Wappenscheibe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Basel
Die Stadt am Rheinknie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die nebenstehende Wappenscheibe der Stadt Basel mit der Heiligen Jungfrau und Kaiser Heinrich II. als Schildhalter ist aus dem Jahre 1520 und befindet sich im Rathaus

 

Es gibt viele Menschen, die von sich sagen, vor allem, wenn sie auf ein langes Leben zurückschauen können: "was ich so alles erlebt habe… ich könnte ein Buch darüber schreiben". Die meisten von ihnen schreiben keine einzige Zeile. Und darum geht viel verloren, was für den an Vergangenheiten interessierten Bürger wichtig wäre, bewahrt zu werden. Immerhin: in unseren Tagen werden sehr viel Biographien verfasst. Die aber werden nur gedruckt, wenn ihre Verfasserin / ihr Verfasser sich gut "vermarkten" lässt.


Meine eigenen Erinnerungen gehören nicht in den Bereich der allgemeinen politischen, kulturellen oder gesellschaftlichen Zusammenhänge, die zu ihrer Zeit Schlagzeilen machten. Es sind vielmehr die Erfahrungen, Erlebnisse und Beobachtungen eines namenlosen für das gesellschaftliche Leben in seinen Wohnorten unbedeutenden Mannes aus dem Lebensabschnitt zwischen 26 und 36 Jahren in der Zeit zwischen Mai 1958 und Mai 1968. Die Gründe, Einiges von dem, was behalten und nicht vergessen wurde fünfundvierzig Jahre später aufzuschreiben sind vielfältig und durchaus nicht alle bewusst. Und wenn ich sage, dass auch die Freude am Schreiben im Allgemeinen und an historischen Stoffen im Besonderen eine Rolle spielt, dann ist das sicher nur ein Teil der Motive. Immerhin ist es für mich interessant zu erleben, an wie viele Details ich mich noch erinnere und wie viel vergessen wurde. Gesichter zum Beispiel, die Art sich zu bewegen und zu sprechen, die habe ich gut behalten. Namen hingegen sind mir längst abhanden gekommen. Es tut mir auch leid, dass ich manche dieser zeitweiligen Weggefährten, denen ich zu danken hätte, obwohl sie sich wohl kaum ihrer positiven Rolle für meine Entwicklung bewusst waren, nie wieder begegnete. Nicht, weil ich nicht gern mehr mit ihnen zusammen gewesen wäre. Vielmehr drängten sich andere Aufgaben, Ereignisse aber auch Personen zwischen sie und mich, der ich dann nicht mehr die Zeit fand, geknüpfte Fäden festzuhalten und weiter zu spinnen. Insofern spielt sicher auch das Bedürfnis eine Rolle, sich auf diese Weise dankbar zu zeigen. Dankbar gegenüber jene Menschen und Umstände die in einem wichtigen, Weichen stellenden Lebensjahrzehnt halfen.

Dieser mein Lebensabschnitt zwischen 1958 und 1968 war gekennzeichnet von Neubeginn in völlig neuen Umgebungen, von Ungewissheit in Bezug auf die eigene Zukunft, von fester Zuversicht in einer Gesellschaft zu leben, in der jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. Ein wenig war meine Situation vergleichbar mit der jener Auswanderer, die einst gern nach Amerika gingen, weil sie dort ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten vermuteten - und auch fanden. Das konnte für die einen Not, Verzweiflung und Scheitern bedeuten; für andere wieder führte die Chance des Neuanfangs zu Lebensumständen, die sie vielleicht erträumt, nicht wirklich aber als für sich erreichbar betrachtet hatten.

Der Anfang dieser Periode war mit Grenzach verknüpft und das Ende auch. Dazwischen lag - um bei der geographischen Zuordnung zu bleiben - Lörrach als Wohn- und Arbeitsort bis, ab 1. November 1959 Grenzach mein Zuhause wurde.
Wie aber kommt Basel ins Bild? Nun ja, Grenzach und Lörrach sind unmittelbar Basel bzw. dem Basler Gebiet benachbart. Sogar eine Straßenbahnlinie, die "Sechser-Tram" verband einst den Lörracher Marktplatz mit dem von Basel, einer Stadt, die ich als sehr lebendig erlebte. Und in ihr verbrachte ich damals (wie noch heute) ungezählte Stunden meiner freien Zeit, um zu bummeln, einzukaufen und - zu lernen.

Obwohl ich nur ein einziges Mal in der Stadt übernachtete und keinen gebürtigen Basler näher kenne, fühle ich mich mit dieser Stadt sehr eng verbunden.

