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Heimatkundliches


Erinnerungen an Grenzach

 


Liebe Besucherin, lieber Besucher,
dieser Text knüpft an jenen über Lörrach an!

Nur wenige Gebäude von meinem Domizil entfernt, in der Rheinfelder Straße 19 (heute: Markgrafenstraße) befand sich in einem Hof die Tapetenwalzenfabrik der Wetzels. Der Formstecher Walter Wetzel hatte Anfang der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts die Idee, Tapetendruckwalzen nicht mehr aus Holz, sondern aus Stahl zu fertigen. 1922 begann er in Grenzach in einer Garage mit einem Mitarbeiter Stahldruckwalzen zu "stechen" bzw. zu gravieren. Diese von ihm erfundene und von seinen Mitarbeitern, allen voran seinen beiden Söhnen Wolfgang und Ulrich, weiterentwickelte Herstellungsweise von Tapetendruckwalzen aus Stahl, war zweifellos eine herausragende Erfindung. Sie setzte sich durch und eroberte, so wie wir heute zu sagen pflegen, die Märkte im In- und Ausland. In der Firmengeschichte der Fa. Wetzel kann man das sicher genauer nachlesen.

Ich ging also auf Empfehlung meines jungen Kollegen aus Degerfelden zu Wetzels und betrat zum ersten Mal den lang gestreckten, schmalen, von großen Fenstern nach Westen hin erhellten Raum im ersten Stock, in dem an den Zeichentischen sich zwei Zeichnerinnen und ein sehr junger Zeichner über ihre Folien beugten. Herr Wetzel senior und sein Sohn Wolfgang, etwa so alt wie ich, zeigten mir, was dort getan wurde. Während der Senior etwas skeptisch war angesichts meiner achtundzwanzig Jahre, meinte Wolf Wetzel zuversichtlich und optimistisch, ich sollte es immerhin versuchen dürfen. An meinem guten Willen sei ja nicht zu zweifeln, da ich doch die Kunstgewerbeschule inBasel besuchte, an der er selbst studiert hatte. Und so kam es dann auch.

Bei Raymond bat ich darum, mich für einige Zeit in der Nachtschicht zu belassen und trat jeden Vormittag, gleichsam zu einer weiteren Schicht, einer einkommenfreien "Lernschicht" sozusagen, bei Wetzels an. Schon nach zwei Wochen hätte ich dort regulär anfangen können. Weil ich aber einen Stundenlohn von wenigstens zwei DM als Anfangslohn erreichen wollte, verlängerte ich die Anlernphase um unbestimmte Zeit mit der Bitte, mir zu sagen, wann sie mir diesen Lohn geben könnten. An Ostern war es dann soweit und im Frühling 1960 nahm ich meine Tätigkeit als "Fotogravurzeichner" bei Wetzels auf.

 

Wolfwetzel

Ich hatte sowohl bei KBC als auch bei Raymond in Betrieben gearbeitet, die allein schon von ihren Beschäftigtenzahlen her sehr groß waren. Nun war ich in einem Familienbetrieb gelandet, der in seiner Organisation sehr überschaubar war und der, das war das eigentlich Wesentliche, vom Begründer und Inhaber selbst geleitet wurde. Herr Wetzel und seine Söhne hatten nicht nur die jeweiligen Handwerksberufe gelernt, oder, wie Wolf, Malerei und Grafik studiert, sie übten sie auch tagtäglich aus, das heißt, gleich Handwerksmeistern, arbeiteten sie mit. Wolf Wetzel war überwiegend in der kleinen Zeichnerei (auf dem Bild hinten links stehend) und Uli mehr in der Walzenfertigung in den Werkstätten bei den Walzenstechern, Graveuren und anderem technischen Personal im Parterre tätig. Der Vater zeichnete aber zwischendurch auch besonders schwierige Entwürfe und Wolf hatte, gemeinsam mit Hans, dem jüngsten unserer Mitarbeiter, in der Dunkelkammer zu tun, in der die fotomechanischen Prozesse der Druckwalzenproduktion vorbereitet wurden.

 

Ich wurde von den dort bereits tätigen Zeichnerinnen und Zeichnern, sie sind auf dem Foto zu sehen, das etwa im Sommer 1960 geknipst wurde, sehr freundlich aufgenommen. Das für mich Neue war das Sprachverhalten. Die Umgangssprache war alemannisch. Die junge Dame ganz hinten vor Wolf Wetzel, die dem Betrachter den Rücken zukehrt, war Linkshänderin, hatte ihren Zeichentisch also umgedreht und sprach zum Beispiel das Basler Alemannisch. Die Atmosphäre war wohltuend kollegial bis herzlich. Die kleine Gruppe ermöglichte, ebenso wie in der Kunststoffabteilung bei Raymond, viele Gespräche.

