auch für die Kinder sorgten die Pfarrer von Anfang an, indem sie den Religionsunterricht jeweils an die Gottesdienste anschlossen. Über die Zusammensetzung der evangelischen Bürger erfahren wir, dass es Fabrikanten und deren Angestellte und Arbeiter gewesen waren, auch untere Staatsbeamte und Geschäftsleute, sowie Frauen aus gemischten Ehen, alle der Nationalität nach zur Hälfte Schweizer Bürger.
Genauere Auskünfte erteilen uns die Kirchenbücher.
So wurde von 1894 bis 1914 ein Familienbuch geführt; die ältesten Eintragungen finden wir dort unter dem Datum des 22. Mai 1894:
1. Herr Rudolf Wildi, Fabrikant in Görwihl aus der Schweiz (mit drei Angehörigen);
2. Albert Isler, Aufseher in Tiefenstein, aus dem Kanton Zürich ( mit fünf Familienangehörigen);
3. Johann Heinrich Trachsler, Aufseher in Görwihl, aus dem Kanton Zürich (mit acht Familienangehörigen);
4. Gustav Lacher, Arbeiter in Albbruck, aus Stockmatt (mit fünf Familienangehörigen);
5. Paul Wagner, Aufseher in Albbruck, aus Schönau, Württemberg (mit drei Familienangehörigen);
6. Friedrich Wilhelm Penn, Beruf fehlt, aus Arnswalde, Preussen (mit elf Familienangehörigen);
7. Johann Andreas Imhof, Beruf fehlt, aus Basel (mit sieben Familienangehörigen);
8. Albert Friedrich Meyer, Kanzleigehilfe beim Notariat Görwihl, aus Kandern (mit Frau);
9. Otto Streiff, Fabrikant in Tiefenstein, aus Zürich (mit vier Familienangehörigen).

Diese letzte Eintragung ist vom 18. September 1911; bereits der Vater, André Streiff, war Mitglied der Gemeinde.
Die Kirchenbücher, in denen die Taufen, Trauungen und Sterbefälle eingetragen wurden, beginnen mit dem Jahr 1896. Auch aus ihnen erfahren wir, wo die Evangelischen wohnten und welche Berufe sie ausübten.
In Tiefenstein wurde das erste Kind am 28. Januar 1900 getauft. Es war Elisabeth, die Tochter des Apothekers Friedrich Wilhelm Halbauer (katholisch) und seiner evangelischen Frau Berta. Am 5. Mai 1901 wurde auch das zweite Kind des Görwihler Apothekers evangelisch getauft. Aus dem Taufbuch erfahren wir weiter, dass 1902 ein Albert Emmrich Gendarm in Görwihl gewesen ist und dass 1907 auch der Gendarm Ludwig Metzger hier zu hause war. Am 4. Februar 1906 wurde Christian, der Sohn des Görwihler Friseurs Christian Kauffeld und seiner Frau Martha, geb. Sütterlin, getauft. Auch die Kinder des Fabrikanten Streiff wurden in Tiefenstein getauft.

Trauungen fanden allerdings in Tiefenstein nicht statt, dasses hier noch keine Kirche gab und keine Glocken geläutet werden konnten. Als am 14. Juni 1900 der Kanzleigehilfe beim Notariat Görwihl, Herr Albert Friedrich Maier, Maria Barbara Bolanz aus Obereggenen heiratete, fand die Trauung in Kandern statt. Der Fabrikant Otto Streiff heiratete Maria Margarita Meza in Waldshut. Dies blieben, bis nach dem erste Weltkrieg, die einzigen evangelischen Eheschließungen in der Gemeinde.
Der erste Eintrag im Sterberegister der Diasporagemeinde ist vom 26. August 1903. dasswurde Herr Louis Grossjean, von Beruf Drechsler, Ehemann der Görwihlerin Luise, geb. Ruch, in Görwihl beerdigt. Vor dem ersten Weltkrieg wurden in Görwihl noch bestattet: 1906 Christina Ernst, geb. Heidt, Ehefrau des Friedrich Ernst in Görwihl, die im Alter von 75 Jahren gestorben war; und im Jahre 1909 eine Tochter des Gendarmen Adolf Stein.
Auf dem Friedhof in Niederwihl wurde der erste Evangelische im Juni 1924 bestatte; es war der Kaufmann Heinrich Itschner aus Tiefenstein.

Auch in den erhaltenen Spendenlisten und Sitzungsprotokollen sind evangelische Bürger mit ihren Berufen verzeichnet. Wir erfahren, dass der Strassenmeister Keller aus Görwihl zur Genossenschaft gehörte (1907), die Steueraufseher Schroder (1913) und Korn (1920), der Arzt Dr. Lichtenberger (1908) und der Apotheker Kölsch, der 1940 in Görwihl verstarb.