Am Gleis 5 des Badischen Bahnhof, mit seinem gewaltigen, alle Gleise überspannenden Bogen aus Eisen und Glas, erwartete mich ein Verwandter ich in den Fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zum ersten Mal Alemannenland betrat. "An die Sprache musst du dich gewöhnen", war einer der ersten Hinweise auf diese neue Welt. Und: "Wir sind hier in der Schweiz in einem deutschen Bahnhof. In die Stadt Basel darfst du noch nicht. Erst wenn du ein halbes Jahr an der Grenze wohnst, erhältst du einen "Grenzgängerausweis". So war es dann auch, und ich machte reichlich Gebrauch von ihm. Wichtig war er, weil man kleine Mengen Kaffee und Zigaretten mit über die Grenze nach Deutschland nehmen konnte. Und weil damals der Wechselkurs ganz anders war als heute, ein Franken kostete nur 90 Pfennig und später betrug lange der Wechselkurs 1: 1, lohnte sich ein Einkaufsbummel durch Basel.

 

In Basel hielt ich mich gern in Cafes auf. In den sechziger Jahren saß ich häufig im Cafe Florian und erfreute mich, hoch über dem Rhein, an Rösti mit Ei und anschließendem Kaffee und Kuchen. Und zwischendurch blätterte ich in meinen Neuerwerbungen. Ich war und bin ein Büchernarr und Basel war und ist eine Bücherstadt. Vor allem die Antiquariate ermöglichten es, anspruchsvolle Literatur zu äußerst günstigen Preisen zu erwerben. Während meiner Studienjahre in Basel und Freiburg und der späteren Lehrtätigkeit, fand ich viele Titel, die ich gut brauchen konnte und einige Bücher - vor allem jene mit heimatkundlichen Inhalten - die längst vergriffen waren.

67

Blick auf Basel von der Johanniter-Brücke aus. Aufnahme von Klaus Schultheis aus Grenzach aus dem Jahre 1967

Unter den Antiquariaten war die von Otto Waser am Rümelinsplatz für mich eine ganz besondere Adresse. Es war die einzige Buchhandlung von denen, die ich kannte, in denen schon in den sechziger Jahre - also in jener Zeit, als der "Kalte Krieg" schroff zwischen Ost und West, zwischen der "Unfreiheit" im Kommunismus und der "Freiheit" in den westlichen Demokratien unterschied - alle Bücher zu haben waren, die in der DDR verlegt wurden. Dort konnte ich zum Beispiel die vielbändige Bibliothek Deutscher Klassiker aus dem Aufbau-Verlag erwerben, deren Bücher es in Ost-Berlin, wenn überhaupt, nur "unter dem Ladentisch" zu kaufen gab. Hier kostete ein Band, wie in der DDR 5 DM, nur 5 Franken. Auch die historischen Arbeiten ostdeutscher Wissenschaftler und von "Autorenkollektiven" waren bei Waser vertreten. Am Häufigsten besuchte ich die Buchhandlung Anfang der siebziger Jahren und erwarb dort unter anderem die Klassiker des Marxismus. Die Ausgabe der "Ausgewählten Schriften" von Karl Marx und Friedrich Engels kaufte ich zum Beispiel am 19. 12. 1972 für nur 8,65 Sfr. Aber auch der außergewöhnlich informative zweibändige "Bilderatlas zur Schul- und Erziehungsgeschichte" von Robert Alt aus dem Volkseigenen Verlag Volk und Wissen Berlin (1965) war mit 53 Sfr, recht günstig.

otto waser

Nebenbei gab es manch gutes Gespräch mit dem Geschäftsinhaber, der mit mir die Auffassung teilte, dass wir uns im Westen um mehr Objektivität in Bezug auf die DDR-Kultur bemühen sollten und lernen müssten, die Realitäten jenseits der Mauer differenzierter zu betrachten. Kein Wunder, dass er diese Position vertrat, war Otto Waser, was mir damals nicht bekannt war, ein in Basel hervorragender Vertreter der Schweizerischen Partei der Arbeit, der Nachfolgeorganisation der seit 1940 verbotenen Kommunistischen Partei der Schweiz. Die Beziehung zwischen Otto Wasmer und mir war zwar die eines x-beliebigen Kunden zu seinem Buchhändler. Wir waren aber später - und hier sei ein Vorgriff auf die achtziger Jahre eingefügt - beide in der Friedensbewegung engagiert, vertraten also in den achtziger Jahren ähnliche politische Ziele. Mitte der neunziger Jahre, widmete ich ihm, der längst die Führung seines Geschäftes an seine Tochter Monika übergeben hatte, ein Exemplar meiner Salpeterergeschichte,

Er schickte mir daraufhin einen Entwurf seiner Lebenserinnerungen: "Ich heiße Otto Waser bin Kommunist und Landesverräter" (ein gedrucktes Exemplar erhielt ich später von Monika Waser).
Dies ist ein eindrucksvoller und bewegender Bericht über ein unangepasstes, gleichsam "salpeterisches" Leben. Eine ungeschminkte und gut belegte Analyse der Probleme unserer Zeit ist dort auf wenigen Seiten ebenso zu finden, wie Vorstellungen darüber, was zu ihrer Überwindung nötig wäre. In dieser Autobiographie, sie wurde 1995 vollendet, sind die Ursachen, die früher oder später zum Scheitern aller politischen Systeme führen, am Beispiel des "Realen Sozialismus" in überzeugender Weise beim Namen genannt (S. 91f und 93ff).

