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Heimatkundliches über den Hotzenwald und seine Umgebung

Hermann Burte,
ein gewollt Vergessener ?


 


1946

Dieses Foto befindet sich auf dem Umschlag des Gedichtbandes
"Das Heil im Geiste" und wurde 1946 von Friedrich Reinert aufgenommen

 

Hermann Burte wurde am 15. Februar 1879 in Maulburg im Wiesental als Hermann Strübe geboren. Er besuchte die Volksschule in Maulburg, dann die Realschule in Schopfheim und beendete 1897 seine Schulzeit mit dem Abitur in Freiburg. Er wollte Kunstmaler werden und studierte in Karlsruhe, der damaligen Landeshaupt- und Residenzstadt Badens.
Während eines Aufenthaltes in Paris gewann er dort ein deutsches Preisausschreiben mit einem volkstümlichen Roman. Dieser Erfolg ermutigte ihn, fortan als Dichter zu wirken. Sein erster Roman "Wiltfeber", veröffentlicht 1912, begründete seinen Bekanntheitsgrad, gefördert durch einen damals einflussreichen Dichter deutscher Zunge, Richard Dehmel.

Hermann Burte war geprägt von den Arbeiten Nietzsches. "Wiltfeber" erinnert in den dort geäußerten Anschauungen aber auch in der Form an "Zaratustra" .

Als "Madlee" 1923 zum ersten Mal erschien, wurden diese in alemannischer Sprache geschriebenen Gedichte in eine Reihe gestellt mit der Dichtung Johann Peter Hebels und Jeremias Gotthelfs.

Hermann Burte erhielt viele der Ehrungen, die in Deutschland möglich waren. Er wurde der erste Hebelpreisträger (1936), erhielt (1927) den deutschen Schillerpreis und von Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg die Ehrendoktorwürde (1924).

Wegen seines Engagements für den deutschen Faschismus wurden und werden die Erinnerungen an ihn und seine Dichtungen reduziert.

Weitere Informationen über den Dichter bei: wikipedia (siehe auch unten!)

 

 


Als ich mich Anfang der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts auf Prüfungen für die Fächer Deutsch, Geschichte und Kunstgeschichte im Zusammenhang mit einem Lehrerstudium vorbereitete, kam Hermann Burte als deutscher Dichter nicht vor. Weder in den meiner Vorbereitung dienenden Schriften (Paul Fechter: Geschichte der deutschen Literatur. Bd. 1 und 2. Gütersloh 1960; Otto Mann: Deutsche Literaturgeschichte. Gütersloh 1964) wurde er erwähnt, noch wurde in Prüfungsgesprächen nach ihm gefragt oder gar in den Vorlesungen zur deutschen Literatur über ihn gesprochen.

In dem Gedichtband "Deutsche Dichtung der Neuzeit" (von Ernst Bender zusammengestellt, in Karlsruhe 1958 gedruckt), er wurde an den Gymnasien Baden - Württembergs verwendet, befinden sich einige Gedichte auch von Hermann Burte. Doch im Deutschunterricht, erinnern sich Schülerinnen und Schüler des Abiturjahrgangs 1959 am Hans-Thoma-Gymnasium in Lörrach, wurde Burte nicht erwähnt. "Burte galt damals als suspekt, weil er die Nazis unterstützt habe", begründete eine der ehemaligen Schülerinnen, dass Hermann Burtes Dichtung übergangen wurde. Weder im Schulbetrieb von Haupt- und Realschule, ich unterrichtete bis 1973 im Landkreis Lörrach, noch in den Gymnasien, die meine Kinder zwischen 1982 und 1995 im Landkreis Waldshut besuchten, tauchte sein Name auf.
Und wenn ich heute junge Menschen, die gerade erst das Abitur überstanden haben, nach Hermann Burte frage, ist nur ein Achselzucken die Reaktion.
Bei einem jungen Mann, den ich vor einigen Wochen kennen lernte, erstaunte mich diese Unwissenheit besonders: War er doch in einer Familie herangewachsen, die nicht nur die alemannische Sprache pflegt, sondern die überdies von einer christlich-konservativen Grundhaltung geprägt ist. Und die Mutter des jungen Mannes ist selbst Lehrerin unter anderem für Deutsch an einem Gymnasium in Freiburg.