Der Blick auf die Eintragungen in die Kirchenbücher und Listen verrät uns nicht, wo die evangelischen Einwohner geblieben sind. Auffallend ist, dass ihre Zusammensetzung sehr stark wechselte: kaum eine evangelische Familie, die im vergangenen Jahrhundert den Hotzenwald zum Aufenthalt wählte, wurde hier dauerhaft ansässig. Der Arbeitsplatz mit seinen Verdienstmöglichkeiten führte die Evangelischen in diese Landschaft und auch wider von hier fort. Das konnte sehr plötzlich geschehen, wie einem Aktenvermerk vom Januar 1909 zu entnehmen ist. Danach wurden am 13.12.1908 die Herren Furrer und Appoldt in den Kirchenvorstand der Genossenschaft gewählt "und sind beide vier Wochen später weggezogen."
Aber auch die Pfarrer wechselten häufig: in der Zeit von 1877 bis 1893 taten von Waldshut aus nacheinander sieben Pastorationsgeistliche Dienst. Erst mit Stadtpfarrer Weiss änderte sich dies. Er hatte in Tiefenstein, als dieser Bezirk 1909 dem neu geschaffenen Vikariat Säckingen zugeordnet wurde, zwölf Jahre gewirkt. Bereits ein Jahr später wurde der Pastorationsbezirk Laufenburg errichtet, zu dem Tiefenstein bis zur Selbständigkeit der Diasporagemeinde Görwihl-Tiefenstein gehörte.
Eine relative Stabilität in der Zusammensetzung veranlasste die Gemeinde im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts, den ersten Schritt in Richtung auf die Selbständigkeit hin zu tun. Federführend war damals Herr Pfarrer Rapp, der Pastorationsgeistlicher in Waldshut und damit auch für Tiefenstein-Albbruck zuständig war. Der erste Schritt der Lösung von Waldshut bestand in der Errichtung eines eigenen Haushaltes, der über die Gründung einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft verwirklicht werden konnte. Auf Antrag des Kirchenvorstandes der Diasporagemeinde Waldshut, insbesondere seiner Mitglieder aus Tiefenstein, gelang das auch. Der evangelische Oberkirchenrat teilte am 26. August 1896 den Antragstellern mit, dass für eine "evangelischen Kirchenfonds Tiefenstein" die staatliche Genehmigung erteilt und nun deswegen angeordnet wurde, dass "derselbe von nun an nach den kirchlichen Vorschriften errichtet werden muss." Am 6. September 1896 fand die erste protokollierte Sitzung des Kirchenvorstands Tiefenstein, der den "evangelischen Kirchenfonds" zu verwalten hatte, statt. In dieser Sitzung wurde neben Herrn Peter Traxler und Herrn Isler der Herr Buchhalter Inritzki aus Tiefenstein als Rechner in den Kirchenvorstand gewählt. Der evangelische Kirchenfonds Tiefenstein hatte die Aufgabe, dass aus ihm in erster Reihe die rein kirchlichen Bedürfnisse der Diasporagemeinde bestritten werden sollten. Der Fonds trug sich "teils durch freiwillige Beiträge und Sammlungen der Mitglieder der Diasporagemeinde, teils durch Schenkungen kirchlicher Vereine des Inlands...".
Wie schon in den Jahren zuvor in die Kasse der Pfarrei Waldshut, flossen nun die Geldspenden in den Kirchenfonds der evangelischen Genossenschaft Tiefenstein. Hauptfinanzier der kirchlichen Arbeit war das Gustav-Adolf-Werk, aber auch Kaufleute und Fabrikanten spendeten regelmäßig und, für die damalige Zeit, namhafte Geldbeträge. So verpflichtete sich zum Beispiel die Direktion der Papierfabrik Albbruck, die ihren Sitz in Basel hatte, am 27.10.1886, der Diasporagenossenschaft jährlich dreissig Mark zu spenden. Bis zur Errichtung der Gottesdienststation in Albbruck im Jahre 1905, erscheint dieser Betrag in den Einnahmespalten der Fondsabrechnungen. Auch die evangelischen Frauenvereine in Freiburg und Mannheim unterstützten die Arbeit durch Spenden. Über die Verwendung der Gelder wurde sorgfältig Buch geführt, und die Fondsabrechnungen erlauben ebenso einen Einblick in die Arbeit der Diasporagemeinde, wie die dem Gustav-Adolf-Werk alljährlich zu erstattenden Berichte. Greifen wir einen dieser Berichte aus dem Stoß chronologisch geordneten Materials heraus: Es ist der "Jahresbericht 1890/91 an den bad. Hptv. Der G.A.Stiftung über Tiefenstein" vom 4.11.1891. Wir erfahren unter anderem, dass sich die Gemeinde zahlenmäßig gegenüber dem Vorjahr nicht verändert hat, dass es 5 rein evang. Ehen gibt und sechs gemischte Ehen, von denen zwei noch kinderlos sind, die anderen vier kath. Kindererziehung haben. Das Heilige Abendmahl soll erst am Buss- und Bettag zum ersten Mal gefeiert werden; "es kommen die meisten Gemeindemitglieder zur Abendmahlsfeier nach Waldshut". 3 Kinder aus Albbruck, 1 aus Tiefenstein, 3 aus Görwihl erhalten nach den Gottesdiensten alle 4 Wochen und dazwischen je 2-3 mal an Wochentagen Unterricht. "Ein Kind aus Albbruck und eins aus Görwihl sollen nächste Ostern konfirmiert werden und mindestens 2mal wöchentlich den Unterricht in Waldshut besuchen. Um ihnen die Benützung der Bahn zu ermöglichen, wäre eine klein Unterstützung sehr nötig; es würde für jeden der beiden Knaben ein Beitrag von etwa 5,- M genügen; wir erlauben uns, eine diesbezügliche Bitte zu stellen...".
Über die finanzielle Situation heißt es, dass das Guthaben des Kirchenfonds 547,- M beträgt und die Genossenschaft keine Schulden habe.
Die Inventarliste der Diasporagenossenschaft von 1896 mit den für die Gottesdienste verwendbaren Gegenständen blieb bis zum 31. März 1921 bis auf wenige geringfügige Ergänzungen unverändert. Wir finden in dieser Inventarliste alle für die Taufe und für Abendmahlsfeiern notwendigen Geräte - 12 Gesangbücher sind aufgeführt, die Kleidung für den Geistlichen (der Talar wird mit 20,20 M bewertet) und als teuersten Gegenstand ein Harmonium (Wert: 300,- M).