Es mag Ende 1960 gewesen sein, als von der Schusterinsel in Weil zunächst noch zwei weitere Mitarbeiter zu uns kamen. Unter ihnen war der Musterzeichner Fritz Renk aus Welmlingen, der nun bei uns als Meister tätig wurde.

Wenig später wurde die kleine Fabrikanlage durch Anbauten erweitert und hierbei ein neuer großer Zeichensaal in den oberen Stock gebaut, dessen Fenster nach Norden gingen und einen Blick auf den ebenfalls neuen Parkplatz erlaubten, der inzwischen gebraucht wurde. Denn für immer mehr Menschen, also auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Wetzels, wurden Autos wichtig und gelegentlich zu ihrem "ganzen Stolz".
Die Vergrößerung des Zeichensaals war notwendig geworden, weil die Aufträge zunahmen und weitere Zeichner, sie kamen ebenfalls von der Fa. "Schusterinsel" in Weil, eingestellt wurden.
Im Sommer 1961 wurde "Fotogravurzeichner" zum anerkannten Lehrberuf. Bei Wetzel waren aber schon gleichsam im "Vorgriff" auf die Anerkennung, die ersten beiden Lehrlinge eingestellt worden, so dass im Zeichensaal die Zahl der Mitarbeiter anwuchs.

 

 

Was hatte ein Fotogravurzeichner zu tun? Nun, er musste von Tapetenentwürfen, die uns von den Tapetenfabriken im In- und Ausland zugeschickt worden waren, kopierfähige Farbauszüge zeichnen. Auf transparente Kunststofffolien wurde innerhalb des exakt mit Radiernadel und Stahllineal eingeritzten Rahmens, der dem Umfang und der Breite der Stahlwalze entsprach, das Tapetenmuster übertragen. Für jede Farbe in dem Tapetenentwurf wurde eine gesonderte Folie angelegt. Auf sie trug der Zeichner mit spitzer Feder und schwarzer, lichtundurchlässiger Tusche die Motive auf, er pauste die Bilder gleichsam ab. Zum Beispiel wurde dem Stängel einer Blume auf dem unter der transparenten Folie liegenden Entwurf nachgefahren, entweder parallel dicht neben den Stängelrändern, für andere Druckverfahren in der Stängelmitte. Hierbei musste der Tapetenentwurf in seiner Höhe und Breite der Druckwalzengröße angepasst werden ohne seinen Stil und Charakter – gleichsam die Botschaften der Künstler, die ihn gemalt hatten – zu beeinträchtigen. Die lichtundurchlässigen Konturen jedes Farbauszuges wurden anschließend auf die entsprechend beschichtete Stahlwalze fotomechanisch übertragen. In einem folgenden Arbeitsgang wurden von Hilfskräften, die gleichwohl sehr sorgsam arbeiten mussten, jene Teile der Walzenoberfläche abgedeckt, die im Säurebad „stehen bleiben“ mussten. Die unbedeckten Schichten wurden dann geringfügig aber möglichst gleichmäßig tief weggeätzt.

Eine fertige Druckwalze war stets ein faszinierendes Kunstwerk! Die Oberfläche der feinen und feinsten Figuren und filigranen Muster waren blank poliert, glatt und eben, wenn man sanft mit der Hand darüber strich. Nichts war zu spüren von den Mühen der Zeichner, nichts erinnerte an die Fotoarbeiten und Montagen, nichts war mehr zu sehen von der Sorgfalt derer, die die nicht zu ätzenden Räume mit eine Schutzschicht überzogen hatten, von der Empfindsamkeit jener Stahlrollenstecher und Graveure, die verätzte Stege und andere Beschädigungen wieder auszubessern hatten oder jenen, die mit großer Sensibilität Polier- und Reinigungsarbeiten ausführten. Und wenn Walter Wetzel dann, umstanden von seinen Mitarbeitern, den ersten, von Hand angefertigten Probedruck hoch und gegen das Licht hielt, dann war bei jedem Muster und bei allen die Spannung groß: Wie ist die Arbeit ausgefallen? Hält sie einem Vergleich mit dem Entwurf stand?