Meine Erfahrungen muss ich als Belege dafür nehmen, dass Hermann Burte, zumindest im Bewusstsein von Schule und Unterricht oder in der Literaturgeschichte, keine Rolle mehr spielt. Lediglich in Heimatzeitschriften finden sich gelegentlich einige erinnernde Ausführungen zu seiner Person und seinem Werk.
Das ist wenig, zu wenig für einen Sprachschöpfer, der vor allem das Alemannische in so beeindruckender Weise, wie zum Beispiel in seinem Gedichtband "Madlee", bewahrte und beförderte.

 


Gewiss, bei einigen Menschen, die links und rechts der Wiese leben, und hier besonders in seinem Geburtsort Maulburg, wird die Erinnerung an ihn gepflegt. Es gibt die "Hermann-Burte-Gesellschaft" und seit 2002 wird von ihr gemeinsam mit der Gemeindeverwaltung in seinem Wohnhaus der Nachlass des 1960 verstorbenen Dichters und Malers gesichtet und so aufgearbeitet, dass er interessierten Forschern zugänglich gemacht werden kann.
Und ich weiß, dass es Familien in der Markgrafschaft gab, die das Andenken an ihn pflegten, wenn sie zum Beispiel eine Tochter auf den Namen "Madlee" taufen ließen. In Kontakten mit ihnen gewann ich den Eindruck, dass sie in Burte einen Heimatdichter verehren; hier verstanden im Sinne einer regionalen Größe, die über das Alemannisch wiesentäler Zunge zur eigenen Identifikation beitrug, zu einer Identifikation allerdings, die in einem elitären Verständnis die Abgrenzung zu Menschen und Landschaften "schriftdeutscher" Zunge ermöglicht.

Insofern erscheint mir das Verschwinden Burtes aus dem literarisch-künstlerischen Bewusstsein ein zweiseitiger Prozess: Wo Hochdeutsch gepflegt und gelehrt wird, reduziert man Burte auf einen Mundartdichter und vergisst ihn schließlich ganz.
Und die bekennenden Alemannen im Lörracher Raum wollen Burte für sich. Sie sorgten - wenn ich Zeitungsberichte aus dem Februar 1979 richtig verstanden habe, mit der Betonung von elitär-konservativen und deutschtümelnden Werten, für die Abwertung aller, die nicht ihres Sinnes sind. Und eine derartige Haltung fördert bei Generationen, die sich daran gewöhnt haben, jedes Detail unseres geistigen Erbes kritisch zu sichten und auf der Grundlage des Menschenbildes unserer Verfassung (vgl dazu meine Aufsätze über Werte und Normen in Gesellschaft und Erziehung) zu betrachten und von dorther zu bewerten, eher Ablehnung und Widerstand als die Bereitschaft zu wohlwollender Prüfung.

 

 

Vielleicht aber begegnen sich die Burte-Verehrer mit ihrer hier angesprochenen Haltung mit den Intentionen des Dichters selbst. So ganz von der Hand zu weisen ist diese geistige Beziehung nicht.
Ich habe in den vergangenen Tagen "Wiltfeber" gelesen. Der Roman ist 1912 erschienen. Hermann Burte war Anfang dreißig, als er das Buch schrieb, also kein Heißsporn mehr und, nach Auslandsaufenthalten in England und Frankreich, nicht ohne Welt- und Lebenserfahrung.

Er lässt seinen Helden, Martin Wiltfeber, nach neun Jahren Aufenthalt in der Fremde, in seine Heimat am Rheinknie zurückkehren, durchlebt mit ihm vierundzwanzig Stunden einer dramatischen seelischen Bilanz, die sich in Auseinandersetzungen mit jenen Menschen artikuliert, die daheim geblieben waren. Es sind Typen, die uns allen, im Grunde zeitlos, begegnen beziehungsweise zu denen wir gehören. Wir lernen sie kennen, die Repräsentanten der Schichten und Klassen, die die "Bevölkerung" ausmachen, die Hungrigen, die Satten, die Ohnmächtigen und die an Einfluss Mächtigen. Wiltfeber spricht auch mit jenen, die von dieser Masse getrennt leben, sei es, dass sie durch eigene Schuld zu Außenseitern wurden oder sich, von ihrer Berufung und ihrer Lebensauffassung her, absonderten. Zu diesen gehört übrigens auch ein Jüngling mit Namen "Hermann Burte".

