Beschreibung: wappen


Heimatkundliches

 

 

1958 bis 1968 im Dreiländereck

Erinnerungen an Jahre in Lörrach
und Basel

 

 


Einführung

 

Beschreibung: Frankfurt

 

Morgens gegen sechs Uhr war ich von Niederschönhausen in Ost-Berlin aus mit Straßen- und U-Bahn bis zum Tempelhofer Flughafen im Westen der Stadt gefahren. Dort bestieg ich mit einem kleinen Köfferchen in der Hand ein zweimotoriges Passagierflugzeug einer amerikanischen Fluglinie. Noch am Vormittag landete die Maschine in Frankfurt a. M. Am Ausstieg wartete ein Fotograf und machte Schnappschüsse von den aussteigenden Passagieren. Das nebenstehende Foto gibt den Moment wieder, als ich mich anschickte, westdeutschen Boden zu betreten.

 

 

 

 

Am Mittag des gleichen Tages wurde ich von einem Verwandten auf dem Badischen Bahnhof in Empfang genommen. Gemeinsam fuhren wir mit der Bahn eine Station weiter bis zum Hörnle-Bahnhof in Grenzach. In einem Haus "Am Hörnle 14", das längst verschwunden ist und an dessen Stelle heute ein Einkaufsmarkt seinen Platz fand, hatte meine Mutter, die dort zur Untermiete wohnte,ein Festessen für ihren Sohn vorbereitet. Wenn ich auch Einzelheiten inzwischen längst vergessen habe, so blieb mir der Blick vom kleinen Balkon dieses Hauses an einem strahlend schönen Sonntag im Mai unvergesslich:
Unweit vor mir, jenseits der Straße, ging es zum Rhein hinunter, der in weitem sanften Bogen von links nach rechts unter dem blauen Himmel dahinfloss. Rechter Hand begrenzte ein interessantes Bauwerk quer über den Strom den Blick. Es war das Flusskraftwerk Birsfelden. Gegenüber am anderen Ufer waren Fabrik- und Krananlagen zu sehen. Den Hintergrund des Blicks nach Süden bildeten Wälder und bewaldete Höhenzüge.
Ich fühlte mich frei und war glücklich. Tief atmete ich die Luft ein, die ganz fremd roch: ein wenig nach Frühling, ein wenig nach Kaffee (das waren die Düfte von den Röstereien am jenseitigen Rheinufer) und ein wenig nach Vanille (das waren die Emissionen der Chemiebetriebe Roche und Geigy).

Zu diesem Zeitpunkt konnte ich nicht ahnen, dass ich diese Duftmischung fast ein Jahrzehnt werde genießen können. Zuerst war Neuorientierung mit dem Ziel des Aufbaus einer tragfähigen Existenz gefordert.

Gleich mir ging es bis zum Bau der Mauer etwa drei Millionen DDR-Bürgern, die im Westen ein neues Leben beginnen wollten. Die meisten von ihnen waren als Flüchtlinge, sogar als "politische Flüchtlinge" gekommen und, bevor sie einem Landkreis oder einer Stadt "zugewiesen" wurden, einige Zeit (manchmal mehrere Jahre) in einem Flüchtlingslager gewesen. Der Flüchtlingsstatus hatte den unschätzbaren Vorzug, materiell so lange unterstützt zu werden, bis man auf eigenen Füßen stand. Bund, Land und Kommunen standen in der Pflicht, die "Ostzonenflüchtlinge" aufzunehmen, zu versorgen, ihnen nötigenfalls Arbeit und in jedem Falle eine Wohnung zu besorgen bzw. bei der Wohnungssuche behilflich zu sein.
Die Flüchtlinge "von drüben" waren aber nur ein Teil derer, die in den westdeutschen Bundesländern aufgenommen und untergebracht werden mussten. Seit Kriegsende waren mehrere Millionen Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Gebieten im Osten, jenseits von Oder und Neiße, ins Land geströmt. Man kann sagen, dass in den Jahren von 1945 bis 1961 die Wanderbewegung Deutscher anhielt und keinen Tag zum Stillstand kam. Mein Schicksal unterschied sich zunächst von anderen Flüchtlingen dadurch, dass ich eine "Anlaufadresse" hatte, darum nicht in ein Lager gehen und kein "Notaufnahmeverfahren" absolvieren musste. Ich war schon am Tage nach meiner Ankunft mit meinem Verwandten, der in Lörrach zur Untermiete wohnte, zum Einwohnermeldeamt gegangen. Meines Verwandten Vermieter hatte sich, unter der Bedingung, dass ich davon praktisch keinen Gebrauch machen würde, bereit erklärt, so zu tun, als könne ich bei ihm wohnen. Ich konnte mich auf diese Weise polizeilich anmelden, erhielt nach wenigen Tagen meinen Bundespersonalausweis, war aber dann gleichsam in die Freiheit - und damit in die Obdachlosigkeit - entlassen und musste sehen, wie ich zurecht komme.