Die Fotogravurzeichnung stand also am Anfang dieses Prozesses. Da ein Tapetenmuster häufig mehrfarbig war, mussten viele Farbauszüge (Folien) angefertigt werden, die dann jeweils exakt übereinander gelegt, in schwarz-weiß möglichst treffend, den Entwurf wiedergeben sollten. Hierbei waren, worauf der Künstler des Entwurfs nicht so genau zu achten hatte, unerwünschte Schattierungen (Fleckenbildungen / Verdichtungen) zu vermeiden und eine gleichmäßige Verteilung von zum Beispiel lauter kleinen Bällen, Strichen oder Tropfen zu erreichen. Alles in allem eine recht „diffizile“ Arbeit. Wer als Fotogravurzeichner „schaffen will, der muss zu mindestens 80 Prozent Begabung mitbringen, die restlichen 20 Prozent kann er lernen“, so hieß es in einem Interview der Badischen Zeitung vom 8. Juli 1978 mit einem Firmenvertreter.

Hatte der Zeichner sich aber erst einmal in ein Muster eingeschafft und von diesem mehrere Farbauszüge zu zeichnen begonnen, dann ging die Arbeit leichter von der Hand. Dann konnte man nebenher Musik hören - vor allem die Jüngeren sorgten dafür, dass neue Musikstile und ihre Interpreten bekannt wurden - oder auch ein Gespräch mit dem Kollegen, der am Zeichentisch hinten oder vorn saß, führen. Da wurde sehr viel über Familienangelegenheiten gesprochen und zum Beispiel darüber beraten, ob der Meister seinen älteren Sohn ins Internat geben solle, damit er das Abitur macht, weil der Lehrer meinte, dass er das Zeug dazu habe. Überhaupt wurden wegen schulpflichtiger Kinder bei den Kolleginnen und Kollegen, schulpädagogische Themen gern angesprochen.

Die Aufgeschlossenheit der Grenzacher in dieser Beziehung lässt sich noch heute am Beispiel des Gemeindeblattes, den "Grenzacher Nachrichten", nachweisen, in denen häufig die Schule zu Worte kam oder Eltern aus ihrer Arbeit als Elternvertreter berichteten (z. B. 1965 in sechs der zwölf Ausgaben). Die Erziehungs- und Bildungsarbeit in der Gemeinde war also öffentliches Thema. Es überrascht daher nicht, dass in den Jahren zwischen 1960 und 1968 die Eröffnung zweier weiterer Kindergärten und der Neubau einer Grund- und Hauptschule gefeiert werden konnten und Eltern und Gemeinderat ein Progymnasium mit Realschule andachten, die ja dann tatsächlich im Schuljahr 1968/69 eingerichtet wurden.

 

Es wurde viel, fleißig und lange gearbeitet. Überstunden waren selbstverständlich. Blättere ich in meinen "Tapeten-Tagebüchern", denn jeder von uns war gehalten, die verbrauchte Arbeitszeit pro Folie (= Walze) mit Firmenbezeichnung, Registriernummer und Datum festzuhalten, dann pendelte zum Beispiel 1964 die monatliche Mehrarbeitszeit zwischen 15 und 60 Stunden.
Ein Zehnstundentag war schon 1961 selbstverständlich. Natürlich wurde auch samstags gearbeitet. Und alle waren froh darüber, gute Arbeit und Verdienst zu haben. Alle zehn Tage gab es einen Abschlag (Vorschuss) und am Monatsende die Abrechnung. Das Geld gab es stets bar. Fritz Gerbel (er war lange der einzige Mitarbeiter im "Büro"), der mit sauberer und fließender Handschrift (!) die Lohnzettel ausgefüllt hatte, übergab jedem seine Lohntüte persönlich.


Es blieb während dieser fünf Jahre, die ich hauptberuflich dabei war, eine überschaubare Mannschaft in der Zeichnerei, so dass man, wie bereits angemerkt, gut miteinander reden konnte. Es gab ja so viel zu besprechen! Da ging es zwar in erster Linie um Arbeitsthemen wie die Betriebsgeschichte, Auftragslage, Erfahrungen mit Kunden und deren Erwartungen, über die die Wetzels sehr anschaulich berichten konnten. Neben Erziehungsproblemen und der Bildungspolitik in der Gemeinde wurden die Wirtschaftslage und weltpolitische Ereignisse erörtert. Der Bau der Mauer und die Abschottung der DDR zum Beispiel, waren im Sommer 1961 ein uns alle bewegendes Ereignis.
Überhaupt war die Politik immer wieder mal Gegenstand. Auf diese Weise erfuhr ich, dass meine pazifistische und antimilitaristische Haltung von meinen Kollegen geteilt wurde. Ich habe weder in der Fa. Wetzel noch in den Jahren zuvor bei Raymond oder bei KBC in Lörrach mit Menschen zusammengearbeitet, die die Rüstungspolitik der beiden großen Blöcke in West- und Osteuropa gut hießen.