Doch Wiltfeber hat noch Entscheidungen der besonderen Art zu treffen: Die Wahl zwischen zwei Frauen. Da wartet auf ihn die schwarzhaarige Alemannin Madlee Rinklin, an deren Seite ihm ein Leben in Wohlstand und bäuerlich-bürgerlicher Sicherheit winkt, und es folgt / verfolgt ihn die blonde Ursula von Brittloppen, die ihn für einen Auserwählten hält, der berufen ist, eine gewaltige, heldische Tat im Namen des "Reinen Krist" zu verbringen. Beiden begegnen wir wieder in seinem Gedichtband "Madlee".
Und in diesen Zwölf Stunden von Mittag zu Mitternacht am Johannistag hält Wiltfeber Gericht über seine Existenz und in Interaktion mit allen, denen er in diesen Stunden begegnet und die in zwölf "Hauptstücken" miterlebt werden kann.

Und der historisch bewanderte Leser unserer Tage findet in allen von Wiltfeber gehaltenen Reden staunend Gedanken, Begriffe und Symbole des deutsch-germanischen Nationalismus wieder, die ihm aus den zwölf Jahren (welcher Zufall mit dieser symbolträchtigen Zahl!) des deutschen Faschismus vertraut sind, die zum Schrecken der Welt wurden und mit denen sich das deutsche Volk in Elend und Schande stürtzte.
Gerade im Vergleich mit den Gedanken des Dichters, der Wiltfeber in den Vorstellungen Ursulas zum Helden, zum Edlen durch Rasse, durch geistige und körperliche Überlegenheit zum geborenen Führer, auserwählt sieht für eine große Tat ("Nimm diese Stadt heim ans Reich!"), drängen sich Parallelen auf mit der Vorstellung von den Deutschen als auserwähltem Volk, berufen zur Führung der Welt, gläubig dem "Reinen Krist" und einem Führer anhängend und nicht dem "leidenden Christ". Doch als Hermann Burte diese Vorstellungen niederschrieb, waren Hitler und seine Mitdenker selbst noch Kinder und die Eroberungskriege des zwanzigsten Jahrhunderts noch fern.

Andererseits aber halten nach genauerer Prüfung die Visionen Burtes, die er Wiltfeber in den Mund legt, dem Vorwurf nicht stand, dass er ein Vordenker des deutschen Faschismus gewesen sei. Wenn er auch in Uwe Puschners Arbeit "Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich" (Darmstadt 2001, S. 144) im Kapitel "Rasse" mit "Wiltfeber" als einer der Literaten rassistischen und antilieberalen Gedankenguts genannt wird, war seine entsprechende Wirkung innerhalb der deutsch-völkischen Bewegung, folgt man den Ausführungen Puschners, umstritten.
Burtes Dichtung war zu jener Zeit von der starken Verbindung mit seiner Heimat und dem alemannischen Volkstum bestimmt, so, wie er es wahrnahm und interpretierte. Vor allem in seiner Lyrik ("Madlee oder "Heil im Geiste") lässt sich das Gemeinte gut nachvollziehen.

Ich hatte nach der Lektüre von "Wiltfeber" den Eindruck, dass er vorausgesehen hatte, was kommen müsste, wenn alle die und alles das zur Herrschaft kämen, die und was Wiltfeber an seinem Gerichtstag in der Heimat antraf. Er charakterisierte treffend:

"Ich suchte den Gott der Leute in der Heimat, da war es der Stammesgott, das vergottete Rassenselbst einer Wüstensippe; ich suchte die Macht, da war sie geteilt unter alle, so dass keiner sie hatte und nichts getan werden konnte; ich suchte den Geist, da faulte er in Amt und Gehalt; ich suchte das Reich, da war es eine Herde Enten, welche den Aar lahm schwatzten…; ich sah nach ihrer Lebensfürsorge, da war es ein gegenseitiges Verhindern…"