Auch über die Bezüge der Geistlichen geben die alten Schriften Auskunft. Als am 18. September 1896 der Kirchenvorstand zusammentrat, hielt der Geistliche in der Protokollnotiz fest:

"Die Gehaltsverhältnisse des Geistlichen werden definitiv festgesetzt, dass derselbe pro Jahr für 12 Gottesdienste 50,- Mark und für zweimaligen monatlichen Unterricht in Albbruck 30,- Mark, zahlbar mit vierteljährlich 20,- Mark, außerdem Ersatz seiner Reiseauslagen, einschließlich des Trinkgeldes an den Kutscher, bis zum jeweiligen Höchstbetrag von 50 Pfennig erhalten soll. Die Anschaffung eines Protokoll- und Familienbuches wird genehmigt. Mit dem Organisten, Herrn Lehrer Mall, wird ein Vertrag abgeschlossen, wonach derselbe für einen Gottesdienst 1 Mark erhalten soll..."


Jeder Pfennig, der erübrigt werden konnte, wurde gespart. Diese Tugend hatte den Zweck, möglichst bald so viel Kapital anlegen zu können, dass die Zinsen daraus die Zuwendungen von Seiten des Gustav-Adolf-Werkes reduzieren oder gar überflüssig machen sollten (vgl. u.a.: Bericht vom 20.10.1899). Diese ganzen Ersparnisse aber wurden bei Ausbruch des ersten Weltkrieges als Kriegsanleihe gezeichnet, und die Gemeinde erhielt das Geld nie wieder zurück. Die patriotische Geste von 1914 hatte zur Folge, dass sich die Genossenschaft und später die Diasporagemeinde finanziell nicht wieder erholte und stets nur mit Mühe eine ausgeglichene Bilanz erreichte.
Abgesehen von der finanziellen Situation der Genossenschaft und dem nun schon üblichen Wechsel ihrer Mitglieder durch ständigen Wegzug und Zuzug, hatte sich während der Kriegsjahre kaum etwas verändert. Der Fabrikant Streiff war seit 1901 unverändert Vorstandsmitglied der Genossenschaft und blieb auch bis 1937 in diesem Amt. Über 30 Jahre diente er der Genossenschaft - und später der Diasporagemeinde Tiefenstein; vorübergehend hatte er sogar das Amt des Rechners (bzw. Fondsverwalters) inne, bis Herr Emil Höhn 1914 dieses Amt übernahm.
Der wenig formale Status der evangelischen Diasporagenossenschaft genügte den Gemeindegliedern offenbar nicht mehr. Im Jahre 1920 stellten der Fabrikant Streiff und der Werkmeister und spätere Betriebsleiter Höhn gemeinsam mit den Vorstandsmitgliedern Emil Jetter, Küfer aus Görwihl, und Wilhelm Maier, Kaufmann aus Görwihl, beim Oberkirchenrat den Antrag, den Status einer Diasporagemeinde Tiefenstein zu erhalten.
Diesem Wunsch wurde entsprochen, und am 22. Januar 1921 wurde vom evangelischen Oberkirchenrat diese Diasporagemeinde errichtet. In ihrer Satzung steht unter anderem, dass "die Mitglieder der vereinigten evangelisch-protestantischen Landeskirche Badens...zu der Diasporagemeinde Tiefenstein zusammengeschlossen" sind, "welche auf den Gemarkungen der bürgerlichen Gemeinden Tiefenstein, Buch, Engelschwand, Görwihl, Hartschwand, Hochsal, Niederwihl, Oberalpfen, Oberwihl, Rotzingen, Rüsswihl, Segeten, Strittmatt und Unteralpfen wohnen." Die Orte Engelschwand, Segeten und Strittmatt sind später gestrichen worden. Kirchenvorstand waren nach dieser Satzung der Gemeindepfarrer von Klein-Laufenburg als Vorsitzender und vier Älteste.
Der erste Vorsitzende war Pfarrer Kolb, der Tiefenstein seit 1912 betreute und kriegsbedingt von 1914 - 1918 vertreten wurde. An seine Stelle trat 1932 Pfarrer Müller in Laufenburg, der die Diasporagemeinde Tiefenstein und später Tiefenstein/Görwihl betreute, bis er 1963 in den Ruhestand ging. Bezogen auf die Kirchenvorstandsmitglieder und auf die Pfarrer Kolb und Müller sowie Pfarrdiakon Schumann in Herrischried, wurden die Evangelischen unseres Bezirks im Hotzenwald recht kontinuierlich repräsentiert und seelsorgerisch betreut (vgl. dazu Tabelle I im Anhang).
Was berichteten die Pfarrer in Laufenburg über die Arbeit in der kleinen Gemeinde? In dem Bericht für den Gustav-Adolf-Verein für das 1916/17 schreibt Pfarrer Stern, der während des Krieges 1914 - 1918 Tiefenstein betreute, die Gemeinde "beständig im Abnehmen infolge weniger evangelischer Personen am Orte." 45 evangelische Bürger gibt er an, davon 15 in Tiefenstein und 30 in Görwihl. Tatsächlich waren es ein Jahr später nur noch 12 Personen in Tiefenstein und 20 in Görwihl. Viel mehr waren es auch vor dem ersten Weltkrieg nicht. Die höchste Gesamt-Seelenzahl des Bezirks wurde 1909 mit 49 angegeben. Pfarrer Stern beklagte, dass die Gottesdienste immer zu schwach besucht wurden, und er wollte gern diese Gottesdienste eingehen lassen und stattdessen Görwihl, wo am meisten evangelische Kinder sind, lieber einen gepflegten Jugendunterricht abhalten. In Görwihl waren es zu jener Zeit 15 schulpflichtige, evangelische Kinder und in Tiefenstein drei. Der Religionsunterricht wurde nach dem üblichen Gottesdienst abgehalten, der auch während des ersten Weltkrieges einmal monatlich im Fabrikbüro stattfand.