 

 


Ich möchte mit diesen Texten, die ich unter der Kapitelüberschrift "Am Dreiländereck" einstelle, an meinem Beispiel über die Integration eines dieser Menschen aus dem Osten berichten und damit die Frage beantworten, wie es einem "Zugereisten" unter den südbadischen Alemannen erging.

Meine Erinnerungen umfassen eine Zeitspanne von genau zehn Jahren: Im Mai 1958 traf ich in Grenzach ein. Im Juni 1968 nahm ich meine Tätigkeit als Lehrer an der Grund- und Hauptschule in Herten auf. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich in Lörrach und Grenzach gearbeitet und gewohnt. In meine Rückerinnerungen fließen zugleich einige Informationen über Arbeits- und Lebensbedingungen jener Jahre in Lörrach und den angrenzenden Landschaften ein.

Im Grunde stehen die Arbeitsplätze im Zentrum der Erinnerungen. Die Arbeit bestimmte den Lebensrythmus und trug zu mehr oder weniger großen Zufriedenheit bei. Sie bestimmte maßgeblich die "Selbstdefinition", das soziale Ansehen und nicht zuletzt das Ausmaß der Teilhabe am beginnenden allgemeinen Wohlstand. Außerdem war deren Zeitanteil nicht gering. War doch damals die 48-Stundenwoche ebenso selbstverständlich, wie die zahllosen Überstunden, die von den Frauen und Männern in den Unternehmen erwartet wurden.
Wenn aber die Arbeit, das heißt also "Lohn und Brot" einen so hohen Stellenwert hatten, dann waren andere Bedürfnisse und Wünsche nicht weniger bedeutsam. Zu ihnen gehörten der Traum von einer zufriedenstellenden Unterkunft; vielleicht sogar, einer eigenen Wohnung!

Mit dieser Bemerkung wird zugleich auf ein weiteres Element dieser Rückschau gedeutet:
es fließen Informationen über die Lebensbedingungen in jenem Jahrzehnt mit ein, so, wie ich sie erlebte. Einige Jahre war ich in Grenzach daheim, wo ich Arbeit und Unterkunft gefunden hatte. Und von dort war Lörrach über Riehen oder den Rührberg mit dem Fahrrad leicht zu erreichen. Und es blieb bis in die Gegenwart hinein Lörrach eine ständige Bezugsgröße. Die Bedeutung, die dieser Ort für mich behielt, ist nicht von der Wohndauer her begründbar, sondern von den - im Grunde nicht weiter definierbaren - emotionalen Assoziationen. Sie sind es, die mich, noch heute wenigstens einmal im Monat, dort hin führen.
Ähnlich geht es mir mit Basel. Seit Oktober 1958, als ich meinen Grenzausweis erhielt und jederzeit die Grenze nach Basel passieren durfte, war ich in all den Jahren so häufig dort, dass ich, wenn ich heute über die mittlere Rheinbrücke gehe, ein Gefühl von Heimat habe. Darum auch wird dieser Stadt einmal ein Abschnitt gewidmet.

Persönliche Erinnerungen sind, vor allem, wenn die Zeit, auf die sie sich beziehen, fünfzig Jahre zurück liegt, ein Stück Heimatgeschichte und eine Milieustudie, die für Soziologen von Interesse sein wird. Gerade in unserer Zeit, in der viel über die Integration von Zugewanderten gesprochen und geschrieben wird, ist es gut, sich daran zu erinnern, dass unsere südbadische Heimat, genau wie alle anderen Regionen in der Bundesrepublik, schon immer starke Wanderbewegungen erlebte. Wie eine Sendung in der Reihe "Wissen" des SWF 2 (Aus der Reihe: Orte und Wege der Integration (1)
von Hans-Volkmar Findeisen am 18.11.2006) zeigte, sind es sogar die informellen, privaten Strategien der Betroffenen (und nicht die staatlich geregelten und geförderten), die das allmähliche Hineinwachsen in unsere Gesellschaft in einem geradezu erstaunlichen Ausmaß ermöglichen. Ich sehe mich mit meinem Schicksal ebenfalls in der Gruppe jener, die allein und ohne fremde bzw. behördliche Unterstützung einen erfolgreichen Weg fanden, sich in einer ihnen zunächst fremden Umwelt zu behaupten. Erleichtert war dieser Weg allerdings, vor allem, was die Geschwindigkeit der Integrationserfolge betraf, weil ich die gleiche Sprache sprach und aus der gleichen nationalen Kultur kam.

Ihnen, liebe Besucherin, lieber Besucher, wird die Gelegenheit angeboten, sich gleich mir zurückzuerinnern oder aber einige Informationen herauszufiltern.
Ich wünsche Ihnen eine gute Unterhaltung!
Bitte melden Sie sich bei mir, wenn Sie Fragen haben!


79733 Görwihl im Dezember 2006

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