Denn wehe einem Volk, wenn deren geistig verrohtes und primitives Spießbürgertum der "Nichtlesenden" zur Herrschaft kommt und einen der ihren oder eine Gruppe aus ihrer Mitte auf den Schild hebt! Klaus Mann (Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht. Darmstadt 1989) hat ebenso wie seine Schwester Erika und viele ihrer Schicksalgefährten klar erkannt und immer wieder in die Welt hinausgerufen: hier ist der Pöbel am Werk und lässt sich von einem ihrer primitivsten Agitatoren in einen Vernichtungskrieg gegen alles führen, was einem Humanistem heilig ist. Selbst wenn sich unter diesen Pöbel Vertreter des Geldadels oder Geburtsadels mischten: Primitiv, überheblich und arrogant, wie Diederich Heßling in Heinrich Manns "Der Untertan" waren sie allesamt, verblendet in ihrem fundamentalistischem Wahn. Und ihr Schicksal bewies: Jeder Fundamentalismus endet im eigenen Untergang!
So lässt sich noch heute warnend, nach den bitteren Erfahrungen mit den Diktaturen auf deutschem Boden, mit Fug und Recht sagen.

Meine Assoziationen zeigen, dass sich Textaussagen auch ganz anders deuten bzw. "umdeuten" lassen, anders als es die Zeitgenossen wahrgenommen haben und anders, als jene, die Wiltfeber, vom Fanatismus infiziert, zum Beispiel so interpretierten:

"Wiltfeber ist "ein Kampfbuch vom Oberrhein, das den ewigen Deutschen suchte, eben den Deutschen, der in seinem Wesen bedroht war" (Oftering, Werner, E.: Burte. Maler und Dichter aus alemannischem Land. In: Mein Heimatland 19/1938, S. 380 - 383).

 


Für mich liegt die Tragik im Leben des Hermann Burte darin, dass er nicht erkannte, dass der "Aar", als den er Hitler und seine Paladine zwanzig Jahre später wahrnahm und verherrlichte, nichts weiter waren, als auffallende, mit allen Tricks moderner Werbestrategien gepuschte Vertreter all jener, über die er Martin Wiltfeber weiter sagen ließ:

"ich suchte meine Rassebrüder: da waren es Mischlinge siebenten Grades, bei denen jedes Blut das andere entartete…"

Bis in Details hinein, hatten sich, wie man in den Texten des Buches gut nachvollziehen kann, die Nazis der Sprache Burtes bedient. Sie waren exakt jener "Pöbel" beziehungsweise seine Exponenten, an denen Wiltfeber schier verzweifelte.
Vielleicht fühlte er, der Dichter, sich geschmeichelt, dass er, zwanzig Jahre nach Erscheinen seines Buches, von diesen "Helden" hofiert wurde. Vielleicht auch opferte er Ehre und Gewissen dem Lug und Trug, weil ihn die Massenhysterie, der die meisten Deutschen erlagen und die Wiltfeber noch ein Greuel war, mitriss.

Und wenn Burte, was ich zur Stunde noch nicht weiß, auch nach 1945 rückblickend die historischen Realitäten nicht erkannt hätte, denen er aufgesessen war, dann wäre ihm besser das Schicksal seines Wiltfeber zu gönnen gewesen. Denn Wiltfebers und Ursulas Tod war gleichsam Vollendung in Liebe und Lust und allemal ein besseres Schicksal, als es der, wie mir scheint, gewollt vergessene Dichter Hermann Burte erlitt.