Die Arbeit in der Gemeinde war schwer geworden, da seit Beginn des Krieges die Unterstützung des Gustav-Adolf-Vereins ebenso ausgeblieben, wie die bis dahin relativ reichlich geflossenen Spenden der verschiedenen Frauenvereine. Sehr energisch fordert zum Beispiel 1916 der Geistliche diese ausstehenden Beträge an, von denen er schließlich sein Gehalt bezieht und seine Unkosten decken muss. An Spenden waren für dieses Jahr insgesamt 50,- Mark, an Einnahmen aus Kirchenopfern für das Jahr 5,- Mark verbucht worden. Erst nach 1918 ging es für relativ kurze Zeit mit der Gemeinde aufwärts. Gemeint ist damit sowohl die Zahl der Gemeindemitglieder, als auch das Spendenaufkommen. Immerhin konnten doch bis 1928 wieder 350,- Mark gespart werden, die dann allerdings für ein neues Harmonium ausgegeben werden mussten. In einem Brief heißt es darüber: "Das war der ganze Bestand des Kirchenfonds, in vielen Jahren mühsam zusammengespart...". In einem Bericht an den evangelischen Oberkirchenrat in Karlsruhe, die Abhaltung evangelischer Gottesdienste in Tiefenstein betreffend, beklagte Pfarrer Kolb, wie schon seine Vertretung im Jahre 1917, den mangelhaften Gottesdienstbesuch. Lediglich an Festtagen kämen durchschnittlich 20 Gemeindeglieder; "an gewöhnlichen Sonntagen dagegen wurden manchmal nur zwei bis fünf Erwachsene und zwei bis vier Kinder gezählt..."Auch Gründe für diese Situation werden angegeben: "Die großen Schwierigkeiten eines geregelten Gottesdienstbesuchs sind jedoch nicht zu verkennen: die meisten Glaubensgenossen wohnen weit entfernt, so dass der Weg bei jeder Witterung anstrengend ist. In gemischten Ehen mit katholischer Kindererziehung läßt das kirchliche Interesse erfahrungsgemäß meist nach...". An anderer Stelle heißt es:"...dann ist auch der zur Verfügung stehende Raum wenig gottesdienstlich - ein zum Speisesaal umgewandelter Tanzsaal einer alten Wirtschaft." Herr Kolb verbindet diese Beispiele mit dem starken Wandel in der Zusammensetzung der evangelischen Bevölkerung in dieser Diasporagemeinde, die den allgemeinen Rückgang des gottesdienstlichen Lebens zur Folge hätten. Sowohl die Gottesdienstbesucher, wie auch der Pfarrer, baten den evangelischen Oberkirchenrat darum 1929, "bis auf weiteres die Zahl der jährlichen Gottesdienste von 12 auf 4 herabzusetzen, die dann an folgenden Tagen zu halten wären: Weihnachten, Karfreitag, Pfingstfest und Buß- und Bettag." Dieser Bitte wurde entsprochen und bis 1945 so verfahren.