Eine Zwischenbemerkung: Ich brachte Bücher aus der DDR und deren Inhalte ab 1965 in die Lehrveranstaltungen an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg ein - besonders in den Veranstaltungen des Historikers Herrn Professor Dr. Wolfgang Hug. Der Professor freute sich über die Provokationen. Einige Kommilitonen aber empfahlen mir empört, doch "nach drüben" zu gehen. Unter diesen tat sich besonders ein Herr Deckert hervor, der wenig später im Saal der Gaststätte "Brauerei Lasser" an der Gründungsversammlung der Lörracher NPD teilnahm.

Es war nicht leicht, das sei abschließend hierzu bemerkt, in unseren Seminarveranstaltungen zu Geschichte und Politik eine unvoreingenommenere und von Ideologien weitgehend freie Position zu den zeitgenössischen Vorgängen in Ost und West einzunehmen. Immerhin aber war es bei uns auch schon vor 1968 möglich, derartige Sichtweisen in Hochschulveranstaltungen einzubringen und die Informationsquellen, wie Bücher und Dokumente aus der DDR in Basel zu kaufen.

Es waren aber nicht allein Bücher, die mich nach Basel zogen.
Es mag 1959 oder 1960 gewesen sein, als ich mal tanzen gehen wollte. Am Claraplatz war mir das Aushängeschild einer Bar aufgefallen, das sich noch heute dort befindet. Ich fasste mir ein Herz und ging eines Abends - vielleicht nach einem Kinobesuch - dort hinein. Enttäuscht war ich, weil an den kleinen runden Tischen überwiegend Herren oder Pärchen saßen. An einem freien Tisch nahm ich Platz, bestellte Wein, von dem ich nur begriff, dass er sehr teuer war. Ich hatte aber für den Ausflug in ein Nachtlokal extra Geld gespart. Dann schaute ich den zur Musik einer kleinen Band tanzenden Paaren zu. In einer Tanzpause stimmte die Kapelle einen Tusch an und eine Dame betrat die Tanzfläche und tanzte dort allein. Dabei tat sie etwas für mich recht peinliches: sie zog sich aus. Einen Striptease hatte ich bis dahin noch nie gesehen. In Ostberlin gab es zwar viele Tanzgelegenheiten, doch Bars oder ähnliche Nachtlokale, wenn es die denn gegeben hat, hätte ich mir nicht leisten können. Nun saß ich in einer Bar, überrascht, dass es keine Damen gab, die ich hätte zum Tanzen bitten können - und nun das noch! Eine Frau, die sich ganz auszog und als sie nichts mehr anhatte, davon sprang. Da bezahlte ich rasch und ging. Ich glaube, dass ich noch einen roten Kopf hatte, als ich das Lokal verließ, so genierte ich mich. Noch heute ist mir die Erinnerung an diesen Barbesuch unangenehm und ich schäme mich für die Frauen und ihre Zuschauer. Immerhin ein Gutes hatte diese Erfahrung in Basel: ich ging nie wieder in ein Nachtlokal. Denn wenn ein Mann Frauen zuschauen will, wenn sie sich auszieht oder ihr dabei helfen möchte - und umgekehrt - dann haben beide dazu eine unendliche Fülle an Möglichkeiten. Vor allem nach einer Eheschließung…

Ein entfernter Verwandter war in der Kannenfeldstraße in Basel zu Hause. Onkel G. war in Basel geboren und aufgewachsen und schon damals pensionierter "Kassier" einer Basler Lebensmittelkette. Er liebte seine Heimatstadt und zeigte mir das alte und das neue Basel. Beide befanden sich in ständiger Bewegung. Mit Sorgfalt und Liebe wurden die geschichtsträchtigen Häuser in den ältesten Quartieren wieder hergerichtet und viele Fränkli mussten dafür gespart und ausgegeben werden. In der Wohnung dieses Verwandten verbrachte ich die Sylvesternacht 1960/61. Und als es Mitternacht war, hörte ich an den offenen Fenstern dem Geläut der Basler Kirchenglocken zu, und schaute auf die Raketen, die zur Begrüßung des neuen Jahres abgefeuert wurden.
Der Onkel zog bald darauf in ein Haus nach Gempen.