Und mit dieser Szene auf dem Buchsfelsen um Mitternacht hoch über dem Rhein, die mit den am Anfang erinnerten Begegnungen Martin Wiltfebers mit seiner Gotte Sälme korrespondiert, offenbart nach meinem Verständnis Hermann Burte das, was wesentlich ist im menschlichen Leben:

die "Zeugung" im Sinne von "etwas schaffen", "etwas Hervorbringen", "schöpferisch sein".
Das ist einmal alles schöpferische Tun, wie es im Werk jedes Dichters Gestalt gewinnt, ergreifend dargestellt, in der Szene mit dem Hanswurst. Aber auch sie mündet im zwischenmenschlichen Zeugungsakt, der körperlichen Vereinigung zweier Liebender. Und wenn Burte Sälme am Anfang zu Wiltfeber sagen lässt:
"Nun weißt du alles und hast das schönste getan, was es gibt auf der Welt",
dann ist das als ein Bekenntnis zu werten für eine Existenzweise, die den Einsatz des ganzen Lebens lohnt. Und genau diese erdgebundene Erkenntnis unterstreicht Hermann Burte mit dem Schluss seiner Geschichte über Martin Wiltfeber.
Für mich relativierte er damit alle anderen vorgetragenen Idealismen und rückt sie in die Bereiche der Beliebigkeit.
Was zählt im Leben, so seine Botschaft, ist allein der schöpferische Akt.

(vgl. dazu auch u. a.:
Hoffmann, Rüdiger: Der politische und der andere Burte. In: Markgräflerland 1/1988, S. 145 - 155
Stübe, Friedrich: Erinnerungen an den Vater. In: Markgräflerland 1/1986, S. 160-162)

Görwihl, im Oktober 2005

 

 

Wir müssen alle unterscheiden lernen!

 

 

 

Mich regt das Schicksal Hermann Burtes in seiner Rolle als Dichter dazu an, einmal über uns und den Umgang mit unseren Kunstschaffenden nachzudenken. Hermann Burte füllte in seinem Leben mehrere Rollen gleichzeitig oder nacheinander aus, so, wie wir das alle und schon zu allen Zeiten tun. Uns steht für eine entsprechende Analyse heute sogar eine Theorie zur Verfügung: die Rollentheorie, wie sie zum Beispiel Ralf Dahrendorf in seiner Schrift "Homo sociologicus" (Opladen 1958 und 1964) so treffend und überzeugend beschrieb.

Jede/r von uns - und wir haben dieses Verständnis selbstverständlich längst in unsere Alltagssprache übernommen - "spielt" mehrere Rollen. Daheim in der Familie füllen wir die Rollen als Eltern, als Partner, als Töchter und Söhne, als Hausfrau oder Hausmann. Außer Haus sind wir unter anderem an Arbeitsplätzen, in Vereinen, Parteien, als Verkehrsteilnehmer oder am Stammtisch in verschiedenen Rollen tätig. Und weil wir unter Rollen die Gesamtheit von Verhaltenserwartungen verstehen, die an uns in dieser Rolle an uns herangetragen werden aber auch die mit dieser Rolle verbundenen Einstellungen, Verhalten und Motive, die wir von uns aus damit verbinden, wird rasch deutlich, dass wir uns in den unterschiedlichen Gruppen oder Gremien auch unterschiedlich verhalten. Und diese Unterschiede leben wir nicht nur in der Gegenwart, also gleichsam vertikal, sondern auch auf der Zeitachse unseres Lebens. Denn es ist ja klar, dass wir als Schüler oder Lehrling andere Rollen wahrnahmen ("spielten"), als in Perioden unseres Erwachsenendaseins.

Auch Hermann Burte müssen wir uns vorstellen, als einen Menschen, der, genau so wie jeder von uns, in unterschiedlichen Rollen lebte und diese Rollen im Laufe seines Lebens veränderte und zum Beispiel seiner körperlichen, seelischen und geistigen Verfassung anpasste. Und bei ihm wie bei uns wirkten auf das jeweilige "Rollenverhalten" die Einflüsse der sozialen, politischen, ökonomischen oder kulturellen Umwelten ein. Wir benutzen heute gern hierfür den Begriff von den "ökologischen" Bedingungen (vgl. dazu die Ausführungen über die Theorie von der "Ökologie der menschlichen Entwicklung" auf meiner Homepage www.rumpfs-paed.de ).

Einmal lassen sich Leben und Werk einer Persönlichkeit als eine Ganzheit betrachten, zum anderen aber auch, und auch das tun wir tagtäglich, wenn wir uns um das Verstehen eines anderen Menschen bemühen, lernen wir ihn erst dann kennen, wenn wir ihn in möglichst vielen seiner Rollen und in den Wechselbeziehungen zu seinen Umwelten betrachten.
Wenn Hermann Burte sich in seiner Rolle als politisch engagierter Staatsbürger verirrte und versagte - wobei alle die, die das bewerten, ihre Maßstäbe und deren Gültigkeit für seine Zeit offen zu legen hätten - tat er das auch als Dichter und in allen seiner Werke?