Das zentrale Problem an welchem die Bemühungen scheitern mussten, zu einer Gemeinde zusammenzuwachsen, ist vermutlich weniger in den Entfernungen zum Gottesdienstraum und dessen Ausgestaltung selbst zu suchen, als eher im ständigen Wechsel der Gemeindemitglieder. Von den 34 in der Wählerliste von 1932 aufgeführten wahlberechtigten Mitgliedern der evangelischen Diasporagemeinde Tiefenstein, waren nur fünf schon 1920, und von diesen wiederum vier (zwei Ehepaare) bereits vor dem ersten Weltkrieg hier ansässig. Dieser ständige Wechsel kann wiederum im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Entwicklung unserer Region in den zwanziger und dreißiger Jahren gesehen werden. So geriet während des ersten Weltkriegs die 1873 errichtete Schappe-Spinnerei Trümpi, Wild und Streiff in erhebliche Schwierigkeiten und schloss im Jahre 1926 endgültig ihre Pforten. dassdieser Hauptarbeitgeber im Hotzenwald gewesen war (1899 war er mit 220 Arbeitskräften der größte Fabrikbetrieb in unserer Region), traf der Verlust dieser Arbeitsplätze die Bewohner des Notstandsgebietes Hotzenwald besonders schwer. Bereits im Jahre 1927 übernahm ein Konsortium aus der Schweiz die Fabrikanlagen und liess die Maschinen wiederum anlaufen. 1933 aber waren die 300 Arbeitsplätze, an denen zumeist Frauen beschäftigt waren, wieder bedroht. Die Spinnerei und Zwirnerei RAMIE AG in Emmendingen rettete die schwierige Lage und pachtete das Unternehmen. Diese Spinnerei verwendete in den dreißiger Jahren mehr und mehr synthetische Fasern und konnte sich so bis 1957 halten. Ein anderer Betrieb in Tiefenstein, die Baumwollweberei Rauber und Söhne, ebenfalls von schweizerischen Unternehmern in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts begründet, hielt sich in Tiefenstein bis 1964 mit wechselndem Geschäftserfolg. Schwankungen der Beschäftigungszahlen, vor allem in Auswirkungen der allgemeinen Krisen jener Jahre, wirkten sich auf die Bevölkerung aus. Wenn schon die Abwanderungsbewegung unter den Einheimischen in den zwanziger Jahren zunahm, wie viel rascher zogen die wieder von dannen, die Görwihl einzig des Arbeitsplatzes wegen zum Wohnsitz gewählt hatten. Wie groß die Not in diesen Jahren war, führt uns ein Brief vor Augen, in dem ein Gemeindeglied schreibt:

"... aus Not gezwungen, muss ich eine dringende Bitte an Herrn Pfarrer richten. Indem ich schon dreiviertel Jahre arbeitslos bin und nicht schaffen kann, ebenfalls meine Frau, sie ist ausgesteuert und soll von der Gemeinde wöchentlich 7 Mark erhalten, der zweitälteste Sohn ist ebenfalls ausgesteuert und wollen ihm gar nichts geben, der dritte Sohn ist schon seit Weihnachten krank und jetzt ist nur noch unsere B., die in die Fabrik geht, arbeiten aber nur 4 Tage in der Woche, 8 Stunden im Tag und jede Woche einen halben Tag Schule, das ist also der Verdienst an einem kleinen Ort, aber doch muss man noch recht froh sein, und sind 7 Köpfe jeden Tag, die essen wollen, so möchte ich Herrn Pfarrer bitten, mir doch auch etwas zukommen zu lassen... Und dann, lieber Pfarrer, sollte ich für meinen kleinen Bub ein Paar Schuhe haben, ich kann ihn von nächster Woche ab nicht mehr in die Schule schicken, möchte also Herrn Pfarrer höflich bitten, meiner Not zu helfen, wie`s irgend möglich ist und grüße Sie recht herzlich. Ihr..."