Auch Fasnacht, einige unserer Kolleginnen und Kollegen waren aktiv in Grenzach dabei, fand lebhaften Widerhall in der kleinen Fabrik. Vor allem Wolf, der in der seit 1959 bestehenden Fasnachtsclique "Dängeligeist" aktiv war, sorgte alljährlich für fasnächtliche Atmosphäre im Betrieb. Damals fegten wir selbst unseren Zeichensaal und darum das viele Konfetti weg, das seinen Weg bis unter die Zeichentische und in unsere Kleidung gefunden hatte. Später gab es eine Fasnachtsgruppe der Betriebsmitarbeiter: die "Walzenwürmer", die sogar (z. B. 1966) eine eigene "Schnitzelbank" (Gedichte zur Fasnacht über gemeindepolitische Ereignisse) verfasst hatten.

 

In fünf Jahren geschieht viel und nicht alles, was uns im Betrieb und außerhalb, als Bürger von Grenzach, beschäftigte, habe ich behalten. Einges aber blieb mir im Gedächtnis. Ich denke da zum Beispiel

an die Tage des großen Frostes im Februar 1963, als Bodensee und sogar der Rhein zufroren;
oder die glutheißen Tage im Juli des darauffolgenden Jahres, an denen uns bei der Arbeit der Schweiß auf die Folien tropfte und wir uns nach Feierabend im Grenzacher Bad trafen;
an Wahlen in der Gemeinde oder für den Kreistag, den Landtag oder im Bund; es wurde z. B. der überwältigende Wahlsieg unseres Bürgermeisters Walter Bertsch gewürdigt (er war seit 1957 im Amt und erhielt für seine zweite Amtsperiode ab 1965, 2.187 von 2.208 gültigen Stimmen);
an die umfangreichen Baumaßnahmen auf den Fabrikgeländen der großen Firmen Hoffmann la Roche und Geigy oder für Wohnungen in der Gemeinde, die, zusammen mit dem Straßenbau, das Gesicht des Dorfes nachhaltig veränderten;
oder gar
an die dramatische Zeit, als ab dem 18. Juli 1966 in Grenzach für lange Zeit kein unabgekochtes Leitungswasser getrunken werden durfte, weil die Trinkwasserquellen verseucht waren und Wasser sogar aus Basel bezogen werden musste. Viele von den Grenzachern holten Wasser aus den Dorfbrunnen, wo das Wasser noch sauberer sein sollte.

Grenzach war, so idyllisch zwischen dem Rhein im Süden, Basel im Westen und das Schweizer Bettingen mit der Chrischona im Norden gelegen, eigentlich kein attraktiver Wohnort mehr für gesundheitsbewusste Leute. Es gab zwar schon lange eine Quelle, von der aus "Grenzacher Heilwasser" in alle Welt ging. Auf Grenzacher Gemarkung gab (und gibt es), einen in Deutschland einmaligen wunderschönen Buchswald oberhalb der Reben, in denen der "Grenzacher Rote" gedieh.
Ein wunderbar am Rheinufer gelegenes Schwimmbad gehörte zu den besonders beliebten Freizeitangeboten der Gemeinde. Und es gab und gibt die vielen Arbeitgeber in Industrie, Handwerk und Dienstleistungsunternehmen, die Menschen in die Gemeinde zogen.