Es fallen mir viele Belege dafür ein, dass wir Bürgerinnen und Bürger in Deutschland, vor allem, wenn wir Berufsrollen ausüben, in denen wir wertend befinden dürfen / sollen / wollen / müssen, allzu leichtfertig "das Kind mit dem Bade ausschütten". Da teilen wir die Menschen nach ihren Werthaltungen in "Linke", "Rechte", "Konservative", "Liberale" und wie diese Selbstdefinitionen und Zuschreibungen alle heißen. Und wenn die eine Richtung gerade en vogue ist, werden die Vertreter der jeweils anderen Richtung (-en) diskriminiert. Gewiss, ich bin mir bewusst, dass ich jetzt sehr vereinfache. Wenn ich aber daran denke, dass Dichter wie Kurt Bartels (Kuba), Johannes R. Becher, Franz Fühmann oder Anna Seghers unserer Jugend in der BRD genau so vorenthalten wurden wie Heinrich Böll, Wolfgang Borchert oder Siegried Lenz in der DDR gemieden wurden, dann scheint mir offensichtlich, dass das Vermeidungsverhalten der kulturmächtigen Rollenträger in den jeweiligen Gesellschaften nichts mit den dichterischen, schöpferischen Leistungen der Betreffenden zu tun hat. Wer das jeweilige kulturelle Erbe oder Teile von ihm zeitweilig oder ganz in einer "unteren Schublade" verschwinden lassen will, der schneidet zugleich ein Stück, nicht selten ein sehr bedeutsames Stück, aus unserer Kulturgeschichte heraus. Und das halte ich für beschämend! Wir Deutsche können es uns sehr wohl leisten, zum Beispiel das Werk Hermann Burtes freimütig nach jenen "Zeugungen" durchzusehen, auf die wir, als Zeugnisse unseres kulturellen Erbes gern verweisen wollen.

Und was für Hermann Burte gelten sollte, das will ich auf alle Persönlichkeiten bezogen wissen, die uns in ihren Rollen als Maler, Musiker, Sänger, Dichter oder Schauspieler etwas gegeben haben oder geben. Niemand von uns muss zugleich mit deren Rollen als politisch Handelnde oder mit ihren anderen privaten Rollen, die sie ausfüllen, übereinstimmen. Doch sollten wir uns alle offen zu jenen ihrer Leistungen bekennen dürfen, die uns wertvoll erscheinen. Hermann Burte hing zweifellos dem Führerstaat an. Sowohl diese Rolle oder auch entsprechendes Gedankengut in seinen Schriften verdient unser Kopfschütteln. Doch wer ihm und vielen anderen unserer Kulturschaffenden aus Geschichte und Gegenwart gerecht werden will, muss auch verstehen und differenzieren können und wollen.

 

Dr. Joachim Rumpf
79733 Görwihl, 20. Oktober 2005

 

Eine Anmerkung noch:
Natürlich ist die "Rollentheorie" nur ein Erklärungsmodell, um Antworten auf Fragen nach den Beweggründen für das Tun und Lassen eines Menschen zu suchen.
Man kann empirisch vorgehen und die Selbstzeugnisse vorlegen und die Schilderungen von Menschen verarbeiten, die ihn persönlich kannten, man kann die Lebensäußerungen von Menschen psychoanalytisch zu erklären versuchen aber auch entwicklungspsychologisch, ökologisch oder gar politisch-ideengeschichtlich, um nur einige Beispiele zu nennen.
Mir erschien der gewählte rollentheoretische Ansatz recht hilfreich.

 



Einige interessante Informationen über Hermann Burtes Leben und Werk und über verschiedene Äußerungen von Zeitgenossen über ihn finden sich auf der Seite über Hermann Burte in der "Alemannischen Wikipedia", die Harald Noth verfasste. Das Besondere in diesen recht ausfühlichen Texten ist, dass sie in alemannischer Sprache verfasst wurden - also in der Sprache des Dichters. Wer mehr über Hermann Burte erfahren möchte, ist dort gut aufgehoben.