Alljährlich gehörte ein Besuch der Basler Fasnacht zu den besonderen Erlebnissen im Jahresverlauf. Gelegentlich war es arg kalt, wenn man, gemeinsam mit vielen anderen "Wanderern" von Grenzach aus zu Fuß oder mit den Rad gegen drei Uhr Nachts gen Basel zog. Niemand, der es einmal erlebte, wird vergessen, wie unmittelbar vor vier Uhr, wenn die Turmuhren beginnen zu schlagen, die vielen Menschen, die in der Stadt waren, verstummten. Mit dem letzten Schlag der Münsteruhr verlöschen alle Lichter in der Innenstadt und es beginnt das Trommeln und Pfeifen ungezählter Maskenträger. Die Trommler und Pfeifer ziehen von ihren Stellplätzen in den höher gelegenen Stadtteilen aus durch die Gassen hinunter in die Hauptstraßen, beleuchtet von vielen kleinen Laternen, die sie - oft auf ihren Köpfen - mittragen.
Am Nachmittag
kommen auch die riesigen Laternen auf ihren Wagen mit Bildern und Texten, die politische, gesellschaftliche und kulturelle Begebenheiten des vergangenen Jahres häufig recht drastisch glossieren. Ab und an veranstaltet eines der Museen der Stadt eine Ausstellung besonders eindrucksvoller Laternen aus der Geschichte der Basler Fasnacht.

Das Gestoße und Geschiebe nahm mit den von Jahr zu Jahr wachsenden Besuchermassen ständig zu. Und auch in den vielen Lokalen, in denen die zur Fasnacht gehörenden Basler Mehlsuppe gelöffelt werden kann, ist es immer schwieriger geworden, einen freien Platz zu ergattern. Auch die anderen Fasnachtstage, die Tage der Guggenmusiken oder mit den Umzügen der vielen Fasnachtskliquen mit ihren Wagen und Sujets, mit den gedruckten "Schnitzelbänk" die verteilt und den zahllosen Bonbons und Orangen, die geworfen wurden, bescherten den Besucherinnen und Besuchern zunehmende "Druckete". Und noch viele Tage nach einem Besuch der Basler Fasnacht findet man Konfetti in der Kleidung und in der ganzen Wohnung wieder.

Dennoch: Die Basler Fasnacht, und das heißt das außergewöhnliche Engagement von kleinen und großen Gruppen von Fasnächtlern und vielen Einzelpersonen, die maskiert und trommelnd oder pfeifend straßauf straßab laufen, ist ein eindrucksvolles und faszinierendes Erlebnis. Auch dann, wenn man als Nicht-Basler Schnitzelbänk und Sprüche nicht immer versteht. Die ganze Atmosphäre ist es, die verzaubert und jeden in ihren Bann zieht.

Fasnacht

Aufnahme von Uwe Tolksdorf, Waldshut

Was aber einen historisch Interessierten besonders beeindruckt, ist die reiche Ausstattung mit Museen in dieser Stadt. Ich kann heute sagen, zurückschauend auf die vergangenen Jahrzehnte, dass ich es ohne das Kunstmuseum zum Beispiel, viel schwerer gehabt hätte meine Weiterbildungsziele zu erreichen. Und da ich gerade bei der Bildung bin: Seit den sechziger Jahren sind mir die reichen Bestände der Basler Universitätsbibliothek unverzichtbare Begleiter und bieten eine Schriftenfülle an, auf die ich in meinen Arbeiten gern zurückgriff und die ich auch fernerhin hoffentlich noch lange nutzen kann.

 

Eine viele Besuchern erstaunende Besonderheit in dieser Stadt am Rheinknie sind die Brunnen. Wenn man den Badischen Bahnhof verlässt, steht man vor zwei großen Brunnentrögen, von Steinplastiken überragt: sie symbolisieren die Wiese, den Fluss, der vom Feldberg her kommend in Basel in den Rhein mündet, und eben den Rheinstrom.

In der Innenstadt sind es die vielen kleinen, eher schlichten "Brünneli" und dann die großen, reich geschmückten Zeugnisse einer wohlhabenden Bürgerschaft, die sie einst errichten ließen.

Ein Brunnen ganz besonderer Art befindet sich ober halb des Barfüßerplatzes vor dem Theater: Der, den Jean Tuengely für seine Vaterstadt gestaltet hat.

tanguely

Mit einigen Abbildungen dieser Brunnen möchte ich meine Reverenz an die Stadt abschließen

rathaus brunnen
muenster

© Dr. Joachim Rumpf
79733 Görwihl
25.11.2009

Zurück zur Begrüßungsseite

Zurück zur Einführung "Heimatkundliches"