Es gab aber auch Emissionen, die nicht nur das Wasser, sondern auch die Atemluft und unsere Ohren belasteten. Die Durchgangsstraße von West (Basler Grenze) nach Ost Richtung Rheinfelden war Bundesstraße und schon in den fünfziger und sechziger Jahren von lebhaftem Verkehr frequentiert. Ich wohnte an dieser Straße. Vor allem die Kiestransporte aus den Gruben zwischen Grenzach und Wyhlen brachten unsere Fenster zum Erzittern. Doch durch den Verkehrslärm fühlten sich die Grenzacher Mitte der sechziger Jahre noch nicht beeinträchtigt, wie Umfragen der Gemeindeverwaltung ergaben. Ärgerlicher war damals dann schon das absolute Badeverbot im Rhein am 18.07.1967. Von da an durfte wegen hoher Verschmutzung durch ungeklärte Abwässer mit gesundheitsgefährdenden Stoffen im Bereich der Gemarkung Grenzach niemand mehr ins Rheinwasser.
Auch die Geruchsbelästigungen durch unsere großen chemischen Werke waren ein Ärgernis. Mal roch es im ganzen Ort nach Vanillin dann wieder nach Schwefel oder einfach "säuerlich". 1967 lautete das Fasnachtsmotto "Uns isch´s no wohl - trotz G´stank und Phenol!" während die Hauptparole der "Dängeligeister" seit 1959 lautete: "Trotz G´stank der Chemie - Fasnacht mueß si".

Im "Geisterkurier", der Fasnachtszeitung der Grenzacher Narren war 1967 folgendes Gedicht unter der Überschrift "Heimatlied" abgedruckt worden:

"Wo man auf des Hornfelsens Höhen

Hinunter kann ins Tale sehen,


Wo schwarz und gelb und rote Schwaden


Zum Spazierengehn am Rheine laden,


Den man als trübe Pfütze kennt,


Und doch bescheiden "Rheinfluss" nennt."

Wo braun statt grün sich Blätter färben,

Wo Gras, Salat und Blumen sterben,

Wo die Tomaten schwarz gefleckt.

Wo nachts Chemie-Rauch die bedeckt,

Wo man verseuchtes Wasser trinkt,

Und wo die Luft zum Himmel stinkt,

 

Dort muss ich leben, muss ich sein,

Denn das ist Grenzach, Heimat mein."


 

 

Wie hatte sich Grenzach in nur 50 Jahren verändert!
In einem Reiseführer aus dem Jahre 1898 hieß es noch über Grenzach, das damals bereits die beachtliche Zahl von 1.140 Einwohnern hatte, dass "Industrie im Ort wenig vertreten ist. Landwirtschaft, Weinbau, Viehzucht, Herstellung von Bausteinen und Bereitung des sehr geschätzten Kirschwassers waren Erwerbszweige. "Drei Minuten vom Dorf entfernt liegt die Kuranstalt Emilienbad in reizendem Obstgelände…" (Leo Woerl: "Führer durch den Schwarzwald und angrenzende Gebiete" 1898).
1898 noch nicht erwähnt wurden die Seidenbandweberei Seiler u. Co., seit 1893 am Grenzacher Horn, die Fa. Hoffmann la Roche u. Co. von 1895 mit rd. 20 Arbeitern und die Anilinfarbenfabrik der Firma J. R. Geigy A. G. Die Salubra Tapetenfabrik in Grenzach wurde 1900 von der Fa. Engeli u. Co. errichtet. Alle diese Unternehmen hatten in Basel ihre Stammhäuser.
Rund sechzig Jahre später waren die Betriebe so gewachsen, dass sie das einstmal offenbar recht beschauliche Bauerndorf zum Schrumpfen gebracht und die Einwohnerzahlen zu einem rapiden Wachstum.

Und nun erinnerte nichts mehr an die "staubfreie, ozonreiche Luft", die Leo Woerl 1898 gepriesen hatte. Ganz im Gegenteil: die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger war gefährdet.
Die Betriebsleitungen von Roche, Geigy oder Salubra bemühten sich immer wieder und gemeinsam mit der Gemeindeverwaltung um eine Reduktion der Emissionen. Nicht nur aus diesen Anlässen war das Zusammenwirken von Unternehmensleitungen und der Gemeinde außerordentlich dicht und konstruktiv. Darüber geben die zahlreichen Besprechungen und vielfältigen Begegnungen, die in den "Grenzacher Nachrichten" jener Jahre gut dokumentiert sind, Auskunft. Wenn man genau hinschaut, dann wundert diese Kooperation nicht: saßen doch im Gemeinderat neben den alteingesessenen "Eliten" mehr und mehr Vertreter aus den Grenzacher Wirtschaftsunternehmen im Gemeinderat. Manchmal waren beide identisch, wenn zum Beispiel an Walter Wetzel gedacht wird, der - bis 1964 im Gemeinderat - sowohl Betriebsinhaber war als auch aus der ältesten, in Grenzach nachweisbaren, Familie kam.
Mitarbeiter aus den Großbetrieben (bei Roche waren 1965 1.600 bei Geigy 850 Personen beschäftigt) waren ebenfalls im Gemeinderat.