Hermann Burte vermag noch heute die Gemüter zu bewegen

 

In Stadt und Landkreis Lörrach in Baden, in dem einst Hermann Burte daheim war und dort vor 47 Jahren starb, wird zur Zeit wieder um ihn gestritten. Anlass bietet eine Ausstellung über das politische Engagement Burtes vor und während der Zeit des deutschen Faschismus und die Überlegungen einiger Bürger dieser Region, ob es nicht an der Zeit sei, Burte posthum die Ehrenbürgerwürde der Stadt Lörrach abzuerkennen.

In der Nr. 172 (v. 28.07.2007) der Tageszeitung "Oberbadische Zeitung" sind in der Beilage "Regio - Thema der Woche", die von Christian K. Polit gestaltet wurde, einige Beiträge Hermann Burte gewidmet..

Auf die Ausstellung im Museum "Burghof" in Lörrach weist der hier wiedergegebene Aufsatz hin:


"Von den Nationalsozialisten umworben

Kuratorin Kathryn Babeck über Stationen in Hermann Burtes Leben"

 

oberdadische
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Zu dieser Ausstellung verfasste der Kaiserstühler Mundartdichter Harald Noth, eine ausführliche Analyse!

Er machte mich auf seine Arbeiten über Hermann Burte aufmerksam, die unter der nachfolgenden Internetadresse aufgerufen werden können:

http://www.noth.net/hermann-burte/anfang.htm

vgl. weiter den Briefwechsel Noths mit Kathryn Brabek


 

 

Am 8. August 2007 habe ich die Ausstellung "Hermann Burte und der Nationalsozialismus" im Hebelsaal des Lörracher Burghofes besucht. Ich war sehr beeindruckt sowohl von der Stimmigkeit von Thema und Exponaten als auch von der Präsentation der Ausstellungsstücke. Auch den öffentlichen Auseinandersetzungen um Hermann Burtes Rolle vor und nach dem Kriege und der Art und Weise, wie in unserer Generation damit umgegangen wird, ist ein Ausstellungsteil gewidmet.

Die für diese Ausstellung ausgewählten Bilder und die unterschiedlichen schriftlich vorliegenden Dokumente lassen keinen Zweifel daran, dass Burte tatsächlich dem faschistischen Wahn verhaftet war und, das bewegte mich besonders, ihm auch noch nach dem Untergang des Großdeutschen Reiches anhing. Er war nicht in der Lage das Unrecht zu erkennen, an dem er aktiv mitgewirkt hatte, vermochte sich nicht zu distanzieren oder gar den Verrat zu verurteilen, die das NS-Regime und alle, die es gefördert hatten, an den Lebensinteressen des eigenen Volkes verübt hatten.

Es scheint ganz im Gegenteil so gewesen zu sein, dass sich Burte als Opfer erlebte. Als Beleg hierfür findet sich in der Ausstellung das Gedicht "Im Exil". Daraus die folgenden Zeilen:

"Ich lebte nie in Rom und unbewusst
Blieb mir, wie weh es tut, die Stadt zu meiden
...
Die Besten meines Volkes sind verbannt
In Lagern liegend und in Kerkern siechend.
Die Allgemeinen schamlos abgewandt
Dem Vaterlande, unterwerfend kriechend
Ihr Herz dem Fremden, und mir ist gesetzt
Vom Schicksal, zu bewahren Eid und Erbe,
Zu bleiben, was ich bin, damit zuletzt
Im Volk ein ungebrochener Deutscher sterbe."

Hermann Burte starb dann ja auch 1960. Doch immer noch "ungebrochen" oder, wie wir, die Zeitzeugen und Nachgeborenen heute bewertend sagen: als ein "Unbelehrbarer"?.

Der Hintergrund dieser Verse war die Situation der Deutschen nach Ende des Zweiten Weltkrieges, als die Besatzungsmächte und Hunger und Elend regierten. Viele Anhänger Hitlers wurden bestraft und landeten, wie die deutschen Soldaten, in Gefangenenlagern, wie zum Beispiel in Gurs im Südwesten Frankreichs, wo die Deutschen ihrerseits zuvor Antifaschisten und Juden gefangen gehalten hatten.