Ein weiteres Beispiel soll veranschaulichen, wie groß der Wandel in der Zusammensetzung der Gemeindeglieder war: von den 34 wahlberechtigten Gemeindegliedern aus dem Jahre 1932 ist im Wählerverzeichnis von 1947 nur noch ein einziger Name zu finden! 1940, also während des zweiten Weltkrieges, schreibt aber Pfarrer Müller: "Auf dem Papier sind es zur Zeit 69 Gemeindeglieder. Um Tiefenstein herum wohnen und zum Gottesdienst kommen höchstens 15 bis 20 Personen, darunter etwa die Hälfte Jugendliche..." Der Kirchenvorstand bestand während des Krieges neben dem satzungsgemäßen Vorsitzenden nur aus einem einzigen Mitglied, dem Fondsrechner, Herrn Höhn. Der Pfarrer hält es in einem Schreiben an den evangelischen Oberkirchenrat von Januar 1940 für ausgeschlossen, dass eine abstimmungsfähige Gemeindeversammlung zusammenkäme. Hinzu kam, dass die religiöse Unterweisung der Jugendlichen in jenen Jahren von Staats wegen nicht erleichtert wurde. Direktion Fehrenbach von der Firma RAMIE hatte gleich nach Übernahme seiner Geschäfte in Tiefenstein der evangelischen Diasporagemeinde den angestammten Raum in der Fabrik für die jährlichen vier Gottesdienste an Feiertagen zur Verfügung gestellt. Der Religionsunterricht aber musste ja öfter erteilt werden und fand einmal wöchentlich am Nachmittag in der Schule statt. Dort, wo die Schule nur einen Klassenraum besaß, musste die Kirche weichen: das war 1937 in Herrischried so und auch in Tiefenstein, dassdie Räume für das Jungvolk gebraucht wurden. In Tiefenstein erklärte sich der Bürgermeister bereit, den Religionsunterricht im Gemeindebüro abhalten zu lassen.

Der zweite Weltkrieg hatte die ohnehin nur noch mühsam zu bewahrende Kontinuität kirchlicher Arbeit im Bezirk Görwihl unterbrochen. dassnach 32 Jahren ehrenamtlichen Wirkens für die Gemeinde im letzten Kriegsjahr auch deren Fondsrechner, Herr Höhn, verstarb, blieb außer Herrn Pfarrer Müller niemand übrig, der in der Lage gewesen wäre, den Stab aufzunehmen. Zwei Jahre gingen ins Land, bis sich in Görwihl ein neues Gemeindeleben regte, das kräftig genug war, den Weg zur Selbständigkeit zu beschreiten.

 

Auch im Herrischrieder Raum waren Evangelische schon um die Jahrhundertwende ansässig geworden. Eine Pastoration - also die religiöse Betreuung dieser verstreut lebenden, vereinzelten evangelischen Familien - begann hier, folgt man den überlieferten schriftlichen Zeugnissen, erst in unserem Jahrhundert und zwar von Todtmoos aus.
1901 war Pfarrer Ackermann in Gersbach an die Kirchenbehörden mit der Bitte herangetreten, in Todtmoos, im damals neu errichteten Sanatorium Wehrawald, an Weihnachten einen Gottesdienst halten zu dürfen. Offenbar zweifelten die Verantwortlichen an einem entsprechenden Bedarf für Todtmoos, denn erst als Pfarrer Ackermann am 06.12.1901 dreizehn Unterschriften von Evangelischen vorlegen konnte, wurde die Durchführung dieses ersten Gottesdienstes in Todtmoos bewilligt. Im Zusammenhang mit der Einrichtung des großen Sanatoriums und der wachsenden Beliebtheit von Todtmoos als Fremdenverkehrsort, nahm dort die Zahl der evangelischen Einwohner zu. Schon ab 1902 fanden vierzehntägig Gottesdienste statt, meistens im Lesesaal des Sanatoriums.
Die wenigen evangelischen Familien, die oben in Herrischried, Wehrhalden oder Segeten zu Hause waren, mussten schon nach Todtmoos gehen, wenn sei an Gottesdiensten teilnehmen wollten. In den Pfarramtsakten ist über diesen Bezirk erwähnt, dass dort 1909 sechs Familien mit vierzehn schulpflichtigen Kindern lebten. Zu diesen frühen Evangelischen im Bezirk Herrischried gehörte die Familie des Müllers Jakob Schmalzried (Hetzelmühle) und die des Obermonteurs und späteren Betriebsleiters der Waldelektra, Karl Flüher.
Waldelektra war der Name der 1903 in Görwihl von vorausschauenden Unternehmern unter Federführung des Herrischrieder Bürgermeisters gegründeten Kraftabsatz-Genossenschaft. Ziel dieser Genossenschaft war es, mit Hilfe der Elektrizität dem Hotzenwald seine Industrie und damit seine Existenz zu erhalten. Auf diese Initiative hin kam in die Hotzenwälder Webstuben nicht nur relativ früh Elektrizität, es kamen unter anderem auch einige evangelische Facharbeiter auf den Wald, die die kleine Zahl der Gemeindeglieder vergrößerten. Doch erst nach dem ersten Weltkrieg wirkten sich diese Veränderungen aus. (50 Jahre...Waldelektra. Herrischried 1955, S.3)