Wetzels

Das Ehepaar Johanna und Walter Wetzel anlässlich des Tages ihrer goldenen Hochzeit im Jahre 1980
(Das Foto ist einer Tageszeitung entnommen)

 

Zurück zur Firma Wetzel und meinen Erlebnissen dort:
Ich war dort, noch einmal sei es unterstrichen, von Anfang an mit großem Wohlwollen aufgenommen worden. Dadurch dass die Kolleginnen und Kollegen, die dort bereits - zum Teil schon recht lange - arbeiteten, Einheimische waren, begegnete mir dort, wie bereits erwähnt,  stärker als zuvor in Lörrach die alemannische Sprache. So konnte ich mich allmählich einfinden und Ohr und Verstand eingewöhnen. Freilich wurde ich dadurch nicht zum Alemannen, doch lernte ich bald, dass man jedem "Neubürger" unvoreingenommen begegnen wollte und ihm die Chance gab, sich positiv einzubringen. Alles in allem: gute Erfahrungen mit den Menschen auch am Arbeitsplatz.

Selbstverständlich gab es auch atmosphärische Störungen, die irgendeiner von uns ausgelöst hatte. Sie kündigten sich an, wenn "der alte Wetzel" mit hochrotem Kopf durch die Werkstätten fegte. Er lief ja nie bedächtig und langsam; doch, wenn er Grund hatte, sich zu ärgern, dann konnte er noch erheblich mehr Temperament zeigen. Es war wohl niemand von Fehlern frei. Erinnern freilich kann ich mich nur an die eigenen. Ich meine, dass ich einige Mal Anlass zu Ärger gegeben hatte, wenn auch der Meister, der unsere Zeichnungen stets sorgfältig prüfte, bevor sie kopiert wurden, Schlimmeres verhinderte.
Die (fast sprichwörtlich) gewordene Spezialität von mir war es geworden, Fehler zu machen, auf die niemand gekommen wäre und die, weil man sie nicht erwartete, auch "durchschlupfen" konnten. Ein Beispiel: Alle Farbauszüge eines Musters waren korrekt gezeichnet. Nur auf einem war die Kennzeichnung (der Rapport) an der falschen Stelle. Also bestand die Gefahr, dass eine Walze, wenn es denn bis zur Endfertigung kam, verkehrt herum beschichtet und entsprechend geätzt worden wäre. Wenn ein Fehler zu einem solchen Ergebnis führte, war der Schaden groß, weil die betreffende Stahlwalze (und jede von ihnen war auch unbehandelt schon sehr teuer) unbrauchbar geworden war.

Allzu oft ist das sicher nicht vorgekommen, denn die Firma prosperierte und die Kunden waren mit unserer Arbeit hochzufrieden. Und dass Walter Wetzel in der beschriebenen Art durch den Betrieb tigerte, war selten. Statt dessen konnte er viel Langmut zeigen. Und seine Söhne erst recht. Am Montag, d. 22. Juni 1964 vermerkte ich in meinem Notizbuch: "U. hat ein 10 farbiges Muster um 5 mm zu klein gewinkelt. Mit ungnädigem Gesicht schnitt Wolf das Muster und fügte es neu zusammen. Renk lachte. Kein Vorwurf. Kein lautes Wort. Nichts!".
Das war in diesem Familienbetrieb typisch für den Umgang miteinander.

 

 

rumpf Rumpf am Zeichenbrett

 

Immerhin war es, auch für mein Selbstwertgefühl ärgerlich, wenn ich wieder mal bei einem ausgefallenen Fehler ertappt wurde.
Gerade weil meine „Spezialität“ die Schwarten waren, die ich gern bearbeitete. Als „Schwarten“ bezeichnete man jene Tapetenentwürfe, die keine klar erkennbaren Bildmotive wie zum Beispiel Ornamente, Blumen- oder Blattmotive, Landschaften hatten, sondern auf denen viele kleine oder große im Grunde unbestimmbare vielfarbige punkt- oder strichartige Gebilde waren, sogar Kleckse und undefinierbare Linien und Flächen. Diese „Schwarten“, die nicht selten erst mit großem zeitlichen Aufwand eine ausgewogenen Farbigkeit ohne Schattierungen erhielten, erhielt ich gern zugewiesen, ganz einfach, weil meinen Kollegen diese Muster zu langweilig und zu langwierig waren. Ich aber konnte, hatte ich das Muster erst einmal in seinen Strukturen erfasst oder eine Struktur (also auch: Regelhaftigkeit) gleichsam nachempfunden, ohne besonders große Konzentration, quasi-automatisch daran arbeiten