Hermann Burte kam realiv glimpflich davon. Er wurde als "minderbelasteter" Nazi mit einer kurzzeitigen Gefängnisstrafe, der Beschlagnahme seines Hauses in Lörrach durch die französische Besatzungsmacht und einem Teil seiner großen Bibliothek zu Gunsten einer öffentlichen Bibliothek bestraft. Außerdem wurde ihm verboten, sich in Lörrach aufzuhalten und sich politisch zu betätigen. Sein "Verbannungsort" war Efringen-Kirchenam Rhein - nur wenige Kilometer von Lörrach entfernt - im wunderschönen markgräfler Weinland gelegen.

Doch wen wundert es, dass er ungehalten war über seine Lage? Befand er sich bis zu seinem Tode nicht in zahlreicher Gesellschaft? Sehr vielen Deutschen, einschließlich mir selbst, fiel es in den ersten Nachkriegsjahren schwer, die Realität der völligen Niederlage zu akzeptieren und deren Ursachen zu erkennen.
Ich habe an anderer Stelle über das rechtskonservative bis rechtsradikale Gedankengut berichtet, das in Staat und Gesellschaft noch mehrere Jahrzehnte frisch blieb (und wohl, wenn auch stark geschrumpft, noch immer oder immer wieder mal herumspukt).
Das erklärt Burtes Verhalten. Doch war dieses Verhalten, nach meinem heutigen Verständnis, ebenso unmöglich wie das aller anderen, die genau so dachten und sich von ihrer eigenen Vergangenheit nicht distanzierten. Ich denke z. B. an die ehemaligen Nazis, die aus Lagern und Gefängnissen der Besatzungstruppen entlassen worden waren oder an die unter ihnen, die gar nicht erst zur Rechenschaft gezogen wurden, weil sie für die jeweilige Besatzungsmacht nützlich sein konnten

Und hätte er die Chance gehabt, bis zum Ende des Jahrhunderts zu leben: er hätte, wie viele seiner Zeitgenossen auch, über sich selbst den Kopf geschüttelt.

Görwihl, d. 15.08.07

 

 

In der Lörracher Zeitung "Der Sonntag" vom 9. Dezember 2007 erschien ein Aufsatz von Rene Zipperlen und Alexander Huber unter der Überschrift "Wie weit rollt der Stein? Nach der Burte-Ausstellung: Der Umgang mit dem Dichter ist nicht leichter geworden". In dem Aufsatz wird darauf hingewiesen, dass der Titel meiner Homepage insofern nicht ganz zutreffend ist, als "Gewolltes vergessen anders wäre". Damit ist gemeint, dass auch die kritische Auseinandersetzung mit Hermann Burtes Leben und Werk, wie es in der Ausstellung und in den Diskussionen um sie alles andere ist, als "gewolltes vergessen".

Dieser Beobachtung ist in einem so weiten Verständnis zuzustimmen. Denn die Diskussionen um Burtes Rolle während der Hitlterzeit sind immer wieder mal geführt worden, wie Harald Noth in seiner bemerkenswerten, 2007 begonnenen Dokumentation (vgl. die oben angegebene Internetadresse!) nachweist. Meine Frage im Titel aber lasse ich dennoch so stehen, da ich sie nur auf die Dichtungen bzw. seine Rolle als Dichter alemannischer Zunge verstanden wissen wollte. Und seine Dichtungen sind ja nun tatsächlich zur Zeit nicht leicht zugänglich bis "vergessen". Und bei keiner der von Harald Noth nachgewiesenen öffentlichen Streitigkeiten um Burte ging es um seine Rolle als Dichter.

 

2. Teil über Hermann Burte


"Hermann Burte, der Antisemitismus und der Nationalsozialismus"

unter dieser Überschrift stellte
Professor Dr. Hans Nutzinger aus Kassel
einen Aufsatz zur Verfügung.



Überarbeitet am 29.01.2009
© Dr. Joachim Rumpf
79733 Görwihl

 

 

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