Als am 22. Oktober 1920 das Diasporapfarramt Todtmoos errichtet wurde, wurde Herrischried mit den Orten Hogschür, Niedergebisbach, Wehrhalden, Engelschwand, Segeten und Strittmatt (1928 kamen noch Grossherrischwand und Rütte hinzu) Predigerstation. Der erste Geistliche für Todtmoos und Herrischried war Pfarrer Altenstein, der erst 1937 von Pfarrer von Schenk abgelöst wurde. Pfarrer Altenstein kam an jedem vierten Sonntag nach Herrischried, wo er im Schulhaus den Gottesdienst hielt. Die katholische Gemeinde, über deren freundliches Entgegenkommen er berichtete, stellte das Harmonium des Kirchenchores zur Verfügung. Im Sommer konnte er mit dem Auto nach Herrischried kommen, im Winter benutzte er die Skier. Die seelsorgerische Arbeit beschränkte sich nicht nur auf Gottesdienst und Religionsunterricht für die - Anfang der zwanziger Jahre - sechzig Evangelischen, davon fünfzehn schulpflichtige Kinder; gelegentlich, wenn sein Beistand gebraucht wurde, musste er seine Pastorationsfilialen auch außerplanmäßig besuchen. Dies war der Fall, als am 20. Februar die wenige Monate alte Elisabeth, Tochter des Ehepaars Räder aus Hogschür, und wenige Tage später die Großmutter des Kindes zu Grabe getragen werden mussten. Die kleine Elisabeth und ihr Zwillingsbruder Rudolf, waren am 25.12.1920 die ersten Täuflinge im Herrischrieder Raum gewesen. Konfirmationen wurden in der Kirche in Gersbach und später, nachdem der dortige Gemeindesaal fertig gestellt war, in Todtmoos gefeiert. Die erste Trauung in Herrischried wurde in einer Wohnung vollzogen, als 1928 der Elektriker Heuriehen eine Tochter der Eheleute Flüher heiratete Nach 1945 stellte auch die Familie Schmalzried aus der Hetzlenmühle in ihrem Haus Raum für Gottesdienste zur Verfügung.
Karl Flüher war bis zu seinem Tode im Jahre 1933 der Vertreter der Herrischrieder im Todtmooser Kirchenvorstand. Dann war, bis gegen Kriegsende, niemand mehr aus diesem Bezirk Mitglied des Ältestenkreises.
Über das Leben in den zwanziger Jahren und den Zustand seiner Gemeinde in Herrischried erzählt Pfarrer Altenstein in einem undatierten Bericht:

"Die für landfremde Siedler und Gewerbetreibende doppelt schweren wirtschaftlichen Bedingungen auf dem Hotzenwald vertreiben die meisten schon nach kurzer Zeit wieder, und ausschließlich aus Zugezogenen besteht die kleine Schar der Glaubensgenossen. Ein paar wenige Familien werden dort verbleiben...
Die Bereitwilligkeit zur Unterstützung und Hilfe von Seiten der ansässigen Familien ist erfreulich und groß und läßt hoffen, dass die kleine Gemeinde mit Gottes Hilfe ein schöner Sammelpunkt evangelischen Glaubens inmitten einer streng katholischen Umgebung werden mag..."

Doch es vergingen noch fast zwei Jahrzehnte, bis sich in Herrischried dieser Sammelpunkt herausbilden konnte. Die schriftlichen Unterlagen erlauben den Schluss, dass die Entwicklung zu einer lebendigen Kirchengemeinde nach 1933 unterbrochen wurde. Ein Beispiel mag das illustrieren: konnte man 1933 die vier Kirchenältesten von Todtmoos eindeutig den Honoratioren des Ortes zurechnen, war sechs Jahre später entweder keiner von ihnen mehr da, oder keiner mehr bereit, für das Ältestenamt zu kandidieren. 1942 erschienen als Kirchenvorstandsmitglieder Adolf Sutter aus Wehrhalden und der Knecht Albert Schmidt aus dem Raum Herrischried in den Sitzungsprotokollen der einmal jährlich stattfindenden Kirchenvorstandssitzungen. Beide Ältesten sind in den Verzeichnissen nach 1945 nicht mehr enthalten.
Wir müssen also auch für Herrischried, wie für Tiefenstein-Görwihl von einem Abbruch der kontinuierlichen Entwicklung sprechen, zu dem für den Bereich Todtmoos-Herrischried noch hinzukommt, dass Pfarrer von Schenk erst 1946 wieder in das Pfarrhaus zurückkehrte. Er war seit 1942 von Pfarrer Wassenmüller vertreten worden.