Während ich mit den Jahren immer routinierter wurde, was das Zeichnen betraf, wurden die Vorstellungen, noch etwas anderes tun zu können und zu wollen, immer stärker. Ich fühlte mich sehr wohl bei der Arbeit und allmählich ging es mir auch materiell immer besser. Dennoch motivierte mich die Erinnerung daran, dass ich einst in der DDR einen pädagogischen Beruf ausgeübt hatte (vgl. dazu meinen Aufsatz "Erziehung und Bildung in der DDR". In: Neue Praxis Nr. 4/ 1993), in der Bundesrepublik irgenwie daran anknüpfen zu können. Der Weiler Lehrer Paul, mein Stiefvater, unterstützte derartige Überlegungen und regte im Herbst 1963 an, dass ich in Freiburg auf das Lehramt studieren solle. Der Lehrermangel war damals sehr groß und mein Alter wäre sich kein Hindernis. Er erkundigte sich auch gleich und verschaffte mir jene Bedingungen, die die Zulassung enthielten. Und von da an, bis zum Frühjahr 1965, bereitete ich mich im Selbststudium darauf vor.

Und damit wird der Blick auf ein anderes soziales Feld gerichtet, das für mich mit Grenzach verbunden ist: das der guten Bekannten, Kollegen und Freunde. Und dieser Personenkreis wiederum ist eng mit der Firma Deutsche Hoffman la Roche AG verbunden gewesen. Es waren also alles "Rochianer", an die ich heute zurückdenke. Und genauer: es waren drei junge Diplomingenieure aus der technischen Abteilung der Firma, die, ebenso wie ich, von fern her zugezogen waren. Unser Kontakt wurde unter anderem dadurch gepflegt, dass wir Männer uns allwöchentlich zum Karten spielen (Skat) trafen, abwechselnd in jeder Wohnung. Auch bei mir in dem kleinen Zimmer, in dem man schon nach kurzer Zeit im Zigarettennebel saß, spielten wir.

Neben der Fa.. Wetzel war es die Fa. Hoffmann la Roche, deren Entwicklung und andere betriebliche Ereignisse uns Gesprächsthemen anboten.

 

Hoffmann la Roche aber verdient noch aus anderen Gründen einen würdigen Platz in meinen Erinnerungen an Grenzach.
Es waren die eigenen Erfahrungen, die ich während meines Lehrerstudiums in einem mehrwöchigen Praktikum in den Semesterferien in der Betriebsschlosserei machen durfte. Sie fanden in einem ausführlichen Praxisbericht ihren Niederschlag, den ich für den Arbeitskreis "Schule -Wirtschaft" an der PH anfertigte und von dem auch die Direktion von Hoffmann la Roche ein Exemplar erhalten hatte.


Haus
baldi
ehem. Rheinfelder Straße 9 Hinterhaus
mit Hund "Baldi" auf dem Neufeld

 

Auch die Akademiker der Chemiebetriebe lebten damals in Mietwohnungen. Gewiss, Roche und Geigy hatten für ihre Arbeitnehmer viele Wohnungen errichtet. Die Ausstattung war viel komfortabler als in den kleinen Häusern, die ursprünglich das Dorfbild bestimmten oder in den Vielfamilienhäusern für die Arbeiter. Doch an eigenen Grund und Boden und vom Häuslebauen konnte man in jenen Jahren nur träumen. Zunächst mussten alle heilfroh sein, überhaupt eine Unterkunft erhalten zu haben. Die Wohnungsnot war groß und der Zuzugswillen auch. Ende 1960 gab es in Grenzach 227 Familien mit 696 Personen, die beim Bürgermeisteramt als Wohnungssuchende gemeldet waren. 1965 sogar 502 Familien mit 1.540 Personen. Darunter war freilich ein großer Teil Zuzugswilliger von auswärts. Ein Hauptgeschäft der Gemeindeverwaltung war die Wohnraumbeschaffung und die Förderung des Wohnungsbaus. Die Wohnblöcke, die sich heute entlang der Basler und Rheinfelderstraße (heute: Markgrafenstraße) und zwischen Bahnlinie bis hinauf zu den Reben erstrecken, entstanden seit den fünfziger Jahren. Die vielen Menschen, die die prosperierende Industrie anzog, musste untergebracht werden. Vom 1.1.1961 bis zum 31.12.1961 zum Beispiel war die Einwohnerzahl von 4.933 auf 5.118 gestiegen und sechs Jahre später betrug sie sogar 5.947 Einwohner (31.12.1967). Wenn auch die größeren Betriebe selbst bauten, die Fa. Geigy z. B. ließ die ersten Hochhäuser errichten, so reichte das Angebot nicht aus. Bis hinauf ins Neufeld wurde bereits 1962 geplant. Damals hieß es aus dem Gemeinderat, dass die Wohnungsnot in unserer Gemeinde "immer noch sehr groß" ist (Grenzacher Nachrichten, Nr. 9/1962).

Heute stößt man unweit vom Schweizer Bettingen, der Chrischona und des Sendeturms, der 1984 als höchstes Bauwerk der Schweiz (248 m) errichtet worden war, auf die ersten Häuser von Grenzach, die das Tal hinauf bis an die Nordgrenze der Gemeinde gebaut wurden. Und wenn es damals schon hieß: Wir sind eine Industriegemeinde und kein Bauerndorf mehr, so verstärkte sich diese Entwicklung noch mehr, als sich die beiden Gemeinden Grenzach und Wyhlen zusammenschlossen.
Noch heute, wenn ich an die Jahre in Grenzach zurückdenke, erscheint mir diese Entscheidung geradezu revolutionär. Denn die Abneigung der einheimischen Bevölkerung der jeweiligen Nachbargemeinde gegenüber, war ursprünglich nicht geringer, als die zwischen Nachbardörfern anderswo. So erzählt, der ebenfalls aus Grenzach stammende Mundartsänger Frank Dietsche, der heute in Obereggenen lebt, von der Jahrhunderte alten "Feindschaft" zwischen den Bewohnern von Nieder- und Obereggenen (am 21.01.2006 im Eichrüttehof Görwihl-Hartschwand). Es mag nicht zuletzt die starke "Durchmischung" der Bevölkerung mit uns Umsiedlern und Flüchtlingen gewesen sein, die bald nach dem Krieg die alten Fronten aufweichten. So fanden sich Bürgerinnen und Bürger aus beiden Nachbargemeinden in Vereinen zusammen wie der Briefmarkensammlerbund, die Imker oder der Schachklub. Und die Gemeindebürger, die eigentlich schon lange der Überzeugung waren, dass man zusammengehöre, begründeten die Bürgerinitiative "Zusammenschluss Grenzach-Wyhlen am 24. Juni 1970. Und wieder waren Mitarbeiter der Fa. Wetzel dabei, wie Wolf Wetzel selbst oder Fritz Gerbel.

 

Zum 30 April 1968 beendete ich meine hauptberufliche Tätigkeit bei Wetzels, um in Freiburg an der PH das Lehramtsstudium zu beginnen. Wir schieden in gutem Einvernehmen voneinander. Rund zwei Jahre blieben wir noch in Kontakt, da ich in "Heimarbeit" vor allem während der Semesterferien weiterzeichnete, und auf diese Weise für meinen Lebensunterhalt sorgen konnte.
Im Sommer 1968 verließ ich Grenzach, um eine Lehrerwohnung in meinem ersten Dienstort Herten zu beziehen. Herten, heute in Rheinfelden eingemeindet, ist der Nachbarort im Osten von Grenzach- Wyhlen. So blieb ich noch weitere fünf Jahre am Hochrhein.

Und Grenzach besuchte ich lediglich auf der Durchfahrt anlässlich häufiger Radtouren nach Basel, die am Rhein entlang auch über Grenzach führten.


 

Soweit die persönlichen Erinnerungen an Grenzacher Jahre, die inzwischen mehr als vierzig Jahre zurückliegen. Für alle die Besucherinnen und Besucher, die an der Geschichte und Gegenwart dieser interessanten Industriegemeinde im äußersten Südwesten unserer Republik interessiert sind, können derartige subjektive Reminiszenzen freilich nicht ausreichen. Hier ist einmal auf die Homepage der Gemeinde Grenzach-Wyhlen zu verweisen auf der aktuelle Daten und Fakten zu finden sind. Der historisch Interessierte findet einen Zugang auch über den "Verein für Heimatgeschichte Grenzach-Wyhlen e. V., der im Jahre 1980 von dem Lehrer Helmut Bauckner gegründet wurde.

© Dr. Joachim Rumpf
25.09.2010

 

 

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