 

Schlussbemerkung.
Es ist bisher nicht überliefert, dass die evangelischen Bürgerinnen und Bürger, die vor allem mit der sich ausdehnenden Industrie allmählich in unsere Gemeinden zuzogen, von der katholischen Bevölkerungsmehrheit diskriminiert wurden. Es hat sogar Konfessionell gemischte Eheschließungen gegeben. Die Konfessionalität aber spielte im Zusammenleben der Menschen noch lange eine bedeutsame Rolle. Erst in den vergangenen Jahrzehnten verliert mit der allgemein zunehmenden Lockerung der Verbindungen zwischen dem Einzelnen und der Kirche, wenn er überhaupt noch Mitglied einer Kirchengemeinde ist, die Frage nach der Konfession ihre Bedeutung. Wenn auch die Religiosität nicht verloren geht, so scheint die "Kirchfrömmigkeit" zu schwinden. Menschen, die eine sehr starke Anbindung an religiöse Gemeinschaften brauchen und ohne deren Führung durch ihr Leben nicht auskommen, schließen sich Sekten oder sektiererischen Gruppierungen an, wie es die Salpeterer des neunzehnten Jahrhunderts waren. Vielleicht wird ein Chronist nach einem weiteren Menschenalter feststellen, dass unsere Zeit, in der die Konfessionalität für die Gläubigen an Bedeutung verlor, der Vereinigung der beiden großen christlichen Konfessionen den Weg bereitete.

Es handelt sich bei diesem Text um einen überarbeiteten Auszug aus der Chronik der evangelischen Gemeinde Görwihl-Herrischried, die von mir aus Anlass ihres zwanzigjährigen Bestehens im Jahr 1986 verfasst und die von der Gemeinde, vertreten durch Pfarrerein Hanne Holch und ihrem Kirchengemeinderat veröffentlicht und vertrieben wurde.

 

Inzwischen ist die evangelische Gemeinde Görwihl mit der der Gemeinde Albbruck zusammengefügt worden. Einer der Hauptgründe für diese Zusammenlegung ist die ständig schrumpfende Zahl der Mitglieder ind der Hotzenwaldgemeinde. Dass sich die Gemeinde Görwihl nicht mit der ihr benachbarten evangelischen Gemeinde Herrischried verband, sondern mit der im Rheintal liegenden Gemeinde Albbruck beruht auf den entsprechenden Wünschen der Vorstände der betroffenen Kirchengemeinden.

 

Eine bemerkenswertes Ereignis spricht – nach Ansicht sowohl evangelischer als auch katholischer Gemeindeglieder der evangelischen und katholischen Gemeinde in Görwih, dass in Görwihl „zusammenwächst, was zusammen gehört“:

Am Himmelfahrtstag 2014 wurde die nach Bonhoeffer benannte Glocke der evangelischen Kirche in Görwihl in die katholische Kirche überführt und wird vom dortigen Turm aus künftig mir dem dort befindlichen Glocken erklingen. Nach der Schließng der evangelischen Gemeinderäume und der kleinen Kirche wurde die Glocke in das Heimatmuseum verbracht und dort aufgestellt. Auf Wunsch beider Kirchengemeinden wurde sie in einem feierlichen ökumenischen Gottesdienst am Himmelfahrtstag in einem Festzug vom Heimatmuseum aus zur katholischen Kirche geleitet. Dem Gottestdienst folgte ein Gemeindefest, das von Mitgliedern beider Kirchengemeinden veranstaltet wurde.

 

Diese Auffassung,

dass nicht nur beider Symbole – zu denken ist an die Kirchenfahnen, die vor der St.- Martinskrche am Mast im Wind wehten – friedlich beieinander stehen,

sondern auch die Glieder beider Konfessionen in Görwihl seit   einigen Jahrzehnten einträchtig miteinander leben,

und dass die Betonung konfessioneller Unterschiede bei der gegenwärtigen Erwachsenengeneration genauso erloschen ist, wie das Wissen der Gründe verloren ging, die zur Trennung der christlichen Kirche führte,

und darum diese Trennung eigentlich sinnlos geworden sei,

wurde auf diesem Gemeindefest in privaten Gesprächen geäußert. Allerdings wurde in diesen Zusammenhängen vermutet, dass bis zur Wiedervereinigung beider Konfessionen wohl noch mehr als ein Menschenalter vergehen wird. Es sei denn, die Kirchenoberen werden angesichts der ständig sinkenden Mitgliederzahlen in beiden Kirchen früher zu der Erkenntnis kommen, dass es die „Gemeinsamkeit ist, die stark macht“:

 

Görwihl im Juni 2014

 

Siehe auch:

http://www.badische-zeitung.de/goerwihl/katholische-kirche-bekommt-evangelische-glocke--81265454.html

 

http://www.evkg-albbruck.de/wir-ueber-uns/bonhoeffer-glocke.html

 

http://www.evkg-albbruck.de/wir-ueber-uns/item/498-die-geschichte-der-dietrich-bonhoeffer-glocke.html